Share

Kapitel 2

Author: Alyssa J
Die Projektionsfläche des Seelensicht-Geräts leuchtete mitten auf dem Platz auf.

Meine Erinnerungen wurden mir gewaltsam aus dem Geist gerissen und für alle sichtbar gemacht.

Die Werwölfe unterhalb der Plattform brüllten vor Wut.

Sie schleuderten brennende Äste und scharfkantige Steine nach mir.

„Verräterische Einzelwölfin! Fahr zur Hölle, Abschaum!“

Flammen streiften meinen Arm. Meine Haut verbrannte augenblicklich und färbte sich schwarz.

Doch ich rührte mich nicht.

Ich konnte mich nicht rühren.

Die erste Erinnerung flackerte auf dem riesigen Bildschirm auf.

Drei Tage nach Sophias Tod.

Ich wurde von Schwarzen Wolfswachen zur Feuerstelle des Dorfes geschleift.

Die Rudelmitglieder spuckten nach mir.

Sie warfen silberne Dolche nach mir.

Krallen rissen über mein Gesicht, Blut lief mir über die Wangen.

„Sag uns den Namen des Mörders!“

„Du beschützt diesen Bastard!“

Ich riss mich los und rannte verzweifelt in Richtung meiner Steinhöhle.

Als ich mich umdrehte, lag alles in Trümmern.

Flammen hatten den Mondsteinaltar verschlungen.

Die Wolfsfelldecke, die Sophia mir geschenkt hatte, verbrannte zu Asche.

Ohne einen Ort, an den ich hätte gehen können, floh ich mit Fenrir in die verschneiten Berge.

Doch das Rudel folgte uns.

Sie umzingelten uns in der weißen Einöde.

Direkt vor meinen Augen schnitten sie Fenrir mit silbernen Klingen Stück für Stück das Fleisch vom Leib.

Er gab keinen Laut von sich.

Selbst mit seinem letzten Atemzug versuchte er noch, mich zu schützen.

Der Schnee färbte sich von seinem Blut tiefrot.

Ich hielt seinen gebrochenen Körper in meinen Armen und weinte, bis mir die Kehle blutete.

Ich war erst sechzehn Jahre alt.

Keine Eltern.

Keine Familie.

Kein Rudel.

Damiens kaltes Lachen hallte von der Richtplattform wider.

„Du hast es verdient! Hättest du den Bastard, der Reinblütige entehrt hat, nicht geschützt, wärst du dann so bestraft worden?“

Die Menge stimmte lautstark zu.

„Sie will jetzt Mitleid?“

„Sophia hat viel Schlimmeres erlitten!“

„Einzelwölfe sind alle herzlos!“

Plötzlich erklang ein klares Wolfsheulen aus der Projektion: „Lina! Lass uns um die Wette laufen und sehen, wer schneller ist!“

Das Bild wechselte.

Sophia lachte, während sie durch den Schnee auf mich zulief.

Das Mondlicht lag auf ihrem reinweißen Fell wie flüssiges Silber.

Sie wedelte mit dem Schwanz und sah zu mir zurück.

„Beeil dich, kleine Schwester!“

Der kleine Aiden warf sich gegen die Projektion.

Seine kleinen Hände pressten sich gegen das Bild seiner Mutter.

„Mama ... Mama...“

Er brach sofort zusammen und schluchzte herzzerreißend.

Fünf Jahre lang fragte er jeden einzelnen Tag die Ältesten des Dorfes: „Habt ihr den Mörder gefasst?“

Die Antwort war immer Schweigen.

Das Dorf Grell lag abgelegen und isoliert.

Es gab keine magische Überwachung.

Meine Steinhöhle lag weit entfernt von den anderen.

Niemand wusste, wer Sophia an jenem Tag gefolgt war.

Nur ich kannte die Wahrheit.

Die Erinnerung lief weiter.

Nach unserem spielerischen Rennen im Schnee flackerte das Bild erneut.

Ich stand vor meiner Höhle.

In meiner Hand hielt ich ein kleines Töpfchen mit Nachtkerzen-Honigbalsam.

Ein Geschenk von Sophia.

Sie hatte mir einmal gesagt: „Ich habe das in den Wirbelsgrat-Bergen gesammelt. Ich wäre fast von Adlerwandlern gefangen worden.“

„Ich habe es extra für dich gemacht, Lina.“

Im nächsten Moment drehte ich mich um und warf das Töpfchen in eine Felsspalte.

Die zuschauenden Wölfe explodierten vor Wut.

„Sie wirft tatsächlich das Balsam weg, für das Sophia ihr Leben riskiert hat!“

„Diese Reinblütige hat alles für diese Medizin aufs Spiel gesetzt, und sie schaut sie nicht einmal an!“

„So verlogen!“

„Sophia hat sie so sehr geliebt, und sie ist vollkommen herzlos!“

„Einzelwölfe haben wirklich keine Familienbande!“

Die Fackeln wurden höher erhoben.

Das wütende Gebrüll ließ die Erde erbeben.

Damien stand schweigend vor mir.

Natürlich wusste er genau, warum ich dieses Töpfchen weggeworfen hatte.

Er erinnerte sich nur zu gut.

Unsere Pflegemutter hatte einst seine Hand gehalten und gesagt: „Lina erstickt, wenn sie Nachtkerzen berührt. Du musst sie beschützen.“

Damals, als ich die Blütenblätter versehentlich gegessen hatte, waren meine Lippen violett geworden.

Ich hatte dreimal aufgehört zu atmen.

Damien war es gewesen, der mitten in der Nacht in den Schneesturm hinausgerannt war.

Er hatte drei ganze Berge durchsucht, um das Gegengift zu finden.

Als er mich zurück ins Dorf getragen hatte, waren seine Knie bis auf das Fleisch erfroren gewesen.

Blut war in den Schnee gesickert.

Doch jetzt sagte er nichts.

Er ließ die Wölfe mich verfluchen.
Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Mondurteil, Ewige Treue   Kapitel 8

    Ich lag im Schnee, die Mundwinkel hoben sich langsam zu einem schwachen Lächeln.Eine blutige Träne glitt aus meinem Augenwinkel und traf mit kaum hörbarem Geräusch auf das Eis.Damien rief meinen Namen. Seine Stimme war zerrissen wie eine gebrochene Klinge im Wind.Doch ich hörte ihn kaum noch. In meinen Ohren dröhnte nur das Rauschen des Blutes.Die Welt zog sich zurück.Mein Bewusstsein sank hinab – zurück vor zehn Jahren, zu jenem unheimlich stillen Nachmittag.Schwarzkiefernwald.Leise fallende Schneeflocken.Unser Pflegevater kniete vor Sophia. Seine Krallen gruben sich verzweifelt in die Erde. In den Händen hielt er mehrere zerdrückte Büschel Mondwahnsinnsgras. Seine Stimme bebte.„Sophia ... Papa wollte das nicht ... bitte ... sag es Damien nicht ... bitte...“Sophias ganzer Körper zitterte.Ihr reinweißes Wolfsfell stand ihr vor Angst zu Berge.Sie hielt sich die Ohren zu. Tränen, vermischt mit Blut, liefen aus ihren Mundwinkeln.Ihre Schreie rissen ihr fast die Kehle auf.„Ko

  • Mondurteil, Ewige Treue   Kapitel 7

    Das Bild brach hier abrupt ab, doch alle Werwölfe verstanden, was danach geschehen war.„Mondwahnsinnsgras...“ Die Stimme des Dorfältesten zitterte. Seine Fingerspitzen bebten, als er auf die Projektion zeigte.„Das ist der Geruch von Mondwahnsinnsgras. Nach der Einnahme explodiert die Wolfsnatur, jede Vernunft geht vollständig verloren...“Dass der frühere Alpha selbst derjenige gewesen war, der die Reinblütige entehrt hatte – diese Wahrheit schnitt sich wie eine silberne Klinge in ihre Brust und setzte den gesamten Platz augenblicklich in Brand.Damien war wie vom Blitz getroffen. Er taumelte rückwärts, drehte sich dann abrupt um und packte meine Schultern, schüttelte mich wie wahnsinnig.„Unmöglich! Mein Vater ist der Held von Grell! Er hat mich gelehrt, Reinblütige zu beschützen! Wie hätte er so etwas tun können!“Seine Augen waren blutrot. An seinen Schläfen traten die Adern hervor. Er stürzte auf den Seelenmagier zu.„Du hast die Erinnerungen manipuliert, nicht wahr? Das ist nich

  • Mondurteil, Ewige Treue   Kapitel 6

    Das Bild erschien.Der Schwarzkiefernwald unter einem Blutmond.Ich stand am Rand des Eissees. In meiner Hand hielt ich ein Stück Tierhaut, getränkt mit Kräutern. Meine Stimme zitterte. „Sophia? Bist du das?“Plötzlich erhoben sich Wind und Schnee.Schneestaub erfüllte die Luft.Ein schwarzer Schatten fegte über den See.Ich schrie erschrocken auf. Meine Füße rutschten weg. Ich stürzte in den Schnee.Diese Gestalt trug einen schwarzen Wolfsfellumhang mit silbernem Besatz.Auf dem Rücken war ein deutlich sichtbarer Riss.Doch im nächsten Augenblick verschwand die Figur in der Dunkelheit.Damien starrte mit geweiteten Pupillen den rissigen Seelenschatten auf dem Bildschirm an.„Das Gesicht!“, zischte er. „Warum sieht man das Gesicht nicht?!“Der Seelenmagier wich erschrocken zurück.„Weil … weil sie das Gesicht des Mörders nie gesehen hat.“„Der Sturm war zu stark. Die Entfernung zu groß. Selbst die Nachtsicht eines Wolfs hat versagt ... Das ist wirklich alles, was sie gesehen hat.“Dam

  • Mondurteil, Ewige Treue   Kapitel 5

    Die zitternden Finger des Seelenmagiers schwebten über dem Energiehebel. Seine Stimme war vor Angst angespannt.„Aber ihr Körper ist viel zu schwach. Wenn wir noch mehr aus ihrem Seelenkern extrahieren ... könnte ihr Körper zerbrechen und sie töten.“Der gesamte Platz hielt den Atem an.Damien stand in der Mitte der Plattform. Er starrte den rissigen Seelenschatten auf dem Bildschirm an. Sein Gesicht war so düster wie der Himmel vor einem Schneesturm.Er schwieg. Seine Kieferlinie spannte sich scharf an.Nach einem Moment flackerte tief in seinen Wolfsaugen etwas auf. Ein kaum wahrnehmbarer Schmerz – wie eine dunkle Strömung unter Eis.Doch diese Weichheit dauerte nur einen Wimpernschlag.Im nächsten Augenblick wurde sein Blick erneut von Hass überflutet.Kalt sprach er ein einziges Wort: „Weiter.“Der kleine Aiden schrie plötzlich auf: „Hört auf, Tante Lina zu quälen! Sie wird sterben!“Er stürmte nach vorn. Sein kleiner Körper prallte gegen die Schutzbarriere. Doch Rudelmitglieder pa

  • Mondurteil, Ewige Treue   Kapitel 4

    „Krokodilstränen!“ Ein Ältester eines Wolfsclans sprang plötzlich auf die Richtplattform. Seine Krallen prallten hart gegen das Seelensicht-Gerät.Der Bildschirm flackerte. Für einen Moment wurde er schwarz, dann sprang das Bild wieder an.Er zeigte mit zitterndem Finger auf mich, seine Knöchel weiß vor Zorn.„Vor Jahren kniete der kleine Aiden vor deiner Höhlentür! Sein Kopf war blutig, weil er immer wieder gegen den Stein geschlagen hatte! Warum hast du die Tür nicht geöffnet?! Sprich! Warum stellst du dich jetzt dumm?!“Niemand antwortete.Alle Blicke auf dem Platz richteten sich auf mich.Vom Eingang her erklangen leise Schritte.Der kleine Aiden stand dort. Barfuß.Seine Augenhöhlen waren tief eingesunken, die Pupillen leer und hohl.Er murmelte, als würde er mit Geistern sprechen: „Mama ... hab keine Angst ... Aiden bleibt bei dir...“In seiner Stimme lag ein Schluchzen. Sein kleiner Körper zitterte unaufhörlich.Plötzlich stürzte er auf das Seelensicht-Gerät zu. Seine winzigen K

  • Mondurteil, Ewige Treue   Kapitel 3

    „Alpha, weiter! Wir wollen den Mörder sehen!“Die Wölfe unter der Plattform brüllten wie ein Tsunami.Sie schwangen ihre Fackeln hoch, Funken flogen bis auf die Richtplattform.Damien hob kalt die Hand und nickte dem Seelenmagier zu.„Erhöhe die Intensität der Seelensicht. Ich will die Erinnerungen aus jener Nacht im Schwarzkiefernwald sehen.“Der Seelenmagier biss die Zähne zusammen und schob den Energiehebel nach vorn.Die metallenen Nadeln bohrten sich plötzlich sieben Zentimeter tiefer in meinen Schädel.Sie drangen direkt bis in den Kern meiner Seele vor.Mein ganzer Körper verkrampfte sich heftig.Ein Schrei riss mir die Kehle auf.Die Seelenerschütterung fühlte sich an wie rasiermesserscharfe Klingen, die in meinem Gehirn mahlten.Blutrotes Licht explodierte vor meinen Augen.Erinnerungsfragmente flackerten über den Bildschirm.Das Klassenzimmer.Eine kleine Hütte, von Erdwällen umgeben.In der Mitte brannte ein Lagerfeuer.Sophia, Damien und ich saßen im Kreis.Sie riss mit ihr

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status