INICIAR SESIÓN~Jay~
Ich hätte rennen sollen. Als man mir sagte, dass mein Vater mich heute Abend zum zweiten Mal sehen wollte. Ich hätte Bauchschmerzen vortäuschen sollen, eine Migräne, einen plötzlichen Drang, nach Peru auszuwandern, irgendetwas. Aber stattdessen stand ich hier, mitten im Hale-Ballsaal unter einem buchstäblichen Kronleuchter von der Größe eines Kleinwagens, umgeben von champagnerseligen Gratulanten. Mein Vater stand zu meiner Linken, Dahlia zu meiner Rechten, und jede Kamera im Raum war auf mich gerichtet. Kein Druck … „Lächle", zischte meine Mutter irgendwo hinter mir. Richtig. Lächeln. Klar. Ich wollte auch lächeln, aber dass Alex mich anstarrte, half nicht, denn es erinnerte mich im Grunde daran, dass ich vielleicht schwanger war. Denn nichts sagt Freude wie eine Überraschungsverlobung mit jemandem, mit dem man kaum redet, während der Kerl, an den man nicht aufhören kann zu denken und von dem man als Mann vielleicht schwanger ist, in der Menge steht und einen beobachtet wie einen Autounfall in Zeitlupe. Der Zeremonienmeister räusperte sich. „Meine Damen und Herren, es ist Zeit, diese Verbindung mit dem Austausch der Ringe offiziell zu besiegeln." Diese Verbindung besiegeln. Gott. Konnten sie es noch mehr nach einer Geiselverhandlung klingen lassen? Dahlia wandte sich mir mit einem sanften, strahlenden Lächeln zu, als hätte sie es seit ihrer Geburt geübt. Ihre Hand war zart, die Nägel perfekt lackiert, eine Prinzessin direkt aus einem Lifestyle-Magazin. Und dann … Das Parfüm traf mich. Es war kein schlechter Duft, teuer, blumig, ein bisschen pudrig. Aber er knallte in mich hinein wie eine Ziegelmauer. Süß, erstickend, schwer. Er legte sich um mich, füllte meine Lungen, und plötzlich war ich mir jedes einzelnen Atemzugs hyperbewusst. Mein Magen drehte sich warnend. Nicht würgen. Nicht würgen. Nicht würgen. Ich zwang einen tiefen Atemzug durch den Mund und tat so, als würde ich lächeln. Meine Sicht schwankte kurz, und ich betete, dass es niemand bemerkte. Dahlia reichte mir den Ring. Meine Finger zitterten, als ich ihn nahm und ihn ihr wie eine gut dressierte königliche Marionette über die Hand schob. Der Applaus begann, noch bevor ich fertig war. Dann war sie an der Reihe. Ihr Parfüm wirbelte wieder auf, als sie näher trat, und der Duft traf mich mit voller Wucht. Ich schwöre, mein Körper schrie: Hol mich hier raus, während mein Gehirn flüsterte: Reiß dich zusammen. Sie streifte mir den Ring über den Finger, ihre Berührung leicht, anmutig. Die Menge machte „Awww". Kameras blitzten. Champagnergläser klirrten. Und ich? Ich war Sekunden davon entfernt, zur nächsten Toilette zu stürzen. „Perfekt", sagte mein Vater tonlos und klopfte mir so fest auf die Schulter, dass ich ins Stolpern geriet. „Und jetzt lächle für die Fotografen." Ich lächelte. Oder zumindest glaube ich das. Es fühlte sich eher an, als würde ich die Zähne fletschen. Irgendwo jenseits der blitzenden Lichter trafen meine Augen die von Alex. Er stand am Rand der Menge, die Hände in den Taschen, und sah mich mit einem unlesbaren Ausdruck an. Sorge? Belustigung? Zum Teufel, wenn ich das wüsste. Ich wusste nur, dass in diesem Moment meine Brust eng war, mein Magen verdreht, und der Duft von Dahlias Parfüm sich für immer in mein Gehirn eingebrannt hatte. Die Nacht verschwamm danach, Glückwünsche von Fremden, ein Dutzend Variationen von „Ihr zwei passt perfekt zusammen" und die eisigen Flüsterer meiner Mutter, ich solle meine Haltung korrigieren. Als ich mich endlich an die lange Tafel setzen konnte, fühlte ich mich, als wäre ich durch eine Parade geschleift worden, für die ich mich nie angemeldet hatte. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf meinen Teller starrte und daran dachte, wie gut es sich anfühlen würde, einfach … zu atmen. Die lange Tafel erstreckte sich wie ein mittelalterliches Festmahl, lauter Kristallgläser, weißes Porzellan und eine Armee von Gabeln, von denen ich keine Ahnung hatte, wie man sie benutzt. Dahlia glitt anmutig auf den Stuhl neben mir, ihr Kleid floss wie flüssige Seide, das Parfüm schwebte immer noch wie ein ungeladener Geist. Ich setzte mich widerwillig und versuchte, meinen Körper gerade so zu drehen, dass ich atmen konnte, ohne noch eine Lunge voll ihres Dufts einzuatmen. Es funktionierte nicht. Und dann sah ich auf. Natürlich. Alex. Er saß direkt gegenüber von mir, die Ellbogen lässig auf dem Tisch, ein Weinglas in der Hand. Kein Lächeln. Nur … beobachten. Als könnte er direkt durch meine aufgesetzte Fassung hindurchsehen, am Verlobungsring an meinem Finger vorbei, an den falschen Lächeln vorbei, direkt in den Teil von mir, der schrie. Ich ließ den Blick sofort sinken und konzentrierte mich auf die perfekt gefaltete Serviette auf meinem Schoß, als enthielte sie die Geheimnisse des Universums. Smalltalk summte um mich herum, Geschäftsabschlüsse, Urlaube, das Wetter, aber alles, was ich hörte, war das Pochen in meinen Ohren. Meine Gabel zitterte leicht, als ich sie aufnahm, und ich betete, dass es niemand bemerkte. „Alles in Ordnung?" Dahlias Stimme war weich, sirupartig. Zu süß. Wie ihr Parfüm. „Ja", sagte ich und zwang ein Lächeln, das sich anfühlte, als würde ich Glas kauen. „Nur ein bisschen … müde." Sie warf mir einen Blick zu, halb Besorgnis, halb Kalkül, als wäre sie nicht sicher, ob ich gleich in Ohnmacht fallen oder davonrennen würde. Und ehrlich? Beide Optionen klangen gut. Die Kellner servierten den ersten Gang, etwas Edles und Französisches, das aussah, als gehörte es in eine Schmuckschatulle und nicht auf einen Teller. Ich stocherte darin herum, mein Magen schlug langsame Purzelbäume. Irgendwann huschte mein Blick wieder nach oben und endete als Fehler meinerseits … Alex beobachtete mich immer noch. Sein Daumen strich gedankenverloren über den Stiel seines Weinglases, die Augen auf mich geheftet, als versuchte er, sich jedes Zucken meines Gesichtsausdrucks einzuprägen. Und ich hasste, absolut hasste, dass es meinen Puls stolpern ließ. Um Himmels willen, er ist ein Kerl … Dahlia beugte sich leicht vor, ihr Parfüm umhüllte mich wieder. „Du bist blass", murmelte sie. Ich versuchte, es weglachen. „Kronleuchter und Champagner sind nicht gerade mein natürlicher Lebensraum." Sie lächelte höflich, aber ihr Blick verweilte, als würde sie diese Information für später ablegen. Dann dröhnte die Stimme meines Vaters vom Kopfende des Tisches und er begann eine lange Rede über Familienallianzen, Vermächtnis und wie der heutige Abend „den Beginn einer erfolgreichen Verbindung" markiere. Übersetzung: Glückwunsch, Sohn. Du wurdest für politischen Einfluss verkauft. Es gab höfliches Gelächter. Toasts. Mein Glas war erhoben, mein Name wurde öfter genannt, als mir lieb war. Die ganze Zeit sah Alex nicht weg. Und ich wagte nicht, zu lange zurückzusehen, denn wenn ich es täte … könnte ich vergessen, welches Leben ich heute Abend vorzutäuschen hatte. Das Klirren des Bestecks und das Summen höflicher Gespräche verschmolzen zu Hintergrundrauschen. Ich war damit beschäftigt, die nächste Welle von Dahlias Parfüm zu überstehen, als es passierte. Eine Hand oder etwas anderes. Warm. Ruhig. Auf meinem Schoß. Für einen Sekundenbruchteil dachte ich, ich hätte vielleicht meine Serviette fallen lassen und ein Kellner wäre nur zuvorkommend. Aber nein, das war nicht die unpersönliche Berührung der Fingerspitzen eines Fremden. Das war gewollt. Selbstbewusst. Mein Atem stockte. Langsam, zu langsam … hob ich den Blick von meinem Teller. Und da war er. Alex. Er saß mir gegenüber, die Schultern locker, das Weinglas in einer Hand … der leiseste Geist eines Grinsens zupfte an seinen Lippen. Die Art von Grinsen, die sagte: Ja, ich weiß genau, was ich tue … und ich höre nicht auf. Ich schluckte schwer, mein Puls hämmerte gegen meine Kehle. Jeder gesunde Instinkt schrie: Beweg seinen Fuß weg, Jay. Um Gottes willen, das ist dein Verlobungsessen. Aber mein Körper? Mein Körper blieb einfach … dort. Seine Zehen zogen einen langsamen, bewussten Kreis an meinem Oberschenkel unter der Tischdecke. Hitze schoss mir die Wirbelsäule hinauf und überflutete mein Gesicht, eine scharfe Mischung aus Panik und … etwas anderem, das ich nicht benennen wollte. Das war Wahnsinn. Er rieb buchstäblich seinen sockenbekleideten Fuß an meinem Schoß, und ich reagierte schon wie Reiß dich zusammen, Jay. Du bist ein Mann. Verdammt. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und betete, dass Dahlia oder mein Vater die Steifheit in meiner Haltung nicht bemerkten. Alex' Grinsen vertiefte sich, sein Blick fixierte meinen, als gäbe es sonst niemanden im Raum. Er sah nicht weg. Nicht, als Dahlia sich vorbeugte, um mir etwas ins Ohr zu flüstern. Nicht, als mein Vater sein Glas zum Toast erhob. Nicht einmal, als ich verzweifelt „Hör auf" über den Tisch hinweg formte. Im Gegenteil, der Druck nahm zu, subtil, aber genug, um einen gefährlichen kleinen Nervenkitzel durch mich jagen zu lassen. Und ich hasste es. Hasste, dass mein Magen jetzt aus ganz anderen Gründen Purzelbäume schlug. Hasste, dass mein Gehirn schrie: schlechte Idee, schlechte Idee, schlechte Idee, während mein Körper sich trotzdem in die Gefahr lehnte. Der Applaus für den Toast meines Vaters riss mich zurück. Ich klatschte halbherzig mit. Alex? Er hob nur sein Glas in meine Richtung, das Grinsen immer noch verrucht … Und dann zog er, langsam wie die Sünde, seinen Fuß zurück. Mein Schoß fühlte sich sofort kälter an. Ich saß da und versuchte, normal zu wirken, aber mein Herz raste, und alles, woran ich denken konnte, war: Dieser Mann würde mein Tod sein.~Dahlia~Während das Geplauder weiterging und meine Freundinnen sich kichernd über Brautkleider und Flitterwochenziele unterhielten, saß ich da, lächelte und nickte an den richtigen Stellen … doch in Gedanken war ich ganz woanders.Traditionell. Das hatte ich gesagt. Es klang gut, vernünftig sogar. Aber glaubte ich das überhaupt selbst?Jayden Hale sah aus wie ein Mann, der eine Frau allein mit einem Blick gegen die Wand drücken konnte. Breite Schultern. Diese stille, wachsame Intensität. Eine Ausstrahlung, die andere Männer dazu brachte, ihm freiwillig Platz zu machen. Aber hinter verschlossenen Türen? Da war er vorsichtig. Distanziert. Als gäbe es eine Grenze, die er sich weigerte zu überschreiten.Es ging nicht nur um Sex. Es ging darum, wie sehr er sich bei allem zurückhielt. Eine Berührung, die einen Moment länger dauerte, aber nie weiterging. Ein Kuss, der endete, bevor ich genug davon hatte. Dadurch fühlte ich mich, als würde ich ihm hinterherlaufen. Als müsste ich ihn anbettel
~Dahlia~Ich stand vor meinem Schminktisch, tupfte etwas Schimmer auf meine Wangenknochen und brachte die letzte Locke meiner Haare in Form. Mein Spiegelbild grinste mich an. Oder vielleicht war ich es selbst, die so selbstzufrieden lächelte. Heute ging es nicht einfach nur ums Shoppen. Es ging darum, gesehen zu werden. Darum, allen noch einmal vor Augen zu führen, wer ich war und zu wem ich gehörte.Als ich das Boutique-Café erreichte, in dem meine Freundinnen auf mich warteten, erfüllte ihr Geplauder bereits die Luft. In dem Moment, als ich eintrat, drehten sich drei Köpfe wie auf Kommando zu mir um.„Mädchen, du strahlst ja richtig!“, sagte Maya und zog das letzte Wort in die Länge, als hätte sie gerade eine heilige Offenbarung verkündet.„Was hast du denn erwartet? Sie ist mit dem begehrtesten Junggesellen der Stadt verlobt!“, warf Sienna ein und nippte mit einem wissenden Grinsen an ihrem Latte.„Ich weiß, oder?“, fügte Tasha hinzu. Ihre Augen funkelten, als hätte man ihr gerade
~Lena~„Also … du bist tatsächlich schwanger, hm?“Die Worte fühlten sich in meinem Mund seltsam an, als gehörten sie nicht in diese Welt. Aber da stand es, schwarz auf weiß, und ließ keinen Raum für Zweifel. Diese ganze Schwangerschaftsgeschichte war doch völliger Schwachsinn.Ich starrte Jay an und verschränkte die Arme fest vor der Brust. „Wie ist das möglich? Wie zur Hölle konnte das passieren?“ Meine Stimme klang härter, als ich beabsichtigt hatte, aber ich konnte nichts dagegen tun. „Wer weiß davon? Und wage es ja nicht, mir zu sagen, dass es niemand ist. Ich will Namen hören. Welche Ärzte haben dich untersucht?“Jay öffnete den Mund, doch ich redete bereits auf ihn ein, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen.„Und vor allem …“ Ich beugte mich nach vorn und sah ihm direkt in die Augen. „Mit wem hast du geschlafen?“Die letzte Frage klang sogar in meinem eigenen Kopf seltsam, sodass ich schließlich über meinen absurden Gedanken lachen musste.Mit wem hast du geschlafen
~Lena~Ich schlief in dieser Nacht kein einziges Mal.Ich blieb noch lange in Jays Wohnung sitzen, nachdem er sich endlich in den Schlaf geweint hatte. Sein Schlaf war unruhig und unregelmäßig, als hätte selbst die Erschöpfung nicht ausgereicht, um ihm ein wenig Frieden zu schenken. Immer wieder gingen seine Worte in meinem Kopf herum. Ich versuchte verzweifelt, sie irgendwie logisch zu erklären, doch ganz gleich, wie oft ich sie hin und her drehte, sie ergaben einfach keinen Sinn.Jay. Mein Bruder. Schwanger.Das war unmöglich. Und doch hatte ich schon erlebt, wie das Unmögliche Menschen zerbrechen konnte. Ich hatte es in unserer Kindheit gesehen, als die Erwartungen unseres Vaters so schwer auf Jay lasteten, dass er manchmal kaum noch atmen konnte. Ich hatte es daran erkannt, wie er in der Öffentlichkeit alles hinter dieser eiskalten Maske versteckte, die niemand zu durchdringen vermochte.Aber das hier? Das war etwas anderes. Es ging nicht einfach nur um Druck. Es war eine Angst, d
~Lena~Ich hatte ein ungutes Gefühl, sobald Jay meine Anrufe nicht entgegennahm. Ich wusste, dass ich ihn nicht allein hätte ausgehen lassen sollen, schon gar nicht, wenn es ihm nicht gut ging. Unsere Eltern interessierten sich nicht wirklich für uns, solange wir uns an ihre Regeln hielten und sie nicht enttäuschten. Deshalb war es für uns zur Gewohnheit geworden, uns umeinander Sorgen zu machen. Selbst wenn ich ständig mit ihm verglichen wurde, war er immer noch der Einzige in meiner Familie, dem ich wirklich etwas bedeutete.Er ging immer ans Telefon, selbst wenn er nur kurz angebunden knurrte, dass er beschäftigt sei, und anschließend auflegte. Aber diesmal? Nichts. Nicht beim ersten Anruf. Nicht beim fünften.Beim sechsten zog sich mein Magen vor Sorge zusammen.Also schnappte ich mir meine Schlüssel und fuhr direkt zu seiner Wohnung, in der Hoffnung, ihn dort anzutreffen.In dem Moment, als ich eintrat, blieb ich wie angewurzelt stehen.Jay saß auf dem Boden neben dem Sofa. Seine
~Jay~Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, war ich schon hellwach.Das Abendessen lief in meinem Kopf ab wie ein schlechter Film, jedes Wort, jeder Blick, jedes Mal, wenn Alex' Stimme die Spannung durchschnitt. Aber unter all dem war der eine Gedanke, den ich nicht abschütteln konnte: Ich brauche Antworten. Jetzt.Noch einen Tag zu warten, kam nicht infrage.Ich sagte meinen Eltern, ich hätte ein frühes Arbeitstreffen. Da ich in der Nacht davor dort übernachtet hatte, ließen sie mich nicht gehen, oder besser gesagt, Lena und Mom ließen mich nicht gehen, sie machten sich Sorgen um meine Gesundheit. Lena bot an mitzukommen, aber ich wimmelte sie ab. Das war nichts, in das ich jemand anderen hineinziehen konnte. Noch nicht.Die Praxis des Spezialisten lag in einem dieser modernen Glasgebäude in der Innenstadt, von der Sorte, in der die Lobby leicht nach Zitronenpolitur und Geld riecht. Ich meldete mich unter falschem Namen an, zog meine Baseballkappe tiefer und hielt den Kopf gesenk







