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Kapitel 4

Author: Jan Schäfer
Inge Winter erstarrte.

Sie presste ihre blassen Lippen fest zusammen. „Das ist also Jannis Luthers Entscheidung?“

„Ja.“

Kai Zauner mochte Inge nie besonders. Zwar arbeitete sie gewissenhaft und war durchaus fähig. Doch damals hatte sie sich mit schmutzigen Mitteln Herrn Luther an sich gebunden und ihn zur Ehe gedrängt.

Solche Frauen verachtete er.

„Herr Luther sagte, Sie dürfen heute nirgendwo hingehen, bis sich die öffentliche Meinung gelegt hat.“

„Und wenn Sie das nicht schaffen, duldet die Lansen AG keine Nichtsnutze!“

Inge wusste sehr wohl, dass sie in Jannis Luthers Herzen keinen Platz hatte.

Doch sie hätte nicht gedacht, dass ihr mitten in der Scheidung so etwas widerfahren würde.

Dass sie, seine rechtmäßige Ehefrau, auch noch die – wohlgemerkt wahren – Gerüchte über seine Affäre für ihn glattbügeln sollte!

Inge spürte, wie bittere Wut tief in die Brust stieg. Ein stechender Schmerz fuhr ihr in den Unterbauch. Sie stützte sich am Tisch ab, um das Unwohlsein zu verbergen, und warf einen spöttischen Blick auf ihren Mitarbeiterausweis.

Sie nahm ihn auf und legte sich das Band um den Hals.

„Die Lansen AG duldet tatsächlich keine Nichtsnutze – aber diese Aufgabe übernehme ich nicht.“ Mit kühler Ruhe legte sie das Schild zur Seite. „Ich kündige.“

Schon gestern Abend, als sie die Scheidungsvereinbarung fertiggestellt hatte, reichte sie gleichzeitig ihren Kündigungsantrag ein.

Vielleicht war der Verwaltungsweg kompliziert, und der Vorgang lag Jannis noch nicht vor.

Aber die Sache mit Nea Sommer würde sie heute nicht übernehmen.

„Was Nea Sommer betrifft, kommen Sie bitte nicht mehr zu mir. Sagen Sie Herrn Luther, er soll die Zuständigkeiten neu verteilen. Die Lansen AG ist groß genug – sie kommt auch ohne mich aus.“

Kai war einen Moment wie gelähmt.

Inge kündigte?

Konnte sie wirklich so leicht auf eine Stelle verzichten, die ihr einen direkten Zugang zu Herrn Luther verschaffte?

Vielleicht war es nur ein weiterer taktischer Rückzug – ein geschickter Trick, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Kai kehrte in die oberste Etage zurück.

Jannis Luther hatte einen vollgepackten Terminplan. Gerade bereitete er sich auf das Treffen mit Herrn Conrad von Ostwald Technologie GmbH vor.

„Herr Luther, hier ist der Vertrag von Ostwald. Bitte sehen Sie ihn sich an.“

Jannis ließ den Blick darübergleiten. „Wie läuft die Sache mit Nea? Hat die PR-Abteilung das geregelt?“

Kai erstarrte kurz. „Frau Winter…“

„Rede klar.“

„Frau Winter meinte, sie könne diese Angelegenheit nicht übernehmen.“

„Sie hat ihre Kündigung eingereicht und ausrichten lassen, dass man sie wegen Frau Sommer nicht mehr kontaktieren soll.“

Die Bewegung von Jannis’ Hand, die gerade den Vertrag umblätterte, stoppte. Er hob den Kopf, seine dunklen Augen waren vollkommen kalt.

„Hat sie das heute persönlich eingereicht?“

„Frau Winter hatte heute frei genommen. Ich habe sie kurzfristig zurückgerufen. Die Personalabteilung sagte, sie habe es bereits gestern Urlaub.“

„Urlaub?“ Die Kündigung interessierte Jannis weniger – aber dieses Wort ließ ihn nachfragen.

Kai konnte seinen Chef nicht einschätzen und antwortete zögernd: „Vermutlich war es etwas sehr Wichtiges. Frau Winter nimmt seit drei Jahren keinen einzigen Tag frei.“

Und das wusste Jannis nur zu gut.

Inge wirkte stets kühl und zurückhaltend, mit niemandem wirklich vertraut. Doch in Wahrheit war sie in allem äußerst gewissenhaft – im Umgang mit Menschen ebenso wie bei Aufgaben und Arbeit. Sie war klug und beherrschte ihre Mittel. Ohne diese Fähigkeiten hätte sie es kaum in weniger als zwei Jahren zur Leiterin der PR-Abteilung der Lansen AG geschafft.

Dass selbst sie um einen freien Tag bat – und nun sogar kündigte – war für ihre Verhältnisse mehr als ungewöhnlich.

Jannis senkte die Lider, als ließe er nicht erkennen, was in ihm vorging.

Dann wurde sein Ausdruck eiskalt, und er stand abrupt auf.

„Du kannst das genehmigen. Aber zuvor soll sie die Sache mit Nea sauber zu Ende bringen.

Wenn der Ruf darunter leidet und es im Kreis die Runde macht, soll sie die Konsequenzen selbst tragen.“

Kai war verwundert.

Eigentlich hätte Herr Luther es doch nur begrüßt, wenn Frau Winter die Lansen AG verlassen hätte.

Warum hielt er sie jetzt zurück?

Er kam nicht dahinter.

„Herr Luther, Frau Winter hat noch etwas einreichen lassen…“

Jannis nahm gerade ein Telefonat an. Als er Kais Worte hörte, winkte er nur kurz ab, ohne sich umzudrehen. „Wie immer.“

Die alte Regel lautete: alles, was Inge an persönlichen Bitten oder Zuwendungen ausrichtete, wurde ignoriert und beiseitegelegt.

Früher hatte sie über Kollegen immer wieder Kleidung, Krawatten, Manschettenknöpfe und kleine handgemachte Geschenke an ihn weiterreichen lassen.

Da das wichtigste Technologieprojekt der Lansen AG Drohnentechnik war, hatte sie sogar ein kleines Drohnenmodell von Hand angefertigt und schicken lassen – in der Hoffnung, bei ihm gut anzukommen.

Herr Luther hatte keinen einzigen Blick darauf verschwendet. Alles landete in einem kaum geöffneten Schrank in seinem Büro und staubte dort vor sich hin.

Nur wenn er gelegentlich etwas Dringendes brauchte, wurden die Sachen aus dem Schrank hervorgezogen und verwendet.

Also warf Kai, wie so oft, auch dieses ungeöffnete Dokument wieder in denselben Schrank zurück.

All ihre Mühe, all ihr Kalkül – am Ende doch völlig umsonst.
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