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Kapitel 4

Autor: fishhh
Reinhards tiefe Stimme erklang an ihrem Knie, samtweich wie der Strich eines Bogens über ein Cello, mit einer zähen Wärme, die so gar nicht zu seiner kühlen Art passte.

„Versteck dich nicht, Süße.“

„So brav.“

„Willst du nicht kurz hinunterschauen?“

„So schön…“

Zwischen heißen, feuchten Küssen fragte er heiser : „Ist es hier recht?“

Unwillkürlich hielt sie sich den Mund zu, ihre Finger gruben sich in sein leicht feuchtes Haar und schlossen sich unwillkürlich. Wo seine Lippen und Zähne sie liebkost hatten, blieb ein kleiner, geröteter Fleck zurück.

Er wandte den Kopf zur Seite und küsste ihr Knie; ihre sonst blassen Lippen leuchteten jetzt rot.

Die ganze Nacht versank Mareike in seiner tiefen Stimme.

Wie im Dämmer spürte sie etwas Kühles an ihrem Finger, ein Ring, der ihr langsam über den Ringfinger geschoben wurde.

Sie schlug die Augen auf und erkannte ihren Verlobungsring.

„Warum trägst du ihn nicht?“ Reinhard zog sie von hinten an sich, die Stimme tief, kein Gefühl darin.

„Beim Lernen stört er“, murmelte sie, und ihr Blick streifte beiläufig seine langen Finger, an denen der passende Männerring saß.

Reinhard pflegte die Rolle des verliebten Verlobten tatsächlich bis ins letzte Detail.

Sie lag in seinen Armen; behutsam setzte er sie an die Bettkante, nahm ein Glas Wasser und ließ sie geduldig Schluck für Schluck davon trinken.

Ihre trockene, raue Kehle wurde feucht, das Unbehagen von vorhin ließ nach.

Doch nach dem Wasser ging Reinhard nicht, sondern beugte sich vor und zog sie an sich. Dieser Kuss drohte erneut außer Kontrolle zu geraten.

Endlich kam Mareike für einen Moment zu sich und stemmte die Hand gegen seine Schulter. „Nicht mehr, Herr Vohwinkel … ich bin müde.“

Reinhard kniete vor ihr, beugte sich tief hinab, sein Atem ging schwer.

„Gut, schlaf. Ich tue dir nicht weh, ja?“

„Brav, ich bin gleich fertig…“

Es überkam sie wie ein Ertrinken. Mehrmals rang Mareike nach Luft, und selbst ihr leicht geöffneter Mund taugte zu nichts mehr.

Der Erbe der Velora Gruppe bediente sie höchstpersönlich, noch dazu mit dem Mund – bei seinem Rang gab es keinen Grund, das nicht zu genießen.

Wie man es auch drehte, sie war im Vorteil.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war der Platz neben ihr leer.

Reinhard war wohl gegangen, kaum dass er nüchtern war. Mareike brauchte lange, bis sie sicher war, dass die vergangene Nacht kein Traum gewesen war.

Was geschehen war, musste für ihn eine schwere Demütigung sein, eine Grenzüberschreitung. Sie wusste nicht, ob er es ihr nachtragen würde.

Doch nach seiner guten Erziehung zu urteilen, wohl kaum.

Mareike blieb noch eine Weile liegen, dann stand sie auf und trat aus dem Schlafzimmer.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Reinhard stand im Flur des Wohnzimmers.

Er hatte sich umgezogen, trug nun einen scharf taillierten schwarzen Anzug mit spitzem Revers, der seine schlanke, aufrechte Gestalt und die langen Beine betonte.

Sein Assistent Lukas Behrend wartete bereits an der Tür, einige Unterlagen zur Durchsicht in den Händen.

Beide strahlten die Aura großstädtischer Eliten aus, von einer Überlegenheit, die so gar nicht zu dieser Mietwohnung passen wollte.

Vielleicht weil ihr Blick zu deutlich war, hob Reinhard den Kopf und sah sie an.

Nüchtern war er wieder der Mann an der Spitze, dem man nichts ansah, die Metallbrille auf dem Nasenrücken, die sein auffallend schönes Gesicht gepflegt und vornehm wirken ließ.

Mit dem Mann, der zwei Stunden zuvor vor ihren Knien gelegen und sie aus gierigen Augen angesehen hatte, ließ er sich beim besten Willen nicht in Einklang bringen.

„Guten Morgen, Herr Vohwinkel“, sagte sie.

Reinhard nickte, sein Blick glitt über ihren Pyjama, und mit einer beiläufigen Drehung nahm er dem Assistenten die Sicht. „Zieh dich um.“

Mareike stutzte und ging rasch zurück ins Schlafzimmer.

Als sie sich gewaschen hatte und wieder herauskam, hatte sich das Wohnzimmer merklich geleert.

Lukas telefonierte auf dem Balkon, im Wohnzimmer war nur noch Reinhard, der Unterlagen durchsah.

Der Raum war klein, das Licht gedämpft, und doch wirkte er selbst hier edel wie aus Marmor gemeißelt: der lange Hals, der Adamsapfel, der beim Sprechen auf- und abwanderte, und auf der Haut eine Spur, die sie ihm gekratzt hatte, aufgeplatzt und blutig.

Mareike wandte den Blick ab, sah auf eine Benachrichtigung auf ihrem Telefon, zögerte zwei Sekunden und trat dann zu ihm.

„Herr Vohwinkel, mein Verein an der Uni macht einen Ausflug, auf eine Insel, zwei Tage, eine Nacht.“

Reinhard las gerade einen Vertrag und hob bei ihren Worten den Blick. „Zu weit.“ Er hielt inne, dann fragte er: „Willst du ans Meer?“

Mareike wusste nicht, was er da hineinlas. Sie hörte ihn nur ruhig sagen: „Wenn ich in einiger Zeit mit der Arbeit durch bin, nehme ich dich auf eine Reise mit.“

Sie verstand, das war ein Nein.

Sie wusste nicht, ob nur Reinhard so war oder alle aus seiner Schicht: Sie überwachten, kontrollierten, beschränkten einem sogar die Ausflüge.

Er stand ganz oben, gewohnt zu herrschen und zu befehlen, und bewachte sie selbstverständlich wie einen Besitz, traf die Entscheidungen für sie.

„Geht es dir nicht gut?“ Über ihr erklang unvermittelt die tiefe Männerstimme.

Mareike hob den Kopf und merkte erst jetzt, dass Reinhard irgendwann vor sie getreten war.

„Doch, Herr Vohwinkel.“

Sie wollte sich aufrichten, doch Reinhard drückte sie zurück, strich ihr übers lange Haar und fragte mit tiefer Stimme: „Tut es weh?“

Mareike brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er meinte. Ihr Kopf war zwei Sekunden lang leer. „Nein.“

Wäre seine Miene nicht so kühl und ernst gewesen, hätte sie geglaubt, er neckte sie mit Absicht.

Am Ansatz ihrer Oberschenkel zog noch etwas, aber Schmerz war es ganz sicher nicht.

Er hatte sie ja nicht auffressen wollen.

In der vergangenen Nacht war es wirklich etwas zu weit gegangen, und Mareike wagte jetzt aus unerfindlichen Gründen kaum, auf seine Lippen zu sehen.

Reinhard wirkte eiskalt, doch seine Lippen waren weicher gewesen als gedacht, längst nicht so abweisend.

Während sie noch daran dachte, fiel ein Schatten auf sie.

Mareike kam zu sich und merkte, dass Reinhard schon vor ihr in die Knie gegangen war und ihren Knöchel umfasst hatte.

Seine Hand war groß, die langen Finger umschlossen ihre Wade beinahe ganz.

Zwar hatten sie tags zuvor weit Anstößigeres getan, doch das Ganze hatte etwas Unwirkliches, und diese Nähe war ihr noch immer fremd.

Reinhards Berührung war sanft, doch wo sich ihre Haut berührte, fuhr es wie ein Stromschlag durch sie, ein Kribbeln, das von den Fingerkuppen bis in Fleisch und Knochen drang.

Ihre Haut war sehr hell, deshalb traten die blauen Flecken und roten Spuren darauf umso deutlicher hervor – alle hatte er ihr tags zuvor im Kontrollverlust zugefügt.

„Verzeih.“ Seine tiefe Stimme, kein Gefühl darin zu lesen, auch keine rechte Reue. „Gestern Abend war ein Zwischenfall, mein Versäumnis. Solltest du später eine Entschädigung brauchen, wende dich jederzeit an den Assistenten.“

Reinhard zog die Hand zurück und verschränkte sie hinter dem Rücken.

Dort, wo Mareike es nicht sehen konnte, zuckten seine Fingerspitzen leicht.

Er hielt sich nicht für triebhaft, verabscheute es im Gegenteil zutiefst, berührt zu werden, und gelegentliche Bedürfnisse erledigte er mit sich selbst. In der vergangenen Nacht hatte er dieses Gefühl zum ersten Mal gekostet.

So überwältigend, dass er sich nicht hatte beherrschen können – wie ein Tier von der Kette, niederträchtig und gemein.

Diesen Kontrollverlust verabscheute er.

Wenn er nicht einmal die Triebe seines eigenen Körpers beherrschte, was unterschied ihn dann noch von einem Tier?

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