Nur ihre Berührung

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By:  fishhhUpdated just now
Language: Deutsch
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Das entflogene Vögelchen aus dem goldenen Käfig – und der Gönner, den ihre Flucht fast um den Verstand bringt. Besitzergreifende Liebe. Die entlaufene Verlobte. Der Bruder, der sie ihm ausspannen will. Und eine Jugendliebe, die es nie gegeben hat. … Mareike Tannberg hat sich einen mächtigen, hochgestellten Verlobten geangelt. Er ist schön und kühl-vornehm, hat einen begehrenswerten Körper, ist gut im Bett und hängt sich einem trotzdem nicht an den Hals. Er finanziert ihr das Studium, schließt mit ihr eine Zweckverlobung. Jeder bekommt, was er braucht. Dass Mareike für so einen Mann etwas empfindet, ist nur natürlich. Doch kurz bevor der Verlobungsvertrag ausläuft, gehen auf ihrem Telefon ein paar Nachrichten ein: Die Frau, die er wirklich liebt, ist zurück im Land. Im selben Augenblick wird Mareike klar im Kopf. Sie gibt den Verlobungsring zurück, nimmt das Geld und setzt sich ab. Doch wenige Tage später, als sie sich gerade in einem Hotel im Ausland mit einer männlichen Begleitung vergnügt, klopft es an der Tür. Davor steht ihr Verlobter, die Miene düster. Er fragt sie: „Warum läufst du weg?“ … Reinhard Vohwinkel hat ein Geheimnis. Er leidet unter einem ausgeprägten Hautverlangen, einer geradezu krankhaften Sehnsucht nach Berührung. Gerade wegen dieses anormalen Bedürfnisses ist ihm jede Berührung durch andere zuwider – und einzig sie hat es ihm angetan. Also setzt er alles daran, sie zu seiner Verlobten zu machen. Im Verborgenen hilft er ihr und sieht zu, wie sie Stufe um Stufe nach oben steigt – ihm entgegen. Doch genau in diesem Moment läuft ihm die Verlobte davon. Und hinterlässt ihm eine Mail, in der sie ihm und seiner großen Liebe ein langes gemeinsames Glück wünscht. Seit wann hat er eine große Liebe? Nach und nach merkt Reinhard, dass seine engsten Freunde an ihrer Seite den Vertrauten spielen und Zwietracht säen. Und sein Halbbruder gibt vor ihr, ohne dass Reinhard es weiß, den armen Schlucker, der sich verkauft – und das mit großer Hingabe. … Zwei Brüder, ein Vater, verschiedene Mütter – erbitterter Wettstreit um dieselbe Frau. Hartnäckiges Ausspannen. Ein Mann von ganz oben, der sich am Ende beugt. Ein besessener Mann trifft auf eine Frau, die hilfloser wirkt, als sie in Wahrheit ist.

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Chapter 1

Kapitel 1

Knapp ein Jahr nach ihrer Verlobung erreichten Mareike ein paar anonyme Nachrichten.

Jemand wollte sie warnen: Ihr Verlobter aus großem Hause werde sie bald fallen lassen.

Beigefügt waren ein paar heimlich geschossene Fotos von einem Empfang.

Auf den Bildern hatte Reinhard sich leicht zur Seite geneigt und flüsterte jemandem etwas zu. Über seiner Schulter tauchte das halbe Profil einer Frau auf, die süß lächelte.

Dem Aufnahmewinkel nach standen die beiden ungebührlich dicht beieinander.

Die Bilder allein bewiesen nichts. Doch zusammen mit der Warnung reichten sie, um die Fantasie in Gang zu setzen.

„Zimmer 2202, Hotel Seehof. Dort findest du die Antwort, die du suchst.“

Wie es der Zufall wollte, rief in genau diesem Moment Reinhards Assistent an. Ihr Verlobter ließ sich bei einem Empfang versehentlich Wein über den Anzug schütten, sie sollte ihm einen frischen vorbeibringen.

Also ließ sich Mareike für die Abendvorlesung beurlauben und stand kurz darauf mit einem Anzug im Hotel.

Doch vor Zimmer 2202 war niemand. Stattdessen drangen gedämpft ein lustvolles Wimmern und ein tiefes Keuchen durch die Tür.

Sie war erwachsen genug, um auf der Stelle zu begreifen, was dort vor sich ging.

Mareike klopfte nicht. Der Form halber hängte sie den Anzug an die Klinke und ging.

Im Aufzug dachte sie mit einem Anflug von Bedauern, dass sie als Reinhards Verlobte auf dem Papier wohl bald ausgedient hatte.

Kaum war sie zu Hause, schrillte das Telefon.

Wieder der Assistent. Mit mühsam beherrschter Unruhe fragte er: „Frau Tannberg, wo sind Sie gerade?“

Mareike sagte die Wahrheit. „In meiner Wohnung bei der Uni.“

Seine Stimme kippte: „Sie sind nicht im Hotel?“

„Doch. Aber Herr Vohwinkel scheint mich gerade nicht zu brauchen.“

„Unmöglich!“ Lukas Behrend fiel ihr ins Wort, redete schnell. „Herr Vohwinkel hat den Empfang längst verlassen, wir erreichen ihn nicht mehr. In dem Zustand, in dem er war, vermuten wir, dass er auf dem Weg zu Ihnen ist.“

„Zu mir?“ Mareike stutzte.

Sollte er um diese Zeit nicht in irgendeinem Bett liegen?

In diesem Augenblick klopfte es – gleichmäßig, beherrscht.

Mareike ging mit dem Telefon in der Hand zur Tür.

Im selben Moment, als sie öffnete, drang aus dem Hörer Lukas’ aufgewühlte Stimme: „In seinem Wein war heute Abend etwas. Auf dem Weg in die Klinik ist er verschwunden. Falls er zu Ihnen kommt, müssen Sie unbedingt…“

Es klickte. Die Tür war auf.

Draußen stand der Mann, nach dem alle vergeblich suchten – makellos gekleidet im engen, schäbigen Treppenhaus.

Das fahle Licht des Treppenabsatzes fiel von hinten auf ihn und legte einen warmen Schein um seine Gestalt.

Eine Hand stützte sich auf den Türrahmen, die Knöchel weiß hervortretend, das Haar an der Stirn feucht. Hinter der goldgeränderten Brille lag eine unnatürliche Röte auf seinem Gesicht.

„Hallo? Frau Tannberg? Sind Sie noch dran?“, klang es weiter aus dem Hörer.

Im nächsten Moment nahm er ihr das Telefon aus der Hand.

„Ich bin es.“ Seine Stimme war tief.

Am anderen Ende schlug Lukas’ Ton sofort um, zurück in die gewohnte kühle Höflichkeit: „Verzeihen Sie, Herr Vohwinkel.“

Reinhard legte auf und reichte ihr das Telefon zurück.

Da stand er, ihr sonst so unnahbarer Verlobter, schweigend vor ihrer Tür, die Adern auf den Handrücken hervorgetreten, und hielt sich mühsam am Türrahmen aufrecht.

Mareike wusste nicht recht, ob sie ihn hereinbitten sollte.

Reinhard ließ ihr die Wahl nicht.

Er lockerte mit einer Hand die Krawatte und trat geradewegs ein.

„Warum hast du mich nicht abgeholt?“

Er machte sich nicht die Mühe, höflich zu sein. Sein Blick lag schwer auf ihr, und seine große, aufrechte Gestalt hatte etwas Bedrängendes.

Mareike roch den schweren Alkohol, und es durchzuckte sie.

Die Krawatte saß schief, als er sich vorbeugte und sie mit seinem Schatten überdeckte.

Sein makelloses Gesicht kam näher.

„Willst du mich nicht schon immer haben?“

„Herr Vohwinkel, Sie sind betrunken…“

Er umfasste ihr Handgelenk, die Handfläche glühend heiß.

„Magst du mich nicht? Schon die ganze Zeit?“

Mareike presste den Rücken gegen die Wand und sah hilflos, wie sein Gesicht näher kam, wie er ihren Hinterkopf in die Hand nahm und sich herabbeugte, um sie zu küssen.

Ihr Kopf war wie leergefegt.

Der leichte Weingeruch glitt zwischen ihre Lippen und verschluckte jeden Laut.

„Wie konntest du nur nicht kommen?“

Zwischen zwei Küssen brach in seine sonst so kühle Stimme eine schwere Glut. Zärtlich wischte er ihr die Feuchtigkeit von den Lippen.

„Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.“

Zehn Minuten später waren Mareikes Lippen rot und geschwollen, an einer Stelle leicht aufgeplatzt.

Ein sauberes Badetuch in der Hand, saß sie vor der Badezimmertür. Durch das Glas hörte sie das abgehackte, gequälte Stöhnen von drinnen.

Er arbeitete das Mittel aus seinem Körper.

Oder vielleicht war es nicht nur Qual.

Alle wollten wissen, wie eine so gewöhnliche Person wie Mareike sich je an einen Mann wie Reinhard hatte heranmachen können.

Doch niemand ahnte, dass es nur eine Zweckverlobung war, befristet auf anderthalb Jahre.

Mit siebzehn hatte Reinhard sie aus einem abgelegenen Bergdorf herausgeholt.

Er bezahlte ihre Ausbildung, ließ ihre kranke Schwester behandeln und schrieb ihr Schicksal eigenhändig um – er holte sie aus dem Elend und hob sie ganz nach oben.

Diese Schuld wog schwer.

So schwer, dass sie ihm in allem gehorchte und ihm nie auch nur eine Bitte abgeschlagen hatte.

Auch nicht die Verlobung.

Reinhard mochte sie nicht.

Er brauchte bloß eine Verlobte mit sauberer Vergangenheit, fügsam und verständig, um sich Ärger vom Hals zu halten.

Mehr nicht.

Mareike studierte seine Vorlieben und spielte ihre Rolle gewissenhaft, als wäre es ein Job.

Die Verlobung war fast ein Jahr alt, als diese anonymen Nachrichten auf ihrem Telefon auftauchten.

Der Absender behauptete, Reinhard habe früher eine große Liebe gehabt, die er einst ebenfalls gefördert hatte. Vor drei Jahren war sie ins Ausland gegangen, und er hatte sie die ganze Zeit über behütet.

Zwischen den Zeilen lag die Andeutung, Mareike sei nichts weiter als ein Ersatz für jene Frau.

Und diese große Liebe sei nun zurück und wohne in eben diesem Augenblick in einem seiner Hotels.

Mareike sah auf das Display und begriff: Man hatte sie nach Zimmer 2202 schicken wollen, damit sie Reinhards Untreue mit eigenen Augen sah.

Aber wie sah es wirklich aus?

Sie hob den Blick zur Badezimmertür hinter sich.

Hinter dem Glas bewegte sich ein verschwommener Schatten, Wasser rauschte, ab und zu drang ein unterdrücktes Keuchen heraus.

Wäre Reinhard heute Nacht nicht hier gewesen, hätte sie diesen Nachrichten vermutlich geglaubt.

Was zugleich hieß: Der Absender kannte weder seinen wahren Aufenthalt, noch war er die große Liebe selbst.

Sonst hätte sich dieses Durcheinander nie ergeben.

Aber wenn es diese große Liebe wirklich gab – warum kam er dann zu ihr?

Die Fragen schossen ihr durch den Kopf, dann schob sie sie beiseite.

Es spielte keine Rolle mehr.

Das Display warf Licht auf ihr ausdrucksloses Gesicht.

Endlich war ihre Gelegenheit gekommen.

Im vergangenen Jahr hatte Reinhard sie bis ins kleinste Detail kontrolliert, so eng, dass sie kaum atmen konnte. Dieser furchterregende Drang, alles zu beherrschen, hatte ein Maß erreicht, das ihr die Luft abschnürte.

Und nun bot sich ihr endlich eine Möglichkeit, sich abzusetzen, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen.

Lukas brachte rasch frische Kleidung und schilderte knapp die Lage.

Heute Abend hatte jemand ihrem Verlobten etwas in den Wein getan. Man hatte Anzeige erstattet, der Wein war zur Untersuchung gegangen.

Auf dem Weg in die Klinik hatte der sonst so beherrschte Reinhard plötzlich die Fassung verloren, den Fahrer fortgeschickt und sich allein zu ihr aufgemacht.

Danach übergab Lukas ihr die Verantwortung für ihn und ging.

Mareike blieb stehen und verarbeitete das alles.

Ein helles Pling.

Das Telefon meldete sich.

Mareike hielt es für eine weitere Ermahnung des Assistenten.

Doch als sie das Display entsperrte, war der Absender wieder jene anonyme Nummer, die nicht von ihr abließ.

Im Chatfenster lag nur ein einziges Bild.

Mareike öffnete es und wurde unvorbereitet getroffen.

Das Foto war mit Können gemacht – Licht, Bildaufbau, Stimmung saßen, und es knisterte vor erotischer Spannung.

Aber darauf war keine schöne Frau, keine wahre Liebe.

Sondern ein Mann.

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