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Kapitel 5

Autor: fishhh
Reinhard hatte viel zu tun. Kaum hatte er die Nacht überstanden, fuhr er schon vor neun zur Sitzung in die Königsfelder Niederlassung I.

Im Gehen sagte er zu Mareike: „Iss was.“

Sie nickte gehorsam, fragte sich aber, seit wann er an so etwas dachte.

Auf dem Tisch wartete ein einfaches Frühstück, aus den Vorräten in ihrem Kühlschrank – Lukas’ Werk, vermutlich.

Von Reinhard konnte es schwerlich stammen.

Als das Haus leer war, trat Mareike ans Fenster und sah gerade noch, wie er unten aus der Tür kam.

Der schwarze Rolls-Royce vor dem alten Wohnblock hatte zwischen den verwitterten Fassaden ringsum etwas Deplatziertes.

Der Fahrer hielt ihm die Tür auf und wartete. Reinhard glitt auf den Sitz, und von hinten hätte man ihn für ein Mannequin halten können, das eben vom Laufsteg kam.

Erst als der Wagen am Ende der Straße verschwand, löste sie sich vom Fenster.

Ihr erster Handgriff, kaum war er fort, galt dem Flugmodus, den sie am Abend zuvor eingeschaltet hatte.

Im selben Augenblick bebte das Telefon los, als hätte es sich etwas eingefangen.

Die Nachrichten kamen in Schüben, alle von derselben fremden Nummer. Wer auch immer da schrieb, bestürmte sie wie ein Wahnsinniger.

„Wo bist du?“

„Er ist bei dir?“

„Warum seid ihr zusammen?“

„Was hat er mit dir gemacht?“

„Das geht nicht…“

„Er darf dich nicht anrühren!“

Verpasster Anruf (1)

Verpasster Anruf (2)

Verpasster Anruf (3)

Verpasster Anruf (30)

„Er hat doch längst seine große Liebe – und du willst ihn trotzdem?“

„Warum gehst du nicht ran?“

„Geh ran!“

„Antworte.“

„Antworte.“

„Antworte.“

„AntworteAntworteAntworteAntworte…“

Zu Hunderten gingen die Nachrichten auf sie nieder, das Telefon hakte und stand kurz vorm Aufgeben, im Nu standen 99+ ungelesene Nachrichten da.

Mareike umklammerte das vibrierende Gerät, und ihr lief es kalt den Rücken hinunter.

Der andere wusste längst, dass Reinhard die Nacht bei ihr verbracht hatte – und trotzdem dieser Ton, als hätte man die beiden in flagranti erwischt, etwas Lauerndes, Unheimliches schwang darin mit.

Ihre Handflächen wurden feucht.

Sie tippte hastig.

„Wer bist du? Mit wem ich gestern zusammen war, was geht dich das an?“

„Wenn diese große Liebe, von der du redest, es fertigbringt, dass Reinhard die Verlobung löst, bin ich von allein weg.“

„Wenn’s sein muss, danke ich ihr persönlich und wünsche den beiden ein langes Glück.“

Sie schickte ab, und endlich kam das Telefon zur Ruhe.

Ehe sie aufatmen konnte, leuchtete eine neue Nachricht auf.

„Wirklich?“

Es zuckte in ihr.

Summ, summ.

„Bald.“

„Warte noch ein bisschen.“

Mareike starrte auf die paar Worte.

Aus dem Menschen wurde sie einfach nicht schlau.

Sie wählte alles aus, löschte es und sperrte die Nummer.

Irre.

Im Wagen, unterdessen.

„Herr Vohwinkel, das Blutbild ist da.“ Lukas reichte den Befund nach hinten, behutsam im Ton. „Der Alkoholwert war verschwindend gering, Substanzen ließen sich keine nachweisen.“

Das hieß: In jener Nacht war Reinhard bei klarem Verstand gewesen.

Er schien das längst zu wissen. Er rührte den Befund nicht an, hob nicht einmal den Blick.

Lukas entging nicht, dass auf Reinhards Lippe eine kleine Wunde saß, aufgeplatzt, rötlich, noch nicht verheilt und leicht nässend.

So etwas brachte man sich nicht selbst bei; was sich tags zuvor abgespielt hatte, ließ sich unschwer ausmalen.

Doch ein gewissenhafter Assistent mit Millionengehalt sah in solchen Momenten einfach weg. Manches lernte man besser zu übersehen.

Reinhard trank ungern. Alkohol raubte einem den Verstand und entlockte einem Blößen.

In jener Nacht hatte er bloß einen passenden Vorwand gebraucht.

Ein Ehrenmann war er nicht. Es störte ihn wenig, mit ein paar Kniffen die Distanz zu seiner Verlobten zu verkürzen.

Noch hing ihm der Duft an, den Mareike so oft an sich trug – er hatte am Vortag ihr Duschgel benutzt. Mit geschlossenen Augen lehnte er im Leder zurück, auf dem Handrücken ein blasser Bissabdruck. Sein Finger fuhr die Spur nach, als läge sie noch immer an ihm.

Tief befriedigt, wie lange nicht mehr, kehrte er in Gedanken zur ersten Begegnung zurück.

Drei Jahre war es her, dass er im Süden ein Kernfusionsprojekt besichtigt hatte und Mareike ihm vor den Wagen gelaufen war.

Aufs Geld habe sie es abgesehen, da war er sicher. In all den Jahren hatte er zu viele kommen sehen, die nach oben wollten, ein Schwarm, der sich am Licht verbrannte und dem schon der nächste folgte.

Ihr unbeholfener Trick war ihm also reichlich plump erschienen.

Den Monat über, den die Besichtigung dauerte, tauchte sie immer wieder auf, jedes Mal still, aus einer Ecke unweit von ihm, und sah ihm einfach zu.

Mit diesen schönen, scheinbar weltfremden großen Augen.

Wie von selbst kehrte sein Blick stets zu ihr zurück.

Zum Abschied gab er ihr Geld für ihre Ausbildung.

Ein Jahr darauf bestand sie, wie erhofft, die Aufnahme in Königsfeld und stand auf einmal an seiner Seite.

Unter dem Vorwand der Dankbarkeit fühlte sie ihm mehr als einmal auf den Zahn, suchte seine Nähe, und immer fiel dabei eine vertrauliche Berührung ab.

Sie umsorgte ihn, schmeichelte ihm, und sah sie ihn, trat ihr jedes Mal dieser hingerissene Glanz ins Gesicht, allein wegen seiner Erscheinung.

Stand in den Nachrichten etwas über die Velora Gruppe, schickte sie es ihm sofort weiter, in den höchsten Tönen, was für ein großartiger Mann er war.

Es war von einer Süße, die fast zu viel war, und anfangs ging es ihm ein wenig auf die Nerven.

Doch nach und nach fand er einen eigenen Reiz daran.

Liebe oder Zuneigung nannte er das vorerst nicht – Menschen seines Schlages fühlten dafür zu wenig. Reinhard war ohne einen Funken Liebe in der eigenen Familie aufgewachsen. Dieses Gefühl, das die Menschen unter sich vereinbart hatten, war ihm fremd.

Er fand nur, es tat ihm gut, sie um sich zu haben.

So gut, dass er ohne Zögern seine Mittel in Bewegung setzte, um alles über sie zu erfahren: wohin sie täglich ging, mit wem sie verkehrte.

Sonderbar – er fing sogar an, nachts von ihr zu träumen.

Wie sie sich dicht zu ihm beugte und redete, wie ihre Augen feucht glänzten, davon, wie sie unter ihm lag.

Er begann, sie zu begehren wie ein Besessener.

Das Verlangen wuchs mit jedem Tag. Zu Anfang ließ es sich noch bändigen. Er müsste sich eben gedulden, fand er, obwohl ihm Geduld noch nie gegeben gewesen war.

Doch von einem bestimmten Tag an ging sie auf Abstand, und der schnitt wie ein stumpfes Messer ins Fleisch und ließ ihn nachts nicht schlafen.

Schließlich war das Verlangen nicht mehr zu bändigen. Er griff in ihr Leben ein, überwachte ihre Wege, hielt ihren Umgang kurz, ließ sich jede ihrer Regungen melden.

Was er haben wollte, wurde am Ende immer das Seine – erkämpft oder genommen, mit allen Mitteln.

Sie war es gewesen, die zuerst auf ihn zugekommen war.

Also gehörte sie in seine Hand, für immer, unter seinen Augen.

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