Compartilhar

Kapitel 6

Autor: fishhh
Am Nachmittag standen nur zwei Vorlesungen an.

Mareike hatte das Unigelände noch nicht verlassen, da rief Reinhard an.

Dass er sich selbst meldete, kam selten vor. Er hatte eine Unterlage in ihrer Wohnung liegen lassen.

„Heute Abend fliege ich ins Ausland. Bringst du sie mir vorbei? Ich schicke dir einen Wagen.“

Sie trat mit dem Telefon am Ohr aus dem Tor und fing neben sich das aufgeregte Gerede zweier Studenten auf. „Krass, hier fährt das große Geld vor.“

„Es soll im ganzen Land nur eine Handvoll davon geben. Was macht so ein Wagen im Univiertel?“

Mareike hob den Kopf. Ein schwarzer Wagen war lautlos vor ihr zum Stehen gekommen.

Die Beifahrertür ging auf, ein Mann in Fahreruniform stieg aus, ein freundliches Gesicht, ging um den Wagen herum und öffnete ihr die Tür.

„Frau Tannberg, bitte.“

Den beiden Studenten blieb das Wort im Hals stecken.

Reinhard hatte den Wagen also schon mit dem Anruf losgeschickt, genau auf das Ende ihrer Vorlesung abgestimmt, das war Mareike klar.

In der Wohnung lag die Unterlage tatsächlich in der Küche. Er traute ihr offenbar, hielt sie nicht für jemanden, der Geheimnisse stiehlt.

Auf dem Papier waren ein paar eingetrocknete Wasserflecken. Als sie es aufhob, kam ihr ein Gedanke.

Hatte Reinhard etwa das Frühstück gemacht?

Wie sonst kam ein von ihm unterschriebenes Schriftstück neben das Spülbecken?

Bald fuhr der Wagen in die Königsfelder Niederlassung I der Velora Gruppe ein.

In der Lobby des noblen Bürohauses warteten viele Leute, jeder mit einer Projektmappe in der Hand.

Reinhard tagte heute in dieser Niederlassung, und kaum hatte sich das herumgesprochen, zogen sie heran wie Haie, die Blut gewittert hatten.

Etliche von ihnen waren Gründer junger Firmen, die Begabtesten ihres Fachs, und drängten sich hier nur in der Hoffnung, ein einziges Mal gesehen zu werden.

Mareike ging mit der Unterlage zum Empfang.

Die Empfangsdame sortierte mit gesenktem Kopf Paketscheine. Beim Geräusch streifte ihr Blick kurz Mareikes Gesicht – eine junge Frau in T-Shirt, Jeans und mit Stoffbeutel, keiner zweiten Blicks wert.

Bis Mareike sagte: „Guten Tag, ich heiße Mareike Tannberg, ich bringe eine Unterlage.“

Da kippte die Miene der Empfangsdame ins Lächeln. „Sind Sie die Frau Tannberg, die Herrn Vohwinkel die Unterlage bringt?“

Mareike nickte und spürte, wie die andere sie von oben bis unten abschätzte.

Jung und hübsch, gewiss, aber mehr auch nicht. Davon gab es im Univiertel an jeder Ecke welche.

Beim besten Willen ließ sich nicht zusammenreimen, was so eine Frau mit Herrn Vohwinkel zu schaffen haben sollte.

„In Ordnung. Nehmen Sie bitte rechts den ersten Direktaufzug, die Freigabe steht.“

Mareike dankte und ging zum Aufzug.

Kaum war sie außer Sicht, beugte sich die Empfangsdame über die Tastatur, die Finger flogen über die Tasten, mitten hinein in den Klatsch.

In der Chatgruppe lief die Sache längst.

Ihr Chef war gut aussehend und steinreich, ließ sich von Frauen aber grundsätzlich nicht aus der Ruhe bringen.

Einmal hatte eine Praktikantin zu viele Liebesromane gelesen und es auf die schnelle Tour versucht: Sie kippte ihm den Kaffee über den Anzug, um ihn dann mit dem Taschentuch abtupfen zu dürfen.

Reinhard hatte höflich abgewinkt und gleich darauf seine Cheffassistentin angewiesen, die Praktikantin nach Hause zu schicken – und die Rechnung für den Anzug an ihre Mail nachgeschickt. Ein hoher sechsstelliger Betrag, genug, um einer frischgebackenen Berufseinsteigerin den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Ein Exempel, das saß. Seither wagte niemand mehr, ihm zu nahe zu treten.

Weil er sich derart unnahbar gab, waren die, die ihn in den letzten Jahren umgarnen wollten, allmählich dazu übergegangen, ihm statt Frauen Männer ins Bett schicken zu wollen – die Sache nahm immer absonderlichere Züge an.

Dann verkündete er aus heiterem Himmel seine Verlobung, am Mittelfinger ein Ring.

Wie man es auch drehte, es sah nach einer Notlösung aus, zu der ihn der Druck von außen getrieben hatte.

So hatten es ohnehin alle gelesen.

Doch vor einer halben Stunde hatte Lukas dem Empfang plötzlich durchgegeben, Herrn Vohwinkels Verlobte war unterwegs.

In der Klatschgruppe der Königsfelder Niederlassung ging daraufhin der Teufel los.

Zur selben Zeit, im Konferenzraum der obersten Etage.

Wer heute in Königsfeld in der Sitzung saß, fand Herrn Vohwinkel ein wenig verändert.

Es war vielen aufgefallen: An seinem Hals saß eine zweideutige rote Spur, halb vom Hemdkragen verdeckt, die bei seinen Bewegungen immer wieder hervorblitzte.

Im Raum war es still, verstohlen wanderten verblüffte Blicke hin und her.

Bei einem gewöhnlichen Menschen mochte das angehen – aber das hier war der Maschinenmensch an der Spitze der Velora Gruppe.

Ein Mückenstich vermutlich. Sicherheitshalber noch einmal hinsehen.

Aber gab es im April schon Mücken?

Reinhard zeigte heute zwar keine Regung, doch er wirkte spürbar sanfter, etwas Zufriedenes, Gelöstes lag über ihm, wie nach einer erfüllten Nacht.

Der Marketingleiter trug seinen Bericht mit klopfendem Herzen vor. Schon mehrmals hatte er gesehen, wie der Chef zum Telefon griff.

Da, von irgendetwas aufgeschreckt, erhob sich Reinhard.

Die anderen verstummten mit dem nötigen Gespür auf der Stelle.

„Fahren Sie fort.“

Mit diesem Wort gab er der Runde das Zeichen weiterzumachen, wandte sich um und ging.

Die anderen sahen ihm nach und blickten einander fragend an.

Als der Aufzug aufging, stand Lukas bereits davor.

„Frau Tannberg.“

Er führte sie nach oben. „Herr Vohwinkel ist noch in der Sitzung. Warten Sie bitte solange im Aufenthaltsraum.“

„Genügt es nicht, wenn ich Ihnen die Unterlage gebe?“

„Herr Vohwinkel hat angeordnet, dass Sie sich hier ausruhen.“

Im Büro blieben nur Mareike und Lukas zurück.

Eine seltene Gelegenheit.

Mareike zögerte, dann zog sie ein Heft hervor. „Herr Behrend, ich würde Sie gern um Rat fragen.“

Lukas nahm es erst nach kurzem Zögern, blätterte. „Das ist Stoff aus Wirtschaft und Management.“

„Ich will das Fach wechseln.“

Lukas hatte seinen Master mit Vollstipendium an einer Spitzenuniversität gemacht, ausgerechnet in der Richtung, in die Mareike wollte.

Er sah auf. „Haben Sie das mit Herrn Vohwinkel besprochen?“

Mareike hielt inne. „Werde ich noch.“

Er gab ihr das Heft zurück, und in seinen Worten lag ein Hintersinn. „Frau Tannberg, vor jeder wichtigen Entscheidung würde ich Herrn Vohwinkel zuerst ins Bild setzen.“

„Mein Vertrag läuft bald aus, ich will Herrn Vohwinkel nicht zu sehr behelligen, deshalb dachte ich, erst Sie…“

„Überlegen Sie es sich gut.“

Lukas fiel ihr rasch ins Wort und warf einen Blick zur Tür. „Wenn Sie später ins Investmentbanking oder in die Beratung wollen, lösen Sie sich nicht von Herrn Vohwinkel. Mit ihm im Rücken bekommen Sie eine Bühne und einen Start, an die andere ein Leben lang nicht herankommen.“

Er fragte: „Die Leute unten haben Sie doch sicher gesehen, als Sie kamen?“

Tag für Tag stellten sich Unzählige die Beine in den Bauch, nur um von Reinhard überhaupt bemerkt zu werden – und sie hatte, ohne einen Finger zu rühren, längst ihren Platz.

So jung schon an solche Möglichkeiten zu kommen, so viel Glück, das ließ einen leicht vergessen, wo man herkam.

Mareike drückte herunter, was in ihr aufstieg. „Danke, Herr Behrend.“

Sie standen am Tisch, und beim Reden fiel Mareikes Haar nach vorn, fast in die Kaffeetasse. Lukas sah es und strich ihr, ehe er es recht bedachte, die Strähne zurück.

In diesem Augenblick ging die Bürotür auf.

Jemand klopfte an den Rahmen.

„Worüber unterhaltet ihr euch?“

Reinhard beendete die Sitzung irgendwann. Er lehnte am Türrahmen, den Blick ohne jede Wärme zwischen die beiden gelegt.

Lukas schob seine Unterlagen über das Heft auf dem Tisch, das Gesicht unbewegt. „Herr Vohwinkel, Frau Tannberg war neugierig auf Ihren Reiseplan und hat mich ein paar Dinge gefragt.“

Reinhards Blick sank, glitt über die Strähne, die zurückgestrichen worden war.

„So?“ Er sah zu Mareike.

Mareike presste die Lippen aufeinander und brachte ein scheues Lächeln zustande. „Ich wollte wissen, wann Sie zurückkommen, da habe ich Herrn Behrend gefragt.“

Reinhard betrachtete forschend ihr Profil.

„Die Reise dauert voraussichtlich zwei Wochen.“ Sein Ton blieb gleichmütig.

„Und solange wir uns nicht sehen, darf ich Ihnen schreiben?“, fragte Mareike.

„Privat bleibt mir kaum Zeit.“ So sagte er es, doch unwillkürlich wurde sein Ton weicher. „Du darfst.“

Continue a ler este livro gratuitamente
Escaneie o código para baixar o App

Último capítulo

  • Nur ihre Berührung   Kapitel 30

    Als die Haut rasch rot anlief und beim Weiterreiben wohl bald geblutet hätte, kramte Tobias hastig ein Medikament aus der Tasche und reichte es ihm.Es war ein Beruhigungsmittel, das Lukas bei der Übergabe bereitgelegt hatte, gemischt mit einem Schmerzmittel. Der Chef musste es Lukas zufolge stets bei sich tragen.Reinhard verabscheute Berührungen durch andere zutiefst. In schweren Fällen reagierte er mit Erbrechen, sogar mit Dehydrierung, und brauchte ein solches Mittel, um sich zu beruhigen.Tobias hatte anfangs nur an eine Art Reinlichkeitszwang oder eine psychische Blockade gedacht, hätte aber nicht erwartet, dass eben ein paar Berührungen durch die Frau, noch dazu durch den Ärmel, eine so heftige Reaktion auslösten.Die Hand mit dem Medikament blieb in der Luft hängen.Reinhard hob plötzlich den Kopf. Sein Blick fing den forschenden Ausdruck auf, den Tobias nicht rechtzeitig verborgen hatte. In seiner Stimme lag unterdrückte Kälte.„Raus.“Tobias erschauderte und zog sich eilig au

  • Nur ihre Berührung   Kapitel 29

    Der Wagen kehrte zum „Goldenen Abend“ zurück.Das heutige Festbankett fand im luxuriösesten Hotel von Königsfeld statt.Es war das erste Dinner, das die Delegation aus Calbria nach Abschluss der Verhandlungen im Inland gab.In den vergangenen zweiundsiebzig Stunden hatte Reinhard ununterbrochen unter Hochdruck gearbeitet und kaum ein Auge zugetan. Er hatte die ursprünglich auf vier Tage angesetzte Karibikreise bis zum Äußersten zusammengestaucht, die Verhandlung mit aller Macht auf anderthalb Tage gedrückt und dafür enorme Gewinne abgegeben.Die Vertreter der Gegenseite hatte er mit blutunterlaufenen Augen in die Enge getrieben, und auch ihm selbst standen vor Erschöpfung und ständigem Taktieren die Übermüdung ins Gesicht geschrieben. Sogar Tobias sorgte sich, sein Chef könnte jeden Moment zusammenbrechen.Kaum war die Verhandlung beendet, verlangte Reinhard, sofort heimzukehren.Tobias kontaktierte über Nacht die Fluggesellschaft, um die Privatroute zu ändern, und nach siebzehn Stunde

  • Nur ihre Berührung   Kapitel 28

    Der Fahrer steuerte den Wagen wie angewiesen zu einer Bushaltestelle nahe dem Geschäftsviertel.Tatsächlich sahen sie an der Haltestelle am Lindenufer die dünn bekleidete Mareike auf den Bus warten.Sie stand einsam unter einer Straßenlaterne, hinter sich das prächtige Neon der nächtlichen Stadt, als wollte es sie ganz verschlingen.Ihre Schultern waren schmal, die Nasenspitze gerötet.Durch Reinhards Inneres zog plötzlich eine fremde Empfindung.Er hatte nicht viel Erfahrung im Umgang mit jungen Frauen und war es gewohnt, Probleme auf harte Weise zu lösen. Ob die Cousinen der Familie oder die Töchter der Geschäftspartner, begegneten ihm die meisten höchst ehrerbietig, glatt und schmeichelnd.Als er Mareike allein auf den Bus warten sah, wurde ihm wieder einmal klar:Er sollte sie wohl nicht nach dem alten Muster behandeln.…Der Nachtwind war kalt.Mareike stand an der Bushaltestelle und spürte das Fieber steigen. Ihr Kopf war benommen, die Lippen trocken und blass.Vorhin, als sie zu

  • Nur ihre Berührung   Kapitel 27

    Jetzt, da einer fehlte, herrschte im Wagen Stille.Reinhard saß im Schatten und betrachtete seine Finger.Auf seinen Fingerkuppen haftete noch die weiche Berührung – wie eine süchtig machende Substanz, von der man schon bei der kleinsten Berührung nicht mehr loskam.Dieser Zustand würde sein Urteilsvermögen trüben.Reinhard zog ein Seidentuch hervor und wischte langsam die Finger ab, doch jene Weichheit schien in die Haut eingesickert und ließ sich auch nach vielen Versuchen nicht vertreiben.Auf dem Beifahrersitz trug Tobias Mareikes heutigen Tagesablauf Punkt für Punkt vor.Reinhard hörte still zu Ende und sagte ruhig: „Hatte ich nicht angeordnet, dass die ihr nicht mehr zu nahe kommen sollten?“Schlagartig wurde die Luft im Wagen drückend.Auch Tobias’ Miene veränderte sich leicht, fast wäre ihm der Schweiß heruntergelaufen. „Verzeihung, Herr Vohwinkel, ich kümmere mich darum.“Der sonst so beherrschte Reinhard zeigte selten solche Momente offener Gefühle. Seine Miene war düster, se

  • Nur ihre Berührung   Kapitel 26

    Durch das schwarze, einseitig verspiegelte Glas war nicht zu sehen, was drinnen vorging. Alle warteten stillschweigend draußen.Im Wagen drohte die Stimmung zu gefrieren.Unter Reinhards vornehmer, kühler Fassade kam ein Stück seiner wahren Gefühle zum Vorschein – die Spitze des Eisbergs.Mareike war am ganzen Körper angespannt, ihr Kinn fest umfasst. An Reinhards Fingern saß noch der Verlobungsring; auf seinem Handrücken traten leicht die Adern hervor, und eine dichte Düsternis lag um ihn.Das kalte Metall drückte gegen ihre Haut. Er zog sie ganz nah heran, sein scharfer Blick fiel auf ihr Gesicht.„Warum, wegen dieses Menschen?“Seine Hand war groß und schön, die Finger lang; sie konnte ihr halbes Gesicht bedecken – hell und feingliedrig, wie geschaffen für ein Handmodel.Mareikes Atem stockte. Die Haut, auf die er gedrückt hatte, färbte sich rasch rot, und ihr heißer Atem strich unaufhörlich über seine Handfläche. Die weiche Berührung unter seinen Fingerkuppen löste in ihm einen suc

  • Nur ihre Berührung   Kapitel 25

    Mareike wusste, dass sie dankbar sein sollte.Reinhards erste Reaktion, nachdem ihr etwas zugestoßen war, war gewesen, sie zu rächen, und mit leichter Hand hatte er geschafft, was ihr selbst nie gelungen war.Der beste Weg, ein Gerücht zu ersticken, war, ein größeres in die Welt zu setzen. Seine Rache traf einen gewöhnlichen Menschen wie ein Schlag aus einer anderen Liga, stark genug, ein noch gar nicht begonnenes Leben zu zerstören.Doch sie konnte ihre Gefühle nicht einfach abschalten.In ruhigen Momenten quollen jene Bilder unkontrolliert hervor: wie Dominik mit der Plastiktüte über dem Kopf zitternd auf dem Boden kniete, das Gesicht blau angelaufen. Das Bild zerrte unaufhörlich an ihren Nerven.Nicht nur Dominik, auch jener junge Mann, der sie im Hörsaal öffentlich gedemütigt hatte, war seit Kurzem verschwunden.Die Fakultät hatte nichts öffentlich bekannt gegeben, doch Mareike konnte sich den Grund seines Verschwindens denken. Gerade deshalb wagte sie nicht, ihn zu Ende zu denken

Mais capítulos
Explore e leia bons romances gratuitamente
Acesso gratuito a um vasto número de bons romances no app GoodNovel. Baixe os livros que você gosta e leia em qualquer lugar e a qualquer hora.
Leia livros gratuitamente no app
ESCANEIE O CÓDIGO PARA LER NO APP
DMCA.com Protection Status