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Kapitel 7

Autor: fishhh
Mareike reichte ihm die Unterlage.

Reinhard nahm sie und legte sie, ohne hinzusehen, auf den Tisch.

Die Sache war erledigt, und ehe Mareike sich verabschieden konnte, sagte er unvermittelt: „Mir geht es heute nicht besonders.“

„Wo tut es weh? Ist es schlimm?“ Mareike fand im rechten Moment den besorgten Ton.

Dass ihre erste Reaktion Sorge um ihn war, ließ Reinhard die Wimpern senken, und über das kühle, vornehme Gesicht legte sich ein Schatten von Müdigkeit.

„Halb so wild, das kommt von dem Mittel gestern. Sobald es abgebaut ist, gibt sich das wohl. Mach dir keine Gedanken.“

Lukas stand daneben und traute seinen Ohren kaum.

Hätte er nicht gewusst, dass am Wein des Vortags nichts gewesen war und nicht einmal Alkohol in Reinhards Körper gesteckt hatte, beinahe hätte er ihm das abgenommen.

Spielten Kapitalisten auch noch so überzeugend Theater?

Er hatte seine Miene wohl nicht ganz im Griff, denn als er beiläufig aufsah, traf ihn Reinhards kühler Blick.

Mit dem nötigen Gespür trat Lukas einen Schritt zurück und mahnte zur rechten Zeit: „Herr Vohwinkel, wir sollten zum Flughafen. Ich warte an der Tür.“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Im Büro waren nur noch sie beide.

„Komm her.“

Reinhards Stimme holte Mareike zurück.

Sie trat zu ihm, dachte dabei aber: „Hat er nicht seine wahre Liebe? Wann gedenkt er ihr die Trennung beizubringen?“

Man hörte, dass Leute seines Schlages sich bei Trennungen großzügig zeigten – eine üppige Abfindung, mitunter sogar eine Immobilie.

Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. „Woran denkst du?“

Mareike wandte sich ihm zu, der Blick weich und warm, als läge ein feuchter Schimmer darin.

„Ich habe Ihnen gestern den Hals zerkratzt. Sind Sie mir böse?“

Reinhards Züge lösten sich ein wenig. Er strich ihr die ins Gesicht gefallenen Strähnen hinters Ohr. „Nein.“

Seine Finger waren kühl, fuhren wie in der Nacht über ihr Ohr und glitten den Nacken hinab, nicht zu sacht und nicht zu fest, als streichle man eine Katze.

„Die Spuren, die du hinterlässt, stören mich nicht.“

Gemessen an dem sonst so förmlichen Umgang der beiden war das eine offene Grenzüberschreitung.

Mareike zwang sich, nicht zurückzuweichen.

Mit ihren Haarsträhnen schien Reinhard besondere Geduld zu haben; wieder und wieder fuhr er hindurch, kämmte, strich.

Zuletzt rieb der Daumen kaum spürbar an ihrem Hals und ließ aus dem Nichts etwas verfänglich Vertrautes entstehen.

Während sie noch in Gedanken war, hörte sie ihn sagen: „Dein Haar ist ziemlich lang geworden.“

Sie stutzte, kam nicht gleich mit.

Einen Atemzug später aber begriff sie, und ihr Körper erstarrte.

Mühsam hob sie die Brauen, die Stimme so weich wie immer. „Gut, ich lasse es schneiden.“

Reinhard drückte ihr die Schulter. „Ruh dich noch aus, bevor du gehst. Der Fahrer bringt dich.“

Mareike nickte, ließ sich auf das breite Sofa sinken und sah ihm nach.

Mit einem Mal war es ganz still im Büro.

Das einzige Geräusch war, wie Reinhard von draußen die Tür zuzog.

Lukas wartete im Flur und drückte, als Reinhard heraustrat, schon den Aufzugknopf.

Während sie warteten, kam von der Seite die kühle Stimme: „Wie weit ist die Übernahmeprüfung bei Westmark?“

Lukas referierte zügig den Stand der Übergabe.

Reinhard machte ein zustimmendes Geräusch. „Den heutigen Termin übernimmt Tobias Köhler mit mir. Du meldest dich morgen bei Westmark und begleitest die Integration nach dem Abschluss.“

Lukas hielt für einen Moment inne.

Dann fügte er sich. „In Ordnung, Herr Vohwinkel.“

Er stieg nicht mit ein, sondern sah Reinhard nur nach, wie er in den Aufzug trat.

Ein paar Minuten später kam Mareike aus dem Büro und wollte nach unten.

Weil ihr ein bisschen flau war und sie etwas Süßes brauchte, wollte sie sich im Vorbeigehen aus der Teeküche ein paar Stücke Schokolade holen.

Doch da drangen gedämpfte Stimmen heraus.

Ein paar neue Praktikanten standen mit dem Rücken zur Tür, dem Aussehen nach nur ein paar Jahre älter als sie.

„Die da? Herrn Vohwinkels Verlobte? Sieht auch nicht nach viel aus.“

„In der Zentrale heißt es, sie kommt aus den Bergen, früher mal Stipendiatin in einem Förderprogramm des Konzerns.“

„Ich hätte gedacht, jemand wie Herr Vohwinkel nimmt sich wenigstens eine von Rang…“

Die Teeküche, wie immer die Hochburg des Tratschs.

In ihrem Ton schwang Geringschätzung mit, als wäre Mareike nicht vorzeigbar.

Seit der Verlobung bekam Mareike solche Stimmen immer wieder zu hören. Ob die Leute sie kannten oder nicht, für alle war sie eine Frau, die es aufs Geld abgesehen hatte.

Bloß glaubte niemand, dass sie sich nie auch nur einen Moment in einen Kreis hatte drängen wollen, in den sie nicht gehörte.

Bei diesen Worten wurde Mareike nicht zornig. Gegen das, was sie früher gehört hatte, war das beinahe freundlich.

Nur gegen Ende fand sie es dann doch ein wenig öde.

Sie schob einfach die Tür auf, sah in lauter erstarrte Gesichter und sagte ihnen aufrichtig Mut zu: „Gewöhnlich bin ich tatsächlich.“

„Wenn ihr mögt, könnt ihr ja auch um Herrn Vohwinkel werben.“

Sie wünschte ernsthaft, es gelänge jemandem.

Schade nur, dass die andere Seite es jedes Mal für eine Provokation hielt.

Entweder erbleichten sie, oder sie stolperten, so wie jetzt, mit hochrotem Kopf hinaus.

Als Mareike den Aufzug erreichte, kam ihr eine nach, formte mit bebenden Lippen eine Entschuldigung.

Wohl aus Furcht, Mareike könnte es Reinhard zutragen, und dann wäre der gut bezahlte, glänzende Posten vielleicht dahin.

„Schon gut, keine Entschuldigung nötig.“ Mareike lächelte. „Ihr habt ja recht.“

Die Ruhe, die das Sperren jenes lästigen Anrufers gebracht hatte, hielt ganze einen Tag.

Als Mareike am nächsten Morgen erwachte, lagen ein paar neue Nachrichten auf ihrem Telefon.

Von einer neuen anonymen Nummer.

„Bist du sauer? Tut mir leid.“

Der Ton war vertraulich, als wären die beiden alte Freunde.

„Sei nicht mehr böse, es ist seine Schuld. Warum darf er dir überhaupt nahekommen?“

„Was habt ihr letzte Nacht gemacht?“

„Beachte mich, beachte mich beachtemichbeachtemichbeachtemich …“

Die dichten Zeichen krochen wie Ameisen über den Bildschirm, etwas Kaltes, Feuchtes, Schleimiges, das an eine Qualle aus der Tiefsee denken ließ.

Mareike verzog das Gesicht, sperrte die Nummer und löschte die Nachrichten.

Doch im nächsten Moment ploppte eine neue Nummer auf.

„Schon wieder gesperrt. Was für eine Laune.“

„Bringt nichts, ich finde dich sowieso.“

„Ich will dich sehen, ich will dich so sehr sehen…“

Dieser Mensch hatte den Verstand wohl ein Stück weit verloren, fand Mareike.

Dass Reinhard in ihrer Wohnung gewesen war, schien den anderen in helle Aufregung versetzt zu haben – aber wann hatte sie sich diesen Ärger eingehandelt?

Sie ging ihr Gedächtnis durch, suchte nach jemandem, der Reinhard und sie beide einigermaßen kannte.

Doch nichts wollte zusammenpassen.

Während die Nachrichten sich immer höher stapelten, sah Mareike ein, dass Sperren nichts brachte, und stellte das Telefon kurzerhand stumm.

Mochten sie sich türmen, soweit sie wollten – sie öffnete keine mehr.

Endlich war Ruhe.

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