FAZER LOGINSie kehrten viel später in jener Nacht nach Hause zurück.
Das Haus war still auf eine Weise, die Henry nie zuvor bemerkt hatte. Nicht die friedliche Art von Stille, die mit Ruhe einherging, sondern die unbehagliche, die einen Ort leer wirken ließ, selbst wenn die Lichter brannten. Die Haustür schloss sich hinter ihnen, der Laut hallte leicht wider, als lauschten die Wände selbst. Mrs. Willis stand im Wohnzimmer. Sie war die Einzige dort. Henry kam zuerst herein und lockerte gedankenverloren die Krawatte. Aus Gewohnheit, ohne auch nur hinzuschauen, streifte er den Mantel von den Schultern und streckte ihn zur Seite. Jahrelang hatte diese einzige Bewegung gereicht. Diana war immer da gewesen. Immer wartend. Immer bereit, ihn ihm abzunehmen, egal wie spät er zurückkam oder wie kalt sein Gruß war. Aber heute Abend geschah nichts. Seine Hand blieb einen kurzen Moment in der Luft. Er runzelte leicht die Stirn, verwirrt, dann drehte er sich um und legte den Mantel selbst über die Rückenlehne eines Stuhls. Die Handlung fühlte sich seltsam an, unvollständig, als fehle etwas. Er bemerkte es, aber er verweilte nicht dabei. Selena bemerkte es sofort. Sie stand still, die kleinen Augen musterten das Wohnzimmer, als erwarte sie, dass ihre Mutter hinter einer Tür oder aus dem Flur auftauche. Gewöhnlich hätte Dianas Stimme sie bereits gerufen, gefragt, wie ihr Tag gewesen sei, sie erinnert, sich die Hände zu waschen, gelächelt, selbst wenn sie müde war. Heute Abend war nichts. Keine Stimme. Keine Schritte. Keine vertraute Wärme. Selenas Blick wanderte zu dem kleinen Tisch neben der Couch. Er war leer. Kein Glas. Kein Strohhalm. Kein Milchshake. Ihr Gesicht verzog sich leicht. „Papa“, sagte sie, die Stimme jetzt kleiner, und zupfte sanft an Henrys Ärmel. „Wo ist Mama?“ Henry schaute sich um und seufzte dann. „Sie ist wahrscheinlich müde und früh ins Bett gegangen“, sagte er, obwohl Unsicherheit in seinem Ton lag. Selena schüttelte den Kopf. „Mama schläft nicht früh“, bestand sie. „Und sie macht mir immer um diese Zeit meinen Erdbeer-Milchshake.“ Sie hielt inne und fügte dann stur hinzu: „Ich will jetzt einen.“ Henry zögerte. Er öffnete den Mund, um es abzutun, dann hielt er inne. Er hatte ihr noch nie einen Milchshake gemacht. Er hatte es nie gebraucht. Diana hatte es immer getan, still, ohne jemanden zu erinnern. Er trat näher zu Selena und legte die Hand auf ihre Schulter. „Wir können sie wecken, wenn du willst“, sagte er. Mrs. Willis räusperte sich. Henry drehte sich zu ihr um und bemerkte ihren Ausdruck zum ersten Mal richtig. Sie sah besorgt aus. Ihre Augen waren leicht gerötet, als hätte sie Tränen zurückgehalten. In den Händen umklammerte sie einen Umschlag fest, wie etwas Zerbrechliches, das sie fürchtete fallen zu lassen. „Sir“, begann sie vorsichtig, „ich weiß, es steht mir nicht zu, etwas zu sagen, aber Mrs. Golding war dieser Familie sehr ergeben.“ Henry runzelte die Stirn. „Wovon reden Sie?“, fragte er, die Stimme flach. Mrs. Willis schluckte. „Heute…“ Sie hielt inne, die Stimme zitterte. „Heute hat sie gebrochen.“ Henry schnaubte leicht, unbeeindruckt. „Das ist dramatisch“, sagte er. „Diana ist immer emotional.“ Mrs. Willis schüttelte langsam den Kopf. „Herr Golding, Sie wissen, wie sehr sie sich um Sie kümmert. Um Selena. Um dieses Haus.“ Etwas verschob sich. Henry spürte es, bevor er es verstand. Erinnerungen tauchten plötzlich auf, ungebeten, krachten eine nach der anderen in seinen Geist. Er erinnerte sich, wie er fast jeden Abend spät nach Hause kam, erschöpft und gereizt. Er stieß die Tür auf, warf den Mantel in Dianas Richtung, ohne ihr Gesicht anzusehen, und ging vorbei. Sie fing ihn immer auf. Immer. Selbst wenn er ihren Gruß nicht erwiderte. Selbst wenn er tat, als sei sie Teil der Möbel. Doch sie hatte sich nie beklagt. Er erinnerte sich an die unzähligen Abende, an denen er erschöpft von der Arbeit auf der Couch einschlief. Er wachte Stunden später auf und fand die Schuhe ausgezogen, den Mantel ordentlich gefaltet, eine Decke sorgfältig um ihn gelegt. Er hatte nie gefragt, wer es getan hatte. Er hatte sich nie bedankt. Er erinnerte sich an die Nacht, in der er ernsthaft krank war und unkontrolliert im Bett hustete. Diana war näher getreten, ihre Hand streckte sich nach seiner Stirn aus. „Fass mich nicht an“, hatte er geschnauzt. „Versuchst du, mich wieder zu betäuben?“ Die Erinnerung zog seine Brust zusammen. Sie hatte leise aufgestöhnt, Angst blitzte über ihr Gesicht. „Du hast Fieber“, hatte sie gesagt. Er erinnerte sich, wie sie ihm aus dem Haus half, sein Körper schwach, seine Schritte schleppend. Er hatte sich schwer auf sie gestützt, ohne nachzudenken. „Wo… wo bringst du mich hin?“, hatte er gefragt. „Ins Krankenhaus“, hatte sie ohne Zögern geantwortet. Henry schluckte. Das Wohnzimmer fühlte sich jetzt kleiner an. Stiller. Er schaute zurück zu Mrs. Willis, die aufgehört hatte zu sprechen, als hätte sie genug gesagt. „Sie hat mich gebeten, Ihnen das zu geben, bevor sie heute Abend gegangen ist“, sagte Mrs. Willis leise und streckte ihm den Umschlag entgegen. Henry runzelte die Stirn und nahm ihn. „Es ist Ihre unterschriebene Kopie“, fügte sie leise hinzu. Er starrte auf den Umschlag, Verwirrung schlich sich ein. Seine Finger umklammerten ihn fester, während er ihn langsam umdrehte und versuchte, ihren Worten einen Sinn zu geben. „Was meinen Sie damit, sie ist gegangen?“, fragte er, die Stimme jetzt niedriger, als er begann, den Umschlag zu öffnen. Mrs. Willis senkte den Kopf, unfähig zu antworten. Henry zog die Akte langsam heraus, als bereite er sich auf das vor, was darin war.Henry zögerte einen Moment, der Daumen schwebte über dem Display seines Telefons.Das Gerät fühlte sich in seiner Hand schwerer an als gewöhnlich, als trüge es mehr als nur sein eigenes physisches Gewicht.Selena stand nun ganz nah bei ihm und krallte ihre kleinen Hände in die Kante des Sofakissens, während ihre Augen mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst fest auf das Gesicht ihres Vaters gerichtet waren.Das Wohnzimmer fühlte sich ungewöhnlich dicht an, als würden die Wände selbst zuhören und darauf warten, was als Nächstes geschehen würde.Langsam zog Henry das Telefon aus der Tasche.»Ich mache diesen Anruf nur für dich, Selena«, sagte er mit fester Stimme, obwohl sich in seinem Inneren etwas wie eine Feder anspannte.Er drehte sich leicht von ihr weg und blickte auf den Bildschirm hinab, während er durch seine Kontakte scrollte, bis er Dianas Namen auswählte.Der so vertraute Name leuchtete auf dem Display auf. Diana Robinson.Nicht für mich, flüsterte er stumm bei sich, als d
Selena saß still an dem langen weißen Tisch am Fenster und ließ ihre Beine unter dem Stuhl vor und zurück baumeln, während sie sich intensiv auf ihr Bild konzentrierte.Ihre kleinen Finger waren mit blauer und grüner Farbe verschmiert, die an ihren Knöcheln und Nägeln klebte und sogar ihr Handgelenk befleckte, wo sie versehentlich gegen die feuchte Farbe gestoßen war.Auf dem Papier vor ihr befand sich die Zeichnung eines Hauses: groß, unproportional und überreich mit Blumen übersät.Das Dach neigte sich ungeschickt zu einer Seite und die Fenster standen viel zu dicht beieinander, aber Selena arbeitete sorgfältig, ließ die Zunge ein wenig zwischen den Lippen hervorschauen und war fest entschlossen, es perfekt zu machen. Sie fügte eine weitere Blume hinzu, und noch eine, um jeden leeren Raum mit Farbe zu füllen.Neben ihrem Bild stand ein tadellos angerichtetes Tablett mit Essen, das Mrs. Willis gerade gebracht hatte. Ein Stück Kuchen lag auf einem kleinen Teller, die Glasur in sorgfäl
»Und warum küsst sie diesen anderen Typen? Hat sie jetzt eine neue Familie?«Selenas Stimme zitterte vor Aufregung, und die Worte kamen schneller heraus, als ihre Gedanken Schritt halten konnten.Ihre kleinen Hände waren an den Seiten zu Fäusten geballt, und ihre Brust hob und senkte sich viel zu schnell für ihr Alter.Ihre Augen blieben starr nach vorne gerichtet, groß und gläsern, als würde das, was sie gerade gesehen hatte, etwas in ihrem Inneren zu zerbrechen drohen.Henry hielt in seiner Bewegung inne.Die Einkaufstüte glitt ihm leicht aus dem Griff, während er sich aufrichtete und mit langen, festen und entschlossenen Schritten nach vorne ging.Sein Gesicht war schwer zu lesen, die Kiefermuskeln angespannt und die Stirn auf eine Weise gerunzelt, die von einem Zorn zeugte, den er noch nicht beim Namen nennen wollte.»Hat sie jetzt eine neue Familie?«, wiederholte Selena, ihre Stimme diesmal schwächer.Henry machte zwei weitere Schritte und blieb dann wie angewurzelt stehen.»Dian
»Hallo, Diana.«Merlin begrüßte sie mit einem warmen Lächeln, während er sich leicht an den Türrahmen lehnte. Seine Hände steckten in den Taschen der blauen Jeans, und das milchfarbene Hemd spannte sich elegant über seinen breiten Schultern.Sein langes, lockiges Haar fiel ihm frei ums Gesicht und verlieh ihm einen mühelosen, natürlichen Charme.»Du siehst gut aus«, fügte er ehrlich hinzu und verweilte einen Moment länger als nötig mit seinem Blick auf ihr. »Lebst du dich gut ein?«Diana nickte und erwiderte das Lächeln. Zum ersten Mal seit langer Zeit fiel ihr das Lächeln leicht.»Ja. Absolut. Danke.« Ihre Stimme klang leichter, freier – wie die von jemandem, der endlich einen engen Raum verlassen hatte und wieder atmen konnte.Merlin nickte einmal zufrieden.»Nun, Emma und ich wollten gerade zum Supermarkt fahren.«»Ja!«, schaltete sich Emma lebhaft ein und hüpfte auf den Fußspitzen, während ein freies Lachen aus ihr herausperlte.Sie drückte Bun-Bun fest an ihre Brust, und ihre Aug
»Mama geht weg!«, wiederholte Selena, diesmal mit brüchiger Stimme.Die Panik brach sich schließlich Bahn durch den Schock und legte sich schwer wie ein ins Wasser geworfener Stein auf ihre Brust. Ihre Augen weiteten sich, erfüllt von einer Angst, die sie nicht vollends verstand.Sie stand mitten im Arbeitszimmer ihres Vaters, während sich ihre kleinen Finger fest in den Stoff ihres Kleides krallten, als hielte sie sich an sich selbst fest.Der Raum wirkte plötzlich riesig um sie herum, die Wände viel zu weit entfernt, die Decke viel zu hoch.Henry stieß einen langen, langsamen Seufzer aus.Er ließ den Vorhang los, den er zur Seite gezogen hatte, und wandte sich vom Fenster ab. Das Auto draußen bewegte sich bereits und wurde in der Ferne immer kleiner, aber er schien kein Interesse mehr daran zu haben.Er trat seiner Tochter mit gelassenem Gesichtsausdruck gegenüber, ohne Eile oder Unruhe. Ihre Verzweiflung registrierte er kaum.»Sie ist also nicht geblieben, hm?«, sagte er beiläufig,
Selena saß zusammen mit Mrs. Willis auf dem Sofa und ließ die Beine sanft baumeln, während die ältere Frau ihr beim Aufräumen einiger Schulsachen half. Auf dem Couchtisch lagen verstreute Papiere, und die Buntstifte waren sorgfältig auf einer Seite aufgereiht.Selena summte leise und abgelenkt vor sich hin, hörte nur halb zu und hing ihren Gedanken nach.Die Haustür öffnete sich.Beide drehten sich um.Diana trat ein.Sie trug ein dunkelrotes Kleid, das ihre Beine umspielte. Ihr Haar war perfekt frisiert und ihr Gesicht gelassen, fast unlesbar.Eine Stille ging von ihr aus, die sofort die Atmosphäre im Raum veränderte.»Mama?«, sagte Selena.Das Wort klang flach. Überrascht, ja. Aber ohne Wärme. Ohne Gefühl.Mrs. Willis keuchte leise.»Miss Robinson!«, rief sie und stand hastig auf. Ihre Augen musterten Dianas Gesicht und dann ihren Körper, als wollte sie nach Verletzungen suchen. »Gott sei Dank geht es Ihnen gut.«Sie trat instinktiv näher.»Mr. Golding ist in seinem Arbeitszimmer. I







