LOGINDamonIhre Stimme zittert bei den letzten Worten.– Ist es das, was Sie wollen?– Nein. Es ist das, was ich kann.Meine Wohnung ist zwanzig Minuten zu Fuß entfernt.Wir laufen fast unter dem stärker werdenden Regen, Hand in Hand wie ausgerissene Teenager. Ihre Finger sind zwischen meine gekrallt, unser keuchender Atem bildet Dunstwolken, die sich vermischen und auflösen.Im Aufzug lehnt sie an der getäfelten Holzwand und sieht mich schweigend an. Ihre Augen haben diese fiebrige Intensität von Menschen, die eine unwiderrufliche Entscheidung getroffen haben. Der Regen tropft von ihren Haaren, ihren Schultern, bildet eine Pfütze zu ihren nackten Füßen sie hat ihre Pumps irgendwo im Hauseingang verloren.– Ich habe Angst, sagt sie.– Ich auch.– Wovor?Ich überlege eine Sekunde.– Davor, Sie zu berühren und nic
DamonEinfach so kommen unsere Gesichter sich näher. Zuerst unmerklich, wie von einer unsichtbaren Schwerkraft angezogen. Dann schneller, zu schnell, unausweichlich. Unsere Stirnen berühren sich, unser Atem vermischt sich, und ich rieche den Duft ihrer Haut im Regen – denselben Duft, den ich jeden Morgen atme, wenn sie meinen Kaffee auf meinen Schreibtisch stellt, ohne dass ich jemals innehalte, um ihn wahrzunehmen.Ihre Finger wandern meinen Arm hinauf, klammern sich an den feuchten Stoff meines Mantels. Ihr Atem beschleunigt sich, abgehackt, fast schmerzhaft.– Damon, haucht sie, und es ist das erste Mal, dass sie meinen Vornamen wie einen Ruf ausspricht, nicht wie eine berufliche Formalität.Ich antworte nicht. Ich kann nicht mehr antworten, kontrollieren, dosieren.Mein Mund findet ihren.Der erste Kontakt ist elektrisch, fast gewalttätig in seiner Plötzlichkeit. Ihre Lippen sind kalt, regungslos unter meinen, und für eine endlose Sekunde glaube ich, einen Fehler gemacht zu haben,
DamonIhre Stimme hat eine Nuance, die ich nicht an ihr kenne. Nicht Bitterkeit – etwas Intimeres. Müdigkeit vielleicht. Bedauern.– Was soll das heißen?Sie stellt ihr Glas langsam, vorsichtig ab, als könnte die Geste eine Explosion auslösen.– Es heißt, Damon, dass ich seit zwei Jahren Ihren Kaffee mache, Ihre Termine organisiere, Ihre Anrufe entgegennehme. Und Sie haben mich nie gefragt, wie es mir geht. Was ich mag. Was ich abends sehe, wenn ich nach Hause komme. Nichts.Ihre Stimme bleibt ruhig, fast professionell. Aber ihre Finger zittern.– Ich war nicht...– Sie waren nicht was? Nicht bereit? Nicht interessiert? Nicht fähig, etwas anderes zu sehen als Ihr eigenes Spiegelbild?Die Stille zwischen uns wird fest, greifbar.– Laurence, ich...– Ich muss raus.Sie dreht sich um und geht zum Ausgang, schnell, fast flie
DamonMein Körper erinnert sich an sie, noch bevor mein Gehirn die Entscheidung getroffen hat.Es ist dieses seltsame, fast elektrische Gefühl, das meinen Nacken durchläuft, als ich die Schwelle der Galerie überschreite. Feuchte Finger in den Manteltaschen, der Kiefer so fest zusammengepresst, dass die Zähne knirschen. Ich bin nicht gekommen, um zu verführen. Ich bin gekommen, um zu sehen. Um gesehen zu werden, vielleicht. Damit sie diesen Blick auf mich richtet, der nicht verweilt, der hindurchgeht ohne anzuhalten, und der mich zum ersten Mal in meinem Leben durchsichtig hat fühlen lassen.Die Galerie riecht nach frischer Farbe und lackiertem Holz. Halogenstrahler werfen ihr grelles Licht auf abstrakte Leinwände, Explosionen gewalttätiger Farben, Rot, das blutet, Blau, das ertrinkt. Ein paar Besucher schlendern umher, Glas Weißwein in der Hand, tauschen geziertes Gemurmel aus. Laurence ist hinten,
DamonDer Schrei ist so brutal, so aufrichtig herzzerreißend, dass ich mitten im Flur innehalte. Endlich drehe ich mich um, mein T-Shirt halb angezogen, hängt über einer Schulter. Da steht sie, mitten im Chaos – verrückte Möbel, zerknitterter Teppich, mit Sex gesättigte Luft – die Arme um ihren nackten Körper geschlungen, als wolle sie verhindern, dass ihr Herz in tausend Stücke zerbricht. Lautlose Tränen laufen über ihre Wangen, ziehen schwarze Spuren im verwischten Make-up, ihre Wimperntusche rinnt wie Trauerflüsse. Ihre Lippen zittern, geschwollen von unseren gewaltsamen Küssen. Sie war nie schöner in ihrer rohen Verletzlichkeit. Und nie erschreckender, wie ein Zerrspiegel dessen, was ich werden könnte: eine Kreatur puren Bedürfnisses, die eine Illusion anfleht zu bleiben, um nicht zu versinken.– Du liebst mich nicht, sage ich, und meine Stimme klingt seltsam
DamonSie hat unrecht. Und auf eine verdrehte Weise hat sie recht. Ich war da, ja, aber nicht so, wie sie glaubt, nicht in einer romantischen oder spirituellen Verbindung. Ich war da in der puren Furie, in dem wilden Willen zum totalen Vergessen, meine Leere im körperlichen Sturm zu ertränken. Nicht in der Liebe, nicht in ihr. Aber die Inbrunst ihrer Lüge, ihres viszeralen Bedürfnisses, an diese illusorische Verschmelzung zu glauben, ist greifbar, elektrisch. Und gefährlich wie Stacheldraht unter Spannung.Ich setze mich langsam auf, löse ihren Arm mit berechneter, aber fester, unerschütterlicher Sanftheit. Die Geste ist eine klare, deutliche Zurückweisung. Ich sehe es in ihren Augen: ein Aufflackern von Panik, das wächst, sich ausbreitet wie Strohfeuer.– Ich muss gehen, sage ich mit flacher, emotionsloser Stimme.– Warum? Wegen deines leeren Terminkalenders und deiner einsamen Nä
ReineEr schenkt sich Kaffee ein, völlig unbeirrt von der statischen Elektrizität, die die Luft knistern lässt. Er ist glücklich. Wirklich glücklich, uns hier zu finden, zusammen, in seiner Küche, am Beginn seines Tages. Diese unschuldige Freude ist die schlimmste Folter.Er setzt sich an den Tisch
GabrielDer Tag bricht an, grau und kalt, kratzt wie ein Eindringling an der Fensterscheibe. Das Licht findet die Ritzen der Vorhänge, zeichnet erbarmungslos das Chaos des Zimmers nach. Verstreute Kleidung, das Laken abgerissen, das Kissen zu Boden gefallen. Die Luft ist schwerer geworden, geladen
ReineDas Pfeifen des Wasserkochers durchschneidet die flache Luft der Küche, ein zu schriller, zu gewöhnlicher Laut. Ich lege die Hand auf das heiße Metall der Kaffeekanne, suche eine konkrete Empfindung, um mich zu verankern. Etwas, das beweist, dass ich hier bin, jetzt. Stehend in meiner eigenen
GABRIELDas Auto fährt durch die schwarze Nacht, eine Blase, in der sich der Geruch von Alkohol und Schweiß mit ihrem Parfüm vermischt. Das Schweigen ist nicht mehr angespannt, es ist schwer, gesättigt. Die leise Musik aus dem Radio übertönt nichts. Ich spüre die Energie, die von ihr ausgeht, wie s