Mag-log inReine
Die Nacht ist ein feucht-warmes Leichentuch, das das Haus in eine erstickende Umarmung hüllt. Neben mir schläft Richard, sein ruhiger, gleichmäßiger Atem taktet die Stille. Jede friedliche Ausatmung höhlt den Abgrund zwischen uns ein wenig mehr aus. Ich hingegen brenne. Ich bin ein Vulkan der Stille, die Haut in Flammen, die Sinne elektrisiert, jede Pore meines Körpers schreit nach einer schuldigen Sehnsucht. Das Bild von Gabriel auf dem Flur des Restaurants ist mit glühendem Eisen in meine geschlossenen Lidinnern gebrannt. Sein dunkler, intensiver Blick, der mich auszog, seine Worte, die noch immer in mir nachhallen wie ein sakrilegisches Versprechen.
"Du weißt, warum, Reine. Du spürst es, genauso wie ich."
Mein Gott, ja, ich spüre es. Ich spüre es in der Feuchtigkeit meiner Laken, die an meiner Haut kleben, in dem rasenden Puls, der tief in meinem Bauch pocht, in dieser flüssigen, drängenden Wärme, die sich zwischen meinen Schenkeln ausbreitet, schwer von verbotenen Versprechen. Es ist eine Besessenheit, ein Fieber, das mein Blut kolonisiert hat, alles auf seinem Weg niederbrennend: die Vernunft, den Anstand, die Loyalität. Ich presse die Beine zusammen, versuche das aufsteigende Verlangen zu ersticken, ein körperliches, primäres Verlangen, das mich gleichzeitig demütigt und erhebt.
Widerstand ist zwecklos. In der Komplizenschaft der Dunkelheit gleitet meine Hand, beschämt und doch so gierig, unter den Stoff meines Nachthemds. Meine Haut ist überempfindlich, jede Berührung ein Funke. Ich schließe die Augen ganz fest, und da ist er. Gabriel. Kein verschwommenes Bild, sondern eine fast greifbare Präsenz, ein Phantom aus Fleisch und Begierde. Ich stelle mir seine großen, geäderten Hände vor, diese Männerhände, wie sie sich auf meine Hüfte legen, das Fleisch mit wilder Besitzgier packen. Seinen sinnlichen, grausamen Mund an meinem Hals, wie er in die Haut beißt, mich zeichnet. Seinen harten, muskulösen Körper, der sich gegen meinen presst, ihn auslöscht, ihn für sich beansprucht.
Ein unterdrücktes Stöhnen entfährt meinen Lippen. Der Druck steigt, ein Sturm in meinen Adern, eine Flut aus Scham und Lust, die alles überschwemmt. Meine zitternden Finger suchen, drücken, zeichnen fiebrige Kreise auf meine weißglühende Haut. Ich bin so nah, so schrecklich nah am Abgrund… Mein Geist entleert sich von allem, außer von ihm. Von seinem Namen. Gabriel.
"Reine?"
Richards Stimme, verschlafen und voller Zärtlichkeit, trifft mich wie eine eiskalte Dusche. Ich reiße meine Hand zurück, als hätte ich mich verbrannt, verstecke sie beschämt und drehe mich brutal auf die Seite. Mein Herz hämmert wild gegen meine Rippen, eine Trommel der Schuld. Der Geruch meiner eigenen Begierde kommt mir plötzlich schreiend, obszön vor.
"Geht es dir gut, mein Schatz? Hattest du einen Albtraum?"
Seine Hand legt sich auf meine Schulter, warm, schwer, vertraut. Eine Hand, die ich geliebt habe. Eine Hand, die sich plötzlich anfühlt wie ein eisernes Halsband. Ich spüre noch immer das Phantom-Brennen der Begierde nach einem Anderen auf meiner Haut. Nach seinem Sohn.
"Ja, ich… nur ein schlechter Traum", lüge ich, die Stimme erstickt, heiser von ungestilltem Verlangen und Scham.
Er stützt sich auf einen Ellbogen, sein geliebtes Gesicht voller Fürsorge im Halbdunkel. Jede Falte, jeder so vertraute Zug durchbohrt mich wie eine Klinge. Ich verdiene diese Fürsorge nicht.
"Meine arme Reine. Du zitterst ja."
Er beugt sich hinunter und drückt einen sanften Kuss auf meine Schulter. Ein Ehekuss. Ein Kuss, der, anstatt mich zu beruhigen, das schuldige Feuer neu entfacht, das ich gerade zu löschen versuchte. Sein Duft, die milde Seife und die beruhigende Lotion, sonst so tröstlich, wirken plötzlich fad, fremd, fast widerlich auf mich. Mein Körper, noch immer erzitternd vom Bild Gabriels, rebelliert gegen diese rechtmäßige Zärtlichkeit.
"Lass mich dich verwöhnen", flüstert er, während er näher rückt, seine Hand mit einer klaren, sanften Absicht meinen Arm hinabgleiten lässt.
Panik ergreift mich, tief sitzend. Nein. Nicht jetzt. Nicht, nachdem ich an ihn gedacht habe. Nicht, nachdem ich meinen Körper berührt und sein Phantom herbeigerufen habe. Seine Berührung fühlt sich in diesem Moment wie eine Schändung an. Ein Verrat an dem Bild, das mich verfolgt. Ich will schreien, ihn wegstoßen, fliehen.
Aber etwas in mir zerbricht. Die Anspannung der letzten Wochen, der Krieg, den ich mit mir selbst führe, die Erschöpfung, einem zu mächtigen Strom zu widerstehen… Ein Schwall heißer, stiller Tränen bricht aus meinen Augen, fließt auf das Kissen. Ich bin zu müde. Zu überwältigt. Die ungestillte Begierde schreit zu laut in meinem Fleisch, und das verzweifelte Bedürfnis, berührt zu werden, wirklich berührt zu werden, und sei es nur einmal, ist stärker als alles andere.
Und so lasse ich es geschehen.
Ich bewege mich nicht mehr, bin erstarrt, die Augen geschlossen, biete meinen Körper dar wie eine ergebene Opfergabe, ein Schlachtfeld, auf dem meine Seele stirbt. Ich fühle mich dissoziiert, als würde ich die Szene von ganz weit weg beobachten, hinter einer dicken Glasscheibe. Richard deutet meine Regungslosigkeit als Einwilligung, mein Schweigen als Einladung.
Seine Küsse werden eindringlicher, tiefer. Seine Hand gleitet an meinem Oberschenkel hoch, schiebt die Stoffbahnen meines Nachthemds beiseite. Ich halte den Atem an, jeder Muskel gespannt wie eine Bogensehne. Seine Haut an meiner ist weich, zu weich. Seine Liebkosungen sind vorhersehbar, routiniert, verzeichnet auf einer abgenutzten Karte der Vertrautheit. Er flüstert mir zärtliche Worte ins Ohr, Liebesworte, die mich wie Schwerter durchbohren, jede Silbe eine Erinnerung an meinen Verrat.
"Ich liebe dich, Reine. Du bist so schön."
Ich presse die Lider fester zusammen und versuche, seine Worte auszublenden, zu fliehen. Ich versetze mich verzweifelt an einen anderen Ort. Ich bin nicht mehr in diesem Bett. Ich bin an der Wand des Restaurantflurs, der raue Stoff seines T-Shirts unter meinen Fingern, der Duft seines holzigen, wilden Parfums, der mich umhüllt. Sein Mund ist es, den ich mir auf meinem vorstelle, brutal und fordernd. Seine Hände sind es, die ich auf meinen Hüften spüre, die mich hochheben, mich gegen ihn pressen. Sein Name ist es, den ich mir auf den Lippen halte, ein verbotenes Mantra.
Richard setzt seinen Weg fort, ignorant des Dramas, das sich nur wenige Zentimeter von ihm entfernt abspielt. Seine Bewegungen sind sanft, respektvoll, und das ist die schlimmste Folter. Ich wünschte mir Brutalität, Wut, etwas, das meine geistige Flucht rechtfertigen würde, das dem Sturm in mir entspräche. Aber da ist nur eine beruhigende Zärtlichkeit, die mich kalt lässt.
Als er in mich eindringt, entfährt mir ein kleiner, erstickter Schrei. Es ist kein Schrei der Lust, sondern der inneren Zerrissenheit. Ich beiße mir so fest auf die Lippe, dass ich das metallische Blut meiner Schuld schmecke. Ich bleibe regungslos, biete einen Körper aus Marmor dar, eine leere Hülle, die sein Sohn im Geiste bereits bewohnt hat. Jeder Stoß, jede Bewegung ist eine Qual. Ich zähle die Sekunden im Kopf, ich fixiere einen Punkt im Dunkeln, ich klammere mich an das Bild Gabriels wie an eine Rettungsboje in einem Schiffbruch.
Die Scham ist eine Säure, die durch meine Adern fließt und alles auf ihrem Weg zerfrisst. Ich liege im Bett meines Mannes, lasse ihn Besitz von meinem Körper ergreifen, und meine Seele, mein Geist, mein rohestes Begehren gehören seinem Sohn. Ich bin zu jener Frau geworden. Zu jener, die Gabriel einst voller Verachtung beschrieb. Eine Heuchlerin. Eine Verräterin. Eine Schlampe.
Als Richard seine Lust findet und keuchend meinen Namen an meinem Hals flüstert, überkommt mich eine tiefe, unermessliche Erleichterung. Es ist vorbei. Die Prüfung ist beendet. Er zieht sich zurück, drückt einen letzten Kuss auf meine Stirn und kuschelt sich an mich, befriedigt, und schläft fast augenblicklich ein, ein friedliches Lächeln auf den Lippen.
Ich hingegen bleibe regungslos liegen, die Augen weit geöffnet im Dunkeln, die Fäuste so fest geballt, dass meine Nägel blutige Halbmonde in meine Handflächen gegraben haben. Die verbotene Lust, die ich mir selbst geschenkt hatte, hat sich in ein nagendes Gift verwandelt. Gabriels Phantom war nie präsenter, nie siegreicher. Er ist hier, zwischen uns, in unserem Bett, durchtränkt die Laken mit seiner unsichtbaren Essenz. Es ist ihm gelungen. Ohne überhaupt anwesend zu sein, hat er einen Graben aufgerissen, den nichts mehr wird schließen können. Er hat ein Feuer entfacht, das ich nicht mehr löschen kann und dessen Flammen gerade die letzten Überreste meiner Ehe, meiner Integrität verzehrt haben.
Und der unerträglichste Gedanke, jener, der mich vor Schrecken und einer krankhaften, tiefen Erregung erschauern lässt, ist, dass ich es nicht mehr löschen will. Dieses Feuer, zerstörerisch und unrechtmäßig, ist jetzt das Einzige, was mich lebendig fühlen lässt. Und ich weiß mit einer Gewissheit, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt, dass ich das nächste Mal kein Zuschauer mehr sein werde. Ich werde eine Akteurin sein. Ich werde die Flammen suchen.
ChloéZehn Jahre vergehen. Zwanzig Jahre. Dreißig Jahre.Die Jahre ziehen dahin, unaufhaltsam, aber unsere Liebe wird nicht schwächer. Sie verwandelt sich, vertieft sich, reift wie ein großer Wein. Falten erscheinen, das Haar ergraut, die Körper werden langsamer. Aber unsere Nächte sind immer noch brennend heiß, unsere Tage immer noch erfüllt von Lachen, Vertrautheit, Zärtlichkeit.Auguste wird heute achtzehn. Unsere Tochter. Sie hat Matthias' graue Augen, Raphaëls Lächeln, meine Sturheit. Sie ist schön, intelligent, großzügig. Sie weiß alles. Sie hat es immer gewusst. Sie ist umgeben von drei Eltern aufgewachsen, die sie anbeten, beschützen, feiern. Sie hat sich nie geschämt, nie gezweifelt. Sie ist ausgeglichen, glücklich, liebevoll.Zu ihrem Geburtstag sind wir im Haus in Saint-Tropez. Das Meer glitzert in der Ferne, der Himmel ist tiefblau, die Zikaden singen aus voller Kehle. Den ganzen Tag haben wir gelacht, gegessen, geschwommen, gespielt. Auguste ist umgeben von ihren Freunden
ChloéSechs Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre.Die Zeit vergeht, und unser Leben webt sich, wird dichter, reicher. Wir haben unser Ritual. Morgens steht Raphaël als Erster auf. Er macht Kaffee, nimmt ihn mit auf die Terrasse, sieht Paris erwachen. Dann kommt er zurück, um uns zu wecken, mit einem Kuss auf meine Stirn, einer Liebkosung auf Matthias' Wange.Matthias geht zur Arbeit, Krawatte und Anzug, ernste Miene. Raphaël beginnt zu malen, stundenlang, die Sonne gleitet über seine Leinwände. Ich arbeite von zu Hause aus, verwalte die Stiftung, organisiere Veranstaltungen, schreibe Artikel. Aber unsere Blicke kreuzen sich, unsere Hände streifen sich, unsere Lächeln tauschen sich aus.Abends essen wir zusammen. Matthias kocht immer besser, mit intensiver Konzentration. Raphaël deckt den Tisch, wählt den Wein aus, zündet Kerzen an. Ich erzähle von meinem Tag, bringe sie zum Lachen, necke sie. Wir sind eine Familie. Eine Familie wie keine andere, aber eine Familie.Und nachts finden wir uns wi
ChloéDie Nacht ist über Saint-Tropez hereingebrochen, dicht und schwül, erfüllt vom Duft der Pinien, des Salzes und des Jasmins. Die Hochzeitssuite in einer abgelegenen Bastide inmitten der Weinberge ist eine Explosion der Sinnlichkeit. Ein riesiges Himmelbett, drapiert mit weißem Musselin. Seidenlaken, kühl unter den Fingern. Hunderte von Kerzen, überall, auf den Fensterbänken, auf den Möbeln, auf dem Boden. Ihr tanzendes Licht wirft wandernde Schatten an die Wände und verwandelt das Zimmer in ein heidnisches Heiligtum.Matthias trägt mich. Er hat mich mühelos hochgehoben, seine kräftigen Arme um meine Taille, mein Körper an seinen gepresst. Er legt mich sanft auf das Bett, wie man eine Opfergabe niederlegt. Die Seide gleitet unter meinem nackten Rücken. Mein weißes Kleid hat sich geöffnet, gibt meine Brüste frei, meinen Bauch, der leichte Stoff ist über meine Schenkel hochgerutscht.Raphaël gesellt sich zu uns. Er kniet am Fußende des Bettes. Er nimmt meine nackten Füße, küsst sie
ChloéDie Zeremonie findet in der kleinen weißen Kapelle des Dorfes statt, nur wenige hundert Meter vom Haus in Saint-Tropez entfernt. Das Mittelmeer glitzert in der Ferne, von einem intensiven Blau, das den Horizont mit einem silbernen Strich durchschneidet. Der Himmel ist wolkenlos blau, verbrannt von einer bleiernen Sonne. Es ist eine schwüle, sinnliche Hitze, die das Kleid auf die Haut kleben lässt.Wir haben niemanden eingeladen. Keine Zeugen, keine Fotografen, keine Familie. Nur wir drei, der diskrete Bürgermeister und der alte Dorfpfarrer, der zugestimmt hat, die Verbindung auf seine Weise zu segnen, ohne Fragen zu stellen. Sie wissen es natürlich. Jeder weiß es in diesem kleinen provenzalischen Dorf. Aber sie lieben uns zu sehr, um uns zu verurteilen.Matthias trifft zuerst ein. Er trägt einen perlgrauen Anzug von schlichter Eleganz, maßgeschneidert aus einem leichten Stoff. Sein Haar ist nach hinten gekämmt und gibt die breite Stirn frei, den intensiven Blick. Ein dünner Schw
ChloéDie späte Nachmittagssonne sickert durch die großen Fensterfronten des Lofts und taucht Raphaëls Atelier in ein bernsteinfarbenes, flüssiges Licht. Jedes Staubkorn, das in der Luft tanzt, scheint eine kleine Sonne zu sein, jede an den Wänden hängende Leinwand schmückt sich mit Gold. Paris unten ist nur ein fernes Murmeln, ein erstickter Atemzug, gedämpft durch die Dichte unseres Schweigens. In wenigen Stunden wird die Stadt erleuchten, aber hier, in unserem Heiligtum, ist die Stunde der Wahrheit. Die Klausel in Augustes Testament hat uns bis Mitternacht Zeit gelassen. Eine Nacht. Eine einzige Nacht, um über unsere Zukunft zu entscheiden.Matthias lehnt am Fensterrahmen, die Arme verschränkt, gemeißelt aus Schatten und Stahl. Er trägt nur eine eng anliegende schwarze Jeans und ein weit geöffnetes weißes Hemd, das den Blick auf die kraftvollen Muskeln seines Oberkörpers freigibt, auf den dunklen Flaum, der von seinem Brustbein zu seinem Bauch hinabzieht. Das Licht modelliert seine
Wir bleiben im Bett bis Mittag. Nicht schlafend, sondern wach, präsent, miteinander verbunden. Wir reden – über alles und nichts, über unsere Träume und unsere Ängste, über die Vergangenheit, die wir hinter uns gelassen haben, und die Zukunft, die vor uns liegt. Wir lachen – über kleine Missgeschicke, über Erinnerungen an peinliche Momente, über die Absurdität des Lebens im Allgemeinen und unseres im Besonderen. Wir berühren uns – nicht mit der Dringlichkeit der vergangenen Nacht, sondern mit der sanften, zärtlichen Vertrautheit von Menschen, die einander in- und auswendig kennen und trotzdem nie genug voneinander bekommen können.Wir existieren einfach. Zusammen. Ohne etwas anderes zu brauchen als das Glück, hier zu sein, in diesem Bett, in diesem Haus, in diesem Moment.---Am Nachmittag packen wir unsere Sachen. Es sind nicht viele – wir sind mit leichtem Gepäck gekommen, nur das Nötigste für ein paar Tage. Die weißen Bademäntel hängen wir zurück in den Schrank, wo sie auf unseren