LOGINLéon
Die Stille ist dicht, bevölkert nur von ihrem langsamen, tiefen Atem neben mir. Ein erschöpfter Atem. Eroberter Atem. Ihr Körper, hingegeben auf dem zerknitterten Leder, trägt die Landkarte meiner Hände, meines Mundes. Blutergüsse entstehen auf ihren Hüften, der Rundung ihrer Taille. Strophen, in Rot auf ihre milchige Haut geschrieben. Mein Gedicht.
Ich starre an die Decke, auf die weißen Adern des Sichtbetons. D
Kassian LéonIn meinem weißen Hemd, dem, das ein Vermögen kostet, dem, das für meine Schultern geschnitten ist. An ihr fällt es, schlottert es, gibt eine Schulter frei. Ihr Haar ist zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt. Sie hält eine Kaffeetasse. Sie lächelt in die Linse.Darunter eine Nachricht: Du hattest recht. Der Garten ist wunderschön. Ich warte auf dich.Ich verschlucke mich fast an meinem Wasser.— Alles in Ordnung, Herr Kassian?— Vollkommen.Ich stecke das Telefon weg. Ich beende das Mittagessen. Ich denke nur an sie.---Siebzehn Uhr. Letzte Besprechung.Ich halte durch. Ich halte durch, weil ich dafür gemacht bin, weil ich mich dafür aufgebaut habe, weil nichts und niemand mich jemals von meinem Weg abbringen konnte. Ich halte durch, aber es ist eine Anstrengung.Jede Minute ist eine Stunde. Jede Stunde ist ein Tag.
Kassian LéonIch schlafe in dieser Nacht nicht.Nicht wirklich. Ich bleibe wach in dem großen Bett, höre auf ihren Atem, sehe zu, wie das Dunkel langsam gegen die Morgendämmerung verblasst. Sie schläft, friedlich, ihr Haar auf dem Kissen verstreut wie eine Signatur. Eine Hand liegt auf meinem leeren Platz, als ob sie selbst im Schlaf die Wärme suchte, die ich mitgenommen habe.Ich sollte ruhig sein.Bin ich nicht.Es ist schlimmer als alles vorher. Schlimmer als das Warten, schlimmer als die Ungewissheit. Jetzt, wo ich weiß, wo ich gekostet habe, wo ich meinen Namen in ihrem Mund gehört habe, in dem Moment, als sie sich hingab, bin ich hungriger denn je.Ein Wolfshunger. Ein Bestienhunger.---Sechs Uhr dreißig. Ich bin in meiner Ankleide, wähle einen grauen Anthrazit-Anzug, eine nachtblaue Krawatte. Die Bewegungen mechanisch, präzise. Ich könnte es
LéonDas Abendessen verläuft in dieser seltsamen Intimität. Ich beantworte ihre Fragen, ich benenne die Gewürze, ich erkläre, warum Risotto Geduld erfordert, warum man zu Fisch nie Käse serviert. Sie hört zu, ernst, als ob jede Information kostbar wäre. Sie probiert, sie genießt, sie schließt die Augen, wenn ein Geschmack sie überrascht.Ich spreche nicht über meine Arbeit. Sie fragt nicht. Wir schweben, zeitenthoben, in dieser Küche, die nie benutzt wurde, erleuchtet von Kerzen aus jungfräulichem Wachs.Als sie ihren Teller leert, legt sie die Gabel bedächtig beiseite.— Es war perfekt, sagt sie.— Tiramisu ist im Kühlschrank.Sie schüttelt den Kopf, ihre Augen in meinen.— Ich habe keinen Hunger mehr. Nicht darauf.Der Atem der Kerze flackert zwischen uns.— Was willst du?Meine Stimme i
LéonIhre Finger um mein Handgelenk. Dieser winzige Druck, kaum bewusst. Sie schläft noch, aber ein Teil von ihr wacht, hat mich kommen gespürt, hat mich erkannt.Ich ziehe meine Hand nicht weg.Die Zeit dehnt sich, steht still. Die Lichtstreifen auf dem Bett verändern sich unmerklich, gleiten vom Kissen auf ihre nackten Schultern. Die Nacht bricht herein, das Zimmer versinkt im Blau der Abenddämmerung. Ich bewege mich nicht. Ich mache kein Licht. Atmen genügt. Sie ansehen genügt.Ihre Lider flattern. Ein langer Wimpernschlag. Ihre Augen öffnen sich, zuerst verloren, dann finden sie meine. Sie zuckt nicht zusammen. Zieht ihre Hand nicht weg. Ihre Lippen öffnen sich zu einem erwachenden, verschlafenen, hingegebenen Lächeln.— Du bist zurück, haucht sie. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Eine frohe Feststellung.— Ich bin zurück.Meine Stimme
LéonIch gehe die Stufen der Freitreppe hinunter. Die Morgenluft ist kalt, schneidend, ein Schock nach der feuchten Wärme des Bades. Die Stadt erwacht, grau und laut, aber ihre Konturen wirken verschwommen, wie von Watte gedämpft. Meine Sinne sind betäubt, gesättigt von ihr. Der Duft ihres Shampoos auf meiner Haut unter dem Eau de Cologne. Die Erinnerung an ihre Finger, schüchtern und entschlossen, die ihre Spuren auf meinem Körper zogen.Die Tür der schwarzen Limousine öffnet sich. Ich lasse mich auf den Rücksitz fallen.— Zum Büro, Monsieur?— Zum Büro.Meine Stimme ist tiefer als sonst. Sie hallt seltsam im gedämpften Innenraum wider. Der Motor schnurrt. Die Stadt zieht vorbei, eine Kulisse ohne Substanz.Ich schaue aus dem Fenster, aber ich sehe nicht die Straße. Ich sehe ihre Augen, glänzend im Halbdunkel des Bettes, die mir folgen, w&aum
LéonIch hebe den Blick zu ihr. Der Dampf tropft an ihrem Gesicht herunter, vermischt mit neuen, stillen Tränen. Sie weint nicht vor Kummer. Sie weint, weil sie so gesehen wird. Weil sie gewaschen wird. Weil sie bis in diese Reinigung hinein besessen wird.— Dreh dich um, befehle ich, meine Stimme heiser vor Emotion, die ich nicht zeige.Sie gehorcht. Ich wasche ihre Beine, lang und schlank, meine Hände gleiten von den Knöcheln zu den Oberschenkeln hoch. Ich verweile an ihren Kniekehlen, an der Innenseite ihrer Schenkel. Jede Zone wird gereinigt, beansprucht.Als ihr Körper mit Schaum bedeckt ist, makellos, richte ich mich auf. Ich nehme sie um die Taille und ziehe sie weg vom Hauptstrahl. Ich bleibe unter dem Wasser, schließe für einen Moment die Augen, lasse es über mich laufen, um meinerseits die Stigmata unserer Nacht fortzutragen.— Jetzt du, sagt sie plötzlich, mit leis
ElenaIch flüstere, aber meine Hände diese verdammten, ungehorsamen Hände legen sich auf seine Hüften und ziehen sein Becken an meines.Er lacht leise auf, ein tiefes Geräusch, bevor er sich meine Lippen in einem Kuss nimmt, der nichts Zärtliches hat. Es ist eine Beanspruchung. Seine Zähne fangen
ÉvaKael legt die Nadel beiseite, und in der darauffolgenden Stille kehrt keine Erleichterung ein, sondern eine noch schrecklichere Erwartung, denn ich weiß tief in meinem bereits gemarterten Körper, dass diese Pause nur das Vorspiel zu einer neuen Form der Folter ist, und ich sehe ihm zu, wie er d
ElaraDas Herrenhaus verschluckt den sterbenden Tag. Seine hohen Mauern aus hellem Stein, die Reihen unermesslicher, dunkler Fenster, die geometrisch geschnittenen französischen Gärten – alles atmet Ordnung, Erhabenheit und eine absolute Stille. Es ist weniger ein Wohnsitz als ein Territorium. Mein
ElaraDer Schlaf war ein bodenloser Schacht gewesen, ein bleiernes Nichts, in dem mein erschöpfter Geist versunken war. Ich erwache in meinen eigenen Laken, in dem weitläufigen, stillen Raum der Penthouse-Suite. Das Morgenlicht, gedämpft durch die elektrischen Jalousien, streichelt den Marmorboden.