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Kapital 6

last update publish date: 2026-06-27 18:33:46

Die Frau, die sich als Victoria Voss vorstellte, stand im Türrahmen wie eine Erscheinung aus einem Albtraum. Ihr eleganter Mantel umhüllte eine schlanke Gestalt, und ihr Gesicht trug feine Züge, die Alexander ähnlich sahen.

Die gleichen durchdringenden grauen Augen, doch in ihnen lag eine Kälte, die mich frösteln ließ.

Sophia regte sich in meinen Armen und wimmerte leise. Ich drückte sie fester an mich, als könnte ich sie vor dieser neuen Bedrohung abschirmen. Alexander stand vor uns, die Waffe noch in der Hand, doch sein Arm zitterte vor Überraschung und Schmerz. „Mutter? Das ist unmöglich. Du bist vor Jahren gestorben.“  

Victoria lachte leise, ein Klang ohne jede Wärme. „Gestorben für die Öffentlichkeit, ja. Es war notwendig, um im Hintergrund zu agieren. Marcus war nur mein Werkzeug. Und du, Alexander, warst immer zu weich für das wahre Spiel der Macht.“ Sie trat näher, begleitet von mehreren bewaffneten Männern, die das Team von Alexander schnell entwaffneten. Der Leuchtturm, der uns eben noch Schutz geboten hatte, fühlte sich plötzlich wie eine Falle an.  

Ich starrte sie an, mein Verstand versuchte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Der Verrat hatte eine neue Dimension erreicht. Nicht nur Marcus, nicht nur die Firma. Eine Mutter, die ihre eigene Familie manipulierte. „Was wollen Sie von uns?“, fragte ich mit fester Stimme, obwohl mein Inneres bebte. „Lassen Sie Sophia aus dem Spiel. Sie ist ein Kind.“  

Victoria musterte mich mit scharfem Blick. „Elena Hart. Oder Reed. Die Frau, die meinen Sohn abgelenkt und dann mit einem Erben verschwunden ist. Du bist stärker, als ich dachte. Dein Vater war ein nützlicher Idiot. Er hat Geld gewaschen für uns, bis er zu gierig wurde. Die Übernahme war notwendig, um Spuren zu verwischen.“  

Alexander trat vor, sein Gesicht eine Maske aus Wut und Enttäuschung. „Du hast uns alle belogen. Vater, Marcus, mich. Warum?“ Seine Stimme brach leicht. Die Verletzung an seinem Arm blutete durch den Verband, doch er ignorierte es.  

Victoria seufzte, als würde sie mit ungezogenen Kindern sprechen. „Macht, mein Lieber. Die Voss Familie kontrolliert Imperien, aber nur, wenn Schwäche eliminiert wird. Du warst immer der Sentimentale. Die eine Nacht mit Elena hat dich abgelenkt. Marcus hat das ausgenutzt, doch ich habe die Fäden gezogen. Die Dokumente, die Angriffe, alles diente dazu, dich zu testen. Und zu schwächen.“  

Lila stand neben mir, ihre Hand auf Sophias Rücken. Meine Freundin flüsterte: „Wir müssen hier raus.“ Doch die bewaffneten Männer blockierten jeden Ausgang. Victoria fuhr fort, ihre Stimme hallte durch den runden Raum des Leuchtturms. „Jetzt, da ihr alle hier seid, können wir reinen Tisch machen. Die echten Beweise sind bei mir. Dein Vater, Elena, hat für uns gearbeitet. Er hat versucht, auszusteigen, deshalb musste er gehen. Sophia ist der Schlüssel. Ein Erbe mit deinem und Alexanders Blut. Sie kann die Zukunft der Familie sichern, wenn ihr kooperiert.“  

Ich fühlte Übelkeit aufsteigen. All die Jahre des Versteckens, der Schuldgefühle, der Trauer um meinen Vater. Es war alles Teil eines größeren Verrats. „Sie sind krank“, flüsterte ich. „Eine Mutter, die ihre Söhne gegeneinander ausspielt.“  

Alexander drehte sich zu mir um. In seinen Augen lag tiefe Reue. „Elena, ich schwöre, ich wusste nichts davon. Meine Suche nach dir war echt. Die Gefühle waren echt.“ Er wandte sich wieder an Victoria. „Lass sie gehen. Nimm mich. Ich übergebe dir die Firma, wenn du Sophia und Elena verschonst.“  

Victoria lächelte dünn. „Zu spät für Heldentum. Die Polizei wird gleich hier sein, aber meine Leute haben sie unter Kontrolle. Wir verschwinden zusammen. Ein Familienausflug, sozusagen.“ Sie gab ein Zeichen, und die Männer kamen näher.  

Chaos brach aus. Alexander warf sich auf einen der Angreifer, trotz seiner Verletzung. Ich schnappte mir einen losen Metallstab, der an der Wand lehnte, und schlug damit nach einem anderen. Lila schützte Sophia hinter einer alten Seekiste. Schmerzensschreie und Kampfgeräusche erfüllten den Raum. Ich traf einen Mann am Arm, sodass er seine Waffe fallen ließ. Alexander rang mit einem anderen, sein Gesicht vor Anstrengung verzerrt.  

„Lauf mit Sophia!“, rief er mir zu. „Zum Boot am Steg!“  

Ich zögerte nicht. Lila und ich rannten mit Sophia durch eine Seitentür. Die frische Meeresluft schlug uns entgegen. Hinter uns hörten wir Schüsse. Mein Herz raste, als wir den schmalen Steg erreichten. Ein kleines Motorboot lag dort vertäut. Wir sprangen hinein. Ich startete den Motor mit zitternden Händen. Das Boot schoss über die Wellen, während Kugeln ins Wasser peitschten.  

Sophia weinte laut. „Mama, wo ist Papa?“ Der Begriff „Papa“ aus ihrem Mund traf mich tief. In all dem Durcheinander hatte sie Alexander bereits so genannt.  

Lila hielt sie fest. „Wir holen ihn. Versprochen.“  

Wir rasten über das dunkle Wasser in Richtung einer kleinen Bucht. Mein Handy klingelte. Alexander. „Seid ihr in Sicherheit? Ich habe Victoria aufgehalten. Sie flieht, aber ihre Leute sind noch da.“ Seine Stimme klang schwach vor Erschöpfung.  

„Ja, aber wir brauchen Hilfe. Die Polizei...“  

„Sie sind korrupt. Ich habe treue Männer kontaktiert. Fahrt zur alten Fischerhütte. Dort wartet Verstärkung.“  

Die Fahrt über das Wasser schien endlos. Wellen schlugen gegen das Boot, Salz brannte in meinen Augen. Ich dachte an die Jahre allein mit Sophia. Die einsamen Abende, in denen ich Zeichnungen gemacht hatte, um uns über Wasser zu halten. Der exklusive Vertrag mit Voss Enterprises hatte alles verändert. Er hatte Alexander zurückgebracht und gleichzeitig den Verrat enthüllt. Victoria als Drahtzieherin änderte alles. Eine Mutter, die ihre Familie opferte.  

In der Fischerhütte erwarteten uns zwei Männer, die Alexander treu ergeben waren. Sie versorgten uns mit trockener Kleidung und heißem Tee. Sophia schlief endlich ein, erschöpft von der Angst. Lila und ich saßen am Fenster und beobachteten das Meer. „Das ist größer als wir dachten“, sagte meine Freundin. „Victoria muss gestoppt werden.“  

Stunden später kam Alexander an. Er humpelte stark, doch er zog mich sofort in seine Arme. Der Kuss war dringend, voller Erleichterung und unterdrückter Leidenschaft. „Ich dachte, ich verliere euch.“ Seine Hände strichen über meinen Rücken. „Die Gefühle von damals... sie sind stärker geworden. Ich liebe dich, Elena. Und Sophia.“  

Ich lehnte mich an ihn, Tränen liefen über meine Wangen. „Ich will dir glauben. Aber nach all den Lügen...“  

Wir sprachen lange. Er erzählte von seiner Kindheit unter Victorias Einfluss. Wie sie den Vater manipuliert hatte und Marcus als Lieblingssohn aufgebaut. Die Übernahme der Hart Firma war nur ein Stein in einem großen Mosaik. „Ich werde das Imperium säubern. Für uns. Für eine echte Zukunft.“  

Doch während wir planten, kam eine neue Nachricht. Ein Video von Victoria. Sie saß in einem luxuriösen Raum und lächelte in die Kamera. „Liebe Familie. Ihr habt gewonnen, vorläufig. Aber ich habe Kopien aller Dokumente. Und einen letzten Trumpf. Euer Vater lebt noch. Und er arbeitet für mich. Kommt zum Familiensitz. Allein. Sonst stirbt er wirklich.“  

Alexander erstarrte. „Vater...“  

Die Enthüllung erschütterte uns beide. Ein weiterer Verrat, eine weitere Schicht. Der Familiensitz lag Stunden entfernt in den Bergen. Wir mussten hin, doch es roch nach einer weiteren Falle. Sophia war in Sicherheit bei Lila und den Wachen, doch die Gefahr folgte uns wie ein Schatten.  

In der Nacht, als Alexander und ich uns eng aneinanderschmiegten, suchten wir Trost beieinander. Die Leidenschaft flammte auf, vorsichtig wegen seiner Verletzung, doch intensiv. Es war mehr als körperlich. Es war der Versuch, die Jahre des Schmerzes zu überbrücken.  

Doch am Morgen wartete eine neue Hiobsbotschaft. Der Familiensitz war angeblich umstellt von unbekannten Kräften. Und Marcus war aus der Haft entkommen. „Sie arbeiten zusammen“, flüsterte Alexander. „Mutter und Bruder.“  

Wir machten uns auf den Weg. Die Bergstraße wand sich gefährlich. In einer Kurve blockierte ein schwarzer Wagen die Straße. Männer stiegen aus. Ein Hinterhalt. Alexander griff nach seiner Waffe. „Bleib im Auto!“  

Der Kampf begann erneut. Ich sah, wie einer der Angreifer auf Alexander zielte. Ohne nachzudenken, sprang ich aus dem Wagen und lenkte ihn ab. Ein Schuss fiel. Schmerz durchzuckte meine Schulter. Ich fiel zu Boden, Blut färbte mein Shirt.  

Alexander schrie meinen Namen. Er überwältigte den letzten Angreifer und kniete neben mir. „Elena! Bleib bei mir!“  

Die Welt verschwamm. Sophia brauchte mich. Alexander brauchte mich. Doch die Dunkelheit zog mich hinab. Victorias Stimme hallte in meinem Kopf wider. Der Verrat war noch nicht zu Ende. Als ich das Bewusstsein verlor, hörte ich Sirenen in der Ferne. War Hilfe gekommen, oder war das der nächste Schritt in Victorias grausamem Spiel? Die Antwort blieb in der Schwärze verborgen, während Alexanders verzweifelte Rufe verklangen.

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