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Kapitel 2

Author: Jens Sven
Stacie ballte die Hände zu Fäusten. Instinktiv wollte sie ablehnen.

Doch nach drei Jahren, in denen sie Kyson jeden Wunsch erfüllt hatte, reagierte ihr Körper längst vor ihrem Verstand.

Als sie wieder zu sich kam, saß sie bereits brav am Esstisch.

Kyson sah, dass sie Platz genommen hatte. Zu ihrer Überraschung machte er ihr keine Vorwürfe.

Am Tisch waren nur Isabelles ununterbrochenes Geplapper und Kysons liebevolles Zustimmen zu hören.

Kurz darauf wurden die Speisen serviert. Der Tisch war reich gedeckt. Die meisten Gerichte waren scharf gewürzt.

Sie entsprachen genau Stacies Geschmack. Doch um Kysons Magen zu schonen, aß sie seit Langem nichts Scharfes mehr.

Wenn er nicht nach Hause kam, ließ sie jeden Tag das Essen in seine Firma bringen.

Für sich allein kochte sie nur selten. Sie aß einfach das, was er aß.

„Stacie, probier unbedingt dieses Gericht. Der Koch versteht sich wirklich hervorragend auf scharfes Essen. Kyson hat ihn extra eingestellt.“

Während sie sprach, legte Isabelle Stacie eifrig etwas auf den Teller.

Schon bald war Stacies Teller mit Essen gefüllt.

„Stacie, nun probier doch.“

„Frau Reed, ich kann mir selbst etwas nehmen.“

„Isabelle wollte dir nur etwas Gutes tun. Was soll dieser Ton?“

Stacie war Kysons Haltung ihr gegenüber längst gewohnt. Sie hatte keine Lust, sich darüber zu streiten. Also nahm sie ein Stück Fleisch mit der Gabel auf.

Schon beim ersten Bissen kam ihr etwas seltsam vor. Die Konsistenz hatte kaum Ähnlichkeit mit Hühnchen. Was es wirklich war, wusste sie jedoch nicht.

In diesem Moment kam der Koch aus der Küche und stellte ein weiteres Gericht auf den Tisch.

„Das letzte Gericht: scharfes Kaninchenfleisch. Guten Appetit, Herr und Frau Jagger.“

Stacies Blick fiel auf das Kaninchenfleisch in der Mitte des Tisches. Ihre Hand begann unwillkürlich zu zittern. Die Gabel fiel mit einem klirrenden Geräusch auf den Tisch.

Eine böse Vorahnung stieg in ihr auf.

Sie hatte gerade ...?

„Woher kommt dieses Kaninchen?“

Ihre Stimme wurde unbewusst deutlich lauter.

Die beiden am Tisch schienen noch immer nicht zu verstehen, worum es ging.

„Was veranstaltest du schon wieder? Isabelle weiß doch, dass du scharfes Essen magst. Sie hat extra für dich ...“

„Ich habe gefragt, woher das Kaninchen kommt!“

Isabelle sah sie unschuldig an.

„Aus dem Garten. Es war so pummelig und zutraulich. Es hat sich ständig an mir gerieben. Ich bin allergisch gegen Kaninchenhaare. Deshalb habe ich den Koch gebeten, es zu verarbeiten.“

Stacies Pupillen verengten sich schlagartig. Ihr Magen verkrampfte sich augenblicklich.

Sie sprang auf. Die Stuhlbeine kratzten kreischend über den Boden. Taumelnd stürzte sie ins Badezimmer.

„Uäh!“

Magensäure und die gerade gegessenen Speisen kamen hoch und verbrannten ihr die Kehle.

Stacie stützte sich mit beiden Händen auf das Waschbecken. Ihre Fingerknöchel waren vor Anspannung weiß. Im Spiegel sah sie ihr totenblasses Gesicht.

Vor drei Jahren hatte sie Moppelchen im Garten der Villa gefunden.

Damals hatte sie jeden Lebenswillen verloren. Sie hatte sogar versucht, sich umzubringen, um ihr eigenes Leben gegen das der beiden Frauen einzutauschen.

Adrian Jagger, Kysons Großvater, hatte sie rechtzeitig entdeckt und gerettet. Er hatte ihr erklärt, dass wahre Wiedergutmachung nicht darin bestand, ein Leben mit einem anderen Leben zu bezahlen.

Kyson hatte seine wichtigsten Menschen verloren. Sich um ihn zu kümmern, war die beste Wiedergutmachung.

Schon eine Mahlzeit und ein paar tröstende Worte waren besser, als einfach zu sterben.

Kysons Mutter und Großmutter hatten ihr unter Einsatz ihres Lebens zur Flucht verholfen. Sie hatten das nicht getan, damit Stacie sich das Leben nahm.

Wie sollte sie rechtfertigen, dass die beiden Frauen sie mit letzter Kraft beschützt hatten, wenn sie einfach starb?

Adrian hatte Angst gehabt, dass Stacie erneut versuchen würde, sich etwas anzutun. Deshalb hatte er vorgeschlagen, dass sie drei Jahre lang bei der Familie Jagger blieb. Ob sie es als Wiedergutmachung oder als einen Versuch sah, ihre Schuld abzutragen, blieb ihr überlassen.

Wenn Kyson nach drei Jahren über den Verlust hinwegkam, konnten sie wieder zueinanderfinden.

Wenn nicht, lag die Vereinbarung bereits unterschrieben vor. Adrian schickte sie fort. Danach waren die Familien Jagger und Radcliffe quitt.

Als Adrian sie ins gemeinsame Haus brachte, war Kyson bereits in seine eigene Villa gezogen. Das ganze Gebäude wirkte leer wie ein Grab.

Jeden Morgen und jeden Abend sah Stacie wieder vor sich, wie Kysons Großmutter und seine Mutter sie auf dem Kreuzfahrtschiff in den Sicherheitskorridor stießen.

„Lauf!“

Das waren ihre letzten Worte.

Stacie wollte nicht mehr weiterleben. Trotzdem musste sie am Leben bleiben.

Das änderte sich, als sie eines Tages während eines schweren Regens in einer Ecke des Gartens ein durchnässtes Bündel weißen Fells entdeckte.

Das kleine Kaninchen hatte sich verletzt in den Garten verirrt. Seine Hinterbeine waren verletzt. Sein ganzer Körper war voller Schlamm. Trotzdem hatte es keine Angst vor Menschen und schmiegte sich hartnäckig an ihre Beine.

Stacie brachte das Kaninchen ins Haus. Sie verband seine Wunden, gab ihm Futter und nannte es Moppelchen.

Moppelchen war ziemlich dumm. Beim Fressen von Gemüse verschluckte es sich manchmal und bekam Schluckauf. Doch jeden Abend sprang es auf ihr Bett und rollte sich neben ihrem Kopfkissen zusammen.

Wenn Stacie bis drei Uhr morgens wach lag, musste sie nur die warme Fellkugel berühren. Der schwache Duft von Gras stieg ihr in die Nase. Dann fand sie manchmal noch zwei oder drei Stunden unruhigen Schlaf.

Drei Jahre!

Drei lange Jahre war Moppelchen das einzige Wesen, mit dem Stacie freiwillig sprach.

Wenn sie es ansah, hatte sie das Gefühl, dass es auf dieser Welt noch ein kleines Wesen gab, für das sie weiterleben musste.

Moppelchen war der Grund, warum sie bis heute durchgehalten hatte.

Doch jetzt war es zu einem Teller scharfen Kaninchenfleisch geworden.

Sein Kopf lag ordentlich in der Mitte des Tisches. Die einst glänzenden Augen waren zu zwei schwarzen Löchern geworden.

Als Stacie heute Morgen das Haus verlassen hatte, war es noch vollkommen gesund gewesen.

Es hatte seinen Kopf an ihrem Unterschenkel gerieben.

Doch jetzt war nichts mehr davon übrig.

„Kyson, warum reagiert Stacie so heftig? Solltest du nicht nach ihr sehen?“

Kysons ungeduldige Stimme drang von draußen herein.

„Hast du dich jetzt endlich beruhigt? Es war doch nur eine Mahlzeit. Musstest du dich deshalb gleich übergeben?“

War sie für ihn wirklich so abstoßend?

Musste sie sich übergeben, nur weil sie mit ihm zusammen aß?

Mit einem lauten Krachen wurde die Badezimmertür eingetreten.

Stacie hob den Kopf nicht. Ihre Stimme war so heiser, dass man sie kaum verstand.

„Das Kaninchen gehörte mir. Es hieß Moppelchen.“

Kyson erstarrte kurz.

„Ich habe Moppelchen drei Jahre lang großgezogen.“

Langsam richtete sich Stacie am Waschbecken auf. Im Spiegel waren ihre Augen blutunterlaufen.

„Ich habe es jeden Tag gefüttert. Und es hat jeden Tag auf meine Rückkehr gewartet.“

Sie drehte sich zu ihm um.

Der Ausdruck in ihren Augen ließ Kyson unbewusst einen halben Schritt zurückweichen.

Sein Adamsapfel bewegte sich. Doch er brachte kein Wort heraus.

Aus dem Wohnzimmer drang Isabelles Stimme herüber.

„Ich wusste wirklich nicht, dass es Stacies Haustier war. Meine Allergie war so schlimm. Kyson hat deshalb den Koch gebeten, es zu verarbeiten ... Stacie, es tut mir leid. Ich wusste es nicht.“

„Du hast ihn darum gebeten?“

Stacie lachte bitter. In ihren Augen loderte Hass.

Der Blick traf Kyson. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah von oben auf sie hinab. In seiner Stimme lag keine Spur von Schuldgefühl.

„Ja. Und? Es war doch nur ein kleines Tier. Unterschreib brav die Vereinbarung. Ich schenke dir zehn neue Kaninchen.“

Drei Jahre lang hatte Stacie geglaubt, Kyson zu kennen.

Kyson, den sie kannte, war freundlich gewesen. Er hatte sogar streunende Katzen auf der Straße gefüttert.

So kalt und gefühllos war er nie gewesen.

„Klatsch!“

Eine klare Ohrfeige traf sein ansehnliches Gesicht.

„Kyson, du bist mir widerlich.“

Stacie wusste, dass sie ihn nicht hätte schlagen dürfen. Doch sie hatte sich nicht beherrschen können.

Kyson drückte die Zunge gegen die Innenseite seiner Wange. Er wischte das Blut an seinem Mundwinkel nicht weg. Stattdessen hob er leicht die Brauen.

Sein Blick blieb auf Stacie gerichtet. Seine Mundwinkel zuckten sogar leicht.

„Stacie, wie kannst du einfach zuschlagen?“

Isabelle stürmte zu ihr und stellte sich schützend vor Kyson, ganz wie eine Wölfin vor ihrem Jungen.

„Es war doch nur ein Kaninchen. Ist es etwa wichtiger als ein Menschenleben?“

Mit diesem Satz stellte sie Stacie sofort an den Pranger.

Stacie lächelte nur. Ihr Lächeln war bitter und trostlos.

Wenn Isabelle allergisch war, konnte sie dem Kaninchen einfach fernbleiben. Die Villa war sieben- oder achthundert Quadratmeter groß. Sollte darin wirklich kein Platz für ein einziges Kaninchen sein?

Außerdem war Moppelchen ein reinrassiges Mondseidenkaninchen. Es hatte sogar kleine Kleidungsstücke getragen. Sein Fell war stets sauber gebürstet worden. Es war offensichtlich ein Haustier.

Isabelle hatte es ganz bewusst töten lassen. Sie wollte Stacie zeigen, wer von ihnen die Macht besaß.

Stacie mochte Kyson etwas schuldig sein. Isabelle schuldete sie jedoch nichts. Sie hatte keinen Grund, ihr jeden Wunsch zu erfüllen.

„Klatsch!“

Auch die zweite Ohrfeige traf mit voller Kraft.

Isabelle vergaß sogar zu weinen. Sie hielt sich die Wange und kauerte ungläubig in Kysons Armen.

Im ganzen Freundeskreis wusste man, dass Stacie Kyson jeden Wunsch erfüllte. Zeigte er nach Osten, ging sie niemals nach Westen. Sie galt als gefühllose Maschine.

Wie konnte sie sich plötzlich wehren?

Dass sie handgreiflich geworden war, kam Isabelle allerdings gerade recht. Sie hatte Stacie absichtlich provoziert, damit Kyson sie noch mehr verabscheute.

Stacie schüttelte ihre schmerzende, taube Hand.

„Tu deinem Kind einen Gefallen und sammle ein bisschen gutes Karma.“

„Stacie, jetzt gehst du zu weit!“

Kyson hob die Hand. Stacie wich nicht zurück. Sie sah ihn einfach an.

Sie hatte zuerst zugeschlagen und Isabelle zweimal geohrfeigt. Selbst wenn Kyson sie jetzt schlug, blieb sie im Recht.

Doch die Ohrfeige kam nicht.

Seine Hand erstarrte mitten in der Luft und ballte sich zur Faust. Die Adern auf seinem Handrücken traten hervor.

Am Ende ließ er sie mit Gewalt wieder sinken.

„Wenn du schon keine Lust auf ein ordentliches Essen hast, dann wird eben niemand mehr essen!“

Kysons wütende Stimme hallte durch den Raum.

„Haltet sie fest!“

Die Leibwächter kamen sofort heran.

Sie packten Stacies Arme. Einer von ihnen trat ihr in die Kniekehle. Völlig unvorbereitet sank sie vor Kyson auf die Knie.

Kyson setzte Isabelle auf das Sofa ab.

Dann drehte er sich um, packte Stacie am Hals und drückte ihr zartes, beinahe unwirklich schönes Gesicht brutal auf den Couchtisch, auf dem die Scheidungsvereinbarung lag.

„Du wagst es, in meiner Gegenwart Hand an Isabelle zu legen? Stacie, willst du wirklich sterben?“

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