Stacie wehrte sich mit aller Kraft. Doch gegen die kräftigen Leibwächter hatte sie nicht die geringste Chance.
„Entschuldige dich bei Isabelle!“
Da sie schwieg, packte Kyson sie am Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.
„Was ist? Hast du deine Stimme verloren?“
Seine Finger drückten so stark zu, dass es ihr höllisch wehtat. Tränen stiegen ihr unwillkürlich in die Augen.
Sie waren zusammen aufgewachsen. Von der unschuldigen Kindheit über die ersten Gefühle füreinander bis zu seinem Liebesgeständnis, dem Heiratsantrag und der Hochzeit hatten sie so viel miteinander erlebt.
Als ihre Liebe noch am stärksten gewesen war, war Kyson sogar bereit gewesen, sein Leben für sie zu opfern.
Mit sechzehn hatte er sie vor einem herabfallenden Werbeschild geschützt. Seine Stirn musste mit sieben Stichen genäht werden. Trotzdem hatte er grinsend gesagt:
„Keine Sorge. Mein Leben gehört dir. Wenn ich jetzt entstellt bin und du mich deswegen verlässt, bist du erledigt.“
Kaum war er mit achtzehn volljährig geworden, hatte er ihr ungeduldig seine Liebe gestanden. Er hatte Angst gehabt, dass ihm jemand anderes zuvorkam.
An ihrem 23. Geburtstag, an dem sie die Heiratsurkunde abholten, kam es zu einer Entführung. Er hasste sie aus tiefstem Herzen, doch trotzdem ließen sie sich nicht scheiden.
Stacie rechnete damit, sich ein Leben lang weiterzuquälen. Doch nun wollte er sich von ihr scheiden lassen, nur um einer anderen Frau einen Gefallen zu tun.
„Ich wollte wirklich nicht, dass alles so endet. Ich entschuldige mich bei dir. Das Kaninchen und auch das Baby in meinem Bauch waren meine Schuld.“
Isabelle zupfte vorsichtig an Kysons Hand. Sie wollte, dass er Stacie losließ.
„Ich möchte nur, dass mein Kind ehelich zur Welt kommt. Es soll nicht schon bei seiner Geburt den Makel eines unehelichen Kindes tragen.“
Je mehr sie sprach, desto trauriger wurde sie. Tränen tropften unaufhörlich über ihre Wangen.
„Als Mutter muss ich an mein Kind denken. Du bist doch so ein guter Mensch. Du kannst mich verstehen, oder?“
„Keine Sorge. Sobald das Kind geboren ist, wirst du seine einzige Mutter sein.“
„Ich habe keine Lust, das uneheliche Kind einer Geliebten großzuziehen.“
Stacie war völlig in die Enge getrieben. Trotzdem blieb sie stur und unbeugsam.
Der Duft des Essens lag noch immer in der Luft. In ihrem Kopf sah sie nur Moppelchen vor sich.
„Du willst also nicht, dass dein Kind unehelich zur Welt kommt?“
Stacie ließ Isabelles Worte langsam auf sich wirken. Ihr Lächeln wurde immer spöttischer.
„Dann werde entweder keine Geliebte. Oder wenn du schon eine bist, dann halt wenigstens die Beine geschlossen. Ihr habt dieses Kind aus purem Vergnügen gezeugt. Was geht mich das an? Ich habe es dir schließlich nicht in den Bauch gesteckt.“
Isabelle erstarrte kurz. Ihr Gesicht lief knallrot an. Offenbar hatte sie nicht erwartet, dass Stacie so direkt werden würde.
„Ihr seid beide widerlich!“
Isabelle hob unwillkürlich den Kopf aus Kysons Armen. Sie wollte etwas erklären.
„Nicht ...“
„Halt den Mund!“
Stacies und Kysons Stimmen erklangen gleichzeitig.
Isabelle erschrak.
„Setz dich brav wieder hin!“
Kyson schob Isabelles Hand beiseite. Dann richtete sich sein Blick wieder auf Stacie.
„Wir haben uns ein halbes Jahr nicht gesehen, und schon ist dein Mundwerk ganz schön scharf geworden.“
Stacies Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie sah ihn nicht mehr an.
Adrian hatte recht gehabt. Stacie hatte in den vergangenen drei Jahren bei der Familie Jagger zwar keine Berge erklommen und kein kochendes Öl durchquert. Trotzdem hatte sie sich wie eine Sklavin abgearbeitet, um ihre Schuld zu sühnen.
Sie hatte sich um jede Kleinigkeit in Kysons Alltag gekümmert. Nicht einmal seine Socken waren ihr entgangen.
Als er sich durch seinen Alkoholkonsum eine Magenschleimhautentzündung zugezogen hatte, musste Stacie als verwöhnte Erbin, die nie selbst kochen musste, medizinische Fachbücher lesen.
Sie wurde zu seiner persönlichen Ernährungsexpertin. Sie kochte Suppen, bereitete Medikamente zu und stellte ihm genaue Ernährungspläne zusammen.
Als seine Nieren versagten und er eine seltene Blutgruppe besaß, wurde sie zu seiner persönlichen Blutbank.
Als später nach einer passenden Niere gesucht wurde, unterzog sie sich ohne zu zögern den notwendigen Untersuchungen. Beinahe hätte sie ihm sogar ihr eigenes Leben geschenkt.
Der Arzt erklärte ihr deshalb, dass ihr Körper zu schwach war und sie ohne eine lange Behandlung nur schwer schwanger werden konnte.
Auch bei der Arbeit verausgabte sie sich völlig. Sie steckte ihre gesamte Mitgift und alle Hochzeitsgeschenke in die Familie Jagger und rettete das Unternehmen, das kurz vor dem Zusammenbruch stand, eigenhändig.
Inzwischen hatte sich der Unternehmenswert verdoppelt. Die Firma erzielte die höchsten Umsätze seit zehn Jahren.
„Um dich zu bestrafen und mich zur Scheidung zu zwingen, hast du nicht einmal mein Kaninchen verschont.“
Stacies Herz begann unkontrolliert zu rasen.
„Warum glaubst du, dass ich wie ein Hund deinen Forderungen folge und mich brav scheiden lasse, nur um danach auf unsere Wiederheirat zu warten?“
„Warum glaubst du, dass ich freiwillig das Kind großziehe, das du mit deiner Geliebten gezeugt hast?“
Ihre Stimme zitterte leicht. Trotzdem war jedes einzelne Wort deutlich zu verstehen.
„Wir können uns scheiden lassen. Danach geht jeder seinen eigenen Weg. Aber eine Wiederheirat wird es niemals geben. Schon jetzt in deiner Nähe zu sein, widert mich an.“
Kyson betrachtete ihre gebrochene und doch widerspenstige Gestalt. Dann lachte er leise.
Er hob die Hand und wischte die Träne aus ihrem Augenwinkel.
Anschließend beugte er sich zu ihr hinunter. Seine schmalen Lippen berührten beinahe ihr Ohr.
„Jeder geht seinen eigenen Weg?“
Mit einem Ruck stieß er sie von sich. Seine Hand schlug hart auf den Couchtisch.
Seine Augen waren unheimlich gerötet.
„Stacie, das kannst du vergessen!“
Kyson beugte sich vor und kam ihrem Gesicht so nahe, dass sie die roten Äderchen in seinen Augen und die noch nicht verblasste Ohrfeigenspur auf seiner Wange deutlich sehen konnte.
„Du entscheidest, dass es vorbei ist. Und damit ist es vorbei? Ich habe dir bereits gesagt, dass ich bestimme, wann unsere Beziehung endet.“
Sein Daumen strich über das Blut an ihrem Mundwinkel. Der Druck war weder leicht noch stark. In seiner Bewegung lag eine beinahe krankhafte Besessenheit.
„Du willst frei sein?“
Er lächelte plötzlich. Doch seine Augen lächelten nicht mit.
„Das werde ich dir nicht erlauben. Du hast deine Schuld mir gegenüber noch lange nicht beglichen. Und auch der Familie Jagger schuldest du noch etwas. Warum glaubst du, dass du einfach sauber aus meinem Leben verschwinden darfst?“
Er selbst war noch nicht über den Verlust hinweg. Warum durfte Stacie ihn verlassen und ein normales Leben führen?
Sie sollten für den Rest ihres Lebens aneinandergebunden bleiben und sich gegenseitig bis zum Tod quälen.
Stacie versuchte, sich loszureißen. Doch sie konnte sich nicht befreien.
„Was soll das heißen? Willst du dich jetzt doch nicht scheiden lassen?“
Kyson zog ein weiteres Dokument aus der Dokumentenmappe. Er legte es zusammen mit der Scheidungsvereinbarung auf den Tisch.
„Du unterschreibst die Scheidungsvereinbarung“, sagte er. „Und du unterschreibst auch die Vereinbarung über unsere Wiederheirat.“
Stacie senkte den Blick.
In der Vereinbarung stand, dass Kyson innerhalb von drei Monaten nach Isabelles Entbindung selbst einen Antrag auf Wiederheirat stellen musste. Stacie durfte dies nicht ablehnen.
Außerdem musste sie das Kind wie ihr eigenes großziehen. Sie durfte Isabelle den Kontakt zu ihrem Kind nicht verbieten. Noch weniger durfte sie Isabelle Schwierigkeiten bereiten.
„Du bist verrückt.“
Stacie sah zu ihm auf. In ihren Augen war keine Spur von Liebe mehr.
„Kyson, du zeugst mit einer anderen Frau ein Kind. Warum hältst du trotzdem an mir fest?“
„Weil du mir etwas schuldest. Und diese Schuld begleichst du dein ganzes Leben lang nicht.“
Er ging in die Hocke, sodass sich ihre Blicke auf gleicher Höhe trafen.
„Isabelle hat mir das Leben gerettet. Sie ist meine Lebensretterin und die Mutter meines Kindes. Ihr einziger Wunsch ist, dass unser Kind nicht leiden muss. Diesen Wunsch werde ich ihr erfüllen.“
„Was dich betrifft, wirst du mich in diesem Leben niemals verlassen. Ich werde dich bis zum Tod an mich binden!“
„Dann unterschreibe ich nicht. Dann bleibt ihr Kind eben ein Leben lang ein Geheimnis.“
Stacie legte den Stift beiseite.
Wenn Isabelle ihm wirklich so wichtig war, konnte Stacie ihm wenigstens Zeit abringen.
In einem Monat war sie ohnehin frei.
Ehrlich gesagt wusste sie selbst nicht, ob sie bis dahin überhaupt noch weiterleben würde.
Doch ihr Leben war mit dem Leben zweier anderer Menschen erkauft worden.
Sie musste leben.
Sie musste für die beiden Frauen weiterleben.
Kyson lachte, als hätte er gerade den besten Witz der Welt gehört.
„Das liegt nicht in deiner Hand.“
Sofort drückten die beiden Leibwächter noch fester zu. Stacie konnte sich nicht mehr bewegen.
Kyson packte ihr Handgelenk, steckte ihr den Stift wieder zwischen die Finger und zwang sie, sowohl die Scheidungsvereinbarung als auch die Vereinbarung über die Wiederheirat zu unterschreiben.
Anschließend drückte er ihren Fingerabdruck auf die Dokumente.
Erst als er beide Vereinbarungen an sich genommen hatte, war er zufrieden.
„Isabelle fühlt sich unsicher. Deshalb werde ich dich während der Scheidung nicht anfassen. Aber keine Sorge. Ich werde dich nicht ohne Gesellschaft lassen.“
Stacie ahnte, dass seine nächsten Worte nichts Gutes bedeuteten.
Als sie sein Lächeln sah, lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Unwillkürlich zog sie die Beine an und wich ein Stück zurück.
Im nächsten Moment klatschte Kyson in die Hände.
Die Tür der Villa wurde geöffnet.
Zehn ... Männer wurden von den Leibwächtern hereingeführt.
Genauer gesagt waren es zehn Männer, die alles andere als anständig aussahen.
Zusammen trugen sie weniger Stoff als ein einziges Bettlaken.
Sie waren ausnahmslos atemberaubend attraktiv. Sie sahen aus wie eine Horde verführerischer männlicher Füchse.
Der Letzte war sogar so schön, dass es beinahe unverschämt war.
Sein schwarzes Hemd hing locker an seinem Körper und wirkte zugleich lässig und sorglos.
Nur zwei Knöpfe waren geschlossen. Darunter war ein großer Teil seiner Brust entblößt. Ein rotes Seidenband lag über seinen Augen.
Seine Ausstrahlung unterschied sich vollkommen von der der anderen Männer.
„Kyson, was soll das? Ich habe die Vereinbarungen unterschrieben. Schick sie weg!“
Stacie war nicht dumm. Sie wusste genau, was er vorhatte, und schrie ihn wütend an.
Kyson sah zu den Männern vor sich. Seine Mundwinkel hoben sich langsam.
„Stacie, warum solltest du brav auf unsere Wiederheirat warten, wenn ich nichts gegen dich in der Hand hätte?“
Er kannte sie viel zu gut.
Kyson schien plötzlich ein Gedanke zu kommen. Er setzte sich auf den Couchtisch und tippte gut gelaunt mit den Fingern auf die Tischplatte.
„Ach ja. Nach heute Nacht wird jeder in unserem Kreis wissen, dass du als Erste fremdgegangen bist, obwohl du die älteste Tochter der Familie Radcliffe bist.“
„Du hast mehr als zehn Männer in unser gemeinsames Haus gebracht und dich hemmungslos amüsiert.“
„Du hast unsere Ehe verraten. Unsere Scheidung hat mit Isabelle nicht das Geringste zu tun.“
Als Stacie das hörte, starb auch der letzte Rest Hoffnung in ihr.
Kyson hatte nie vorgehabt, ihr einen Ausweg zu lassen. Isabelle sollte völlig unbeschadet in die Familie Jagger einziehen.
Er wollte ihren Ruf zerstören. Alle sollten sie für eine Frau halten, die sich jedem Mann hingab.
Er wollte sie in den Schmutz ziehen und ihr jede Fluchtmöglichkeit nehmen. Am Ende sollte sie nichts weiter als eine gehorsame Puppe sein.
„Ich habe sie alle nach deinem Geschmack ausgesucht. Hab einfach deinen Spaß. Hauptsache, du lässt sie am Leben.“
Kyson lächelte und kniff ihr scheinbar zärtlich in die Wange.
Stacie lief es eiskalt über den ganzen Körper.
Der letzte Satz war keine Bitte an sie. Er war eine Warnung an die Männer.
„Worauf wartet ihr noch? Kümmert euch gut um Frau Jagger ... Nein, eigentlich sollte ich wohl Fräulein Radcliffe sagen.“
Stacie zitterte am ganzen Körper. Sie wehrte sich unaufhörlich. Doch gegen die kräftigen Männer waren ihre Bemühungen völlig wirkungslos.
„Kyson, ich werde dich mein Leben lang hassen!“
„Stacie, zwischen uns ist doch ohnehin nur noch Hass übrig!“
Der Anführer der Männer sprach in bewusst zweideutigem, leichtfertigem Ton.
„Keine Sorge, Herr Jagger. Wir werden Fräulein Radcliffe ganz nach Ihren Anweisungen gut umsorgen.“
Seine höflichen Worte galten Kyson. Doch aus dem Augenwinkel fiel sein berechnender Blick genau auf Isabelle, die auf dem Sofa ihren Babybauch hielt.
Ihre Blicke trafen sich lautlos.
Der Mann nickte kaum merklich. Sein Blick sagte eindeutig:
„Alles ist vorbereitet. Es kann nichts schiefgehen. Fräulein Reed kann ganz beruhigt sein.“
Kyson hob Stacies Kinn an. In seiner Stimme lag unverhohlene Erregung.
„Bringt Fräulein Radcliffe nun endlich ins Schlafzimmer?“