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Kapitel 6 : Der obszöne Vorschlag

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-23 04:43:12

Théo

---

Ich stehe um Punkt 14 Uhr vor seiner Tür. Ich habe das Gefühl, in einer Nacht um zehn Jahre gealtert zu sein, Jahre des Zweifels und inneren Kampfes durchlebt zu haben. Meine Augen sind rot, umschattet, meine Haut ist blass, meine Hände zittern.

— Herein.

Seine Stimme. Immer noch so ruhig, so beherrscht, so kontrolliert. Ich öffne die Tür. Er sitzt an seinem Schreibtisch, aber heute liegen keine Akten vor ihm. Nichts. Kein Papier, kein Stift, kein Computer. Nur er, die Hände auf dem Tisch gefaltet, und ein leerer Stuhl neben ihm. Derselbe wie gestern.

— Setzen Sie sich.

Ich gehorche. Ich setze mich, so nah, dass meine Schulter fast die seine streift, wenn er sich umdreht. Er sagt nichts, wartet. Er will, dass ich als erster spreche. Er will die Worte aus meinem Mund kommen hören.

— Ich nehme an.

Die Worte kommen aus meinem Mund, trocken, rau, wie aus meiner Seele gerissen.

Er dreht langsam den Kopf zu mir. Seine grauen Augen glänzen in einem Schimmer, den ich wiederzuerkennen beginne, einem Schimmer befriedigter Besitzergreifung, eines Hungers, der gestillt werden wird.

— Was nehmen Sie an, Théo? Ich will, dass Sie es aussprechen. Klar. Präzise. Damit wir uns über die Bedingungen einig sind, damit es keine Unklarheit gibt, kein Missverständnis.

Ich balle die Fäuste auf meinen Oberschenkeln, so fest, dass meine Knöchel weiß hervortreten. Meine Stimme zittert, aber ich zwinge sie, fest zu bleiben, nicht zu brechen.

— Ich nehme an, jeden Abend zu kommen. In Ihr Büro. Auf Knien. Um... zu tun, was Sie wollen. Mit meinem Mund.

Er nickt, zufrieden, wie ein Lehrer, dessen Schüler die richtige Antwort gegeben hat.

— Das ist ein guter Anfang. Aber wir müssen es präzisieren. Was werden Sie mit Ihrem Mund tun, Théo?

Ich sehe ihn an, und ich sehe, dass er mir nichts durchgehen lassen wird, dass er mich alles artikulieren, alles formulieren, alles gestehen lassen wird. Jedes Wort wird herausgerissen werden müssen, jedes Detail wird benannt werden müssen.

— Ich werde flehen. Anflehen. Ich werde Ihnen danken. Ich werde Ihnen dienen.

— Wie werden Sie mir dienen?

— Mit meinem Mund. Ich... ich werde ihn benutzen, um... um Ihnen Vergnügen zu bereiten.

Er beugt sich leicht zu mir vor. Sein Parfum überwältigt mich, holzig, würzig, warm. Seine Gegenwart erdrückt mich.

— Mir Vergnügen bereiten, wie?

Ich senke den Blick, unfähig, seinem Blick länger standzuhalten. Meine Wangen brennen.

— Ich werde Sie küssen. Ich... ich werde Sie lecken. Ich... ich werde... in meinen Mund nehmen... was Sie wollen, dass ich nehme. Ich werde alles tun, was Sie wollen, dass ich tue.

Er legt eine Hand auf mein Knie. Durch den Stoff meiner Hose verbrennt mich seine Wärme, durchdringt mich, zeichnet mich. Seine Hand ist breit, schwer, warm.

— Heben Sie den Kopf. Sehen Sie mich an.

Ich gehorche. Seine Augen sind so nah, so intensiv, so tief. Ich ertrinke darin.

— Sie verstehen, dass dies kein Spiel ist, Théo? Dass es kein Experiment ist, keine Fantasie, keine Laune? Dass Sie exakt das tun müssen, was ich sage, wann ich es sage, ohne zu diskutieren, ohne zu zögern, ohne nachzudenken?

— Ja.

— Sie verstehen, dass Sie jederzeit aufhören können, dass Sie in jedem Moment frei sind zu gehen und nie wiederzukommen, aber dass, wenn Sie aufhören, Ihr Vater sofort wieder ins Gefängnis kommt, und dieses Mal werde ich dafür sorgen, dass er nie wieder herauskommt?

— Ja.

— Sie verstehen, dass ich jederzeit, an jedem Ort, von Ihnen verlangen kann, was immer ich will, und dass Sie gehorchen müssen, ohne Fragen zu stellen?

— Ich verstehe.

— Dann haben wir eine Vereinbarung.

Er zieht seine Hand von meinem Knie, und diese einfache Geste lässt mich leer, kalt zurück. Er steht auf, geht zu einem Schrank, den ich nicht bemerkt hatte, hinter einem Wandbehang. Er holt ein dickes Kissen heraus, aus dunkelrotem Samt, ein sichtlich altes, kostbares Kissen, und legt es auf den Boden, neben seinen Sessel, genau an die Stelle, wo seine Füße ruhen, wenn er arbeitet.

— Von heute Abend an, Théo, werden Sie, wenn Sie dieses Büro betreten, sofort zu diesem Kissen gehen und darauf niederknien. Sie werden warten, bis ich spreche. Sie werden nichts sagen, bevor ich es Ihnen nicht erlaube. Sie werden nichts tun, bevor ich Sie nicht darum bitte. Ist das klar?

— Ja.

— Perfekt. Für heute Abend habe ich nur eine einzige Bitte an Sie. Kommen Sie, knien Sie sich hin, und sagen Sie mir, was Sie fühlen. Beschreiben Sie mir Ihre Angst, Ihre Scham, Ihr Begehren. Denn Sie haben Begehren, Théo. Lügen Sie nicht. Ich habe es seit dem ersten Tag in Ihren Augen gesehen, seit dieser Konferenz, seit dem Gerichtssaal. Ich habe es in der Art gesehen, wie sich Ihr Mund öffnete, wenn Sie mich ansahen.

Ich will protestieren, leugnen, ablehnen, aber er hat recht. Tief in mir regt sich etwas, eine trübe, uneingestehbare, monströse Regung. Die Erwartung dessen, was kommen wird. Die Angst, ja. Die Scham, auch. Aber noch etwas anderes. Etwas, das nach Erregung aussieht, nach fiebriger Erwartung, nach verbotenem Verlangen.

— Ich erwarte Sie heute Abend, Théo. 20 Uhr. Seien Sie nicht zu spät.

Ich stehe auf, verlasse sein Büro ohne ein Wort. Auf dem Gang zittere ich am ganzen Leib, geschüttelt von Krämpfen, die ich nicht kontrollieren kann. Was habe ich getan? Was habe ich akzeptiert? Was bin ich geworden?

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