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Kapitel 5 : Die geheime Akte 2

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-23 04:42:29

Ich trete näher, schaue. Beweise für die Unschuld meines Vaters. Aussagen seiner reuigen Kollegen, überprüfte Alibis, graphologische Gutachten, die belegen, dass die Unterschriften gefälscht sind, Kontoauszüge, die zeigen, wohin das Geld wirklich geflossen ist. Genug, um ihn sofort freizulassen und vollständig, endgültig zu entlasten.

— Diese Dokumente existieren also, sage ich.

— Von Anfang an. Ich habe sie gleichzeitig mit den falschen vorbereitet. Ich wollte beide Möglichkeiten haben. Zuckerbrot und Peitsche. Schlüssel und Schloss.

Ich verstehe plötzlich, mit blendender Klarheit. Der Handel.

— Sie wollen, dass ich wähle. Mein Vater oder...

— Ich will, dass Sie jeden Abend kommen, Théo. In dieses Büro. Auf Knien. Und dass Sie diesen Mund, der mich verfolgt, der mich quält, der mich besessen macht, benutzen. Um zu flehen. Um anzuflehen. Um mir zu danken. Um mir zu dienen. Um mir Vergnügen zu bereiten.

Die Stille legt sich zwischen uns, dicht wie Nebel, schwer wie eine Bleidecke. Ich höre ihn atmen, ich höre mein Herz schlagen, ich höre das ferne Summen der Neonröhren im Flur.

— Und wenn ich mich weigere?

Er zuckt mit den Achseln, mit kalkulierter, fast theatralischer Gleichgültigkeit.

— Ihr Vater bleibt im Gefängnis. Der Prozess findet in sechs Monaten statt, vielleicht in acht. Er wird zu mindestens fünfzehn Jahren verurteilt, vielleicht zwanzig. Ihre Mutter versinkt in Depressionen, Antidepressiva, vielleicht Alkohol. Ihre Schwester bricht ihr Studium ab, wird arbeiten, um zu überleben, verliert ihre Jugend. Ihre Familie wird zerstört. Durch Ihre Schuld.

— Durch meine Schuld?

— Weil Sie sich geweigert haben, das einzige Mittel zu ergreifen, sie zu retten. Denken Sie gut nach, Théo. Nicht ich werde Ihre Familie zerstören. Sie sind es, indem Sie Nein sagen. Ich biete Ihnen lediglich eine Wahl an.

Ich sehe ihn an, diesen Mann, dieses Monster, diesen schwarzen Engel, und ich sehe nur graue Augen, die mich verschlingen, die mich durchbohren, die bereits von mir Besitz ergreifen. Hinter der Grausamkeit, hinter der Berechnung, hinter der Manipulation steckt noch etwas anderes. Ein Hunger, eine Erwartung, fast eine Verletzlichkeit. Er braucht mich. Nicht meinen Körper, noch nicht. Meine Unterwerfung. Meine Wahl. Meinen Mund.

— Was gebe ich, jeden Abend? wiederhole ich, wie um die Worte ein weiteres Mal zu hören, um sie in mein Gedächtnis einzugravieren.

— Ihren Mund. Für den Anfang. Wir werden dann weitersehen. Die Dinge entwickeln sich immer weiter, Théo. Nichts bleibt starr. Schon gar nicht das Begehren.

Er setzt sich wieder hin und lässt mich stehen, verloren, schwankend.

— Sie müssen sich jetzt nicht entscheiden, Théo. Gehen Sie nach Hause. Sprechen Sie mit Ihrer Mutter. Sehen Sie ihr beim Weinen zu. Sehen Sie Ihre Schwester an, so jung, so zerbrechlich. Denken Sie an Ihren Vater im Gefängnis, in seiner Zelle, der sich fragt, warum die Welt über ihm zusammengebrochen ist. Und morgen geben Sie mir Ihre Antwort.

Er vertieft sich wieder in seine Akten, ignoriert mich, ich existiere nicht mehr für ihn. Die Anhörung ist beendet.

Ich gehe hinaus, taumelnd wie ein Betrunkener. Draußen brennt die Sonne in meinen Augen, tut mir weh. Alles ist normal auf der Straße. Die Leute gehen, sprechen, lachen, erledigen ihre Einkäufe. Niemand weiß, dass mein Leben gerade aus den Fugen geraten ist, dass ich gerade ein Angebot erhalten habe, das mich verdammen wird, egal was ich tue.

Ich laufe stundenlang ziellos umher, durchquere die Stadt, ohne sie zu sehen. Schließlich gehe ich heim, erschöpft, ausgelaugt. Meine Mutter fragt nach Neuigkeiten. Ich sage, der Richter brauche mehr Zeit, um die Akte zu prüfen, er sei gewissenhaft, er wolle sichergehen. Sie glaubt mir. Sie dankt mir. Sie küsst mich.

In dieser Nacht schlafe ich nicht. Ich starre an die Decke und denke an sein Angebot. An seinen Blick auf meinen Mund. An seine Finger auf der Akte. An das, was er von mir erwartet.

Und am Morgen, als die Sonne über einer erwachenden Stadt aufgeht, weiß ich bereits, wie meine Antwort sein wird. Ich weiß, dass ich annehmen werde. Ich weiß, dass ich mich verdammen werde, um die Meinen zu retten. Ich weiß, dass ich in sein Spiel eintreten werde, in sein Leben, in sein Bett.

Und tief in mir fügt eine beschämende, winzige Stimme hinzu: und ich kann es kaum erwarten.

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