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Kapitel 2

Author: Pia Westermann
Mit zitternden Händen wählte Helene den Notruf.

Erst als Helene die Sirene des Rettungswagens hörte, verließen sie die Kräfte, und sie sackte ohnmächtig in sich zusammen.

Als Helene wieder erwachte, war bereits der nächste Tag angebrochen.

Überall an ihrem Körper steckten Schläuche.

Die Ärztin fuhr Helene vorwurfsvoll an.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass vorerst kein Geschlechtsverkehr sein darf? Konnte sich Ihr Mann denn nicht beherrschen? Kaum operiert, und schon wieder! Reiner Wahnsinn! Jetzt blutet die Wunde von Neuem. Wären Sie nicht rechtzeitig gekommen, hätte es Sie das Leben gekostet!“

„Entschuldigung, Frau Doktor, ich habe Ihnen Mühe gemacht.“

Die Ärztin senkte den Blick, und beim Anblick von Helenes blassem, erschöpftem Gesicht regte sich Mitgefühl in ihr.

Ihr scharfer Ton wurde milder.

„Es geht mich ja nichts an, aber Ihr Mann ist wirklich ein elender Kerl. Nicht das geringste Gespür dafür, wie sehr er Sie schonen sollte!“

„Rufen Sie schnell Ihre Familie an, jemand soll bei Ihnen sein. Falls etwas passiert, kann ich das nicht verantworten.“

Damit ging die Ärztin.

Bitterkeit überkam Helene.

Familie – wo hatte sie noch Familie?

Mit siebzehn hatte Helene bei einem Unglück ihre Eltern verloren und war von einem Tag auf den anderen zur Waise geworden.

Ihr Onkel Bertram Adler wurde ihr Vormund und brachte nach und nach das Vermögen und die Firma an sich, die ihre Eltern hinterlassen hatten; selbst die große Villa der Familie nahm er in Besitz.

Als Helene neunzehn war, drang Bertram eines Tages betrunken und mit dem Namen ihrer toten Mutter auf den Lippen in ihr Zimmer ein und vergewaltigte sie beinahe.

Von da an hatte sie jenes Haus für immer verlassen.

Um der Ärztin keine Last zu sein, rief Helene ihre Freundin Svenja Bauer an.

Eine halbe Stunde später traf Svenja im Krankenhaus ein.

Als sie von einer Schwester hörte, was Helene widerfahren war, kochte sie augenblicklich vor Wut.

„Dieser Mistkerl Damian! Quält dich so und lässt sich nicht einmal blicken! Gib mir seine Nummer! Wenn ich ihn mir nicht zur Brust nehme, heiße ich nicht Svenja Bauer!“

Svenja schäumte vor Empörung.

Helene jedoch schüttelte den Kopf.

„Das ist nicht nötig.“

Jetzt dort anzurufen, hieße nur, sich selbst zu erniedrigen.

Damian würde sie bloß noch mehr verachten.

Besser ein stiller Abschied als ein hässliches Zerwürfnis.

„Ach, du!“

Svenja war hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Hilflosigkeit.

„Vor vier Jahren hast du mir mit strahlendem Gesicht erzählt, du heiratest. Ich dachte, du machst eine gute Partie und hast ein schönes Leben vor dir. Dabei war es eine einzige Tortur!“

„Damian schert sich nicht um dich, lässt dich leiden und kümmert sich um nichts. Ich begreife nicht, was du dir von diesem Mann erhoffst, dass du ihm so blind ergeben bist!“

„Wegen seines Geldes? Na schön, das ließe ich ja noch gelten! Aber dieser Dreckskerl lässt dir dein kärgliches Taschengeld Monat für Monat über die Haushälterin zustecken, ein paar hundert Euro, und selbst damit knausert er bis aufs Letzte!“

„Helene, hat Damian dir etwa das Leben gerettet, dass du ihn so sehr lieben musst?“

Helene lächelte gequält.

„Ja. Er hat mir das Leben gerettet.“

Damals, als sie ihre Eltern verloren hatte und ihre Depression am schlimmsten war, war er wie ein Lichtstrahl in ihr Leben gefallen, und von da an hatte sie sich rettungslos in ihn verliebt.

Nur …

Helene hob die Hand und legte sie auf ihren Unterleib.

Seinetwegen war Helene zweimal an der Schwelle des Todes gewesen.

Damit war diese Schuld wohl beglichen.

Von nun an waren sie quitt.

Eine Woche lag Helene im Krankenhaus.

Die ganze Zeit war es Svenja, die bei ihr blieb; von Damian kam nicht ein einziger Anruf.

An jenem Vormittag stützte Svenja die gerade aus dem Krankenzimmer tretende Helene, als auf dem Flur plötzlich Unruhe aufkam und die jungen Schwestern alle in dieselbe Richtung liefen.

„Wir haben eine neue Oberärztin, gerade mal fünfundzwanzig! Und eine Frau!“

„So jung schon Oberärztin, ist das nicht der Wahnsinn?“

„Und ob! Sie hat lange im Ausland geforscht, jede Menge Preise eingeheimst, und kaum ist sie zurück, hat sie die ganze medizinische Welt aufgerüttelt!“

„Es heißt, sie ist nicht nur fähig, sondern auch noch schön, und ihr geheimnisvoller Freund soll aus allerbestem Haus stammen! Um ihr den Rücken zu stärken, hat er dem Krankenhaus glatt einen ganzen Gebäudeflügel gestiftet!“

„Mein Gott! Was für eine Geste!“

Svenja war in diesen Tagen im Krankenhaus vor Langeweile fast verrückt geworden.

Kaum hörte sie von einer so beeindruckenden Person, sagte sie sofort: „Helene, das sehen wir uns auch an!“

Vor dem Krankenhaus drängte sich eine riesige Menschenmenge.

Man sah deutlich, welches Aufsehen die neue Ärztin machte – selbst der Klinikdirektor war persönlich erschienen, um sie zu empfangen.

Aus Sorge, Helene könnte ins Gedränge geraten, stellten Helene und Svenja sich ganz nach hinten.

Svenja reckte sich auf die Zehenspitzen, spähte nach vorn und spottete: „Bei dem Auflauf denkt man glatt, hier wäre ein Superstar angereist.“

Eine luxuriöse schwarze Limousine hielt langsam, und ihr entstiegen ein Mann und eine Frau.

Die Menge verdeckte das Gesicht der Frau.

Die auffallende Größe des Mannes stach hervor.

Von hinten kam er Helene seltsam bekannt vor.

Als er sich, die Frau am Arm, umdrehte, stockte Helene jäh der Atem.

Dieses umwerfend schöne Gesicht gehörte ihrem Mann, Damian!

„Es heißt, der Freund der neuen Frau Dr. Adler ist der Chef der Hofmann-Gruppe. Er sieht ja unverschämt gut aus!“

„Vor ein paar Tagen stand in den Nachrichten, dass er auf einer Auktion für seine Liebste alles freigekauft hat, und heute steht er ihr auch noch öffentlich zur Seite – so verwöhnt er sie!“

„Dr. Adler kann sich glücklich schätzen, die hat das große Los gezogen! Wie kann ein Mensch nur so vollkommen sein!“

Die staunenden Ausrufe und das Getuschel ringsum drangen ununterbrochen an Helenes Ohren.

Auch Svenja war beim Anblick von Damians Gesicht reichlich überrumpelt.

„Verdammt! Dieser miese Schuft!“

Helene rang mit dem Tod, und Damian kümmerte sich um nichts.

Stattdessen stärkte Damian hier seiner Geliebten öffentlich den Rücken!

Svenja platzte der Kragen, sie wollte hinstürmen und für Helene Partei ergreifen.

Helene hielt sie zurück.

„Lass es, Svenja, gehen wir zurück.“

Die Scheidung war beschlossene Sache, Helene wollte keinen peinlichen Aufruhr.

Svenja fügte sich nur schweren Herzens. Sie fürchtete, die frisch operierte Helene könnte einen solchen Schock nicht verkraften und Schaden nehmen.

So stützte Svenja Helene zurück ins Krankenzimmer.

„Dieser Mistkerl Damian! Ein verheirateter Mann, und trotzdem führt er seine Geliebte so unverfroren öffentlich aus und stellt seine Liebe vor aller Welt zur Schau!“

„Und die andere ist genauso schamlos. Was für eine Ärztin soll das sein! Spannt einer anderen den Mann aus! Von ärztlicher Ethik keine Spur!“

Svenja schimpfte unaufhörlich auf den Schuft Damian und seine Geliebte.

Helenes Miene aber blieb gelassen.

Svenja wusste, wie sehr Helene Damian liebte.

Svenja sorgte sich.

„Helene, geht es dir gut?“

Helene rang sich ein schwaches Lächeln ab.

„Mir geht es gut. Ich habe ohnehin beschlossen, mich von ihm scheiden zu lassen.“

Die Scheidungspapiere hatte Helene im Schlafzimmer hinterlegt.

Spätestens nächsten Monat würde Damian sie wohl finden.

Svenja war ein wenig verblüfft.

„Helene, hast du es dir wirklich überlegt? Du willst dich von Damian scheiden lassen?“

Helene nickte.

„Ja. Ich habe es mir überlegt.“

Helenes Miene war ruhig, doch in ihrem Inneren wütete ein zerreißender Schmerz.

Helene hatte ihn ganze sieben Jahre geliebt.

Sein Name war Helene tief ins Herz eingebrannt.

Helene musste mit aller Kraft daran zerren, bis alles blutig zerfetzt war, um Damian endgültig herauszulösen.

So sehr es auch schmerzte …

Ihr Entschluss, diese Ehe zu beenden, stand fest.

„Wie schön, Helene!“

Svenja war ganz aufgeregt.

„Du bist so klug, so schön, du könntest jeden Mann haben. Warum klammerst du dich ausgerechnet an Damian? Es gibt doch nicht nur diesen einen Mann auf der Welt!“

„Scheidung! Und zwar schnell! Wenn du erst geschieden bist, nehme ich dich mit und suche dir die heißesten Typen aus! Junge Wilde, sanfte Schmusetypen, charmante Aufmerksame, Muskelpakete – was dein Herz begehrt! Wir nehmen sie uns alle der Reihe nach vor!“

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