Viola verbrachte den Rest des Tages damit, sich in ihrem winzigen Schlafzimmer zu verstecken.
Sie ging weder zum Mittagessen hinunter noch rührte sie das Abendessen an. Stattdessen saß sie mit eng an die Brust gezogenen Knien auf der Bettkante und wartete. Sie rechnete jeden Augenblick damit, dass ihre Mutter die Tür aufriss. Sie erwartete, in die dunklen Lagerräume gezerrt und dafür bestraft zu werden, dass sie heimlich gelauscht hatte.
Aber niemand kam.
Sebastian hatte sie beim Schleichen erwischt, aber er hatte es ihrer Mutter nicht erzählt.
Viola verstand nicht, warum. Weshalb hielt er ihr Geheimnis für sich? Es war offensichtlich, dass sie ihm egal war. Ganz gleich, wie sehr sie versuchte, eine Erklärung dafür zu finden, ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dem verbotenen Namen zurück.
Diego.
Sie erinnerte sich daran, wie Sebastians Haltung sich schlagartig verändert hatte. An die tödliche, mörderische Energie, die von seiner massigen Gestalt ausgegangen war. Wer immer Diego war, allein die Erwähnung seines Namens hätte ihren Stiefbruder beinahe dazu gebracht, seinen eigenen Vater zu töten.
Um zwei Uhr morgens lag völlige Stille über dem Anwesen, aber Violas Gedanken rasten noch immer. Die Wände ihres kleinen Schlafzimmers schienen immer näher zu rücken. Vor Angst zog sich ihre Brust zusammen, während ihr Magen vor Hunger krampfte. Sie brauchte frische Luft.
Langsam schlich sie aus ihrem Zimmer.
Sie ging leise den langen, dunklen Flur entlang in Richtung Ostflügel. Am Ende des Ganges befand sich ein großer, offener Balkon mit Blick auf die Gärten, der um diese Uhrzeit normalerweise verlassen war. Sie hielt sich dicht an der Wand. Ihre nackten Füße verursachten auf dem Marmor nicht den geringsten Laut.
Als sie sich dem Balkon näherte, ließ ein leises, kaum hörbares Keuchen sie abrupt stehen bleiben.
Viola erstarrte.
Eine Frau? Schon dieser Gedanke versetzte sie in Panik. Der Laut klang atemlos, beinahe so, als hätte jemand Schmerzen. Ihr erster Impuls war, umzukehren und direkt in ihr Schlafzimmer zurückzulaufen. Aber was, wenn jemand in Gefahr war?
Viola schluckte ihre Angst hinunter und schlich sich Schritt für Schritt an den steinernen Torbogen des Balkons heran. Sie spähte um die Kante und wartete, bis ihre violetten Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
Ihr wich augenblicklich jede Farbe aus dem Gesicht.
Niemand war in Gefahr.
Eine wunderschöne Frau in einem dunkelgrünen Kleid stand mit dem Rücken an die Steinwand gedrängt. Sebastian hielt sie mit seinem massigen Körper dort fest. Sie hielt sich eng an ihm fest und vergrub die Hände in seinem dunklen, zerzausten Haar.
Viola schien am Boden festgewurzelt.
Sebastian küsste die Frau leidenschaftlich und hielt sie dicht an sich. Seine breite Brust lag an ihrem Körper, und seine Küsse wanderten von ihren Lippen zu ihrem Hals. Die Frau gab einen leisen, atemlosen Laut von sich und legte den Kopf gegen die Steinwand.
Und in Viola regte sich etwas, das sie nicht verstand. Ihr wurde heiß, und ihr Atem beschleunigte sich unwillkürlich. Sie schämte sich für diese Reaktion. Sie hasste sich dafür.
nwillkürlich presste sie die Schenkel zusammen. Ein fremdes, flatterndes Gefühl regte sich in ihr, das sie nicht einordnen konnte. Ihre Finger krümmten sich um den kalten Stein des Torbogens, an dem sie sich festhielt, als wäre er ihr einziger Halt.
Sie war Jungfrau und noch nie geküsst worden. Eine derart intime Szene hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie miterlebt.
Sie wusste, dass sie wegsehen musste. Jede Moralvorstellung, die ihre Mutter ihr je eingetrichtert hatte, schrie in ihr auf und befahl ihr wegzulaufen. Aber ihr Körper gehorchte nicht. Stattdessen beugte er sich nach vorn, der Hitze entgegen, als wollte er mehr erfahren.
Scham überkam sie, stärker als jedes andere Gefühl. Was stimmte nicht mit ihr?
Plötzlich flatterten die Augen der schönen Frau auf.
Ihr Blick glitt über Sebastians breite Schulter und fiel direkt auf Viola, die sich im Torbogen versteckte.
Die Frau hörte auf zu stöhnen. Sie zog sich ein wenig zurück, und über ihr gerötetes Gesicht huschte ein Ausdruck unverhohlener Belustigung.
„Na, na“, sagte die Frau leise. In ihrer Stimme lag ein Lächeln. „Wer ist denn diese kleine Maus?“
Sebastian hielt inne.
Er ließ die Frau nicht los, drehte aber langsam den Kopf und blickte über seine breite Schulter. Seine auffälligen bernsteinfarbenen Augen durchdrangen die Dunkelheit und blieben direkt auf Viola liegen.
Sein Haar war vollkommen zerzaust, sein Kiefer angespannt. Langsam legte sich ein dunkles Grinsen auf seine Lippen. Sein Blick glitt an ihrem völlig erstarrten, verängstigten Körper auf und ab.
„Gefällt dir, was du da siehst, Schatz?“, murmelte er mit rauer Stimme in der stillen Nacht.
Viola lief knallrot an.
„Ich wollte nur … Ich habe nicht … Es tut mir leid“, stammelte sie. Die Worte überschlugen sich.
Sie riss sich vom Torbogen los und rannte um ihr Leben.
Blindlings jagte sie durch die dunklen Korridore. Das panische Hämmern ihres eigenen Herzens dröhnte in ihren Ohren. Sie stürzte in ihr Schlafzimmer, schlug die Tür hinter sich zu und schloss ab.
Viola warf sich förmlich auf ihr Bett, griff nach ihrem Kissen und presste es fest auf ihr Gesicht, während sich ein stummer, gedemütigter Schrei aus ihrer Kehle löste.
In ihrem Kopf schrien die Fragen: Warum bin ich nicht früher weggelaufen? Warum bin ich einfach stehen geblieben?
Sie hatte gar nicht starren wollen, aber ihre Beine hatten sich angefühlt, als wären sie am Boden festgeklebt. Jetzt wusste er, dass sie die beiden gesehen hatte. Sie würde ihm nie wieder in die Augen sehen können.
Und das Schlimmste, der Teil, den sie tief unter ihrer Demütigung vergrub, war, dass die Hitze in ihrem Unterleib noch immer nicht verschwunden war.
Wenn ihre Mutter je herausfand, dass sie so etwas mit angesehen hatte, würde sie sie tatsächlich umbringen.
Für Viola wurde es zur Vollzeitaufgabe, Sebastian Hierro aus dem Weg zu gehen.
Am Dienstag bog sie mit einem Stapel sauberer Laken um eine Ecke und hörte vor sich seine tiefe, raue Stimme. Er unterhielt sich mit einem der Angestellten. Ohne nachzudenken, huschte sie durch die nächstgelegene Tür in den kalten Vorratsraum unter der Treppe und blieb regungslos zwischen den Regalen voller Konserven und alten Kisten stehen. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, es hallte wider.
Seine Schritte kamen näher. Sie wurden langsamer. Dann hielten sie direkt vor der Tür an.
Viola hielt den Atem an. Ihre Finger gruben sich in die Laken. Staub und kalte Luft stiegen ihr in die Nase, während sie reglos in der Dunkelheit stand wie eine Statue und zu einem Gott betete, von dem sie nicht einmal mehr sicher war, ob er ihr überhaupt zuhörte.
Eine Sekunde. Zwei.
Dann entfernten sich die Schritte.
Viola blieb noch weitere zwanzig Minuten in dem eiskalten Raum, bis ihre Beine nicht mehr zitterten und sie wieder gehen konnte.
Am Donnerstag griff sie zu noch verzweifelteren Maßnahmen.
Sebastian saß am Mittagstisch rechts von Rafael, mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, dem dieser Platz ohnehin gehörte. Violas Stuhl stand direkt in seinem Blickfeld. Das hielt sie nicht aus. Sie konnte keine Stunde unter diesen bernsteinfarbenen Augen sitzen, nicht nach dem Vorfall auf dem Balkon.
Als Vanessa wie üblich ihren Kommentar über Violas Pullover abgab und ihn als etwas bezeichnete, das selbst Bettler ablehnen würden, tat Viola etwas, das sie sonst nie tat.
Sie gab Widerworte.
„Wenigstens verdienen Bettler sich, was sie tragen“, sagte sie leise. „Sie stehlen es nicht aus dem Kleiderschrank ihrer Schwester.“
Am Tisch herrschte plötzlich Totenstille. Vanessas Gesicht wurde erst weiß und dann fleckig rot. Die Handfläche ihrer Mutter knallte auf die Tischplatte.
„Geh auf dein Zimmer“, zischte Octavia bebend vor Wut. „Kein Mittagessen. Kein Abendessen. Ich will dein Gesicht den Rest des Tages nicht mehr sehen.“
„Ja, Mutter.“
Viola verließ den Raum mit gesenktem Kopf und verbarg das kleinste Aufflackern von Erleichterung in ihrer Brust. Bestraft zu werden, war sie gewohnt. Hunger ließ sich überstehen.
Sebastian Hierro gegenübersitzen zu müssen, war weder das eine noch das andere.
Am Sonntagabend wurde es allerdings unmöglich, ihm aus dem Weg zu gehen.
Rafael hatte die ganze Familie angewiesen, sich im großen Empfangszimmer zu versammeln. Als Viola sich leise hineinschlich und den Kopf gesenkt hielt, lag bereits eine erstickende Spannung in der Luft.
Sebastian saß auf einem der großen Ledersofas in der Mitte des Raumes. Er trug ein schwarzes Hemd, und Viola dachte gedankenverloren, dass Schwarz wohl seine Lieblingsfarbe sein musste, da er ständig darin herumlief. Die oberen drei Knöpfe standen offen und gaben die scharfen Linien seiner Schlüsselbeine frei. Sein dunkles Haar war zerzaust, eine Zigarette ruhte lässig zwischen seinen Lippen. Er saß da wie ein König, die Beine breit auseinander, vollkommen unbeeindruckt von allem um ihn herum.
Zu Violas völligem Erstaunen schien Rafael tatsächlich glücklich zu sein.
Es war eine kalte, zurückhaltende Art von Glück, aber er strahlte förmlich vor Triumph, während er am Kamin stand.
„Ich habe euch alle hier versammelt, um euch eine hervorragende Nachricht mitzuteilen“, verkündete Rafael. Seine raue Stimme trug mühelos durch den Raum. „Endlich hat mein Sohn zugestimmt, seine Pflichten zu erfüllen.“
Viola hob in ihrer Ecke nervös den Blick.
„Sebastian wird seinen Stützpunkt offiziell auf dieses Anwesen verlegen“, fuhr Rafael fort. In seinen dunklen Augen funkelte der Triumph. „Er übernimmt seinen rechtmäßigen Platz als Oberhaupt der spanischen Familien. Nächste Woche veranstalten wir eine Feier, um es dem Kartell bekannt zu geben.“
Vanessa japste überrascht auf. Ein strahlendes, berechnendes Lächeln erhellte ihr makelloses Gesicht. „Oh mein Gott! Herzlichen Glückwunsch, Sebastian!“
Octavia fiel sofort ein, ihre Stimme süß und geschliffen. „Das sind wunderbare Neuigkeiten. Der Name Hierro wird endlich wieder genau dort stehen, wo er hingehört.“
Viola schwieg völlig. Sie presste den Rücken gegen die Wand und versuchte, mit der Tapete zu verschmelzen.
Er würde einziehen. Offiziell. Der Mann, der ihr Angst einjagte, der sie faszinierte, der sie auf dem Balkon bei dieser Sache ertappt hatte, würde dauerhaft unter demselben Dach leben wie sie.
Sie schluckte schwer, während sich ihre Brust vor Panik zusammenzog.
Langsam und vorsichtig ließ sie den Blick zum Sofa wandern.
Seine auffälligen bernsteinfarbenen Augen richteten sich direkt auf das stille, verängstigte Mädchen, das sich in der Ecke versteckte. Er nahm einen langsamen Zug an seiner Zigarette und beobachtete sie durch den Rauch.
„Macht es dir Angst, dass ich dauerhaft hierbleibe?“, durchschnitt plötzlich seine tiefe, raue Stimme den Raum. Dabei ignorierte er Vanessas lächelndes Gesicht vollkommen.
Im ganzen Raum herrschte Totenstille.
Vanessas strahlendes Lächeln verschwand augenblicklich. Octavia versteifte sich vor Schock, ihre Augen wanderten zwischen dem Kartellboss und ihrer ungeliebten Tochter hin und her. Selbst Rafael runzelte verwirrt die Stirn.
Viola hörte auf zu atmen. Jede Farbe wich aus ihrem Gesicht, als sämtliche entsetzten und wütenden Blicke sich schlagartig auf sie richteten.
Ihre Hände begannen zu zittern. Sie presste sie flach auf ihre Schenkel, um es zu verbergen. Es half nichts.
Sebastian saß einfach nur da und wartete. Gemächlich stieß er eine Rauchwolke aus, vollkommen geduldig, als hätte er die ganze Nacht Zeit.
„Nun?“, drängte er und senkte die Stimme. „Antworte mir, Viola.“
Ihren Namen aus seinem Mund zu hören, und das vor allen anderen, ließ ihre Hände noch heftiger zittern. Ihre Mutter starrte sie mit wachsender Wut an. Vanessas Verwirrung verwandelte sich bereits in etwas Hässlicheres. Viola öffnete den Mund, aber kein Laut kam heraus. In ihrem Kopf existierte nichts außer dem Dröhnen ihres eigenen Blutes.
Und dann sah sie es.
Das Lächeln, das sich in seinem Mundwinkel abzeichnete.
Langsam. Ungehetzt. Das Lächeln eines Mannes, der genau wusste, was er mit ihr anstellte, und jede Sekunde davon genoss.
Irgendwie war dieses Lächeln das Furchterregendste, was sie je gesehen hatte.
Denn Viola verstand mit einer Gewissheit, die ihr das Blut in den Adern erfror, genau, was dieses Lächeln ihr versprach.
Mit ihrem Versteckspiel war es vorbei. Weder die Lagerräume noch die ausgelassenen Abendessen noch die Strafen, die sie absichtlich provoziert hatte, würden sie noch retten. Er zog in dieses Haus ein. In ihr Haus. Es würde keinen Flur mehr geben, in dem seine Schritte nicht zu hören waren, keinen Esstisch, an dem er ihr nicht gegenübersaß, und keine Ecke mehr, in der sie verschwinden konnte.
Und es kam noch schlimmer. Er hatte das gerade vor allen getan. Ihre Mutter starrte sie bereits an, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Vanessa sah aus, als wollte sie sie auf der Stelle in Stücke reißen. Was immer Sebastian vorhatte, er machte kein Geheimnis daraus. Und den Preis für seine Aufmerksamkeit würde nicht er bezahlen, sondern Viola.
Er war noch lange nicht mit ihr fertig.
Er hatte gerade erst angefangen.