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Kapitel 4

Pria Ambre
Im Arbeitszimmer des Hierro-Anwesens roch es immer gleich: nach altem Leder, teurem Scotch und verrottender Macht.

Sebastian stand neben dem gewaltigen Mahagonischreibtisch und blickte aus dem großen Fenster auf die sorgfältig gepflegten Gärten hinaus. Er trug kein Jackett, nur sein dunkles Hemd, dessen Kragen offen stand. Langsam zog er an seiner Zigarette und blies den Rauch gegen die Scheibe. Den Mann, der hinter ihm in dem schweren Ledersessel saß, beachtete er überhaupt nicht.

„Du kannst dein Geschäft nicht ewig vom Wald aus führen“, fuhr Rafael ihn an. Seine raue Stimme wurde lauter. „Du bist jetzt das Oberhaupt der Hierro-Familie. Der Boss der spanischen Mafia. Dieses Haus gehört dir. Die Familien, das Vermächtnis, alles. Du gehörst auf diesen Stuhl, Sebastian. In dieses Haus. Du sollst herrschen, wie es dein Blut verlangt, statt im Dreck den Kartellkönig zu spielen.“

Sebastian zuckte nicht einmal zusammen. Er blinzelte nicht einmal. Er klopfte lediglich die Asche seiner Zigarette in eine Kristallschale.

Seit drei Jahren hielt Rafael ihm dieselbe Rede. Er konnte nicht ertragen, dass sein Sohn die Krone der Mafia an sich genommen hatte, sich aber weigerte, sie auf die Weise zu tragen, die Rafael von ihm erwartete. Sebastian hatte sein eigenes Imperium aufgebaut, mit eigenen Männern und eigenem Gebiet. Er führte es mit einer Rücksichtslosigkeit und Effizienz, wie sie die traditionelle spanische Mafia noch nie erlebt hatte.

„Ich spiele nicht“, erwiderte Sebastian glatt und ungerührt. „Ich herrsche. Das ist ein Unterschied, Alter.“

„Du trittst das Vermächtnis mit Füßen“, knurrte Rafael. Seine Knöchel traten weiß hervor, als er seinen Gehstock umklammerte. „Der Name Hierro hat die spanische Unterwelt aufgebaut. Und du behandelst ihn wie einen Mantel, den du einfach an einen Haken hängen kannst. Zieh wieder in dieses Haus. Setz dich mit den Familien zusammen. Kümmere dich um sie. Wenn du es nicht tust, sollte ich es vielleicht übernehmen.“

Sebastian drehte sich endlich um.

Er lehnte sich mit überkreuzten Fußknöcheln gegen die Schreibtischkante und blickte mit völlig leeren, kalten bernsteinfarbenen Augen auf seinen Vater hinab. Sein Gesicht zeigte keinerlei Zorn. Nur eine vollkommen beherrschte, räuberische Ruhe.

„Versuch es ruhig“, murmelte Sebastian lässig. „Wir beide wissen, dass dir dafür inzwischen der Biss fehlt.“

Er nahm noch einen langsamen Zug von seiner Zigarette und blies den Rauch aus.

„Damit wir uns richtig verstehen, Vater: Ich habe es satt, mich herumschubsen zu lassen. Wenn du mir weiter solche Reden hältst, werde ich alles zerstören, was du aufgebaut hast. Die Familien. Die Routen. Den Namen, der über der Tür eingemeißelt ist. Ich werde dein Vermächtnis niederbrennen und mitten im Rauch stehen, ohne auch nur irgendetwas zu empfinden.“

Rafaels Gesicht lief dunkelrot an. Sein Atem ging schwer, aber er erhob sich nicht aus seinem Sessel. Er wusste es besser, als das Monster, das er selbst erschaffen hatte, körperlich herauszufordern. Stattdessen lehnte er sich zurück und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen giftig und berechnend an.

„Wenn du deine Pflicht derart ungern erfüllst“, sagte Rafael leise, wobei seine Stimme einen gefährlich tiefen Ton annahm, „sollte ich vielleicht Diego fragen.“

Vor den schweren Türen presste Viola eine zitternde Hand auf ihren Mund.

Sie war gerade mit einem Stapel frischer Handtücher am Arbeitszimmer vorbeigegangen, als sie die tiefen Stimmen gehört hatte. Die schweren Eichentüren standen einen Spaltbreit offen. Sie wusste, dass sie bestraft würde, wenn jemand sie beim Lauschen erwischte, aber ihre Neugier hielt sie wie angewurzelt auf dem Marmorboden.

Das ganze Gerede über Kartellgeschäfte und Gebiete war ihr völlig unverständlich gewesen. Dann hatte Rafael diese Worte ausgesprochen.

„Vielleicht sollte ich Diego fragen.“

Viola erstarrte völlig. Diego. Der verbotene Name. Als ihre Mutter damals Rafael geheiratet und die zwölfjährige Viola auf dieses Anwesen gebracht hatte, hatte man ihr genau eine furchteinflößende Warnung mitgegeben: Sie durfte diesen Namen niemals aussprechen und sich unter keinen Umständen dem abgeschlossenen obersten Stockwerk nähern. Dieser Bereich war für alle im Haus tabu, und niemand wagte es, nach dem dunklen Geheimnis zu fragen, das dort oben verborgen lag.

Durch den Türspalt sah Viola genau, was der Name in ihrem Stiefbruder auslöste.

Er ballte die Faust derart fest auf der Tischplatte, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Die kühle, ungerührte Maske, die er immer trug, verschwand. An ihre Stelle trat eine dunkle, tödliche Energie, die Viola die Härchen an den Armen aufrichtete.

„Sei vorsichtig, Vater“, warnte Sebastian leise. Seine Worte waren von eisiger Kälte durchzogen, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Rafael lächelte, seine Lippen zu einem kalten, siegessicheren Bogen verzogen. „Ich drohe dir nicht. Ich sage nur ... du solltest über deine Verantwortung nachdenken.“

Lange sagte Sebastian nichts.

Dann gab das Monster zu Violas ungläubigem Erstaunen nach.

„Ich werde in dieses Haus zurückkehren“, sagte Sebastian mit flacher Stimme, der jedes Gefühl fehlte. „Ich werde mich auf den Stuhl setzen und mich um die Familien kümmern, wie du es willst. Betrachte es als erledigt.“

Rafaels Lächeln wurde breiter. „Siehst du? Das war gar nicht so schwer.“

„Und Vater.“ Sebastians Stimme wurde leiser, und irgendwie klang sie dadurch so furchteinflößend wie nie zuvor. „Wenn du seinen Namen noch einmal über deine Lippen kommen lässt, vergesse ich, dass du mein Vater bist.“

Viola umklammerte die Handtücher noch fester. Sebastian Hierro, der gerade gedroht hatte, sein eigenes Vermächtnis in Schutt und Asche zu legen, hatte allem zugestimmt, was Rafael von ihm verlangte. Wegen eines einzigen Namens.

Was immer Diego war, er war das Einzige in diesem Haus, das Sebastian in die Knie zwingen konnte.

Sebastian stieß sich vom Schreibtisch ab, wandte seinem Vater den Rücken zu und ging geradewegs auf den Ausgang zu.

Panik überkam Viola. Hastig wich sie zurück, presste sich flach gegen die Flurwand und drückte die Handtücher fest an ihre Brust. Sie schloss die Augen und hielt den Atem an, in der verzweifelten Hoffnung, die Schatten würden sie verbergen.

Die schweren Türen schwangen auf.

Sebastian trat in den stillen Korridor hinaus. Er drehte den Kopf nicht. Er sah nicht in ihre Richtung. Er ging einfach an ihr vorbei.

Violas Lungen brannten. Als er einige Schritte entfernt war, entwich ihr ein winziger, lautloser Seufzer der Erleichterung. Er hatte sie nicht gesehen.

Plötzlich verstummten seine Schritte.

Er drehte sich nicht um.

„Lauschen ist eine schlechte Angewohnheit, Schatz“, sagte er mit rauer Stimme in die Stille hinein. „Bist du etwa ein unartiges Mädchen?“

Viola hielt den Atem an.

Woher weiß er das? Er hatte sie nicht einmal angesehen. Eine heftige Welle der Panik durchfuhr ihre Brust.

„Vergiss, was du heute Abend gehört hast“, fuhr er fort. Er wandte ihr noch immer den Rücken zu, und seine Stimme klang tief und beinahe gelangweilt. „Ein braves Mädchen wie du will sicher nicht, dass Menschen wegen eines Namens sterben.“

Ihr Blut gefror zu Eis.

Menschen. Sterben. Wegen eines Namens.

Sie antwortete nicht. Sie wartete nicht darauf, dass er sich umdrehte. Sie rannte einfach los, während ihre Schritte leise durch den Korridor hallten, so schnell ihre zitternden Beine sie tragen konnten.

Sebastian blieb im Flur stehen und lauschte ihren hastigen, panischen Schritten, während sie davonlief. Ein langsames, dunkles Grinsen spielte um seine Lippen.

Kaum war der Korridor leer, verschwand das Grinsen. Seine Augen wurden vollkommen kalt, obwohl tief in ihren bernsteinfarbenen Abgründen etwas Dunkles und Gefährliches brannte.

Er ging den Korridor hinunter zu seinem privaten Wohntrakt und schloss die schwere Schlafzimmertür hinter sich. Er knöpfte sein dunkles Hemd auf, streifte es von seinen breiten Schultern und warf es auf einen Stuhl.

Als er sich umdrehte, fing das schwache Licht die dunkle Tinte auf seiner Haut ein. Eine scharf gezeichnete, gefährliche Schlangentätowierung wand sich eng um seine Rippen. Quer über seinen breiten Rücken verlief ein düsterer spanischer Leitspruch: „La lealtad se paga con sangre“ (Loyalität wird mit Blut bezahlt).

Mit nacktem Oberkörper ging er zum großen Fenster, von dem aus er das dunkle Anwesen überblicken konnte. Er zog sein verschlüsseltes Telefon hervor und wählte eine Nummer.

„Ist alles vorbereitet?“, fragte Sebastian mit tiefer, geschmeidiger Stimme.

Am anderen Ende erhielt er eine kurze Bestätigung.

Ein dunkles Lächeln berührte seine Lippen. „Gut. Es ist Zeit.“

Er beendete das Gespräch und warf das Telefon aufs Bett.

Seine Gedanken hätten sich ausschließlich um den Plan drehen müssen. Niemand in diesem Haus war für ihn von Bedeutung. Für ihn war jeder unter diesem Dach lediglich eine Spielfigur, die nur darauf wartete, eingesetzt zu werden.

Aber seine Gedanken schweiften ab.

„Viola“, murmelte er leise in den leeren Raum.

Der Name passte zu ihr. Er passte zu ihren seltenen, violetten Augen. Sie bewegte sich äußerst vorsichtig durch das Anwesen und sah sich ständig über die Schulter um, als erwartete sie, dass jemand aus den Schatten hervorsprang.

Sie faszinierte ihn.

Sie erinnerte ihn an ein kleines Kaninchen, das er als Kind im Wald gefangen hatte. Ein verängstigtes, verwundetes Tier, das wild zitterte, sobald es begriff, dass es in der Falle saß.

Genau das war Viola. Ein verängstigtes kleines Kaninchen, das völlig in seiner Gewalt war.

Und heute Abend hatte das kleine Kaninchen den Namen gehört. Diego. Laut ausgesprochen vor einem Mädchen, das sogar vor ihrem eigenen Schatten zusammenzuckte.

Er hätte wütend sein müssen. Er hätte sie in das Arbeitszimmer schleifen und ihr klarmachen müssen, welchen Preis Schweigen in seiner Welt hatte.

Stattdessen breitete sich etwas Krankes und Warmes in seiner Brust aus.

Sie trug es jetzt in sich. Sein bestgehütetes Geheimnis. Sie ging mit diesem Geheimnis in ihrer kleinen, zitternden Brust durch sein Haus, ohne auch nur zu wissen, was es bedeutete.

Es hätte ihn nicht so sehr in seinen Bann ziehen dürfen.

Trotzdem geschah genau das.

Allein der Gedanke daran, wie sie unter seinem Blick erstarrt war, entfachte etwas sehr Dunkles in seiner Brust.

Vielleicht würde ihn dieses Haus schließlich nicht langweilen.

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