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Kapitel 6  

Author: Lux Rhee
last update publish date: 2026-08-04 18:33:54

Athena

„Bist du dir sicher, dass du heute Abend zum Castellan-Wohltätigkeitsball gehen willst, Athena?“, fragte Damon und stellte zwei Kristallgläser mit Sprudelwasser auf die Marmor-Arbeitsplatte der Küche.

Ich blickte von meinem Laptop auf, stützte das Kinn in die Handfläche und sah ihn an, als er sich auf den Hocker gegenüber von mir setzte. Es waren zwei Wochen vergangen seit jener Nacht am Strand, zwei Wochen, in denen ich in Damons Hochhauswohnung lebte, vollständig abgeschirmt von Henrys Welt.

„Warum sollte ich nicht hingehen?“, fragte ich und nahm eines der Gläser. „Es ist das größte Charity-Event der Saison, und deine Firma stellt den Haupttisch. Ich bin jetzt deine Partnerin, Damon.“

Damons Hand legte sich über meine, sein Daumen strich beruhigend kleine Kreise auf meine Haut. „Ich weiß. Aber Henry wird da sein. Vivienne auch. Du musst dich ihnen nicht stellen, wenn du noch nicht bereit bist.“

„Ich verstecke mich nicht vor ihnen“, sagte ich und sah ihm direkt in die Augen. „Henry hat die Scheidungspapiere unterschrieben, ohne mir auch nur ins Gesicht zu sehen. Wenn er glaubt, ich würde mich im Dunkeln verstecken, während er so tut, als wäre nichts geschehen, dann irrt er sich.“

„Dann gehen wir zusammen“, sagte Damon, und sein Ton wurde unerbittlich schützend. „Du stehst an meiner Seite. Und falls Henry auch nur versucht, mit dir zu sprechen, kümmere ich mich persönlich um ihn.“

„Ich kann mit Henry umgehen“, erwiderte ich leise. „Ich will einfach nur einen Neuanfang. Mit dir.“

Damon lächelte, beugte sich über die Theke und drückte einen sanften Kuss auf meine Stirn. „Den hast du, Athena. Daran wird sich nichts ändern.“

Die große Halle der Castellans war voller Medienkameras, blendender Blitzlichter und dem leisen Klirren von Champagnergläsern. In dem Moment, als Damon und ich durch den bogenförmigen Glaseingang traten, breiteten sich Flüstern wie ein Lauffeuer durch die Menge aus.

„Ist das Athena Reeves?“, flüsterte eine Frau in der Nähe des Eingangs laut ihrem Mann zu. „Sie hat sich vor drei Wochen von Henry scheiden lassen, und jetzt ist sie mit Damon Calloway zusammen?“

„Sieh sie dir an“, murmelte eine andere Stimme. „Sie sieht völlig anders aus.“

Ich hielt den Kopf hoch, meine Hand lag sicher auf Damons Arm, während er mich zur VIP-Lounge führte.

„Ignorier sie“, murmelte Damon nah an meinem Ohr, seine Hand umschloss die meine fester. „Die interessieren sich nur für den Skandal.“

„Mir ist egal, was sie sagen“, antwortete ich mit ruhiger Stimme. „Keiner von ihnen war in diesem Krankenzimmer.“

„Athena?“

Die vertraute, tiefe Stimme schnitt wie eine scharfe Klinge durch den Lärm des Raumes.

Ich blieb stehen. Damon drehte sich mit mir um, sein Körper ging sofort in eine bewachte, territoriale Haltung über.

Henry stand nur fünf Meter von uns entfernt. Er wirkte völlig aufgelöst. Seine sonst so makellose Krawatte saß schief, die dunklen Ringe unter seinen Augen verrieten, dass er seit Tagen nicht geschlafen hatte, und in der Hand hielt er ein fast leeres Glas.

„Henry“, sagte ich, meine Stimme völlig emotionslos.

„Was tust du hier mit ihm?“, forderte Henry und trat einen Schritt näher, vollkommen unbeeindruckt von den Reportern, die aus zehn Metern Entfernung zusahen. Seine Augen bohrten sich in meine, erfüllt von einer hektischen, verzweifelten Wut, die ich nie zuvor bei ihm gesehen hatte. „Du hast mir zwei Koffer, einen Ordner und dann bist du einfach in Damon Calloways Auto verschwunden?“

„Pass auf deinen Ton auf, Henry“, warnte Damon, trat einen halben Schritt vor mich und sprach mit gefährlich leiser Stimme. „Sie ist nicht mehr deine Frau. Du hast die Papiere unterschrieben.“

„Halt die Klappe, Calloway!“, fauchte Henry, starrte Damon an und warf dann die Hände in meine Richtung. „Athena, red mit mir! Du hast nicht einmal meine Anrufe beantwortet! Du hast eine Notiz auf der Theke hinterlassen, als hätten fünf Jahre unseres Lebens nichts bedeutet!“

„Du hast die Notiz gelesen?“, fragte ich, und ein bitteres Lächeln berührte meine Lippen. „Hast du tatsächlich die Worte gelesen, die ich geschrieben habe, Henry? Oder hast du nur die Scheidungsvereinbarung gesehen und panisch reagiert, weil dein sauberes öffentliches Image ruiniert war?“

„Ich habe sie gelesen!“, schrie Henry, seine Stimme brach leicht. „Ich habe gelesen, was du über das Krankenhaus geschrieben hast, Athena! Warum hast du es mir nicht gesagt? Warum hast du es mir nicht einfach gesagt, statt wegzugehen?“

„Ich habe dich viermal angerufen!“, erhob ich zum ersten Mal die Stimme, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich lag in einem Krankenhausbett und habe unser Baby verloren, während deine Assistentin mir sagte, du könntest nicht gestört werden! Ich habe zugesehen, wie du deinen Sieg Vivienne im Live-Fernsehen gewidmet hast, während ich auf einem sterilen Tuch geblutet habe! Wie kannst du es wagen, hier zu stehen und mich zu fragen, warum ich es dir nicht gesagt habe!“

Henry zuckte zusammen, als hätte ich ihn physisch ins Gesicht geschlagen. Die Farbe wich vollständig aus seinen Wangen. „Athena, du verstehst das nicht… der Ball… Vivienne, es war nicht so, wie du dachtest—“

„Es spielt keine Rolle, was es war“, unterbrach ich ihn, meine Stimme sank wieder in eine eisige, tote Ruhe. „Es ist vorbei. Ich bin fertig damit, dein schmutziges kleines Geheimnis zu sein, während du mit einer anderen Frau ein Imperium aufbaust.“

„Sie ist nicht meine Frau!“, schrie Henry verzweifelt und streckte eine Hand nach mir aus. „Athena, bitte, gib mir nur fünf Minuten unter vier Augen! Ich kann alles erklären! Den Vorstand, den Deal, alles – ich musste dich schützen!“

„Sie schuldet dir keine fünf Sekunden, Henry“, mischte sich Damon ein, legte eine feste Hand auf Henrys Brust und schob ihn einen vollen Schritt zurück. „Fass sie noch einmal an, und ich lasse dich von der Security vor jeder Kamera in dieser Stadt aus dem Gebäude schleifen.“

„Nimm deine Hände von mir“, knurrte Henry und starrte Damon mit purem Hass an. „Du glaubst, du rettest sie, Calloway? Du glaubst, du bist hier der Held? Du weißt gar nicht, was du dir da ins Leben geholt hast!“

„Ich weiß genau, wer sie ist“, sagte Damon kalt. „Und im Gegensatz zu dir schätze ich sie auch.“

Bevor Henry antworten konnte, griff eine schlanke Hand von hinten nach seinem Oberarm. Vivienne trat ins Licht des Kronleuchters, ihre Augen huschten nervös zwischen Henry, Damon und mir hin und her.

„Henry, hör auf“, flehte Vivienne in einem leisen, scharfen Flüsterton und zog an seinem Ärmel. „Die Leute machen Fotos. Die Castellan-Investoren beobachten uns gerade. Du machst eine riesige Szene!“

„Lass mich los, Vivienne!“, bellte Henry und riss seinen Arm aus ihrem Griff, ohne sie auch nur anzusehen. „Mir sind die Investoren im Moment egal!“

„Dann solltest du es dir aber kümmern!“, schnappte Vivienne zurück, ihre Stimme wurde vor Wut enger. „Wenn dieser Deal heute Abend platzt, geht alles den Bach runter, was wir in den letzten fünf Jahren aufgebaut haben!“

Ich sah die beiden dort stehen, wie sie vor der gesamten Elite-Gesellschaft stritten, und zum ersten Mal seit fünf Jahren empfand ich absolut nichts für Henry Reeves. Keine Wut, keine Liebe, kein Bedauern. Nur vollkommene, überwältigende Abscheu.

„Komm, Damon“, sagte ich leise und drehte den beiden den Rücken zu. „Wir sind hier fertig.“

„Athena, warte!“, rief Henry und machte einen Schritt hinter uns her. „Lauf nicht schon wieder vor mir weg!“

„Lass sie in Ruhe, Henry!“, schrie Vivienne, griff erneut nach seinem Arm und hielt ihn fest.

Damon legte seinen Arm fest um meine Taille und führte mich weg vom Lärm hinaus auf die ruhige VIP-Terrasse. Die kühle Nachtluft traf mein Gesicht, und ich holte tief und zitternd Luft, ließ die Anspannung langsam aus meinen Schultern weichen.

„Geht es dir gut?“, fragte Damon, stellte sich vor mich und nahm beide meiner kalten Hände in die seinen. „Wir können sofort gehen, wenn du nach Hause willst.“

„Nein“, sagte ich und schüttelte den Kopf. „Ich musste ihm das ins Gesicht sagen. Ich musste ihm klarmachen, dass er mich nicht mehr kontrollieren kann.“

„Er hat dich nie verdient, Athena“, sagte Damon leise, seine Daumen strichen über den Rücken meiner Hände. „Nicht einen einzigen Tag.“

Ich sah zu ihm auf und spürte einen plötzlichen Schub von Dankbarkeit für den Mann, der an meiner Seite gestanden hatte, als alles andere zerbrach. „Danke, Damon. Dass du eingegriffen hast.“

„Du musst dich nie bei mir bedanken, weil ich dich beschütze“, sagte er mit tiefer, aufrichtiger Stimme.

Genau in dem Moment vibrierte sein Handy laut in der inneren Jackentasche.

Damon hielt inne, eine subtile Veränderung in seiner Körpersprache ließ ihn für den Bruchteil einer Sekunde erstarren. Er griff hinein, zog das Handy ein Stück heraus und warf einen Blick auf den Bildschirm.

Ich schaute hinunter. Ich konnte nicht anders.

Die Benachrichtigung auf seinem Display erschien klar in weißem Text:

*Vivienne: Er weiß von dem Castellan-Konto. Wir müssen jetzt über den Plan sprechen, Damon.*

Mein Puls setzte heftig aus. Mein Blut verwandelte sich in flüssiges Eis in meinen Adern.

Damon drückte rasch den Ein-/Ausschalter, verdunkelte den Bildschirm und schob das Handy tief zurück in seine Anzugsjacke, als wäre nichts geschehen. Er sah wieder zu mir auf – mit genau demselben warmen, ruhigen Lächeln, das er mir den ganzen Abend über geschenkt hatte.

„Nur ein Spam-Anruf von der Arbeit“, sagte Damon glatt und griff nach einer lockeren Haarsträhne, um sie hinter mein Ohr zu streichen. „Wo waren wir stehen geblieben?“

Ich starrte ihn an, der Atem blieb mir schmerzhaft im Hals stecken, und die Welt um mich herum geriet plötzlich außer Kontrolle.

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