Mag-log inDer Felsen war derselbe.Natürlich war er derselbe. Felsen veränderten sich nicht in einer Woche. Sie standen, wie sie immer gestanden hatten, grau und moosbedeckt und gleichgültig, mit der Geduld von etwas, das Jahrhunderte als Maßeinheit benutzte, nicht Tage.Aber Mia spürte, dass etwas anders war.Nicht am Felsen.An ihr.Sie stand vor dem Spalt im Stein und spürte das Kribbeln, das sofort reagierte, stärker als beim ersten Mal, viel stärker, als hätte der Besuch eine Verbindung geschaffen, die beim Wiederkommen lebendiger war als beim ersten Mal.Wie ein Weg, der beim zweiten Gehen leichter war.„Du spürst es," sagte Siona neben ihr.„Ja," sagte Mia.„Stärker als beim ersten Mal?"„Viel stärker."Siona nickte, als hätte sie das erwartet. „Das ist normal. Das Archiv kennt dich jetzt."Mia sah sie an. „Kann ein Ort jemanden kennen?"„Dieser kann," sagte Siona einfach.---Sie gingen rein.Das Licht war dasselbe. Das schwache, gleichmäßige Leuchten der Wände, das von innen kam, das k
Lara kam am nächsten Morgen früher als sonst.Nicht um acht. Um halb sieben, als die Sonne noch nicht aufgegangen war und das Anwesen noch in dem grauen Halbdunkel lag, das zwischen Nacht und Morgen stand.Mia hörte das Klopfen an der Hintertür und wusste sofort, dass etwas anders war.Nicht das Klopfen selbst. Das war dasselbe wie immer, zwei kurze Schläge, die sagten: Ich bin es, ich komme rein. Aber die Uhrzeit. Und das Kribbeln, das auf Lara reagierte auf eine Art, die nicht Alarm war, aber Aufmerksamkeit.Sie öffnete die Tür.Lara stand draußen, in ihrer zu dünnen Jacke, das Gesicht rot von der Kälte, die Augen wach auf eine Art, die sagte, dass sie nicht geschlafen hatte, oder kaum.„Ich muss dir etwas sagen," sagte Lara.„Komm rein," sagte Mia.---Sie saßen am Küchentisch.Mia machte Tee, weil Tee das Richtige war, weil Lara kalt war und weil warme Hände manchmal das Sprechen leichter machten.Lara umschloss die Tasse und sah darauf.„Ren hat mir gestern Abend etwas gesagt," b
Der Morgen kam trotzdem.Das war das Verlässlichste an Morgen. Sie kamen, ob man bereit war oder nicht, ob man geschlafen hatte oder nicht, ob die Nacht davor das Schwerste oder das Leichteste gewesen war.Dieser Morgen kam grau und still, mit dem weißen Licht des bewölkten Winters, das keine Schatten warf und alles gleichmäßig beleuchtete, ohne Unterschied zwischen dem, was schön war, und dem, was es nicht war.Mia hatte vier Stunden geschlafen.Ihr Körper hatte entschieden, dass das genug war, weil der Tag nicht wartete, und sie hatte nicht widersprochen.Sie stand unter der Dusche und ließ das heiße Wasser laufen und dachte an Erik Solberg, der auf dem Sofa schlief. An Siona, die erschöpft war auf eine Art, die tiefer ging als eine Nacht. An Lukas, der um vier Uhr morgens hereingekommen war und ihre Hand gehalten hatte, ohne ein Wort zu sagen.An den Brief, den sie geschrieben hatte.An den Händedruck.An die Zeile im grünen Notizbuch.Das ist alles. Das ist genug.Sie drehte das W
Niemand schlief gut.Das war nicht überraschend.Das Anwesen hatte zu viele Menschen, die zu viel dachten, und Denken in der Nacht war lauter als Denken am Tag, weil die Nacht keine Ablenkungen anbot und weil Stille manchmal das Gegenteil von Ruhe war.Mia lag auf dem Rücken und hörte auf das Haus.Schritte auf dem Korridor, kurz nach Mitternacht. Jemand, der nicht schlafen konnte und aufgestanden war. Die Kühlschranktur, die sich öffnete und schloss. Das Geräusch von jemandem, der in der Dunkelheit ein Glas Wasser trank.Dann Stille.Dann wieder Schritte.Das Haus atmete, zu voll und deshalb anders als sonst.---Um halb zwei stand Mia auf.Sie zog sich eine Jacke über den Pyjama, stieg die Treppe hinunter, trat in die Küche.Siona saß am Tisch.Natürlich.Eine Tasse Tee, die dampfte, ein Notizbuch vor ihr, das geschlossen war, die Hände darauf, als würde sie etwas festhalten.Sie sah auf, als Mia reinkam.„Du schläfst nicht," sagte Mia.„Du auch nicht."Mia machte sich Tee. Setzte s
Das Mittagessen war gut.Nicht perfekt, weil nichts perfekt war, wenn zu viele Menschen in einer Küche kochten, die für halb so viele gemacht war. Die Kartoffeln waren an einer Seite zu weich. Die Soße war zu salzig, weil Werner und Bjørn gleichzeitig Salz hinzugefügt hatten, ohne den anderen zu fragen. Das Brot, das Mia und Lukas geschnitten hatten, war in Scheiben, die unterschiedliche Dicken hatten, weil Lukas gleichmäßig geschnitten hatte und Mia nicht, weil sie abgelenkt gewesen war.Niemand beschwerte sich.Das Essen schmeckte nach dem, was es war. Einem ersten Mal. Unvollkommen und deshalb ehrlich.---Danach saßen sie noch eine Weile.Der große Salon, der beim Mittagessen zu laut gewesen war, hatte sich jetzt gesetzt, die Gespräche ruhiger geworden, die Art, wie Gespräche nach dem Essen werden, wenn der Hunger weg ist und das Nachdenken anfängt.Siona sprach mit Hedda.Bjørn sprach mit Gregor, langsam, mit Laras Hilfe, die zwischen den Sprachen pendelte wie jemand, der das sch
Sie kamen um zehn.Nicht nur Siona.Fünf Menschen, die aus einem dunklen Van ausstiegen, einer nach dem anderen, ruhig und ohne Eile, mit der Haltung von Menschen, die gelernt hatten, dass Hast Schwäche zeigte und dass Schwäche in fremden Territorien gefährlich war.Mia stand vor der Haustür.Lukas neben ihr.Das war bewusst. Sie hatten es nicht besprochen, aber beide hatten es so gemacht, weil es das Richtige war, nebeneinander, nicht einer vor dem anderen, nicht einer hinter dem anderen.Siona stieg als letzte aus.Sie sah älter aus als beim letzten Treffen.Nicht körperlich. Aber als trüge sie mehr, heute, als wäre das Gewicht der dreißig Generationen heute sichtbarer als sonst, weil der Moment näher war und Nähe manchmal schwerer machte, was vorher erträglich gewesen war.Sie sah Mia an.Mia sah sie an.Dann lächelte Siona.Klein. Zögernd. Das Lächeln von jemandem, die nicht sicher war, ob sie das Recht dazu hatte, und es trotzdem tat.„Mia Voss," sagte sie.„Siona," sagte Mia. „K







