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Kapitel 3: Der Fremde auf dem Stuhl

Author: Angelie
last update publish date: 2026-05-27 04:43:12

Cassian schob seinen Rollstuhl zurück und ließ mich herein.

Die Hütte war klein, aber sauber. Ein Feuer brannte im Kamin. Bücher standen in einem Regal. In der Ecke stand ein Bett, das aussah, als hätte seit Jahren niemand mehr darin geschlafen. Alles war an seinem Platz. Dieser Mann war lange allein gewesen, aber er hatte sich nicht gehen lassen.

„Du hältst dein Zuhause schön“, sagte ich.

„Ich habe viel Zeit“, sagte er.

„Das kann ich erkennen.“

Er blieb stehen und drehte sich zu mir um. Das Feuerlicht ließ seine Augen golden schimmern. Er sah mich genauso an wie an der Tür. Als versuchte er, ein Rätsel zu lösen.

„Du blutest“, sagte er.

Ich blickte nach unten. Meine Schulter war nass. Die alte Wunde, die mir der Schurke zugefügt hatte, war während des Spaziergangs wieder aufgegangen.

„Das ist nichts“, sagte ich.

„Es ist etwas. Setz dich.“

„Ich nehme keine Befehle entgegen.“

"Setz dich hin, oder ich zwinge dich dazu."

"Wie denn? Du sitzt doch auf einem Stuhl."

"Ich habe ein Messer."

Ich starrte ihn an. Er starrte zurück. Sein Gesichtsausdruck war hart, aber ich sah etwas dahinter. Er war nicht wütend. Er war es nur gewohnt, dass man ihm nicht zuhörte.

„Na gut“, sagte ich. Ich setzte mich auf einen Hocker in der Nähe des Feuers. „Aber nur, weil ich müde bin.“

Er fuhr mit seinem Rollstuhl zu einem Regal und nahm eine Schachtel herunter. Verbandsmaterial. Ein Glas mit etwas, das nach Kräutern roch. Er kam zurück und blieb neben mir stehen.

„Zieh dein Hemd aus“, sagte er.

"Verzeihung?"

„Ich muss die Wunde sehen. Ich kann sie nicht durch ein Tuch hindurch versorgen.“

"Ich habe dich gerade erst kennengelernt."

„Du bist gerade blutend in mein Haus gekommen. Zieh das Hemd aus, sonst schneide ich es dir auf.“

Ich sah ihn an. Er war ernst. Seine Hände lagen ruhig auf der Kiste. Kein Zittern. Keine Nervosität. Er wartete einfach.

„Dreh dich um“, sagte ich.

Er drehte seinen Stuhl zum Feuer. Ich zog mein zerrissenes Hemd aus und wickelte mir eine Decke um. Die Wunde an meiner Schulter war rot und geschwollen. Eingefallene Zähne hatten sich tief eingearbeitet, und sie war nicht richtig verheilt.

"Okay", sagte ich.

Er drehte sich um. Sein Blick fiel auf die Wunde. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber sein Kiefer verkrampfte sich.

"Wer hat das getan?"

„Ein Schurke. Während einer Jagd.“

"Wann?"

„Vor ein paar Wochen.“

"Wer war bei Ihnen?"

„Mein Partner. Derjenige, der es hätte sein sollen. Nicht mehr.“

Er fragte nicht weiter. Er öffnete einfach das Glas und begann, die Wunde zu reinigen. Seine Finger waren rau, aber er war vorsichtig. Ich sah ihm dabei zu. Er zuckte nicht einmal beim Anblick des Blutes zusammen. Er wandte den Blick nicht ab.

"Das kannst du gut", sagte ich.

„Ich musste mich lange Zeit selbst versorgen.“

"Hat dir denn niemand geholfen? Nach dem Fluch?"

"Niemand."

Er hatte meine Schulter verbunden. Es ging schnell und sauber. Dann lehnte er sich zurück und sah mich an.

„Also“, sagte er. „Du kommst also vom Schrein.“

"Ja."

„Die Verbindung zwischen uns erwachte, als du hereinkamst. Ich habe es gespürt.“

„Ich habe es auch gespürt.“

„Aber du glaubst nicht, dass es real ist.“

Ich habe nicht sofort geantwortet. Die Wahrheit war zu gefährlich. Ich sollte die Lüge erzählen.

„Ich weiß nicht mehr, was real ist“, sagte ich. „Ich dachte, ich hätte einen echten Partner gefunden. Ich habe mich geirrt. Deshalb vertraue ich Bindungen nicht mehr.“

Cassian nickte. „Ich verstehe.“

"Du tust?"

„Ich sitze seit zehn Jahren auf diesem Stuhl. Ich habe die Hoffnung schon vor langer Zeit aufgegeben. Aber die Verbindung ist da. Ich kann sie spüren. Sie können sie spüren. Das ist nichts, was wir einfach wegtun können.“

Er rückte seinen Stuhl näher heran. Seine bernsteinfarbenen Augen ruhten fest auf meinen.

„Ich verlange nicht von dir, dass du mich liebst“, sagte er. „Ich verlange nicht, dass du für immer bleibst. Aber du bist hier. Die Verbindung ist da. Ich möchte wissen, ob es irgendeine Chance gibt, dass du es versuchst.“

„Warum?“, fragte ich. „Du kennst mich nicht. Ich könnte über alles lügen.“

"Bist du?"

„Ich weiß es nicht. Vielleicht.“

Er lächelte beinahe. „Wenigstens bist du ehrlich, was deine Unehrlichkeit angeht.“

„Ich bin vieles. Das meiste davon ist schlecht.“

„Das glaube ich nicht.“

Er streckte die Hand aus und nahm meine. Sein Griff war warm und fest. Die Verbindung zwischen uns flackerte auf. Es fühlte sich nicht falsch an. Es fühlte sich an wie etwas, das wachsen wollte.

Dann erlosch das Feuer.

Nicht langsam. Sondern auf einmal. Die Flammen erloschen einfach, als hätte sie jemand ausgepustet.

Die Hütte wurde dunkel und kalt.

"Was war das?", fragte ich.

Cassian ließ meine Hand los. Seine Stimme klang hart. „Sie ist hier.“

"WHO?"

Die Luft im Raum veränderte sich. Sie wurde schwer. Ein Geruch stieg auf. Verwelkte Blumen und kalter Stein. In der Ecke begann ein Licht zu leuchten. Kein Feuer. Silbernes Licht. Kaltes Licht.

Eine Frau trat aus dem Licht.

Sie war bleich wie der Mond. Langes, silbernes Haar. Augen, die von Rand zu Rand schwarz waren. Sie wirkte jung und alt zugleich. Sie lächelte uns an.

„Cassian Vane“, sagte sie. „Es ist schon lange her.“

Cassians Hände umklammerten die Armlehnen seines Stuhls. Seine Knöchel traten weiß hervor. „Du.“

„Ich.“ Sie sah mich an. „Und du musst der neue Gefährte sein. Derjenige, der durch seine Tür ging.“

"Wer bist du?", fragte ich.

„Ich bin es, der ihn verflucht hat.“

Mein Wolf knurrte in mir. Sie war schwach, aber sie spürte die Gefahr. Ich stand auf und stellte mich zwischen die Hexe und Cassian.

"Was willst du?", fragte ich.

Die Hexe neigte den Kopf. „Ich spürte, wie der Fluch Risse bekam. Als dieser hier durch deine Tür trat, Cassian, zerbrach etwas. Der Fluch ist nicht mehr der, der er einmal war. Etwas verändert sich.“

Sie sah mich wieder an. Ihre schwarzen Augen waren wie Löcher.

„Du hast etwas aufgegeben“, sagte sie. „Nicht wahr? Eine Bindung. Eine wahre Bindung. Du hast sie zerbrochen.“

Mein Herz blieb stehen. Sie konnte es sehen. Sie wusste es.

„Ich habe die Verbindung zu Aldric gelöst“, sagte ich. „Er wollte mich nicht. Ich wollte ihn nicht. Also ging ich zum Schrein und durchtrennte sie.“

Die Hexe lächelte. „Das ist das Opfer, von dem ich sprach, als ich ihn verfluchte. Ich sagte, nur seine vorherbestimmte Gefährtin könne den Fluch brechen, indem sie ihre wahre Bindung aufgibt. Das hast du getan.“

„Ich bin nicht seine Schicksalsgefährtin“, sagte ich. „Ivy ist es. Oder war es. Ich weiß es nicht.“

„Die Mondgöttin schmiedet Pläne. Doch manchmal ändern sich Pläne. Du hast dich entschieden, dein Band zu lösen. Du hast dich entschieden, hierher zu kommen. Diese Entscheidung war stärker als das Schicksal. Der Fluch wird deinetwegen gebrochen.“

Ich sah Cassian an. Sein Gesicht war kreidebleich geworden. Er starrte mich an, als sähe er mich zum ersten Mal.

„Du bist nicht meine Seelenverwandte“, sagte er langsam. „Ivy war es.“

"Ja."

"Und du hast ihren Platz eingenommen."

"Ja."

„Du hast also gelogen, seit du reingekommen bist.“

„Ich war vorsichtig. Da gibt es einen Unterschied.“

Einen Moment lang schwieg er. Plötzlich flammte das Feuer wieder auf. Flammen loderten im Kamin empor. Die Hexe trat zurück in ihr silbernes Licht.

„Der Fluch bricht“, sagte sie. „Aber es fehlt noch eine Sache. Eine letzte Zahlung. Du hast drei Tage Zeit, dich zu entscheiden. Seine Beine für deinen Wolf.“

"Mein Wolf?", sagte ich.

„Gib mir deinen Wolf. Ganz und gar. Freiwillig. Und Cassian kann wieder gehen. Vollständig. Für immer.“

„Nein“, sagte Cassian. Seine Stimme klang hart. „Auf keinen Fall.“

„Es ist ihre Entscheidung“, sagte die Hexe. „Drei Tage. Danach schlägt der Fluch zurück. Schlimmer als zuvor. Er wird nicht nur seine Beine verlieren. Er wird sein Leben verlieren.“

Sie verschwand. Das silberne Licht erlosch. Die Hütte bestand wieder nur aus Feuer und Schatten.

Ich stand zitternd da. Cassian saß in seinem Stuhl. Keiner von uns sprach ein Wort.

Dann wurde die Tür mit einem lauten Knall aufgerissen.

Aldric Blackthorn stand da. Sein goldenes Haar war wild. Seine grünen Augen brannten. Hinter ihm standen drei Blackthorn-Wölfe.

„Ferien“, sagte er. „Du kommst nach Hause. Jetzt.“

Cassian rückte seinen Stuhl vor. Er stellte sich zwischen mich und die Tür. „Sie geht nirgendwo hin.“

Aldric sah ihn an. Den Stuhl. Die Decke. Er lachte.

„Du bist der Krüppel. Derjenige, den Ivy heiraten sollte. Und du glaubst, du kannst mich aufhalten?“

„Ich denke, ich kann es versuchen.“

Aldric betrat die Hütte. Die Wölfe folgten ihm. Ich nahm einen Schürhaken vom Kamin.

„Ihr wollt kämpfen?“, fragte Aldric. „Du und deine verkrüppelte Gefährtin gegen vier Wölfe?“

„Ich habe schon Schlimmeres erlebt“, sagte ich.

"Nennen Sie einen."

"Meine letzten drei Jahre mit dir."

Sein Gesicht verfinsterte sich. Er stürzte sich auf mich.

Cassians Hand schnellte vor und packte Aldrics Handgelenk. Sein Griff war eisern. Aldric versuchte, sich loszureißen, doch Cassian hielt ihn fest.

„Ich sagte, sie geht nirgendwo hin“, sagte Cassian.

Seine Stimme war ruhig. Totenstille. Die Art von Ruhe, die vor etwas Schlimmem eintritt.

Aldric blickte auf die Hand, die ihn hielt. Dann auf Cassians Gesicht.

„Man kann ja nicht mal mehr stehen“, sagte Aldric.

"Ich muss nicht aufstehen."

Cassian zog ein Messer neben seinem Stuhl hervor und drückte es gegen Aldrics Bauch.

„Sag deinen Wölfen, sie sollen verschwinden“, sagte Cassian. „Dann geh du. Oder ich schlitze dich auf.“

Aldrics Augen weiteten sich. Einen Moment lang wirkte er verängstigt. Dann sah er mich an. Er versuchte, die Verbindung zu spüren. Ich sah es in seinem Gesicht. Die Verwirrung. Die Wut.

„Die Verbindung“, sagte er. „Sie ist weg. Ich kann dich nicht mehr spüren.“

„Ich habe es kaputt gemacht“, sagte ich. „Am Schrein. Du besitzt mich nicht mehr.“

Sein Gesicht verzerrte sich. „Du hast unser Band gebrochen? Das Band, das die Mondgöttin geknüpft hat?“

„Du hast es zuerst kaputt gemacht. Als du diesen Schurken mich angreifen ließest. Als du meine Krone Ivy gabst. Als du ihren Namen im Schlaf flüstertest. Ich habe nur das vollendet, was du begonnen hast.“

Er riss sein Handgelenk los. Seine Wölfe kamen näher, aber er hielt seine Hand hoch.

„Das wirst du bereuen“, sagte er. „Du wirst zu mir zurückkriechen. Sie kriechen immer zurück.“

"Das werde ich nicht."

Er starrte mich lange an. Dann drehte er sich um und ging hinaus. Seine Wölfe folgten ihm. Die Tür blieb offen stehen. Kalte Luft strömte herein.

Mir fiel der Schürhaken herunter. Meine Hände zitterten.

Cassian schloss die Tür. Dann wandte er sich mir zu.

„Drei Tage“, sagte er. „Wir haben drei Tage, bevor der Fluch zurückschlägt.“

"Ich weiß."

„Und ein Alpha, der dich zurückwill.“

"Ich weiß."

"Und eine Hexe, die deinen Wolf will."

"Ich weiß."

Er rückte seinen Stuhl näher heran. „Dann brauchen wir einen Plan. Denn ich lasse dich nicht für mich opfern. Und ich lasse nicht zu, dass Aldric dich mitnimmt. Also kämpfen wir.“

"Wie? Du kannst nicht laufen. Mein Wolf ist kaum noch am Leben. Wir sind ein Wrack."

„Dann beseitigen wir das Chaos. Gemeinsam.“

Er streckte mir die Hand entgegen. Ich betrachtete sie einen Moment lang. Dann nahm ich sie.

Die Bindung zwischen uns flammte auf. Warm. Stetig. Echt.

Und draußen heulten die Wölfe.

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