MasukViele Jahre waren vergangen.Der Apfelbaum war größer geworden.Seine Krone war inzwischen so weit gewachsen, dass sie an heißen Sommertagen fast die gesamte Terrasse beschattete. Die Rosen blühten noch immer jedes Jahr, auch wenn Barbara inzwischen etwas länger brauchte, um sie zurückzuschneiden.Die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen.In den feinen Lachfalten um ihre Augen.In den silbernen Strähnen in ihrem Haar.Und in der Gelassenheit, mit der sie inzwischen durchs Leben ging.An diesem Nachmittag saß sie gemeinsam mit Samantha auf der alten Bank unter dem Apfelbaum.Sie beobachteten Jonas, der inzwischen ein junger Mann geworden war.Er half Emma dabei, ein kleines Vogelhaus zusammenzubauen.Zwischendurch wurde gelacht.Dann wieder diskutiert.So wie früher.Barbara lächelte.„Er ist groß geworden.“Samantha nickte.„Manchmal frage ich mich, wann das passiert ist.“„Ich glaube“, sagte Barbara schmunzelnd, „zwischen den vielen Frühstücken, den Hausaufgaben und den Apfelkuchen.“
Ein halbes Jahr war vergangen.Der Sommer hatte den Garten wieder in ein kleines Farbenmeer verwandelt. Die Rosen blühten, Lavendel summte voller Bienen und der Apfelbaum spendete an warmen Tagen seinen vertrauten Schatten.Barbara öffnete wie jeden Morgen die Küchenfenster.Der Duft von frischem Kaffee vermischte sich mit dem Geruch von warmen Brötchen.Aus dem Obergeschoss hörte sie Schritte.„Ich bin schon wach!“, rief Jonas.Barbara musste lächeln.„Das höre ich.“Kurz darauf erschien er mit zerzausten Haaren in der Küche.„Guten Morgen.“„Guten Morgen“, antwortete Barbara.„Hast du gut geschlafen?“Jonas nickte.„Ich habe geträumt, dass Emil auf einen Baum geklettert ist.“Samantha stellte lachend einen Teller auf den Tisch.„Ein Fuchs auf einem Baum?“„Im Traum geht das.“„Na, dann bin ich beruhigt.“Alle drei lachten.Es war ein ganz gewöhnliches Frühstück.Jonas schmierte Marmelade auf sein Brötchen, Barbara schnitt Obst auf, Samantha suchte den verschwundenen Honig.„Der steh
Der Frühling war zurückgekehrt.Die ersten Knospen zeigten sich am Apfelbaum, und die Rosen trieben vorsichtig neue Blätter aus. Durch das geöffnete Küchenfenster drang der Duft frischer Erde ins Haus.Barbara stand im kleinen Zimmer im Obergeschoss.Sie strich noch einmal die Bettdecke glatt.Dabei wusste sie selbst, dass das eigentlich gar nicht nötig war.Sie tat es trotzdem.Auf dem Regal standen einige Kinderbücher.Daneben wartete Emil, der Stofffuchs, den Jonas beim letzten Besuch lachend dort abgelegt hatte.„Er hat ihn absichtlich hiergelassen“, sagte Samantha, die mit einem Karton in der Tür erschien.Barbara lächelte.„Meinst du?“„Ich glaube schon.“Sie stellte den Karton auf den Boden.Darin lagen ein paar neue Kleidungsstücke, Buntstifte und ein kleiner Fußball.Keine Berge von Spielzeug.Keine perfekt eingerichtete Kinderwelt.Nur Dinge, die darauf warteten, benutzt zu werden.Barbara blickte sich um.Noch vor wenigen Monaten war dieser Raum ein Gästezimmer gewesen.Jet
In den Wochen nach dem ersten Treffen sahen Barbara, Samantha und Jonas sich immer häufiger.Nie lange.Nie unter Zeitdruck.Mal verbrachten sie einen Nachmittag zusammen, mal nur zwei Stunden.Niemand wollte etwas erzwingen.Vertrauen hatte seinen eigenen Rhythmus.Und alle respektierten ihn.An einem Samstag trafen sie sich im Stadtpark.Jonas lief ein paar Schritte voraus und blieb schließlich vor einem kleinen Ententeich stehen.„Schau“, sagte er und zeigte auf eine Entenmutter mit ihren Jungen.Barbara trat neben ihn.„Sie bleiben ganz dicht zusammen.“Jonas nickte.„Damit sich keiner verläuft.“Barbara lächelte.„Das ist eine gute Idee.“Eine Weile beobachteten sie schweigend die Tiere.Es war kein unangenehmes Schweigen.Es fühlte sich leicht an.Als hätten sie keine Eile, einander kennenzulernen.Ein paar Tage später gingen sie gemeinsam in eine kleine Buchhandlung.Jonas blieb sofort vor einem Regal mit Tierbüchern stehen.„Darf ich mal schauen?“„Natürlich“, sagte Samantha.
Barbara hatte in der Nacht kaum geschlafen.Nicht aus Angst.Eher aus einer stillen Aufregung, die sie seit Tagen begleitete.Als sie am Morgen die Vorhänge öffnete, fiel warmes Sonnenlicht ins Schlafzimmer. Der Schnee der vergangenen Woche war geschmolzen, und auf den Wiesen glitzerten kleine Wassertropfen.„Bereit?“, fragte Samantha, während sie ihre Jacke anzog.Barbara lächelte unsicher.„Ich glaube, so bereit, wie man für so einen Tag eben sein kann.“Die Fahrt verlief ruhig.Das Radio blieb ausgeschaltet.Ab und zu berührten sich ihre Hände auf der Mittelkonsole.Mehr Worte brauchten sie nicht.Im Familienzentrum wurden sie von Frau Schneider begrüßt.Sie führte die beiden in einen freundlich eingerichteten Raum mit einem Teppich, einem Regal voller Bücher und einer Kiste mit Bauklötzen.„Nehmen Sie sich Zeit“, sagte sie ruhig.„Heute geht es nur darum, sich kennenzulernen.“Barbara nickte.Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür e
Der Winter hatte das Haus in eine ruhige Stille gehüllt.Über Nacht war der erste Schnee gefallen. Die Dächer der Nachbarhäuser leuchteten weiß, und der Garten wirkte, als hätte jemand eine weiche Decke über ihn gelegt. Barbara stand in der Küche und beobachtete, wie einzelne Schneeflocken noch immer langsam vom Himmel fielen.Samantha war bereits draußen.Mit einem Besen kehrte sie den schmalen Weg zur Haustür frei.Barbara lächelte.„Du weißt schon, dass es den ganzen Tag weiterschneien soll?“Samantha sah durch das Fenster hinein und grinste.„Dann habe ich wenigstens später noch einmal etwas zu tun.“Barbara schüttelte lachend den Kopf.Gerade wollte sie den Wasserkessel einschalten, als das Telefon klingelte.Sie blieb einen Moment stehen.Seit Wochen hatte jedes Klingeln ihr Herz ein wenig schneller schlagen lassen.Meistens war es Werbung.Oder jemand, der sich verwählt hatte.Sie atmete tief durch und nahm den Hörer ab.„Hallo, Barbara am Apparat.“„Guten Morgen, Frau Weber.“







