Wenn du mich ansiehst

Wenn du mich ansiehst

last updateLast Updated : 2026-06-01
By:  AzillaUpdated just now
Language: Deutsch
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Noah hat gelernt, sich unsichtbar zu machen. In einer Welt, in der Erwartungen lauter sind als eigene Gedanken, lebt er ein Leben, das sich für ihn nicht wirklich wie seines anfühlt. Er spricht wenig, fällt nicht auf und vermeidet alles, was ihn aus seiner gewohnten Sicherheit reißen könnte. Doch hinter seiner ruhigen Fassade verbirgt sich ein ständiger Kampf mit sich selbst — ein Gefühl, das er lange nicht benennen kann. Als Elias neu in seine Klasse kommt, verändert sich etwas, das Noah nicht kontrollieren kann. Elias ist anders: offen, direkt und mit einer Art, die keinen Abstand zulässt. Er sieht Menschen wirklich an — und genau das macht Noah nervös. Denn zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass jemand hinter seine Fassade blicken könnte. Zwischen vorsichtigen Blicken, zufälligen Gesprächen und unausgesprochenen Gedanken entwickelt sich eine Verbindung, die beide Jungen nicht einordnen können. Was als einfache Schulbekanntschaft beginnt, wird schnell zu etwas Tieferem, das Fragen aufwirft, die sie bisher vermieden haben: Wer bin ich wirklich? Und was passiert, wenn ich ehrlich bin — zu mir selbst und zu anderen? Doch Gefühle zwischen zwei Jungen sind nicht immer einfach. Unsicherheit, Angst vor Ablehnung und der Druck des Umfelds stellen alles infrage, was sie gerade erst zu verstehen beginnen. Noah muss lernen, sich seiner eigenen Wahrheit zu stellen, während Elias sich fragt, wie viel Geduld Liebe wirklich haben kann. „Wenn du mich ansiehst“ ist eine emotionale Coming-of-Age-Romanze über Identität, erste Liebe und den Mut, sich selbst nicht länger zu verstecken. Eine Geschichte darüber, wie ein einziger Blick alles verändern kann — und darüber, dass man manchmal erst gesehen werden muss, um sich selbst zu finden.

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Chapter 1

Kapitel 1 – Der Neue

Veränderungen bedeuteten Unruhe. Fragen. Und Fragen bedeuteten Antworten, die er meistens nicht hören wollte.

Er saß wie jeden Morgen in der dritten Reihe am Fenster. Gleicher Platz, gleiche Haltung, gleiche stille Unsichtbarkeit. Die Welt draußen war heller als das Klassenzimmer, aber Noah schaute selten hinaus. Es half nicht wirklich.

Der Lehrer sprach, aber die Worte glitten an ihm vorbei wie Wasser auf Glas.

„…neuer Schüler… bitte seid freundlich…“

Freundlich sein. Das klang immer so einfach.

Noah zeichnete mit dem Finger kleine Linien auf den Rand seines Hefts, ohne hinzusehen. Mathe, wahrscheinlich. Oder Englisch. Egal.

Dann öffnete sich die Tür.

Ein leises Quietschen.

Schritte.

Und plötzlich war die Atmosphäre im Raum anders.

„Setz dich bitte nach vorne, neben Noah“, sagte der Lehrer.

Noah hob den Blick nur langsam.

Und bereute es sofort.

Der neue Schüler stand dort, als wäre der Raum nicht groß genug für ihn. Nicht im schlechten Sinne — eher so, als würde er sich nicht bemühen, kleiner zu wirken, nur damit andere sich wohler fühlen.

„Das ist Elias“, sagte der Lehrer. „Er ist neu hier.“

Elias.

Noah wusste nicht warum, aber der Name blieb kurz hängen.

„Hey“, sagte Elias.

Ein einziges Wort.

Nicht laut. Nicht aufdringlich.

Aber es war direkt.

Als würde es nicht in den Raum, sondern in Menschen hinein gesprochen werden.

Noah nickte nur leicht und hoffte, das würde reichen.

Elias setzte sich neben ihn.

Der Stuhl bewegte sich, das Holz knarrte kurz. Noah spürte diese kleine Veränderung im Raum stärker, als er wollte. Als hätte jemand etwas verschoben, das vorher perfekt stillgestanden hatte.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, murmelte Elias leise.

„Nein“, sagte Noah sofort.

Zu schnell.

Zu automatisch.

Er hasste seine eigene Stimme in solchen Momenten.

Elias lächelte kurz. Nicht spöttisch. Eher… interessiert.

Dann richtete er seinen Blick nach vorne, aber nicht wirklich auf die Tafel. Mehr so, als würde er den Raum lesen.

Noah versuchte, sich wieder auf sein Heft zu konzentrieren.

Einfach normal sein.

Einfach nicht auffallen.

Das war sein Plan für jeden Tag.

Doch es funktionierte nicht.

Denn er spürte Elias neben sich. Nicht körperlich direkt, sondern irgendwie… präsent. Als wäre da jemand, der nicht in den Hintergrund passte.

Der Lehrer begann den Unterricht.

„Heute wiederholen wir die Grundgleichungen…“

Stifte kratzten über Papier. Seiten wurden umgeblättert. Das gewohnte Geräusch von Schule füllte den Raum.

Noah versuchte zu schreiben.

Doch seine Hand war langsamer als sonst.

Weil er es spürte.

Elias bewegte sich kaum. Aber manchmal, ganz selten, drehte er leicht den Kopf. Nicht zu auffällig.

Nur so, dass Noah es trotzdem bemerkte.

Beim dritten Mal passierte es.

Noah schaute genau in dem Moment auf.

Und ihre Blicke trafen sich.

Nicht lange.

Vielleicht zwei Sekunden.

Vielleicht weniger.

Aber es fühlte sich nicht kurz an.

Es fühlte sich an, als hätte jemand die Zeit kurz angehalten, nur um zu sehen, was passiert.

Elias sah ihn an, ruhig.

Nicht neugierig im normalen Sinn.

Eher so, als würde er etwas versuchen zu verstehen, ohne es auszusprechen.

Noah wandte den Blick schnell wieder ab.

Zu schnell.

Sein Herz schlug plötzlich stärker, ohne dass er wusste warum.

„Alles okay?“, flüsterte Elias plötzlich.

Noah erstarrte.

„Ja“, sagte er sofort. „Klar.“

Pause.

„Du wirkst nur ein bisschen… weit weg.“

Noah wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Also tat er das, was er immer tat, wenn etwas zu nah wurde:

Er zog sich innerlich zurück.

„Ich bin nur müde“, murmelte er.

Elias sagte nichts darauf.

Aber Noah hatte das Gefühl, dass er ihm nicht ganz glaubte.

Der Rest der Stunde verlief normal.

Zumindest äußerlich.

Aber für Noah war nichts mehr wirklich normal.

Denn jedes Mal, wenn er versuchte, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren, war da dieses leise Bewusstsein neben ihm.

Elias.

Wie jemand, der nicht laut sein musste, um alles ein kleines bisschen zu verändern.

Als der Unterricht endlich endete, schob Noah seine Sachen zusammen.

Schnell. Wie immer.

Er wollte einfach raus.

Luft.

Abstand.

„Noah, oder?“, hörte er plötzlich.

Er hielt inne.

Elias stand noch da.

Warteposition.

Als würde er nicht sofort weitergehen wollen.

„Ja“, antwortete Noah vorsichtig.

Elias nickte. „Ich bin schlecht in Namen. Ich wollte sichergehen.“

„Ist okay.“

Stille.

Ein Moment, in dem keiner von beiden ging.

Dann lächelte Elias leicht.

„Vielleicht sehen wir uns morgen wieder.“

Noah wusste nicht, warum sich dieser Satz anders anfühlte als normale Worte.

Er nickte nur.

„Vielleicht.“

Und dann ging er.

Schneller als nötig.

Ohne zurückzuschauen.

Aber als er den Flur entlanglief, konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas begonnen hatte.

Etwas, das er noch nicht benennen konnte.

Und vielleicht auch nicht wollte.

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