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Kapitel 6

Author: Linnea
Lena stand daneben und rief leise: „Papa.“

Wolfgang warf ihr einen flüchtigen Blick zu, dann suchten seine Augen den Raum ab. „Wo ist dein Bruder? Noch nicht da?“

Bevor Lena antworten konnte, meldete sich Heike: „Ich hab vorhin angerufen. Er hat mit Freunden Basketball gespielt. Ist gerade fertig geworden und auf dem Heimweg.“

Wolfgang schnaubte. „Den ganzen Tag spielt er nur Basketball. Lernt nicht ordentlich – aus ihm wird nie etwas.“

„Er ist doch erst in der zehnten Klasse. Woher willst du das wissen? Welcher Vater redet so über seinen eigenen Sohn?“

Das Essen stand auf dem Tisch. Drei Personen saßen da, aber niemand rührte das Essen an. Solange Lukas nicht da war, begann niemand mit dem Essen.

Lena war das gewohnt. Sie starrte auf ihren Teller.

„Warum ist Luki noch nicht da? Ob ihm was passiert ist?“ Heikes Stimme klang besorgt.

„So ein großer Kerl, was soll ihm schon passieren.“ Trotzdem fügte Wolfgang hinzu: „Ruf ihn mal an.“

Lena erinnerte sich plötzlich an ihr letztes Schuljahr. Ihr war das Geld ausgegangen, und als Internatsschülerin musste sie am Wochenende nach Hause, um welches zu holen. An dem Tag hatte es auf halbem Weg angefangen zu schütten. Sie hatte ewig unter einem Vordach gewartet, bis der Regen nachließ. Als sie schließlich völlig durchnässt die Haustür öffnete, saßen ihre Eltern und ihr Bruder am Tisch und aßen. Dass sie klatschnass war, interessierte niemanden. Stattdessen sagten sie nur beiläufig: „Bei dem Regen dachten wir, du kommst erst morgen.“

Damals war sie eine Stunde zu spät gekommen und hatte ihre Reste gegessen.

Bei Lukas war das anders. Wenn er zehn Minuten zu spät kam, rief man sofort an. Das Essen wartete, bis er da war.

Gerade als Heike Lukas anrufen wollte, hörte man die Haustür.

Sofort sprang sie auf und eilte zum Eingang. „Luki ist da!“

Herein kam ein sechzehnjähriger Junge, das Gesicht zwischen Kindlichkeit und Reife, die Haare fielen ihm lässig in die Stirn. Der Reißverschluss seiner Jacke war offen, die Jacke hing locker herunter.

„Du hast bestimmt Hunger. Mama hat dir Kartoffelpuffer gemacht – dein Lieblingsessen.“ Heike strahlte ihn an.

„Das war vor hundert Jahren. Das mag ich schon ewig nicht mehr“, sagte Lukas genervt.

„Ach so? Was magst du denn jetzt? Dann mach ich’s dir nächstes Mal.“

„Egal.“ Sein Ton war unfreundlich.

Als er hereinkam und Lena sah, stutzte er kurz. „Was macht die denn hier?“

Nicht mal eine Anrede.

„Es ist Wochenende, deine Schwester isst mit uns.“ Heike schob ihn Richtung Küche. „Geh dir die Hände waschen. Sonst wird das Essen kalt.“

Widerwillig verschwand Lukas in der Küche.

Während des gesamten Essens war Lena still. Nur Heike legte ununterbrochen Essen auf Lukas’ Teller, als hätte sie Angst, er könnte verhungern.

Lukas wehrte sich und wich aus. „Ich kann das selbst.“

Wolfgang sah zu und sagte: „Jetzt reicht’s. Können wir nicht einfach in Ruhe essen?“

Im Vergleich zu ihnen wirkte Lena wie eine Fremde.

Dann biss sie gedankenverloren in ein fettes Stück Fleisch. Das Ölige breitete sich in ihrem Mund aus, und ihr Magen rebellierte sofort.

„Würg—“

Sie konnte es nicht zurückhalten und übergab sich auf den Boden.

!!!

Alle drei starrten sie an. Lukas hielt sich angewidert die Nase zu.

Lena konnte nichts sagen, ihr Magen krampfte wieder. Sie rannte ins Bad und kniete sich auf den Boden, wo sie alles erbrach, was sie gegessen hatte.

„Was ist los? Was ist los?“ Heike kam hinterher und klopfte ihr auf den Rücken. „Warum kotzt du denn plötzlich?“

Lena würgte so heftig, dass ihr die Tränen kamen. Mit geröteten Augen spürte sie die Wärme von Heikes Hand auf ihrem Rücken.

Plötzlich fragte sie sich, ob ihre Mutter ihr früher auch so den Rücken gestreichelt hatte – bevor Lukas geboren wurde.

In diesem Moment brannten ihre Augen. Die ganze Angst und Unsicherheit der letzten Tage brach über sie herein.

Sie wollte ihrer Mutter sagen, dass sie schwanger war. Sie wollte fragen, was sie tun sollte. Ob ihr Leben jetzt vorbei war.

„Geht’s dir besser?“ Heike sah sie an.

Lena drehte sich zu ihr und nickte, öffnete den Mund: „Mama, ich...“

Doch bevor sie aussprechen konnte, stand Heike schon auf, runzelte die Stirn und ging hinaus. „Wenn’s dir besser geht, mach das hier sauber. Wir essen gerade, und du kleckerst den ganzen Boden voll. Hättest du nicht bis zum Klo warten können?“

Heikes Worte trafen sie wie ein Schlag.

Von draußen drangen weitere Stimmen herein: „Luki, warum isst du nicht mehr? Mama räumt das gleich weg, iss noch ein bisschen.“

Lukas’ genervte Stimme: „Ich hab keinen Hunger mehr. Der Appetit ist mir vergangen.“

Wolfgang brummte: „Jetzt mach schon sauber. Sollen wir hier verhungern?“

Niemand fragte, was mit Lena im Bad los war. Niemand brachte ihr ein Taschentuch. Niemand gab ihr ein Glas Wasser zum Ausspülen.

Auf dem Boden kniend, liefen Lena plötzlich die Tränen übers Gesicht.

Sie hätte sich keine Hoffnungen machen sollen. Sie hatte gedacht, sie könnte bei ihrer Familie Trost finden.

Aber sie hatte vergessen, dass all ihre Verletzungen aus dieser Familie stammten. Wenn sie etwas falsch machte, gab es nur Vorwürfe und Beschuldigungen. Niemand dachte je an ihre Gefühle.

Durch den Tränenschleier dachte sie an diesen Mann, der ruhig und unnahbar wirkte.

Vielleicht konnte er ihr sagen, was sie tun sollte.

——

Spät in der Nacht saß Tobias in seinem Arbeitszimmer. Vor ihm stand ein Laptop, das kalte Licht des Bildschirms fiel auf sein Gesicht. Sein Blick war kühl und konzentriert, seine schlanken Finger tippten schnell auf der Tastatur.

Brumm, brumm, brumm.

Sein Handy vibrierte. Tobias rieb sich die Nasenwurzel und sah eine unbekannte Nummer.

„Hallo?“ Seine Stimme hatte einen angenehmen Klang.

Am anderen Ende schwieg jemand.

„Hallo?“, wiederholte er.

Immer noch keine Antwort. Tobias vermutete einen Spam-Anruf und wollte auflegen.

Gerade als sein Finger den Knopf berühren wollte, kam eine stockende Stimme: „Pro... Professor Strauß.“

Tobias erkannte sofort Lenas Stimme und hielt das Handy wieder ans Ohr.

Die Stimme des Mädchens klang schüchtern: „Ich bin Lena Schmidt.“

„Ich weiß.“

„Entschuldigung, dass ich so spät noch störe.“ Sie schien nervös, aber auch entschlossen. „Hätten Sie morgen Zeit? Könnten wir uns treffen?“

Tobias fragte nicht nach. Er blickte auf die Schreibtischlampe. „Gut.“

——

Zeit und Ort hatte Tobias bestimmt. Als er die Restauranttür aufschob, sah er Lena sofort. Sie trug dieselbe graue Jacke wie bei ihrer ersten Begegnung an der Uni. Ihr schmales Gesicht war gesenkt, ihre Finger auf dem Tisch kneteten nervös aneinander.

Tobias ging zu ihr hinüber.

Lena hörte Schritte und blickte auf. Als sie sein Gesicht sah, sprang sie auf: „Pro... Professor Strauß.“

Tobias deutete ihr, sich zu setzen, dann nahm er selbst Platz.

Sie saßen sich gegenüber. Die Stimmung war angespannt.

Tobias ergriff als Erster das Wort: „Was möchtest du essen?“

Lena winkte hastig ab. „Nicht nötig, wirklich nicht.“

„Ich hab uns hierher eingeladen, um zu essen.“ Tobias schob ihr die Speisekarte hin. „Such dir was aus.“

Sein Ton war bestimmt. Lena wagte nicht zu widersprechen und tippte wahllos auf ein Gericht. „Das hier.“

Tobias sah hin – ein feurig scharfes Chili con Carne, übersät mit Chilischoten.

Er sagte nichts, winkte den Kellner heran und bestellte zusätzlich zum Chili con Carne noch drei weitere Gerichte.

Während sie warteten, nahm sie kleine Schlucke Wasser.

Tobias schien es nicht eilig zu haben. Seit sie sich gesetzt hatten, hatte er kein einziges Mal nach dem Grund ihres Treffens gefragt.

Das Essen kam. Als Lena das Chili con Carne sah, übersät mit Chilischoten, kribbelte ihr die Kopfhaut.

Sie vertrug kaum Schärfe. Vorhin war sie mit den Gedanken woanders gewesen und hatte auf dem Handy blind durch die Karte getippt, ohne zu wissen, was sie da eigentlich bestellte.

Selbst schuld – jetzt musste sie da durch. Nach ein paar Bissen brach ihr der Schweiß aus, ihre Lippen brannten und wurden knallrot.

Eine Hand griff herüber. Tobias füllte ihr Glas. „Zitronenwasser hilft gegen die Schärfe. Wenn du es nicht verträgst, dann lass es.“

„Tut mir leid.“ Lena war das peinlich.

„Kein Grund zur Entschuldigung.“ Tobias schob den Teller mit dem Chili con Carne beiseite. „Immerhin weiß ich jetzt, dass du keine Schärfe verträgst.“

Seine Worte berührten etwas in ihr. Sie sah zu ihm auf.

Seine Stimme war durchgehend ruhig. Selbst als er erfahren hatte, dass sie seine Studentin war, hatte er nur kurz die Fassung verloren und sich schnell wieder gefangen.

Er war deutlich älter als sie – das war die Gelassenheit, die das Leben ihm gegeben hatte.

Ihn aufzusuchen war vielleicht die richtige Entscheidung.

Plötzlich fasste Lena Mut. Sie holte tief Luft und sagte: „Professor Strauß, ich bin heute hier, weil ich Ihnen etwas sagen muss.“

Endlich kamen sie zum Punkt. Tobias nickte. „Ich höre.“

Lena öffnete ihre Tasche und zog ein Dokument hervor – das Ergebnis einer weiteren Untersuchung. Sie faltete es auseinander und schob es ihm hin.

Ihre Hände zitterten unkontrolliert.

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