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Kapitel 5

작가: Linnea
Lena zahlte den Preis für ihren Moment des Wahnsinns. In den folgenden Tagen war sie völlig neben sich, als hätte jemand ihre Seele gestohlen.

Sie hatte noch nicht einmal ihren Abschluss. Dieses Kind konnte sie unmöglich austragen, das war ihr klar. Aber sie traute sich nicht, es ihren Eltern zu sagen. Für eine OP brauchte sie die Unterschrift eines Angehörigen, und danach musste man sich schonen. Wenn jemand an der Uni davon erfuhr, wäre ihr Studium ruiniert.

Zum ersten Mal in ihrem Leben spürte sie so tiefe Angst und solche Panik. Sogar Sophia bemerkte, dass etwas nicht stimmte: „Lena, was ist mit dir los?“

Die letzten Tage war sie blass, geistesabwesend, wie ein wandelnder Geist.

Lena schüttelte kraftlos den Kopf. „Mir geht’s gut.“

Von wegen.

„Wenn etwas ist, kannst du es mir sagen. Wir finden zusammen eine Lösung.“ Sophia sah sie besorgt an und fragte zögernd: „Ist es wegen Jakob?“

Jakob war für Lena gerade das geringste Problem.

Aber Sophia war auch nur eine Studentin. Wenn sie es Sophia erzählte, wäre diese genauso hilflos.

Also zwang sich Lena zu einem Lächeln. „Mir geht’s wirklich gut. Mach dir keine Sorgen.“

Als Sophia merkte, dass Lena nicht reden wollte, drängte sie nicht weiter. Stattdessen versuchte sie, das Thema zu wechseln: „Die letzte Stunde heute ist Professor Strauß’ Anatomiekurs. Lass uns früh hingehen und gute Plätze ergattern.“

Bei diesen Worten verzog sich Lenas Gesicht vor Qual. „Kann ich nicht einfach schwänzen?“

„Auf keinen Fall. Du weißt doch, wie streng Professor Strauß ist. Er macht jedes Mal Anwesenheitskontrolle, auch wenn das eigentlich überflüssig ist. Bei anderen Fächern kann ich nichts garantieren, aber bei seinem Kurs schwänzt garantiert niemand.“

Doch, eine gab es – Lena wäre die Erste.

Aber sie hatte nicht den Mut dazu. Abgesehen davon, dass sie in zwei Jahren Studium noch nie gefehlt hatte: Tobias wusste jetzt, wer sie war. Wenn sie Sophia für sich unterschreiben ließe, wäre das, als würde sie sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben.

Noch vor Unterrichtsbeginn zerrte Sophia sie zum Hörsaal. Und wie es ihr Pech wollte, ergatterte Sophia Plätze in der ersten Reihe.

„Sophia, können wir uns nicht lieber nach hinten setzen? Da sind noch Plätze frei“, versuchte Lena es vorsichtig.

Mit ihm geschlafen und nun schwanger – Tobias war so ziemlich der Letzte, den sie jetzt sehen wollte.

„Nein, die hier sind perfekt.“ Sophia setzte sich. „Von hier aus kann man Professor Strauß’ schönes Gesicht aus nächster Nähe bewundern.“

Lena wollte sich schon heimlich nach hinten verdrücken, aber als sie sich umdrehte, waren alle Plätze besetzt. Also biss sie die Zähne zusammen und setzte sich.

Kurz darauf läutete die Glocke. Lena duckte sich hinter Sophia und versuchte, so unsichtbar wie möglich zu sein.

Tobias kam wie immer umwerfend aussehend herein, durchquerte mit langen Schritten den Raum und stellte sich ans Pult. Groß und schlank in seinem beigefarbenen Trenchcoat, sah er aus wie aus einem Magazin. Markante Augenbrauen, tiefer Blick, ein ruhiger, gelassener Gesichtsausdruck.

Bei seinem Erscheinen wurde es im Saal mucksmäuschenstill.

Seine klare Stimme erfüllte den Raum: „Wir beginnen.“

Diesmal wagte Lena es nicht, unaufmerksam zu sein. Sie notierte jeden wichtigen Punkt seiner Vorlesung. Während sie zuhörte, wanderte ihr Blick unwillkürlich zu seiner Gestalt.

Tobias war der charismatischste Mann, dem sie je begegnet war. Er strahlte etwas aus – eine ruhige, zurückhaltende Souveränität.

Bildung verleiht einem Menschen eine besondere Ausstrahlung.

Das beschrieb ihn perfekt.

Auch sein Unterrichtsstil war durchdacht. Komplizierte Sachverhalte erklärte er einfach und verständlich.

Alle ließen sich von ihm mitreißen und konzentrierten sich unwillkürlich auf seine Worte.

Lena hörte aufmerksam zu, den Blick auf Tobias gerichtet.

Plötzlich wandte er den Kopf, und ihre Blicke trafen sich unerwartet.

Lena zuckte zusammen und senkte hastig die Augen.

Was würde Tobias wohl denken, wenn er wüsste, dass sie schwanger ist?

Er war der biologische Vater des Kindes. Sollte sie es ihm nicht sagen?

Lena kaute nervös auf ihrer Unterlippe.

Sie wollte wirklich nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Endlich klingelte es zur Pause. Tobias schaltete die Präsentation aus und sagte: „Schluss für heute. Wenn ihr noch Fragen habt, könnt ihr sie jetzt stellen.“

„Professor, ich hätte da was –“

„Ich auch!“

Sofort umringten ihn mehrere Studenten. Während er ihre Fragen beantwortete, bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie die Gestalt in der ersten Reihe ihren Rucksack schnappte und im Handumdrehen verschwand – als wäre ein wildes Tier hinter ihr her.

In den letzten Tagen begegneten sie sich zweimal auf dem Campus. Jedes Mal, wenn sie ihn aus der Ferne sah, wich sie ihm aus wie ein aufgescheuchtes Reh und schlug einen anderen Weg ein. Sie mied ihn offensichtlich.

Tobias hatte ihre Studentenakte eingesehen.

21 Jahre alt, in zwei Jahren nie gefehlt, unter den Top Ten ihres Jahrgangs, jedes Jahr Stipendiatin.

Eine Musterstudentin.

Er senkte den Blick und fuhr fort, die Fragen zu beantworten.

——

Normalerweise fuhr Lena am Wochenende nicht nach Hause. Aber wegen allem, was passiert war, sehnte sie sich nach etwas Geborgenheit. Also machte sie sich am Freitagnachmittag auf den Weg.

Als sie die Tür öffnete, strömte ihr der Duft von gebratenem Essen entgegen. Aus der Küche rief ihre Mutter Heike: „Bist du das, Luki? Das Essen ist gleich fertig, warte kurz!“

Lena stellte ihren Rucksack ab und ging zur Küchentür. „Mama, ich bin’s.“

Heike drehte sich um. Als sie Lena sah, hielt sie mitten in der Bewegung inne, den Pfannenwender in der Hand. „Was machst du denn hier?“

„Es ist Wochenende.“

Heike runzelte die Stirn. „Du hättest Bescheid sagen können. Ich hab gar nicht für dich gekocht.“

„Das habe ich gestern gesagt.“

„Wirklich?“ Heikes Ton war gleichgültig. „Dann hab ich’s vergessen. Wer merkt sich sowas schon, du bist ja eh nie da.“

Lena schwieg.

Sophias Eltern riefen ihre Tochter jede Woche an, noch bevor das Wochenende kam, um zu fragen, ob sie zum Essen nach Hause käme. In ihrer Familie wurde sie als Tochter praktisch ignoriert.

„Was stehst du da rum? Bring die Schüsseln raus und ruf deinen Vater an. Er soll auf dem Heimweg noch Reis mitbringen.“

„Okay.“ Lena wusch sich schnell die Hände, trug die Schüsseln hinaus und rief ihren Vater an.

Als das Essen fertig war, kam Wolfgang mit einer Reisbox herein. Schon beim Schuhausziehen meckerte er: „Hättest ja mal vorher Bescheid sagen können. Der Reis draußen wird immer teurer. Die Verpackung kostet auch noch extra. Für drei Euro hätte ich Reis für die ganze Familie kochen können.“

„Alles wird teurer, nur dein Gehalt nicht. Wir kommen kaum noch über die Runden.“ Heike riss ihm die Reispackung aus der Hand. „Wozu brauchst du die Verpackung? Die Tüte ist auch sauber. Hätte gereicht.“

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