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Kapitel 2

Author: BergMeer123
2

Solange ich nicht im OP erschien, konnte mir niemand etwas anhängen.

Mein Blick huschte über den Boden.

Sofort entdeckte ich vor dem Notfallgebäude einen tiefen Schacht auf dem Gehweg, der noch nicht abgedeckt war.

Ich tat so, als liefe ich eilig zur Notaufnahme.

Kurz bevor ich die Öffnung erreichte, biss ich die Zähne zusammen, kniff die Augen zu und stürzte mich kopfüber in den Schacht.

Ein Gefühl der Schwerelosigkeit riss meinen ganzen Körper mit sich.

Instinktiv spannte ich jeden Muskel an.

Dann schlug ich mit voller Wucht auf dem harten Betonboden am Schachtgrund auf.

Ein dumpfer Knall hallte durch den Schacht. Der Aufprall erschütterte mich bis in die Knochen.

Zum Glück war der Schacht trocken, kein Wasser stand darin. Aber der nackte, harte Boden bot keinerlei Dämpfung.

Ein stechender Schmerz breitete sich vom Kopf und vom Unterschenkel über meinen ganzen Körper aus.

Vor Schmerz zuckte ich am ganzen Leib, kalter Schweiß durchtränkte sofort meine Kleidung.

Mir war klar, dass ich mir mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Knochen gebrochen hatte.

Dieser alte Abwasserschacht am Rand des Klinikgeländes war schon lange außer Betrieb.

Vor ein paar Tagen war der Schachtdeckel gestohlen worden.

Ein Ersatz war noch nicht eingetroffen.

Nur ein unscheinbares Warnband war um den Schacht gespannt.

Ich hätte es, vor lauter Eile zur Operation, übersehen und wäre hineingetreten.

Einen perfekteren Unfall hätte es nicht geben können.

Neben mir lag mein heruntergefallenes Handy und klingelte immer wieder.

Das Klingeln hallte grell durch die dunkle, tote Stille am Schachtgrund.

Aber ich rührte mich nicht.

Ich ließ das Telefon klingeln und verstummen, wieder klingeln und wieder verstummen.

Ich hielt die Augen fest geschlossen.

Eine bewusstlose Person konnte schließlich unmöglich ans Telefon gehen.

Ich musste nur ruhig abwarten, bis mich jemand fand.

Am besten sollte das eine ganze Weile dauern.

Fünfzehn Minuten später traf ein Bauarbeiter ein, der gekommen war, um einen neuen Schachtdeckel einzusetzen.

Auf einen Blick sah er die verstreute Handtasche am Schachtrand.

Sein Herz setzte kurz aus, sofort beugte er sich vor und spähte hinein.

Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe fiel in den Schacht und erfasste mich, wie ich reglos am Boden lag.

„DA IST JEMAND IN DEN SCHACHT GEFALLEN! SCHNELL, HILFE!“

Der Arbeiter griff sofort zu seinem Funkgerät und schlug Alarm.

Ich hielt weiterhin bewusstlos die Augen geschlossen.

Über mir wurde es immer lauter. Ich hörte nur unzählige Schritte und Rufe vom Schachtrand.

Die Menge wuchs und wuchs. Ich hörte sogar das Klicken von Handykameras.

Kurz darauf trafen nacheinander Polizei und Feuerwehr ein.

Die Feuerwehr stellte rasch eine Leiter auf.

Die Feuerwehrleute sicherten mich vorsichtig mit einem Seil und zogen mich langsam aus dem tiefen Schacht. In dem Moment, als ich herausgezogen wurde, sahen es alle deutlich.

Mein Kopf und mein Gesicht waren voller Blut.

Ich stöhnte leise auf. Niemand wagte zu zögern.

Man trug mich sofort ins nahegelegene Notfallgebäude.

Während ich auf die Rettung wartete, erfuhr ich durch die Live-Kommentare, wie die ursprüngliche Geschichte verlaufen wäre.

Vivien und ich hatten im selben Jahrgang Medizin studiert und waren vier Jahre lang unzertrennlich gewesen.

Später waren wir beide in diese Klinik gekommen, eine der renommiertesten des ganzen Landes. Der Unterschied war nur: Ich hatte es aus eigener Kraft geschafft, Vivien dagegen nur durch die Beziehungen ihres Vaters, des Klinikdirektors.

Sie hatte lange in meinem Schatten gestanden, und mit der Zeit hatte sich ihr Inneres immer mehr verzerrt.

In allem wollte sie besser sein als ich.

Dieser Unfall war ihr Fall gewesen, sie hatte die lebensrettenden Maßnahmen geleitet.

Vivien war fachlich jedoch nicht sicher genug, wollte sich aber um jeden Preis beweisen.

Das hatte dazu geführt, dass der Patient vorzeitig hirntot war.

Allerdings hatte sie als Erstes daran gedacht, mir den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Dadurch konnte sie zugleich einer Gefängnisstrafe entgehen und mich loswerden.

Nachdem ich die Kommentare Zeile für Zeile gelesen hatte, wurde mir eiskalt.

Vier Jahre lang hatte ich sie aufrichtig als meine beste Freundin betrachtet.

Ich hatte ihr nie auch nur das Geringste angetan.

Aber ich hätte nie gedacht, dass sie innerlich so finster und bösartig war.

Zum Glück hatte ich richtig gesetzt.

Sollte sie es nur wagen, mir das jetzt noch in die Schuhe zu schieben.

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