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Kapitel 2

Author: Ferrari
Erst als der Schmerz in meinem Körper langsam taub wurde, hörte ich über mir Stimmen.

„Der Schachtdeckel muss heute noch angebracht werden, letztes Mal hat schon jemand gesagt, dass das hier gefährlich ist.“

Der Lichtkegel einer Taschenlampe fiel in den Schacht und traf mich direkt im Gesicht.

„Da unten liegt jemand!“

„Jemand ist in den Schacht gefallen! Schnell, hierher! Ruft den Notruf!“

Schritte, das Rauschen von Funkgeräten, das aufgeregte Stimmengewirr der Umstehenden strömten wie eine Flutwelle in den Schacht hinab.

„Erst die Polizei rufen!“

„Leuchtet mal rein, ob sie noch atmet!“

Ich beruhigte mich etwas und schloss die Augen, um tot zu wirken.

Vor meinen Augen begannen die Kommentare plötzlich wieder zu flackern.

[Vivien hat wirklich Nerven – kurz vor der Geburt noch mit einem anderen Mann fremdgegangen, und deshalb hat sie ihr Kind verloren.]

[Sie hat Angst, dass ihr Mann davon erfährt und sie umbringt, deshalb soll Luna als Sündenbock herhalten.]

[Sie hat die Krankenschwestern im OP bestochen, damit sie falsch aussagen – sie will Lunas Tod.]

[Sobald Luna tot ist, ist die Sache mit dem verlorenen Kind erledigt, und die Familie Moretti wird Vivien zum Trost sogar doppelt entschädigen.]

Bei diesem Anblick musste ich kalt lächeln.

Zum Glück hatte ich den Kommentaren geglaubt und mir damit eine Überlebenschance verschafft.

Wenn ich, sobald ich den OP betrat, ohnehin keine Chance mehr gehabt hätte, mich zu wehren – was, wenn ich den OP gar nicht erst betreten hätte?

Vivien, ich bin gespannt, wie du mich jetzt noch verleumden willst.

Nach einer Weile zogen mich Leute aus dem Schacht.

In dem Moment, als das Licht wieder in meine Augen stach, stöhnte ich bewusst auf und verzog das Gesicht, hielt die Augen halb geöffnet, ließ die Pupillen unfokussiert wirken, während ein Faden aus Schlamm und Blut mir vom Mundwinkel herablief.

„Können Sie mich hören? Geht es Ihnen gut?“

Ich murmelte ein undeutliches „Mmh“ und zog die Brauen zusammen. Die Lider zitterten, als wollten sie sich öffnen und könnten es nicht.

Die Umstehenden hielten reihenweise ihre Handys hoch.

„Wie furchtbar, sie ist ja über und über voller Blut!“

Man legte mich auf eine Trage und brachte mich in die Notaufnahme. Unterwegs erkannten mich andere Ärzte und Schwestern, sogar ehemalige Patientinnen, die ich einmal behandelt hatte.

„Ist das nicht Dr. Berger aus der Gynäkologie? Mein Gott, ausgerechnet ihr passiert sowas!“

„Sie ist wohl in einen Schacht gefallen? Wie furchtbar!“

Wundversorgung, Nähte, Röntgen, CT.

Drei Stiche an der Stirn, ein Haarriss im rechten Schienbein, der eingegipst wurde, und laut CT eine leichte Gehirnerschütterung.

Nachdem die ganze Prozedur durch war, hatte sich die Nachricht von meinem Unfall längst in der Notaufnahme herumgesprochen.

Schließlich kamen zwei Polizisten und nahmen an meinem Bett meine Aussage auf.

„Dr. Berger, können Sie den Sturz noch einmal schildern?“

Ich lehnte mich zurück, meine Stimme war schwach, aber ich sprach deutlich: „Ich kam gerade vom OP-Saal, als ich einen dringenden Anruf von meiner besten Freundin Vivien bekam. Sie sagte: ‚Die Geburt hat eingesetzt. Komm sofort.‘ In der Eile habe ich nicht auf den Weg geachtet und bin in den Schacht getreten.“

Der Polizist nickte und ließ sich die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen.

Auf den Aufnahmen war zu sehen, wie ich allein durch das Krankenhaustor lief, mit hastigen Schritten, wie ich am Schacht kurz ins Wanken geriet und hineinstürzte – niemand hatte mich vorher oder nachher berührt.

„Sieht nach einem Unfallsturz aus, vorsätzliche Fremdeinwirkung schließen wir aus“, sagte der Polizist und klappte sein Notizbuch zu.

Ich stützte mich plötzlich am Bettrand ab und wollte mich aufsetzen: „Nein … meine beste Freundin wartet noch im OP auf mich! Ich muss dahin!“

„Dr. Berger, in Ihrem Zustand können Sie sich nicht bewegen.“

„Sie ist meine beste Freundin!“ Meine Augen wurden feucht. „Ich muss bei ihr sein, sonst kann ich mir das mein Leben lang nicht verzeihen!“

Der Polizist konnte mich nicht davon abbringen, und auch die Schwester seufzte nur und schob mich im Rollstuhl zu OP 3.

Vor OP 3 hatte sich eine große Menschenmenge versammelt.

Besonders auffällig war ein hochgewachsener Mann.

Es war Viviens Ehemann, Vincenzo Moretti, der Don der Familie Moretti.

Die übrigen waren größtenteils Männer der Familie Moretti, insgesamt zwanzig bis dreißig Personen, die sich vor der Tür des OP drängten.

Kaum hatte die Schwester meinen Rollstuhl ein Stück vorgeschoben, öffnete sich die Tür des OP-Saals, und ein Krankenbett wurde herausgeschoben.

Vincenzo eilte mit einem Anflug von Freude auf das Bett zu, als plötzlich ein durchdringendes Schluchzen daraus ertönte.

„Es tut mir leid, Schatz! Ich hab versagt! Ich hab unser Kind nicht beschützt!“

Es war Vivien.

Die eben noch geschäftige Etage verstummte in diesem Moment schlagartig.

„Was ist passiert?“, fragte Vincenzo mit zitternder Stimme.

Vivien weinte ununterbrochen: „Ich habe Luna zu sehr vertraut. Ich dachte, sie würde mir helfen, unser Kind gesund zur Welt zu bringen, aber … aber ich hätte nie gedacht, dass sie bei der Operation einen Fehler gemacht und dadurch unser Kind getötet hat …“

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