Share

08: DIE ENTSCHEIDUNG

Author: Solyn Aure
last update publish date: 2026-09-11 03:13:24

JAMIES PERSPEKTIVE

Von der Mitte der Bühne aus fand ich sie trotzdem, selbst bei den blitzenden Kameras, die wie Schüsse losgingen.

Aria.

Und verdammt, sie sah unglaublich aus.

Aria war schon immer schön gewesen. Nicht nur hübsch, sondern gefährlich schön. Die Leute starrten sie zu lange an, wenn sie sie sahen, und ich musste sie mit einem Blick zurechtweisen, um ihnen zu zeigen, dass sie zu mir gehörte.

Selbst in meiner Branche, umgeben von Models und Schauspielerinnen jeden Tag, kam niemand auch nur annähernd an sie heran.

Sie trug ein tiefviolettes Kleid, das sich um jede Kurve ihres Körpers schmiegte, ihre weiche Haut zur Geltung brachte und Hitze in mir aufsteigen ließ.

Sie gehörte mir. Ich wünschte, ich könnte den Männern, die ihr ständig verstohlene Blicke zuwarfen, den Hals umdrehen. Ich wünschte, ich könnte sie direkt vor allen für mich beanspruchen.

Aria bemerkte wie immer nichts von den Blicken, die sie bekam.

Zu sehen, wie umwerfend schön sie aussah, ließ eine Welle besitzergreifenden männlichen Stolzes durch meine Brust schießen.

Ich wusste, dass sie das Kleid selbst entworfen hatte, genauso wie die violette Seidenkrawatte, die gerade in meiner Tasche lag.

Meine Brust zog sich zusammen, als ich auf meine eigene Krawatte hinunterblickte. Sie war rot.

Lora hatte mich auf dem Weg abgefangen und mir erklärt, wie es aussehen würde, wenn wir nicht aufeinander abgestimmt wären.

Und sie hatte recht, denn die Kameras würden nicht aufhören zu blitzen, und ich wusste, dass bis morgen bereits irgendeine verdammte Geschichte im Internet gelandet sein würde.

Ich wusste, dass Aria zutiefst enttäuscht sein würde, sobald sie es bemerkte. Sie war diejenige, die praktisch meinen gesamten Kleiderschrank verwaltete und mir diese Krawatte gekauft hatte.

Ich hätte ihr vor Wochen von Lora erzählen sollen. Aber ich wollte sie nicht verlieren. Noch nicht. Niemals.

Aria war schon immer mein sicherer Ort gewesen. Die einzige Person, die mich schon vor meiner Model- und Schauspielkarriere liebte, und sie war immer mein Fels gewesen, bevor ich zu diesem angesagtesten Gesicht der Branche wurde.

Aber dieser gewaltige Durchbruch hatte seinen Preis. Ich brauchte mehr Verträge. Mehr hochkarätige Werbeverträge. Mehr Kampagnen.

Ich hatte ein verdammtes Ziel.

Und als Power-Paar mit Lora, der wohlhabenden und bestens vernetzten Tochter der Addison-Erbin, bekannt zu sein, war das Einzige, was diese Verträge garantieren konnte.

Ich versuchte, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, indem ich mir sagte, dass ich Aria später einfach überzeugen konnte.

Sie liebte mich. Sie gehörte mir seit neun Jahren, seit wir Kinder waren. Sie würde mich nicht verlassen.

Aber wenn ich ehrlich war, konnte sie das auch gar nicht. Sie hatte absolut niemanden sonst auf ihrer Seite.

Ihr Vater war voreingenommen zugunsten der Addison-Erbin, Arias Stiefmutter, und ihre eigene Mutter war längst fort. Ich war ihre ganze Welt.

Ich wusste, dass sie vielleicht impulsiv versuchen würde, mit mir Schluss zu machen, sobald die Worte auf dieser Bühne meinen Mund verließen.

Aber ich würde es wieder in Ordnung bringen. Das tat ich immer. Sie gehörte mir, und ich würde sie nicht gehen lassen.

„Verehrte Gäste“, dröhnte meine Stimme durch das Mikrofon und klang viel ruhiger, als ich mich tatsächlich fühlte. „Ich möchte euch offiziell meine geliebte Verlobte vorstellen … Lora. Lora Addison.“

Der Applaus brauste auf, aber ich hielt meinen Blick fest auf Lora gerichtet. Ich sah nicht in Arias Richtung. Ich wagte es nicht.

Ich konnte den Anblick des gebrochenen Herzens auf ihrem Gesicht nicht ertragen. Ich wusste, dass ich ein kompletter Feigling war, aber die Angst, sie weinen zu sehen, schnürte mir die Luft aus der Kehle.

Genau zehn Minuten nach der Ankündigung entschuldigte ich mich bei Lora und dem endlosen Kreis wohlhabender Führungskräfte, die mir die Hand schütteln wollten.

Ich musste Aria finden.

Meine Haut kribbelte vor Schuld, und mein Kopf raste mit einer Million verschiedener Möglichkeiten, mich zu entschuldigen und sie davon zu überzeugen, dass diese Verlobung nur … Geschäft war.

Ich nahm den Aufzug zur Führungsebene und durchsuchte die ruhigen Flure, aber ihr Zimmer – das, das ich für sie reserviert hatte – war leer.

Frustriert holte ich mein Handy heraus, um sie zu erreichen, aber sie war nicht erreichbar.

Ich beschloss, zuerst zu Noahs privater Suite im obersten Stockwerk zu gehen. Er war seit Beginn der Party oben und weigerte sich, herunterzukommen. Ich brauchte ihn an meiner Seite.

In dem Moment, in dem die Leute mich neben Noah stehen sahen, begegneten sie mir automatisch mit einem ganz anderen Maß an Respekt.

Noah war verdammt noch mal ein König in unserer Welt.

Obwohl wir beste Freunde waren, konnte ich die tiefe Bewunderung und den brennenden Neid nicht unterdrücken, die mich jedes Mal überkamen, wenn ich an ihn dachte.

Die Leute fühlten sich ganz natürlich zu Noah hingezogen und ließen mich an zweiter Stelle zurück, weil der Bastard buchstäblich alles hatte. Er war weder Model noch Schauspieler, aber er war viel einflussreicher als jeder Prominente.

Er war der kostbare, goldene Sohn eines milliardenschweren Tech-Moguls als Vater und einer weltberühmten Chirurgin als Mutter.

Manchmal fragte ich mich ehrlich, warum zum Teufel ich überhaupt mit ihm befreundet war. Ich kannte meinen eigenen Wert, aber Noah spielte einfach in einer völlig anderen Liga als ich.

Ich beschwerte mich natürlich nicht – sein Name öffnete Türen und brachte mir Kontakte, die ich niemals allein hätte bekommen können.

Aber es gab Momente, dunkle Momente, in denen ich mir insgeheim wünschte, er würde einfach verschwinden, damit ich nicht in seinem gewaltigen Schatten leben müsste.

In letzter Zeit war seine Laune völlig daneben. Der goldene Junge hatte sich distanziert und wütend verhalten und besaß keinen Funken Geduld mehr. Vielleicht war sein neu gegründetes Mode- und Beautyunternehmen gegen eine Wand gefahren oder so etwas.

Was auch immer passiert war, er konnte immer noch zu seinem Erbenstatus zurückkehren. Einige von uns hatten einfach nicht so viel Glück.

Ich war mir nicht sicher, in welcher Stimmung er sein würde, als ich an seine Tür klopfte.

Ich wollte ihn bitten, nach unten zu kommen, aber ich musste auch einfach für einen Moment durchatmen, bevor ich mich mit dem Drama auseinandersetzte, das auf mich wartete.

Zwei seiner Männer standen kerzengerade vor der Tür.

„Hey, Jungs. Ist Noah drinnen?“, fragte ich. „Könnt ihr ihm sagen, dass ich hier bin?“

Selbst gegenüber seinen Bediensteten musste die Fassade des Respekts gewahrt werden.

„Der Herr ist momentan beschäftigt. Wir werden ihm sagen, dass du hochgekommen bist“, antwortete Matteo, einer seiner Männer.

Ein wissendes Grinsen erschien auf meinem Gesicht.

Sein rotes Gesicht verriet, was gerade vor sich ging, anders als sein Partner Falcon, der völlig gefasst blieb.

Typisch Noah. Der Typ hatte viel Sex, trotz seiner verdammt hohen Ansprüche, also ging ich davon aus, dass er gerade eine seiner üblichen Prominenten aus der High Society hier hochgeschmuggelt hatte, um sich die Zeit zu vertreiben, während er meine Party ignorierte.

Als ich gehen wollte, um wieder nach Aria zu suchen, fiel mein Blick auf den Boden direkt neben dem Eingang.

Und dort, an die Wand gelehnt, lag ein kleines, glitzerndes Objekt, das offenbar in aller Eile heruntergefallen war.

Mein Herz blieb in meiner Brust stehen.

Es war ein maßgefertigter goldener High Heel.

Der einzigartige Schuh, den Aria früher an diesem Abend getragen hatte.

Es gab absolut keinen Zweifel. Er gehörte ihr.

Mein Gesicht verfinsterte sich, meine Gesichtszüge verzogen sich vor purer, unverfälschter Wut.

Aria? Meine zurückhaltende, ruhige Aria? Das Mädchen, das mir immer aus dem Weg gegangen war und mich kaum mehr als einen keuschen, unschuldigen Kuss berühren ließ – war sie in dem Zimmer meines besten Freundes?

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • 70 TAGE MIT DEM FALSCHEN MILLIARDÄR    64. IST DAS EIN VERHÖR?

    ARIAS PERSPEKTIVE Der Schlüssel dreht sich glatt im Schloss. Ich drücke die Tür auf und greife schon nach dem Lichtschalter— Und erstarre. Noah sitzt auf dem Wohnzimmersofa, als gehöre ihm der Ort, ein Arm über die Rückenlehne gestreckt, lange Beine übereinandergeschlagen, dunkle Augen bereits auf mich gerichtet. Das späte Nachmittagslicht aus den Fenstern fängt die scharfe Linie seines Kiefers. Er sieht völlig entspannt aus. Mein Herz springt mir in die Kehle, die Hände pressen sich um meine Portfolio-Tasche, bis die Knöchel weiß werden. „Was machst du hier?“ Die Worte kommen als geflüsterter Schrei heraus. Ich wirble zum Flur, halb erwartend, dass Onkel Mike jeden Moment erscheint. Noah erhebt sich fließend. „Entspann dich. Er ist zu Jeremiah gefahren.“ Ich bleibe stehen und drehe mich leicht weg, als er nach mir greift. „Also gibt dir das irgendwie das R

  • 70 TAGE MIT DEM FALSCHEN MILLIARDÄR    63. INTERVIEW MIT MADAME GENEVIEVE

    ARIAS PERSPEKTIVE Die Uhr an der Wand zeigt genau 10:00 Uhr, als die Doppeltüren klicken und aufgehen. „Miss Aria? Sie sind bereit für Sie“, sagt Elsie, die junge Assistentin, die mich vor 20 Minuten begrüßt hat, und tritt beiseite, damit ich eintreten kann. „Danke.“ Ich glätte die Vorderseite meines maßgeschneiderten Blazers und der passenden high-waisted Wide-Leg-Hose – eines der Aureline-Stücke. Ich sehe scharf und professionell aus und hoffe, dass es hilft, das Zittern in meinen Händen zu maskieren. Fünf Paar Augen rasten in dem Moment auf mich ein, in dem ich eintrete. Der Konferenzraum besteht aus dunklem Holz und bodentiefen Fenstern. Niemand steht auf. Niemand lächelt. Madame Genevieve sitzt in der Mitte des langen Tisches. Scharfe Wangenknochen, silbergestreiftes dunkles Haar zu einem strengen Knoten zusammengezogen. Sie schaut nicht zu mir auf. Sie studiert einfach den Ordner vo

  • 70 TAGE MIT DEM FALSCHEN MILLIARDÄR    62. UNSICHTBARER GEIST DER VERGANGENHEIT

    NOAHS PERSPEKTIVE Mein Büro ist still, abgesehen vom periodischen Kratzen meines Füllers auf Dokumenten. Ich höre ein Klopfen und die Tür öffnet sich. Jane tritt ein, Tablet in der Hand, Haltung kerzengerade wie immer. „Sir, der Termin für Miss Sinclair ist bestätigt. Morgen um 10 Uhr mit dem Team von Madame Genevieve.“ Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück, die Stadtsilhouette erstreckt sich hinter den bodentiefen Fenstern meines Büros. Papiere und drei offene Laptops bedecken den großen Schreibtisch. Verträge, Quartalsprognosen und die neuesten Geheimdienstberichte zu einem Deal im Wert von Hunderten Millionen Dollar. Ein Grinsen zerrt an meinen Lippen. „Harlan ist wirklich verzweifelt wegen dieser Marktfusion.“ Ich unterschreibe meinen Namen mit einem entschiedenen Handgelenkschwung, bevor ich endlich den Blick hebe und ihre Augen treffe. „Gut. Setzen Sie einen Termin mit seinem Team u

  • 70 TAGE MIT DEM FALSCHEN MILLIARDÄR    61. DIE BÜHNE IST BEREIT

    ARIAS PERSPEKTIVE „Ja, vielen Dank, Charlotte. Morgen um zehn Uhr morgens passt mir gut. Ich bringe auf jeden Fall mein Portfolio und die Lookbooks für meine Marke mit.“ Ich drücke das Telefon fest an mein Ohr, mein Herz macht einen kleinen Freudensprung. „Perfekt, Miss Aria“, antwortet die Sekretärin am anderen Ende, ihr steifer Ton tut meiner Stimmung keinen Abbruch. „Produzent Harlan hat die Abteilung bereits gebrieft. Sie treffen sich mit den Regisseuren und Madam Genevieve Laurent zu Ihrem Interview. Einen schönen Tag noch.“ Die Leitung klickt ab, und ich starre mein Spiegelbild an, ein riesiges Grinsen breitet sich über mein Gesicht. Victor Harlan – einer der größten Produzenten in Hollywood – hatte persönlich dafür gesorgt. Alles wegen Noah. Ein Interview. Aureline überquert endlich den Ozean. Ein Freudenschrei entweicht meinen Lippen, als ich in den

  • 70 TAGE MIT DEM FALSCHEN MILLIARDÄR    60. WIR FANGEN ERST AN

    DRITTE PERSON PERSPEKTIVE REIFE INHALTE VORAUS Der Applaus und die Rufe hallen noch in Daisys Ohren wider, als sie von der Bühne steigt, die Haut glänzt vor Schweiß. Eine Hostess kommt mit einem wissenden Lächeln und einem Tablet in der Hand. „Du warst unglaublich. Es gibt eine lange Liste von Männern, die heute Abend private Zeit mit dir wollen. Großzügige Angebote.“ Daisys Herz stolpert. Sie scannt die Namen schnell, der Puls rast vor törichtem Hoffnung. Mikes Name ist nirgends auf der Liste. Die Abwesenheit fühlt sich an wie eine frische Wunde, die ihr ohnehin fragiles Herz erneut verletzt. Natürlich wollte er sie nicht. Sie lehnt jede Anfrage mit einem höflichen, aber entschiedenen Kopfschütteln ab und geht zum Ausgang. Wenn er sie nicht will, i

  • 70 TAGE MIT DEM FALSCHEN MILLIARDÄR    59. INS NO MAN’S LAND

    KAPITEL: DRITTE PERSON PERSPEKTIVE (FORTSETZUNG) Der Himmel hatte ihren Wunsch an jenem Morgen vor vier Jahren erfüllt. Sie hatte Mike wieder gesehen. Hatte eine weitere Gelegenheit, wie sie gehofft hatte. Und doch war nichts passiert. Sie erfuhr, dass sein Name Mike war – Onkel Mike, wie Aria ihn liebevoll nannte. Der Titel passte überhaupt nicht zu ihm. Daisy hätte ihn lieber etwas weit Intimeres genannt. Daddy und Master waren ihr mehr als einmal durch den Kopf gegangen. Er sah viel zu jung aus, um jemandes Onkel zu sein, trotz der grauen Strähnen in seinem Bart. Jeder Zentimeter von ihm kraftvoll, wellige Muskeln unter dem weißen Hemd, galante Haltung, eine Alpha-Präsenz, die die Luft dicker machen ließ. Daisy hatte das Kribbeln von Blut gespürt, das aus ihrer Nase tropfte. Und Daisy hatte das nie. Sie konnte diesen Effekt auf

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status