LOGINAm Abend vor der Reise markierte Simon Hart mich in der Gruppe. „Schau mal nach deinem Flugticket, ja?“ Ich öffnete die Buchung. Dort stand: storniert. Der Zeitpunkt der Stornierung lag drei Tage zurück. Noch bevor ich antworten konnte, poppten nacheinander neue Nachrichten in der Gruppe auf. Mira Linden: „Simon und ich haben gewettet, ob du vor der Abreise in die Buchung schaust. Ich habe gewettet, dass du es nicht tust. Und dann lässt er dich selbst nachsehen. Regelbruch!“ Simon Hart: „Ach komm. Verloren hast du trotzdem. Sie hat es ja wirklich erst jetzt gemerkt. Buch schnell neu, mehr ist es nicht. Es gibt eben keine Plätze nebeneinander mehr.“ Sie hatten ihren Spaß. So wie damals, als sie gewettet hatten, nach wie vielen Tagen ich bemerken würde, dass aus unserem Hotelzimmer mit zwei Betten ein Dreibettzimmer geworden war und ich auf dem Klappbett schlafen sollte. Und wie davor, als sie gewettet hatten, ob ich merken würde, dass das einzige Kunstmuseum auf unserem Reiseplan durch einen Escape Room ersetzt worden war. Jedes Mal, wenn ich sagte, dass mich so etwas verletzte, antworteten sie gleich. „Wenn du nichts sagst, woher sollen wir wissen, dass es dir wichtig ist?“ Aber gefragt hatten sie nie. Ich buchte kein neues Ticket. Stattdessen öffnete ich eine andere App und suchte nach einem Flug nach Island. Bei minus fünfzehn Grad die Polarlichter sehen. Allein. Vielleicht war genau das richtig.
View MoreDrei Jahre später kehrte ich im Winter in meine Heimat zurück, um die Eigentumsangelegenheiten des alten Hauses meiner Eltern zu regeln.Leon Hahn begleitete mich.Als wir nach Abschluss der Formalitäten aus der Halle traten, fiel der Schnee dicht.Er zog meinen Schal ein wenig höher.„Ist dir kalt?“„Es geht.“„Der Wagen steht gegenüber. Soll ich ihn holen, und du wartest hier am Eingang?“Ich schüttelte den Kopf.„Gehen wir zusammen.“Als wir an die Kreuzung kamen, sah ich am Straßenrand einen Mann hocken.Ein abgetragener Mantel, schmale Schultern, in den Armen ein billiger Erdbeerkuchen.Simon Hart.Er erkannte mich nicht.Oder vielmehr: Sein Blick hing nur am Bildschirm seines Handys.Auf dem Display war ein Messenger-Profilbild zu sehen, das längst gelöscht worden war.Er sprach leise, als hätte er Angst, jemanden zu wecken.„Jana, heute ist dein Geburtstag. Ich habe mich nicht vertan. Gegen Erdbeeren bist du nicht allergisch.“Er hielt kurz inne und fügte dann v
Simon Hart war so abgemagert, dass er kaum wiederzuerkennen war. Der schwarze Mantel hing leer an seinem Körper.Auch Mira Linden war nicht mehr so hell wie früher. Ihr Haar war achtlos zusammengebunden, unter den Augen lagen dunkle Schatten.Sie waren offensichtlich in großer Eile gekommen.Simon drängte sich durch die Menge und ging geradewegs auf mich zu.Seine Augen waren stark gerötet, seine Stimme so leise, dass man sie kaum hörte.„Jana.“Ich antwortete nicht.Er nahm eine Ringschatulle aus der Tasche und ging vor mir auf ein Knie.Die Gäste um uns herum wurden still.„Ich habe mit niemandem gewettet, und es ist auch kein Scherz.“ Er hob den Kopf und sah mich an, die Stimme zitternd. „Ich bin wirklich gekommen, um dich anzuflehen. Heirate mich. Lass mich ein Leben lang wiedergutmachen, was ich dir angetan habe, ja?“Auch Mira kam weinend näher und streckte die Hand aus, als wolle sie meinen Ärmel fassen.„Jana, ich weiß jetzt wirklich, was Grenzen bedeuten. Weil ich b
Der Wind in Reykjavík war hart. Auf dem Gesicht fühlte er sich an wie feine Eiskörner.Als Prof. Eva Richter mich am Flughafen abholte, fiel ihr Blick zuerst auf meinen Verband.Sie fragte nicht nach. Sie löste nur ihren eigenen Schal und legte ihn mir über die Schultern.„Im Atelier ist es sehr warm. Schlaf dich erst einmal aus.“Ich nickte.Hier setzte niemand auf mein Schweigen. Und niemand behandelte meine Grenzen wie eine unangenehme Gesprächspause.Ich begann, mein Einreichungsportfolio neu zu ordnen.Der zerstörte Computer wurde zur Reparatur gebracht. Die Sicherungsfestplatte hatte den größten Teil der Dateien gerettet.Die fehlenden Ebenen zeichnete ich Strich für Strich neu.Manchmal arbeitete ich bis in die frühen Morgenstunden, und die Wunde an meinem Arm begann zu jucken.Dann klopfte Prof. Richter an die Tür und stellte eine heiße Suppe neben meinen Tisch.„Keine Eile, Jana. Ein Werk bezahlt man nicht mit dem Leben.“In der dritten Woche begegnete ich im Ateli
Als ich aufwachte, war mein Arm am Rand des Krankenhausbetts fixiert.Eine Krankenschwester beugte sich gerade über mich, um den Verband zu wechseln. Als sie sah, dass ich die Augen öffnete, senkte sie die Stimme.„An Ihrem Unterarm mussten sieben Stiche gesetzt werden. Sie haben nicht wenig Blut verloren. Der Sicherheitsdienst der Wohnanlage hat Glas klirren gehört, die Tür aufgebrochen und Sie hergebracht.“Ich starrte an die Decke. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff, wo ich war. Erst dann spürte ich, wie trocken und wund meine Kehle war.Die Krankenschwester reichte mir mein Handy.„Es hängt gerade erst wieder am Ladegerät. Es hat sehr lange geklingelt.“Auf dem Bildschirm standen Dutzende verpasste Anrufe.Alle von Simon Hart.Auch Mira Linden hatte viele Sprachnachrichten geschickt.Ich tippte keine davon an.Ein gemeinsamer Freund schickte zuerst ein Video.Darin saß Simon in einer Nische, ein Glas in der Hand, der Tonfall leicht.„Jana Berg ist von mir ein





