Short
Abschied bei minus fünfzehn Grad

Abschied bei minus fünfzehn Grad

By:  EukalyptusnebelCompleted
Language: Deutsch
goodnovel4goodnovel
8Chapters
3views
Read
Add to library

Share:  

Report
Overview
Catalog
SCAN CODE TO READ ON APP

Am Abend vor der Reise markierte Simon Hart mich in der Gruppe. „Schau mal nach deinem Flugticket, ja?“ Ich öffnete die Buchung. Dort stand: storniert. Der Zeitpunkt der Stornierung lag drei Tage zurück. Noch bevor ich antworten konnte, poppten nacheinander neue Nachrichten in der Gruppe auf. Mira Linden: „Simon und ich haben gewettet, ob du vor der Abreise in die Buchung schaust. Ich habe gewettet, dass du es nicht tust. Und dann lässt er dich selbst nachsehen. Regelbruch!“ Simon Hart: „Ach komm. Verloren hast du trotzdem. Sie hat es ja wirklich erst jetzt gemerkt. Buch schnell neu, mehr ist es nicht. Es gibt eben keine Plätze nebeneinander mehr.“ Sie hatten ihren Spaß. So wie damals, als sie gewettet hatten, nach wie vielen Tagen ich bemerken würde, dass aus unserem Hotelzimmer mit zwei Betten ein Dreibettzimmer geworden war und ich auf dem Klappbett schlafen sollte. Und wie davor, als sie gewettet hatten, ob ich merken würde, dass das einzige Kunstmuseum auf unserem Reiseplan durch einen Escape Room ersetzt worden war. Jedes Mal, wenn ich sagte, dass mich so etwas verletzte, antworteten sie gleich. „Wenn du nichts sagst, woher sollen wir wissen, dass es dir wichtig ist?“ Aber gefragt hatten sie nie. Ich buchte kein neues Ticket. Stattdessen öffnete ich eine andere App und suchte nach einem Flug nach Island. Bei minus fünfzehn Grad die Polarlichter sehen. Allein. Vielleicht war genau das richtig.

View More

Chapter 1

Kapitel 1

Als das Schloss klickte, stopfte ich gerade das letzte Paar Wollsocken in meinen Koffer.

Simon Hart und Mira Linden kamen herein. In den Händen trugen sie Schnorchelmasken, Sonnenschutzkleidung und eine Tüte voller bunter Aufkleber für Schwimmringe.

Mira sah zuerst den dicken Mantel auf meinem Sofa. Zwei Sekunden lang war sie wie erstarrt, dann lachte sie so sehr, dass sie sich krümmte.

„Simon, überweis mir das Geld.“ Sie zeigte auf meinen Koffer, vor Lachen standen ihr fast Tränen in den Augen. „Ich habe doch gesagt, sie wird bestimmt sauer und packt absichtlich Wintersachen ein, um uns Angst zu machen.“

Simon lehnte im Flur, senkte den Kopf und überwies ihr das Geld. Um seinen Mund lag ein hilfloses Lächeln.

„Schon gut. Du hast gewonnen.“

Er steckte das Handy weg, kam zu mir herüber und hob die Hand, als wollte er mir durchs Haar fahren.

„Jana, ich habe dein Ticket schon neu gebucht. Diesmal sind wir zu weit gegangen, sei nicht mehr sauer, ja? Nimm die dicken Sachen schnell wieder raus. In Sanya kannst du die nicht tragen.“

Ich wich zur Seite aus und entzog mich seiner Hand.

Simons Hand blieb in der Luft stehen. Seine Stirn zog sich leicht zusammen.

„Jetzt machst du wirklich deswegen Theater?“

Ich schloss den Koffer, zog den Griff hoch.

„Ich fahre nicht nach Sanya. Viel Spaß euch.“

Das Lächeln auf Miras Gesicht stockte für einen Augenblick. Gleich darauf kam sie auf mich zu und wollte sich bei mir einhaken.

„Ach komm, das Ticket ist doch ersetzt. Wenn du nicht allein sitzen willst, lasse ich Simon mit dir tauschen. Dann sitze ich eben hinten, okay?“

Ich senkte den Blick auf ihre Hand, die nach mir griff.

„Fass mich nicht an.“

Mira erstarrte.

Simons Gesicht verdunkelte sich.

„Jana Berg, wegen eines kleinen Ticketstreichs übertreibst du jetzt so?“

Ich sah ihn an.

„Ihr storniert mein Ticket, wettet mit meinem Reiseplan und fragt mich dann, ob ich übertreibe?“

Simon drückte die Zunge gegen die Wange und unterdrückte seine Ungeduld.

„Es ist doch längst wiedergutgemacht. Ich habe gestern Abend schon ein neues Ticket gekauft. Ich habe dich ja nicht wirklich daran gehindert mitzukommen.“

Mira nickte ebenfalls, ihre Stimme wurde gekränkt.

„Genau. Wir wollten dich doch nicht zurücklassen. Wir wollten dich nur ein bisschen aufziehen. Früher warst du nie so.“

Sie hielt kurz inne, als fiele ihr etwas ein, und ihre Augen leuchteten auf.

„Ach ja, ich habe gute Nachrichten. Eigentlich wollte ich sie dir unterwegs erzählen, damit du wieder bessere Laune bekommst.“

Mir wurde mulmig.

Mira holte ihr Handy aus der Tasche, suchte einen Screenshot heraus und hielt mir das Handy hin.

„Deine finale Bewerbungsmappe für den Sternzeichner-Preis habe ich vorgestern für dich eingereicht. Du hast in letzter Zeit doch ständig die Nächte durchgemacht. Es tat mir weh, das anzusehen, also habe ich für dich auf Einreichen geklickt.“

Meine Finger krampften sich um den Koffergriff.

„Du hast meine Wettbewerbsdateien angefasst?“

„Sei doch nicht gleich so angespannt.“ Mira verzog den Mund, als hätte ich ihr die Freude verdorben. „Ich habe dir sogar noch eine versteckte Gag-Ebene eingebaut. In die Ecke deines Lieblingshauptbildes habe ich ein Wasserzeichen mit einem augenrollenden Frosch gesetzt. Total witzig.“

Sie zwinkerte Simon zu.

„Simon und ich haben auch gewettet, ob du es merken würdest. Eigentlich wollten wir es erst enthüllen, wenn du den Preis gewinnst. Dann wäre die Überraschung perfekt gewesen.“

Mir wurde ganz wirr im Kopf.

Der Sternzeichner-Preis verlangte eine anonyme Begutachtung. In den eingereichten Dateien durften keine fremden Ebenen erscheinen, erst recht keine spöttischen Symbole.

Das war die finale Bewerbungsmappe, für die ich einen halben Monat lang keine Nacht richtig geschlafen hatte.

Es war der einzige Empfehlungsplatz der Akademie.

Expand
Next Chapter
Download

Latest chapter

More Chapters
No Comments
8 Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status