Share

Kapitel 7

Author: Eukalyptusnebel
Simon Hart war so abgemagert, dass er kaum wiederzuerkennen war. Der schwarze Mantel hing leer an seinem Körper.

Auch Mira Linden war nicht mehr so hell wie früher. Ihr Haar war achtlos zusammengebunden, unter den Augen lagen dunkle Schatten.

Sie waren offensichtlich in großer Eile gekommen.

Simon drängte sich durch die Menge und ging geradewegs auf mich zu.

Seine Augen waren stark gerötet, seine Stimme so leise, dass man sie kaum hörte.

„Jana.“

Ich antwortete nicht.

Er nahm eine Ringscha
Continue to read this book for free
Scan code to download App
Locked Chapter

Latest chapter

  • Abschied bei minus fünfzehn Grad   Kapitel 8

    Drei Jahre später kehrte ich im Winter in meine Heimat zurück, um die Eigentumsangelegenheiten des alten Hauses meiner Eltern zu regeln.Leon Hahn begleitete mich.Als wir nach Abschluss der Formalitäten aus der Halle traten, fiel der Schnee dicht.Er zog meinen Schal ein wenig höher.„Ist dir kalt?“„Es geht.“„Der Wagen steht gegenüber. Soll ich ihn holen, und du wartest hier am Eingang?“Ich schüttelte den Kopf.„Gehen wir zusammen.“Als wir an die Kreuzung kamen, sah ich am Straßenrand einen Mann hocken.Ein abgetragener Mantel, schmale Schultern, in den Armen ein billiger Erdbeerkuchen.Simon Hart.Er erkannte mich nicht.Oder vielmehr: Sein Blick hing nur am Bildschirm seines Handys.Auf dem Display war ein Messenger-Profilbild zu sehen, das längst gelöscht worden war.Er sprach leise, als hätte er Angst, jemanden zu wecken.„Jana, heute ist dein Geburtstag. Ich habe mich nicht vertan. Gegen Erdbeeren bist du nicht allergisch.“Er hielt kurz inne und fügte dann v

  • Abschied bei minus fünfzehn Grad   Kapitel 7

    Simon Hart war so abgemagert, dass er kaum wiederzuerkennen war. Der schwarze Mantel hing leer an seinem Körper.Auch Mira Linden war nicht mehr so hell wie früher. Ihr Haar war achtlos zusammengebunden, unter den Augen lagen dunkle Schatten.Sie waren offensichtlich in großer Eile gekommen.Simon drängte sich durch die Menge und ging geradewegs auf mich zu.Seine Augen waren stark gerötet, seine Stimme so leise, dass man sie kaum hörte.„Jana.“Ich antwortete nicht.Er nahm eine Ringschatulle aus der Tasche und ging vor mir auf ein Knie.Die Gäste um uns herum wurden still.„Ich habe mit niemandem gewettet, und es ist auch kein Scherz.“ Er hob den Kopf und sah mich an, die Stimme zitternd. „Ich bin wirklich gekommen, um dich anzuflehen. Heirate mich. Lass mich ein Leben lang wiedergutmachen, was ich dir angetan habe, ja?“Auch Mira kam weinend näher und streckte die Hand aus, als wolle sie meinen Ärmel fassen.„Jana, ich weiß jetzt wirklich, was Grenzen bedeuten. Weil ich b

  • Abschied bei minus fünfzehn Grad   Kapitel 6

    Der Wind in Reykjavík war hart. Auf dem Gesicht fühlte er sich an wie feine Eiskörner.Als Prof. Eva Richter mich am Flughafen abholte, fiel ihr Blick zuerst auf meinen Verband.Sie fragte nicht nach. Sie löste nur ihren eigenen Schal und legte ihn mir über die Schultern.„Im Atelier ist es sehr warm. Schlaf dich erst einmal aus.“Ich nickte.Hier setzte niemand auf mein Schweigen. Und niemand behandelte meine Grenzen wie eine unangenehme Gesprächspause.Ich begann, mein Einreichungsportfolio neu zu ordnen.Der zerstörte Computer wurde zur Reparatur gebracht. Die Sicherungsfestplatte hatte den größten Teil der Dateien gerettet.Die fehlenden Ebenen zeichnete ich Strich für Strich neu.Manchmal arbeitete ich bis in die frühen Morgenstunden, und die Wunde an meinem Arm begann zu jucken.Dann klopfte Prof. Richter an die Tür und stellte eine heiße Suppe neben meinen Tisch.„Keine Eile, Jana. Ein Werk bezahlt man nicht mit dem Leben.“In der dritten Woche begegnete ich im Ateli

  • Abschied bei minus fünfzehn Grad   Kapitel 5

    Als ich aufwachte, war mein Arm am Rand des Krankenhausbetts fixiert.Eine Krankenschwester beugte sich gerade über mich, um den Verband zu wechseln. Als sie sah, dass ich die Augen öffnete, senkte sie die Stimme.„An Ihrem Unterarm mussten sieben Stiche gesetzt werden. Sie haben nicht wenig Blut verloren. Der Sicherheitsdienst der Wohnanlage hat Glas klirren gehört, die Tür aufgebrochen und Sie hergebracht.“Ich starrte an die Decke. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich begriff, wo ich war. Erst dann spürte ich, wie trocken und wund meine Kehle war.Die Krankenschwester reichte mir mein Handy.„Es hängt gerade erst wieder am Ladegerät. Es hat sehr lange geklingelt.“Auf dem Bildschirm standen Dutzende verpasste Anrufe.Alle von Simon Hart.Auch Mira Linden hatte viele Sprachnachrichten geschickt.Ich tippte keine davon an.Ein gemeinsamer Freund schickte zuerst ein Video.Darin saß Simon in einer Nische, ein Glas in der Hand, der Tonfall leicht.„Jana Berg ist von mir ein

  • Abschied bei minus fünfzehn Grad   Kapitel 4

    Ich fuhr allein mit dem Taxi zurück in die Wohnung.An die Rückenlehne gelehnt, schloss ich die Augen und atmete tief. Erstickungsgefühl und Tinnitus ließen endlich ein wenig nach.Beim Aussteigen stellte der Fahrer meinen Koffer unten vor das Haus und fragte, ob er ihn bis zum Aufzug bringen solle.Ich sagte, es sei nicht nötig. Mit dem kaputten Laptop im linken Arm und dem Koffer in der rechten Hand betrat ich das Gebäude.Als ich in der Wohnung war, ging ich ins Arbeitszimmer und suchte die Backup-Festplatte.Sie lag noch ganz hinten in der Schublade.Ich atmete erleichtert auf und ging dann zum Nachttisch, um die Medikamentenflasche zu holen.Kaum lag die Flasche in meiner Hand, klickte das Türschloss.Simon stand in der Tür, sein Gesicht düster.„Du bist also wirklich zurückgekommen.“Ich schob die Festplatte in die Innentasche meines Koffers.„Raus.“Er rührte sich nicht. Sein Blick fiel auf die Medikamentenflasche in meiner Hand.Im nächsten Moment trat er vor und r

  • Abschied bei minus fünfzehn Grad   Kapitel 3

    Ich kaufte mir im Wartebereich einen heißen Kaffee.Kaum war der Deckel eingerastet, klopfte mir jemand schwer auf die Schulter.Der Kaffee schwappte über und verbrühte mir die Fingerknöchel.Ich drehte mich um und sah Simon und Mira hinter mir stehen.Ein Knopf an Simons Jacke war falsch geschlossen, an seiner Schläfe stand Schweiß.Mira hielt noch die Bordkarten für den Flug nach Sanya in der Hand und rang so sehr nach Luft, dass sie keinen ganzen Satz herausbrachte.„Schon gut.“ Simon nahm mir den Kaffee aus der Hand, fühlte kurz an den Becher und drückte ihn mir wieder zurück. „Immerhin weißt du noch, dass du dir etwas Warmes kaufen musst. Du bist nicht durchgefroren, oder?“Sein Ton klang, als wolle er mich beruhigen. Und zugleich, als erklärte er die Sache für beendet.„Wir fliegen nicht mehr nach Sanya. Um dich zu finden, haben wir sogar unseren Flug verpasst. Damit sind wir quitt, ja? Komm mit mir nach Hause.“Mira bekam endlich wieder Luft. Sie stützte die Hände auf d

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status