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Als aus Schweigen Abschied wurde
Als aus Schweigen Abschied wurde
Blanc Ball

Kapitel 1

Blanc Ball
Nach dem Tod ihres Sohnes gab Shiloh Schaffer jede Angewohnheit auf, die Manuel Preston hasste.

Sie rief ihn nicht mehr pausenlos an. Wenn er die ganze Nacht wegblieb, weinte sie nicht und fing keinen Streit an.

Nach einem Autounfall bat der Arzt sie, ihre Familie anzurufen.

„Ich bin eine Waise“, sagte sie. „Ich habe niemanden.“

Die Krankenschwester sah genauer hin. „Sie sind doch Frau Preston, richtig? Herr Preston ist oben. Soll ich ihn holen?“

Erst da wurde Shiloh klar, dass sie in einem Preston-Krankenhaus war.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

Eine halbe Stunde später kam Manuel trotzdem herunter.

Sein kalter Blick traf sie, schien ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. „Warum hast du mich nach dem Unfall nicht angerufen?“

Shiloh senkte den Blick. „Es ist nur ein gebrochenes Bein. Nichts Ernstes.“

Ihr gleichgültiger Ton reizte ihn.

Er erinnerte sich daran, wie zärtlich sie früher war. Damals, als sie noch ein Paar waren, kuschelte sie sich schon bei einer leichten Erkältung in seine Arme und bat um Trost, Küsse und Streicheleinheiten.

Jetzt war ihr Bein gebrochen, und sie verzog keine Miene.

Bevor Manuel etwas sagen konnte, begannen draußen die Krankenschwestern zu tuscheln.

„Herr Preston verwöhnt Frau Duffy nach Strich und Faden. Sie hat sich bei den Dreharbeiten bloß das Knie aufgeschürft, und er ist völlig ausgeflippt. Er hat sofort ein ganzes Spezialistenteam herbestellt und war die ganze Zeit bei ihr. Er hat sie sogar überallhin getragen. Nicht einmal den Boden durfte sie mit den Füßen berühren.“

Manuels Brust zog sich zusammen.

Ärger blitzte in seinem Gesicht auf, aber er sah Shiloh weiterhin an und wartete darauf, dass sie eifersüchtig wurde. Dass sie die Fassung verlor.

Sie hob nicht einmal den Blick. Still lag sie in ihrem Krankenhausbett.

Seine Stimmung verdüsterte sich weiter.

„Hör nicht auf sie“, sagte er. „Rainee hat sich beim Drehen am Knie verletzt. Ich habe sie nur zufällig hergebracht.“

„Mhm.“

Mehr kam nicht.

Manuel riss der Geduldsfaden. „Glaubst du mir nicht?“

„Doch.“ Shiloh beantwortete jede seiner Fragen, aber ihre Stimme blieb völlig emotionslos. „Rainee ist deine Adoptivschwester. Ihr seid zusammen aufgewachsen. Natürlich kümmerst du dich um sie.“

Früher brachte Manuel sie mit diesem kalten Blick zum Schweigen.

„Rainee ist meine Schwester. Ich kann sie doch nicht einfach im Stich lassen. Sie gehört zur Familie. Kannst du aufhören, ständig eine Szene zu machen?“

Jetzt tat Shiloh genau das, was er immer gewollt hatte. Keine Tränen. Kein Streit.

Er hätte froh sein müssen.

Stattdessen fühlte sich seine Brust viel zu schwer an.

‚Irgendetwas stimmt nicht. Nichts daran fühlt sich richtig an.‘

Eine Krankenschwester stieß die Tür auf.

„Herr Preston, Frau Duffy sagt, ihr Knie tut weh. Sie möchte, dass Sie zu ihr nach oben kommen.“

Ohnehin schon gereizt, brauste Manuel auf: „Dann soll sie einen Arzt rufen. Ich bin keiner. Warum kommen Sie damit zu mir?“

Die Schwester eilte hinaus.

Manuel sah Shiloh an, Schuld in den Augen. „Bist du wegen unseres Sohnes immer noch wütend? Rainee hat einen Fehler gemacht. Ich habe sie dafür schon zur Schnecke gemacht.“

Er zögerte, dann setzte er sich an ihr Bett.

„Wir können noch ein Baby haben.“ Er nahm ihre Hand. „Ich werde diese Woche bei dir bleiben.“

Shiloh zog ihre Hand leise zurück.

Manuel runzelte die Stirn und wollte auffahren, als draußen vor der Tür etwas polterte.

Rainee Duffy war im Flur gestürzt, weil sie mit ihren Krücken nicht zurechtkam.

Manuel eilte zu ihr und nahm sie auf die Arme. „Warum bist du schon wieder hier draußen? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst im Bett bleiben?“

„Ich habe gehört, dass Shiloh einen Autounfall hatte.“ Rainee sah jämmerlich aus. „Ich wollte nach ihr sehen.“

Dann drückte sie sich näher an Manuel, als hätte sie Angst vor Shiloh. Ihre Stimme zitterte, als sie Shiloh ansah.

„Shiloh, bitte sei mir nicht böse. Ich wollte nie, dass Zach stirbt.“

Früher wäre Shiloh zusammengebrochen. Sie hätte unter Tränen geschrien und wissen wollen, warum Manuel immer wieder die Frau beschützte, durch die ihr Sohn gestorben war.

Jetzt sagte sie nichts.

Sie lag mit geschlossenen Augen da und schien zu schlafen.

Ihr Gesicht war blass. Sie sah erschreckend dünn aus. Von der Tür aus wirkte sie so zerbrechlich, dass es einem wehtat.

Ein dumpfer Schmerz legte sich auf Manuels Brust.

„Ich bringe Rainee erst nach oben“, sagte er leise. „Ich bin gleich zurück.“

Er trug Rainee davon.

Manuel kam in dieser Nacht nicht wieder.

Stattdessen erhielt Shiloh einen Anruf von der Raumfahrtbehörde.

„Professor Schaffer, sind Sie sicher, dass Sie dem Projekt Weltraumaufzug beitreten wollen? Es ist streng geheim. Sobald Sie dabei sind, werden Sie dort für Jahrzehnte stationiert sein. Kein Kontakt zur Außenwelt. Auch nicht zu Ihrem Mann.“

„Ich bin mir sicher“, sagte Shiloh ruhig. „Ich habe die Scheidung bereits eingereicht. In einer Woche, sobald die Wartezeit abgelaufen ist, erhalte ich den unterzeichneten Scheidungsbeschluss. Nichts verbindet uns mehr. Ein Projekt, das mich von der Welt abschneidet, ist genau das, was ich brauche.“

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