LOGINLinas Sichtweise
Moment mal… wie war das überhaupt möglich?
Ich stieß mich vom kalten Boden ab, meine Hände rutschten einmal ab, bevor sie Halt fanden. Meine Beine zitterten, schwach unter meinem Gewicht.
Der Regisseur? Die Gerüchte, das Getuschel über ihn – nichts passte zusammen. Panik kroch mir langsam und beklemmend den Rücken hinauf.
„Lass deine Gedanken nicht zu weit schweifen, Lina“, sagte er. Kühl. Distanziert. Seine Stimme klang herzlos. Nicht einmal ein Hauch von Wärme lag in ihr. Jedes Wort fühlte sich an wie in Eis gehüllt, bevor es mir in die Kehle gepresst wurde und alles auf seinem Weg erstarren ließ.
„Warum haben Sie mich mitgenommen?“ Meine Stimme brach, trotz meiner Bemühungen, sie zu beruhigen. „Ich kenne den Mann, der mich hierhergebracht hat, nicht einmal. Bitte – lassen Sie mich einfach gehen. Ich schwöre, ich werde kein Wort darüber verlieren.“
Ich hasste, wie kleinlich ich klang. Ich hasste es, dass Betteln das Einzige war, was mir noch blieb. Er sah mich ungerührt an.
„Lina Gray“, sagte er langsam und bedächtig, „du gehörst jetzt mir. Mein Eigentum. Du hast niemanden außer mir – gewöhn dich daran.“
Die Worte trafen mich wie Klingen, präzise und gnadenlos, und zerschnitten das Wenige, was von mir noch intakt war.
„Ich hab’s dir doch schon gesagt, Prinzessin“, fuhr er fort, ein Hauch von Spott umspielte seine Lippen. „Du gehörst mir.“
Die Prinzessin war nicht zärtlich. Sie war eine Waffe. Kalt. Grausam. Sie glitt durch mich hindurch wie Stahl, der gegen einen gebrochenen Knochen drückt.
„Bitte…“ Meine Brust schnürte sich zusammen, mein Atem stockte. „Mein Leben war schon am Auseinanderbrechen. Sie haben mich gefeuert – war das nicht genug? Warum sind Sie so entschlossen, auch noch das zu zerstören, was davon übrig ist?“
Schweigen.
Dann Bewegung.
Seine Hände glitten in die Taschen, als er näher trat. Ein Schritt. Dann noch einer. Langsam. Bedächtig. Ein teuflisches Grinsen huschte über seine Lippen, eines, das mir instinktiv ein flaues Gefühl im Magen verursachte.
Als er vor mir stehen blieb, beugte er sich zu mir herunter, bis wir uns in die Augen sahen.
Zu knapp.
Die Luft zwischen uns wurde stickig, erdrückend, bevor er endlich sprach.
„Es ist bedauerlich“, schnalzte er mit der Zunge. „Bedauerlich, dass du Leuten vertraut hast, denen du nicht hättest vertrauen sollen.“ Er hielt inne und neigte leicht den Kopf. „Nein – das stimmt nicht ganz. Du hast ihm vertraut, obwohl du es nicht hättest tun sollen.“
Seine Worte klangen bedacht, wie Puzzleteile, die er mir noch nicht vollständig überreicht hatte. „Was meinen Sie damit?“, fragte ich.
Ich hatte nie blind vertraut. Vertrauen musste man sich verdienen. Es wurde sorgsam vergeben. Und niemand in meinem Leben – niemand – hatte mir jemals Grund gegeben, an ihm zu zweifeln.
„Du hast wirklich keine Ahnung“, sagte er und richtete sich auf. „Ruciano.“
Der Klang seines Namens traf mich wie ein Schlag. Mein Herz sank mir in die Hose und raubte mir den Atem.
„Was machst du denn –“
„Bist du dumm?“, unterbrach er sie barsch, „oder macht es dir einfach Spaß, so zu tun, als wüsstest du nichts?“
Ich zuckte zusammen.
„Ruciano hat 180.000 Euro von meinen Kredithaien genommen“, fuhr er mit ruhiger, fast gelangweilter Stimme fort. „Der Mann, dem Sie vertraut haben, hat Sie als Druckmittel benutzt, um seine Schulden zu begleichen. Sie waren nichts weiter als ein Hebel.“
Er erhob nicht die Stimme. Das war auch nicht nötig. Die Worte trafen mich trotzdem. Langsam. Vernichtend. Wort für Wort, drückten sie mir auf die Brust, bis mir das Atmen schwerfiel.
Ich war nicht schockiert. Nicht sofort. Zuerst war es der Verrat, der sich einschlich – still, ätzend. Wie die Erkenntnis, dass man schon lange geblutet hatte, bevor man die Wunde bemerkte. Mein Verstand wehrte sich gegen die Wahrheit, wich ihr aus, denn sie zu akzeptieren bedeutete, etwas noch Schlimmeres zuzugeben.
Für ihn war ich nie ein Mensch. Ich war eine Lösung.
Die Demütigung schrie nicht. Sie sackte schwer und bitter in meiner Kehle zusammen und flüsterte, dass mein Leben gewogen, gemessen und mit einer Zahl versehen worden war. Dass ich gerade genug wert gewesen war, um sein Chaos auszulöschen.
Dann folgte die Angst.
Keine Panik – etwas Schlimmeres. Eine Angst, die einem in die Knochen beißt. Die Art von Angst, die einen allzu klar denken lässt. Nicht nur darüber, was der Mann vor mir tun könnte – sondern darüber, wie leicht alles geschehen war. Wie selbstverständlich Ruciano mich ausgeliefert hatte, als ob meine Zustimmung nie eine Rolle gespielt hätte.
Als wäre ich gar nicht da gewesen.
Das Geld war nicht das Schlimmste.
Was mich am meisten schmerzte, war die Erkenntnis, dass der Mann, den ich geliebt hatte, mein Leben betrachtete und entschied, dass es verhandelbar sei.
„Sie werden in wenigen Minuten zu mir nach Hause gebracht“, sagte er und warf einen Blick auf seine Uhr. „Höchstens dreißig.“ Er hielt inne, als ob ihm etwas Unbedeutendes einfiele. „Und noch etwas: Benehmen Sie sich vorbildlich.“
Er hat mich nicht bedroht. Das konnte ich hören.
Doch hinter jedem Wort verbarg sich etwas weit Schlimmeres als eine Drohung – Gewissheit.
Das stille Einverständnis, dass Ungehorsam nicht verziehen würde. Und dass ich den Preis nicht zweimal verkraften würde.
Ich konnte nicht sprechen. Es fühlte sich an, als ob meine Zunge von etwas Unsichtbarem gefesselt wäre. Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand folgen konnte – meine Atmung wurde flach und unregelmäßig, als ob meine Lungen ohne mein Zutun die Luft rationierten.
Er wartete nicht auf eine Antwort. Er brauchte keine. Er drehte sich um und ging weg.
„Nein“, das Wort platzte aus mir heraus, bevor ich es verhindern konnte. Meine Stimme zitterte, aber sie klang trotzig. „Du kannst nicht einfach so gehen.“
Er hielt inne.
Nicht vollständig. Nur so viel, dass ich wusste, dass er es gehört hat.
Aber er kehrte nicht um.
Die Tür schloss sich.
Ruciano.
Der Name verbrannte.
Wie konnte er mir das antun?
Ich stemmte mich hoch, meine Handflächen rutschten auf dem kalten Boden ab, bevor meine Kräfte nachließen. Ich weigerte mich, liegen zu bleiben. Meine Beine gaben trotzdem nach, und ich schlug hart auf dem Beton auf, der Aufprall raubte mir den Atem.
Ich hatte ihm alles gegeben. Jedes einzelne Stück. Jedes zerbrechliche Teil, das ich hätte beschützen sollen. Und das – das – war alles, was ich wert war?
Die Kälte kroch mir in die Knochen, doch ich biss die Zähne zusammen und zwang mich, aufrecht zu sitzen. Ich wollte mich nicht zusammenkauern. Ich wollte es mir nicht leichter machen.
Meine Familie hatte mich gewarnt. Meine Eltern hatten mich angefleht, ihn zu verlassen, bevor er mich zerstörte. Auch Cathy. Ich hatte sie alle ignoriert, überzeugt davon, Liebe bedeute Durchhaltevermögen. Das stimmte nicht. Das weiß ich jetzt.
Mir entfuhr ein scharfes, humorloses Lachen.
„Du hast mich nicht gebrochen“, flüsterte ich, mehr in den Raum als zu ihm. „Du hast mir nur gezeigt, wer du bist.“ Die Worte gaben mir Halt, obwohl mir die Tränen in den Augen brannten.
Mein Leben war nicht vorbei. Das durfte er nicht entscheiden.
Ich saß noch immer da, als sich Schritte näherten. Ich hob den Kopf, bevor sie mich erreichten. Ich wollte mich nicht überraschen lassen.
Zwei Männer, schwarz gekleidet, traten ein. Als sie mich packten, wehrte ich mich – nicht gewaltsam, nicht dumm –, aber genug, um deutlich zu machen, dass ich bei Bewusstsein, anwesend und lebendig war.
„Fass mich nicht an, als wäre ich nichts“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.
Einer von ihnen zögerte. Nur einen Augenblick. Trotzdem hoben sie mich hoch, aber ich hielt den Kopf hoch, als sie mich aus dem Keller trugen. Die Lagerhalle erstreckte sich vor uns, kalt und endlos.
Jeder Schritt hallte wider.
Das konnte nicht das Ende sein.
Er konnte Besitzansprüche erheben. Er konnte Türen abschließen und Befehle erteilen. Aber er besaß nicht meinen Willen. Er besaß nicht meinen Verstand. Und das genügte.
Ich ballte die Fäuste, meine Nägel gruben sich in meine Handflächen. Die Angst war noch da – aber jetzt teilte sie sich den Raum mit etwas Schärferem.
Trotz.
Und wenn er dachte, ich würde für immer unten bleiben –
Er sollte bald erfahren, wie sehr er sich irrte.
Carlinos SichtweiseGeblendent.Dieses Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf, als die Bildschirme schwarz wurden. Nicht angegriffen. Nicht bedroht. Blind.Im Operationsraum befanden sich nur wenige Personen, doch die Stille ließ ihn leer wirken. Die Telefone hatten keinen Empfang. Die Datenübertragung war unterbrochen. Jedes System, dem wir vertraut hatten, war innerhalb von dreißig Sekunden ausgefallen.Jemand im hinteren Teil des Saals fluchte leise vor sich hin.„Schalten Sie auf analog um“, sagte ich. Meine Stimme klang ruhig, was half. „Läufer, Funkgeräte, physische Bestätigung. Jetzt.“Stühle kratzten. Befehle flogen nur so dahin. Die Menschen bewegten sich schnell, denn Stillstand bedeutete Nachdenken, und Nachdenken bedeutete zu erkennen, wie angreifbar wir waren.Lina stand mit verschränkten Armen am Ende des Tisches und beobachtete mich statt des Chaos.„Sie sehen in Katastrophenfällen immer so entspannt aus?“, fragte sie.„Nur wenn es geplant ist“, antwortete ich.Ihre Auge
Linas SichtweiseDunkelheit hüllte den Flur vollständig ein. Einen Augenblick lang rührte sich niemand, alles erstarrte, selbst die Luft. Plötzlich explodierte alles.„Notstromversorgung, sofort!“, rief jemand.Stiefel polterten über den Marmorboden. Funkgeräte knisterten. Die Notlichter flackerten in mattroten Streifen über den Boden und tauchten alle in sich bewegende Schatten. Carlino erhob nicht die Stimme. Er musste es nicht.„Westflügel“, sagte er und ging bereits los. Schnell. Beherrscht. Totenstille.Damien schloss zu ihm auf und bellte Befehle in sein Handy. „Außenausgänge abriegeln. Niemand rein oder raus. Ich will alle noch vorhandenen Kamerabilder im Blick haben.“„Ich dachte, dieses Haus sei eine Festung, wie ihr alle behauptet habt“, murmelte ich und hielt Schritt.Carlino sah mich nicht an. „Das ist es.“„Dann ist einfach jemand durch deine Wände spaziert.“Sein Kiefer verkrampfte sich, aber er wurde nicht langsamer. Wir bogen um die Ecke zum Westkorridor, meinem Korrid
Linas SichtweiseDas Haus erwachte heute vor Sonnenaufgang. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, noch bevor es jemand aussprach. Die Schritte waren schneller. Die Stimmen leiser. Türen öffneten und schlossen sich zielstrebig statt gemächlich. Die Luft fühlte sich nicht mehr schwer an, sondern aufgeladen.Der Tag war wie im Flug vergangen, immer die gleichen Routinen. Bellas Abwesenheit war nicht nur für mich, sondern für alle im Haus deutlich spürbar. Ständig kreisten meine Gedanken um sie. Der Mann, den ich im Schatten gesehen hatte, war heute nicht gekommen. Da ich nichts anderes tun konnte, verließ ich mein Zimmer für einen kurzen Spaziergang.Ich hatte gerade den Flur betreten, als Damien um die Ecke bog, bereits angezogen und bereits am Telefon.„Nein, mach für heute Abend Schluss“, schnauzte er leise. „Mir ist egal, was es kostet, mach es einfach.“Er legte auf und rannte beinahe in mich hinein. Sein Blick huschte kurz über mich hinweg, musterte mich, dann glitt er an mir vorbe
Linas SichtweiseDie Gänge rochen leicht nach Politur und kalter Luft, die sich wie eine zweite Haut über einen legte. Wachen schritten schweigend vorbei, ihre Blicke huschten zu mir, undurchschaubar. Manche verweilten einen Augenblick zu lange, dann wandten sie den Blick ab. Die Luft fühlte sich schwerer an als sonst, als hätte allein meine Anwesenheit die Dynamik im Haus verändert.Ich ging am Hauptwohnzimmer vorbei. Das übliche Stimmengewirr war verstummt. Stattdessen herrschte angespannte Stille, als hielten die Wände selbst den Atem an.Ich sollte es nicht bemerken, aber ich tat es. Die Bediensteten huschten mit gesenkten Blicken an mir vorbei. Das Personal, das sich zuvor frei bewegt hatte, hielt nun inne, darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen.„Donna“, rief eine leise Stimme. Ich drehte mich um. Ein männlicher Diener blieb mit scharfem Blick im Türrahmen stehen. Seine Hände zitterten leicht, als er ein Tablett hielt. Ich hob eine Augenbraue.„Du siehst aus, als würdes
Linas SichtweiseDas Haus war unheimlich still, nachdem das Blut getrocknet war, nach dem letzten Einbruch in die Villa. Nicht friedlich. Nicht sicher. Nur … wachsam. Wachen standen noch immer in den Gängen, aber ihre Haltung hatte sich verändert. Angespannt und angespannt. Als hätten die Wände den Schuss gehört und warteten auf das Echo. Ich war nicht in meinem Zimmer eingesperrt. Das war schlimmer.Keine Befehle. Keine Einschränkungen. Kein Carlino. Freiheit im Käfig ist nur eine andere Art von Leine. Ich habe nie etwas davon gehört, dass meine Eltern eine Vermisstenanzeige erstattet hätten, ich habe nie Nachrichten darüber gesehen, dass sie nach mir suchten. Es herrschte einfach Stille.Carlinos Einfluss mag dazu geführt haben, dass es zunächst so aussah, als hätte ich nie existiert. Vielleicht hat er meine Eltern bedroht. Oder vielleicht hat Ruciano die Arbeit in seinem Auftrag erledigt.Ich ging den Hauptkorridor entlang. Vorbei am Wohnzimmer. Vorbei an den hohen Fenstern, die ni
Linas SichtweiseDer Besprechungsraum war kälter als der Rest des Hauses. Nicht von der Temperatur her. Vom Gefühl her. Männer saßen an dem langen Tisch, ihre Anzüge dunkel, ihre Gesichter noch düsterer.Die Gespräche verstummten, als ich neben Carlino trat. Nicht weil ich wichtig war. Sondern weil ich unerwartet kam.Carlino sah mich nicht an. „Setz dich“, sagte er leise.Es handelte sich um einen Befehl, nicht um eine Bitte.Ich zog den Stuhl trotzdem heraus und setzte mich hin, als wäre es von Anfang an meine eigene Entscheidung gewesen.Einer der Männer mir gegenüber grinste. „Ich wusste gar nicht, dass die Donna jetzt auch an Geschäftstreffen teilnimmt.“„Mir wird langweilig“, sagte ich. „Ich dachte, ich schaue mir mal an, wie zerbrechliche Egos ein Imperium regieren.“Ein paar leise Kicherer. Ein paar Stirnrunzeln.Carlino reagierte nicht, aber seine Finger trommelten einmal auf den Tisch. Eine Warnung. Oder vielleicht Nervosität.Die Sitzung ging weiter. Lieferungen. Gebiete. E