LOGINDie Worte verschwanden, noch bevor ich blinzeln konnte.
„Sie ist zurück.“ Gerade eben hatten sie noch auf dem goldenen Rahmen des Gemäldes gestanden. Schwarze Tinte. Frisch. Unübersehbar. Jetzt war dort nichts mehr. Ich trat einen Schritt näher. Meine Finger glitten vorsichtig über das kalte Holz. Keine Farbe. Keine eingeritzten Buchstaben. Nicht einmal eine raue Stelle. „Frau Hartmann?“ Ich fuhr herum. Dr. Samuel Keller stand noch immer hinter seinem Schreibtisch und musterte mich aufmerksam. „Ist Ihnen nicht gut?“ Ich öffnete den Mund. Was hätte ich sagen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, Ihr Gemälde schreibt Nachrichten. Stattdessen schüttelte ich den Kopf. „Mir ist nur etwas schwindelig.“ „Nach allem, was heute passiert ist, überrascht mich das nicht.“ Er wirkte ehrlich besorgt. Lucien dagegen beobachtete mich schweigend. Seine dunklen Augen ruhten auf meinem Gesicht, als suche er nach einer Antwort, die ich selbst noch nicht kannte. „Wir sollten Schluss machen“, sagte Dr. Keller schließlich. „Der Rest kann bis morgen warten.“ Er sammelte die Unterlagen ein und legte sie sorgfältig in seine Ledermappe. Ich steckte Viviennes Brief in meine Jackentasche. Die wenigen Zeilen darin fühlten sich plötzlich schwerer an als jedes Testament. Traue niemandem. Nicht einmal Lucien. Und ganz besonders nicht dem Haus. Nicht dem Haus. Je länger ich darüber nachdachte, desto absurder klang dieser Satz. Ein Haus konnte niemandem etwas antun. Oder? „Kommen Sie.“ Luciens Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Er wartete bereits an der Tür. Ich folgte ihm hinaus auf den langen Flur. Die Bibliothek verschwand hinter uns. Mit jedem Schritt wurde die Stille lauter. Nicht einmal unsere Schuhe waren auf dem alten Parkett zu hören. Nur das Ticken einer Standuhr irgendwo im Haus. Tick. Tick. Tick. „Ist es immer so ruhig hier?“ Lucien antwortete erst nach einigen Sekunden. „Nicht immer.“ „Und wann nicht?“ „Wenn das Haus jemanden nicht schlafen lässt.“ Ich blieb stehen. „War das ein Scherz?“ Er drehte sich langsam zu mir um. „Nein.“ Seine Antwort war so ruhig, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder umkehren sollte. In diesem Moment öffnete sich am anderen Ende des Flures eine Tür. Eine ältere Frau trat heraus. Sie war klein, vielleicht Mitte sechzig, trug ein schlichtes schwarzes Kleid und eine weiße Schürze. Ihr silbergraues Haar war streng zusammengebunden. Sie lächelte freundlich. „Herr Moreau.“ Lucien nickte. „Martha. Würden Sie Frau Hartmann bitte ihr Zimmer zeigen?“ „Natürlich.“ Sie blieb vor mir stehen. „Willkommen auf Blackwood Manor.“ „Danke.“ „Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor alten Häusern.“ „Noch nicht.“ „Das ist gut.“ Sie lächelte wieder. „Die meisten bekommen sie erst später.“ Ich war mir nicht sicher, ob das beruhigend sein sollte. Lucien drehte sich bereits zum Gehen. „Moment.“ Er blieb stehen. „Sie verschwinden einfach?“ „Sie brauchen Ruhe.“ „Ich brauche Antworten.“ „Die bekommen Sie.“ „Wann?“ Er sah mich lange an. „Wenn Sie bereit dafür sind.“ „Das entscheiden Sie?“ „Nein.“ Er blickte kurz zur Decke. „Das Haus.“ Dann ging er. Ich sah ihm nach, bis er hinter einer Ecke verschwand. „Kommt er immer so sympathisch rüber?“, fragte ich Martha. Zu meiner Überraschung musste sie lachen. „Nein.“ „Das beruhigt mich.“ „Früher war er schlimmer.“ „Das soll ein Witz sein.“ „Leider nicht.“ Martha hob meine Reisetasche auf, als würde sie kaum etwas wiegen. „Kommen Sie.“ Ich folgte ihr die breite Treppe hinauf. Mit jedem Schritt schien das Herrenhaus größer zu werden. Von außen hatte Blackwood Manor beeindruckend gewirkt, doch im Inneren war es ein Labyrinth aus Fluren, Treppen und Türen. An den Wänden hingen dutzende Gemälde. Alle zeigten Mitglieder der Familie Moreau. Ein Mann mit schneeweißem Haar. Eine junge Frau in einem dunkelgrünen Kleid. Ein kleiner Junge mit ernster Miene. Keiner lächelte. „Sind das alles Angehörige der Familie?“, fragte ich. „Fast alle.“ „Fast?“ Martha verlangsamte ihren Schritt. „Einige gehörten nie wirklich zur Familie.“ „Und warum hängen sie dann hier?“ Sie blieb stehen. „Weil Blackwood Manor selbst entscheidet, wen es behält.“ Ich runzelte die Stirn. „Das Haus entscheidet?“ Sie nickte, als hätte ich gefragt, ob Wasser nass sei. „Sie werden sich daran gewöhnen.“ „Ganz ehrlich? Ich hoffe nicht.“ Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Das hoffen alle.“ Wir erreichten den ersten Stock. Der Flur war mit dunkelrotem Teppich ausgelegt. Goldene Wandlampen warfen flackernde Schatten über die Tapete. Draußen trommelte der Regen gegen die hohen Fenster. Es fühlte sich an, als wäre das gesamte Anwesen von der Außenwelt abgeschnitten. „Wie viele Menschen leben hier eigentlich?“ „Nicht viele.“ „Lucien.“ Sie nickte. „Sie.“ Wieder nickte sie. „Und sonst?“ „Emilia.“ „Wer ist Emilia?“ „Herr Moreaus Schwester.“ „Warum habe ich sie noch nicht gesehen?“ „Sie verlässt ihr Zimmer nur selten.“ Ich wollte weiterfragen, doch Martha bog in einen schmaleren Flur ein. Hier war es deutlich dunkler. Die Lampen standen weiter auseinander. Die Luft fühlte sich kühler an. Unwillkürlich verschränkte ich die Arme. „Ist hier die Heizung kaputt?“ „Nein.“ „Dann ist es ungewöhnlich kalt.“ „Nicht ungewöhnlich.“ Sie sprach so ruhig, dass ich kaum wusste, ob sie mich absichtlich verunsicherte. „Nur... anders.“ Meine Augen wanderten über die Türen. Jede trug eine Messingzahl. Sieben. Acht. Neun. Je weiter wir gingen, desto älter wirkten die Türen. Das Holz war dunkler. Die Schnitzereien wurden aufwendiger. Schließlich blieb Martha stehen. Vor uns befand sich eine Tür, die sich von allen anderen unterschied. Sie war fast schwarz. Über der Klinke war eine einzelne Rose eingeschnitzt. Darunter stand: 13 „Das ist Ihr Zimmer.“ Ich sah sie ungläubig an. „Zimmer dreizehn?“ „Ja.“ „Ist das Ihr Ernst?“ „Frau Vivienne bestand darauf.“ „Sie mochte wohl Ironie.“ „Nein.“ Martha legte ihre Hand auf die Klinke. „Sie glaubte an Schicksal.“ Langsam öffnete sie die Tür. Der Duft nach Rosen schlug mir sofort entgegen. Das Zimmer war wunderschön. Ein großes Himmelbett stand in der Mitte. Dunkelrote Vorhänge umrahmten die Fenster. Vor dem Kamin lagen dicke Teppiche. An der gegenüberliegenden Wand stand ein antiker Schminktisch mit einem riesigen Spiegel. Auf dem Bett lag ein einzelner roter Rosenzweig. Daneben befand sich ein kleiner silberner Schlüssel. Ich trat langsam näher. „Hat das jemand für mich vorbereitet?“ „Ja.“ „Lucien?“ „Nein.“ „Wer dann?“ Martha antwortete erst nach einigen Sekunden. „Vivienne.“ Ich drehte mich zu ihr. „Sie ist tot.“ „Heute.“ „Wie konnte sie dann...“ „Sie hat dieses Zimmer bereits vor Jahren herrichten lassen.“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Vor Jahren?“ „Ja.“ „Wie vielen?“ „Acht.“ Mir wurde schwindelig. „Da war ich sechzehn.“ „Das stimmt.“ „Sie konnte doch unmöglich wissen, dass ich irgendwann hierherkommen würde.“ Martha schwieg. „Oder?“ Zum ersten Mal wich sie meinem Blick aus. „Frau Vivienne wusste vieles.“ „Woher?“ „Das kann ich Ihnen nicht beantworten.“ Ich hob den kleinen Schlüssel auf. Er fühlte sich überraschend warm an. Als hätte ihn erst vor wenigen Minuten jemand in der Hand gehalten. „Wofür ist der?“ „Das hat sie mir nie gesagt.“ Ich drehte ihn zwischen den Fingern. Auf der Rückseite war eine kleine Gravur. Eine Rose. Darunter die Zahl 27. „Sie haben wirklich keine Ahnung?“ „Nein.“ „Nicht einmal eine Vermutung?“ „Doch.“ „Und?“ Sie lächelte traurig. „Manche Türen sollten erst geöffnet werden, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“ Ich seufzte. „Alle hier sprechen in Rätseln.“ „Das schützt Sie.“ „Vor was?“ Martha blickte zur Tür. „Vor der Wahrheit.“ Sie stellte meine Tasche neben den Kleiderschrank. Dann wollte sie gehen. „Moment.“ Sie blieb stehen. „Ja?“ „Vorhin haben Sie gesagt, ich solle nachts die Tür nicht öffnen.“ Sie nickte langsam. „Das meinte ich ernst.“ „Warum?“ „Wenn Sie nachts drei Klopfzeichen hören...“ Sie machte eine kurze Pause. „...bleiben Sie im Zimmer.“ „Und wenn Lucien vor der Tür steht?“ „Dann wird er Ihren Namen sagen.“ „Und wenn Sie es sind?“ „Dann ebenfalls.“ „Und wenn niemand etwas sagt?“ Martha sah mich lange an. „Dann öffnen Sie auf keinen Fall.“ „Was passiert sonst?“ Ihre Lippen bewegten sich kaum. „Dann weiß es, dass Sie es hören können.“ Ein kalter Schauer kroch meinen Rücken hinauf. „Wer... ist es?“ Doch Martha antwortete nicht. Langsam schloss sie die Tür hinter sich. Mit einem leisen Klick fiel das Schloss ins Schloss. Ich war allein. Zum ersten Mal. In Blackwood Manor. Und plötzlich hatte ich das unangenehme Gefühl, dass ich es gar nicht war. Ich blieb mehrere Minuten regungslos stehen. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben. Das Feuer im Kamin knisterte leise und warf tanzende Schatten durch den Raum. Trotzdem fühlte sich das Zimmer nicht warm an. Im Gegenteil. Die Luft war kühl. So kühl, dass sich feine Gänsehaut auf meinen Armen bildete. „Reiß dich zusammen“, murmelte ich. „Es ist nur ein altes Haus.“ Ich stellte meine Reisetasche auf das Bett und begann auszupacken. Es dauerte keine fünf Minuten. Zwei Jeans. Drei Pullover. Ein paar T-Shirts. Eine Kulturtasche. Mehr besaß ich ohnehin nicht. Auf den Nachttisch stellte ich das gerahmte Foto meiner Eltern. Meine Mutter lächelte darauf. Mein Vater hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt. Es war eines der letzten Bilder vor dem Unfall. Unwillkürlich musste ich lächeln. „Ihr würdet das hier lieben“, flüsterte ich. „Oder ihr würdet mich sofort wieder ins Auto setzen.“ Ein kalter Luftzug strich durch den Raum. Ich drehte mich erschrocken um. Das Fenster war geschlossen. Auch die Tür. Trotzdem bewegten sich die schweren roten Vorhänge langsam, als würde jemand daran vorbeigehen. Mein Herz begann schneller zu schlagen. „Das bilde ich mir ein.“ Ich trat zum Fenster. Draußen war nichts zu erkennen. Nur Regen. Nebel. Und der riesige Rosengarten, der sich vor Blackwood Manor erstreckte. Zwischen den Rosen glaubte ich eine Gestalt zu sehen. Eine Frau. Ganz in Weiß. Sie stand regungslos mitten im Garten. Der Regen schien sie nicht zu berühren. Ich blinzelte. Die Gestalt war verschwunden. „Genug.“ Ich zog die Vorhänge zu. Der Raum wurde sofort dunkler. Plötzlich fiel mein Blick wieder auf den kleinen silbernen Schlüssel. Die Zahl 27 ließ mir keine Ruhe. Ich begann das Zimmer genauer zu untersuchen. Den Schreibtisch. Die Schubladen. Den Kleiderschrank. Die Kommode. Nichts. Keine Nummer. Kein Schloss. Nicht einmal ein Geheimfach. Nach einer Viertelstunde gab ich frustriert auf. „Na toll.“ Ich ließ mich auf das Bett fallen. Die Matratze federte kaum. Im selben Moment hörte ich ein leises Kratzen. Direkt unter mir. Ich richtete mich auf. Das Geräusch verstummte. Langsam beugte ich mich nach unten. Unter dem Bett war nichts. Nur Staub. Und... Ein zusammengefaltetes Stück Papier. Ich zog es hervor. Es war vergilbt. Vorsichtig faltete ich es auseinander. Darauf stand nur ein einziger Satz. „Vertrau niemals den Spiegeln.“ Plötzlich knackte es hinter mir. Ich fuhr herum. Der große Spiegel. Für einen kurzen Moment glaubte ich, eine Bewegung darin zu erkennen. Nicht vor dem Spiegel. Im Spiegel. Ich hob die Hand. Mein Spiegelbild lächelte. Ich jedoch nicht. Mein Atem stockte. Ich riss den Blick los. Als ich erneut hinsah, war alles normal. Später in dieser Nacht wurde ich von drei langsamen Klopfgeräuschen geweckt. Klopf. Klopf. Klopf. Ich ging zur Tür. „Wer ist da?“ Keine Antwort. Dann hörte ich eine leise Frauenstimme. „Bitte... hilf mir...“ Meine Hand legte sich auf die Klinke. Im selben Augenblick flüsterte eine zweite Stimme direkt hinter meinem Ohr: „Mach die Tür nicht auf.“ Ich wirbelte herum. Niemand. Als ich wieder zur Tür blickte, bewegte sich die Klinke langsam nach unten. Von ganz allein.Die Rose lag noch immer auf der Galerie. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne Person in der Eingangshalle hielt den Atem an. „Wo ist sie?“ Meine Stimme durchbrach die Stille. Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte unverändert auf der Rose. Erst nach einigen Sekunden setzte er einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe. Langsam. Vorsichtig. Als würde jeder Schritt eine unsichtbare Grenze überschreiten. „Herr Moreau!“ Marthas Stimme klang ungewohnt streng. „Gehen Sie nicht hin.“ Er blieb stehen. „Sie wissen, was das bedeutet.“ „Ich weiß.“ „Dann lassen Sie sie liegen.“ Lucien schloss für einen Moment die Augen. „Das kann ich nicht.“ Er stieg weiter die Treppe hinauf. Ich sah zwischen ihm und Martha hin und her. „Kann mir endlich jemand erklären, was hier vor sich geht?“ Martha senkte den Blick. „Nicht heute.“ Ich lachte trocken. „Natürlich nicht heute.“ Langsam folgte ich Lucien. „Elena!“
Mein Atem ging flach. Ich wagte nicht einmal zu blinzeln. Lucien stand regungslos vor mir. Die Pistole war erhoben. Sein Finger lag auf dem Abzug. Doch seine Augen ruhten nicht auf mir. Sie blickten an mir vorbei. Etwas hinter mir. „Lucien...“ „Nicht.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Beweg dich nicht.“ Ich schluckte. Der warme Atem in meinem Nacken wurde stärker. Langsam. Regelmäßig. Als würde direkt hinter mir jemand stehen. Oder etwas. Ich wollte mich umdrehen. „Nicht!“ Sein Ruf ließ mich erstarren. Zum ersten Mal sah ich echte Angst in seinen Augen. Nicht Sorge. Nicht Anspannung. Angst. „Bitte, Elena.“ Das Wort traf mich unerwartet. Er bat mich. Er befahl mir nicht. Ich hörte ein leises Rascheln zwischen den Rosen. Dann... ein langsames Kratzen. Als würden lange Fingernägel über Stein gleiten. Ganz nah. Direkt hinter meinem Rücken. Mir lief ein Schauer über den ganzen Körper. „Lucien...“ „Ich we
Der Schlaf hatte mich irgendwann doch überwältigt. Nicht tief. Nicht ruhig. Ich trieb die ganze Nacht zwischen Traum und Wirklichkeit, als würde Blackwood Manor selbst entscheiden, wann ich die Augen schließen durfte. Als ich erwachte, fiel fahles Morgenlicht durch die schweren Vorhänge. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich das Himmelbett. Den Kamin. Die Rosen auf der Kommode. Und alles kam zurück. Der Brief. Vivienne. Lucien. Die drei Klopfzeichen. Langsam richtete ich mich auf. Mein Herz schlug sofort schneller. Die Tür. Ich starrte sie mehrere Sekunden an. Geschlossen. Der Riegel steckte noch immer an seinem Platz. Ich hatte sie also tatsächlich nicht geöffnet. Oder? Ich schlug die Bettdecke zurück und ging langsam zur Tür. Meine Finger zitterten leicht, als ich den Riegel zurückschob. Nichts. Keine Stimme. Kein Flüstern. Nur mein eigener Atem. Ich drückte die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich kna
Die Worte verschwanden, noch bevor ich blinzeln konnte. „Sie ist zurück.“ Gerade eben hatten sie noch auf dem goldenen Rahmen des Gemäldes gestanden. Schwarze Tinte. Frisch. Unübersehbar. Jetzt war dort nichts mehr. Ich trat einen Schritt näher. Meine Finger glitten vorsichtig über das kalte Holz. Keine Farbe. Keine eingeritzten Buchstaben. Nicht einmal eine raue Stelle. „Frau Hartmann?“ Ich fuhr herum. Dr. Samuel Keller stand noch immer hinter seinem Schreibtisch und musterte mich aufmerksam. „Ist Ihnen nicht gut?“ Ich öffnete den Mund. Was hätte ich sagen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, Ihr Gemälde schreibt Nachrichten. Stattdessen schüttelte ich den Kopf. „Mir ist nur etwas schwindelig.“ „Nach allem, was heute passiert ist, überrascht mich das nicht.“ Er wirkte ehrlich besorgt. Lucien dagegen beobachtete mich schweigend. Seine dunklen Augen ruhten auf meinem Gesicht, als suche er nach einer Antwort, die ich selbst noch nicht kannte.
Die schwere Holztür fiel hinter mir mit einem dumpfen Schlag ins Schloss.Das Geräusch hallte durch die Eingangshalle und verschluckte jedesandere Geräusch. Für einen Augenblick blieb ich regungslos stehen. DieLuft roch nach altem Holz, Kaminfeuer und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Rosen. Irgendwo mussten frische Rosen stehen.Ich drehte mich langsam um.Die Tür wirkte plötzlich viel größer als noch vor wenigen Sekunden. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, doch hier drinnen war alles unnatürlich still.»Bitte folgen Sie mir«, sagte Dr. Samuel Keller.Ich nickte und ging hinter ihm her. Unsere Schritte hallten über dendunklen Marmorboden. Rechts und links hingen Gemälde von Menschen, deren ernste Blicke mir folgten.»Sind das alles Moreaus?«, fragte ich.»Ja.«»Sie sehen nicht besonders glücklich aus.«Dr. Keller lächelte höflich.»Die Familie war nie dafür bekannt, ihre Gefühle offen zu zeigen.«Lucien sagte kein Wort. Er lief einige Meter hinter un
Der Regen begann genau in dem Moment, in dem mein Navigationsgerät den Geist aufgab. Natürlich. Ich klopfte zweimal gegen das Display, als würde sich die Technik durch pure Verzweiflung einschüchtern lassen. „Bitte wenden“, krächzte die Stimme ein letztes Mal. Dann wurde der Bildschirm schwarz. „Sehr hilfreich.“ Vor mir lag nur noch eine schmale Straße, die sich zwischen hohen, dicht stehenden Bäumen hindurchwand. Der Himmel war beinahe genauso dunkel wie der Wald, obwohl es erst kurz nach vier Uhr nachmittags war. Seit über einer Stunde war mir kein anderes Auto begegnet. Kein Haus. Keine Tankstelle. Nicht einmal ein vernünftiges Straßenschild. Nur Bäume, Regen und der Brief auf dem Beifahrersitz. Ich hatte ihn inzwischen so oft gelesen, dass ich jedes Wort auswendig kannte. Gemäß dem letzten Willen von Frau Vivienne Moreau sind Sie als Erbin eines hälftigen Anteils am Anwesen Blackwood Manor eingesetzt worden. Ein halbes Herrenhaus. Von einer fremden Frau. Das klang







