LOGINDie schwere Holztür fiel hinter mir mit einem dumpfen Schlag ins Schloss.
Das Geräusch hallte durch die Eingangshalle und verschluckte jedes andere Geräusch. Für einen Augenblick blieb ich regungslos stehen. Die Luft roch nach altem Holz, Kaminfeuer und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Rosen. Irgendwo mussten frische Rosen stehen. Ich drehte mich langsam um. Die Tür wirkte plötzlich viel größer als noch vor wenigen Sekunden. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, doch hier drinnen war alles unnatürlich still. »Bitte folgen Sie mir«, sagte Dr. Samuel Keller. Ich nickte und ging hinter ihm her. Unsere Schritte hallten über den dunklen Marmorboden. Rechts und links hingen Gemälde von Menschen, deren ernste Blicke mir folgten. »Sind das alles Moreaus?«, fragte ich. »Ja.« »Sie sehen nicht besonders glücklich aus.« Dr. Keller lächelte höflich. »Die Familie war nie dafür bekannt, ihre Gefühle offen zu zeigen.« Lucien sagte kein Wort. Er lief einige Meter hinter uns und beobachtete jede meiner Bewegungen. Die Bibliothek war größer als meine gesamte Wohnung. Hohe Bücherregale reichten bis zur Decke. Ein Feuer knisterte im Kamin. In der Mitte stand ein schwerer Eichentisch. Darauf lagen mehrere Dokumente und ein dunkelroter Umschlag mit einem goldenen Wachssiegel. »Bitte setzen Sie sich.« Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken. Dr. Keller öffnete eine Mappe. »Frau Hartmann, laut dem letzten Willen von Vivienne Moreau erben Sie fünfzig Prozent von Blackwood Manor, einschließlich der Kunstsammlung, des Grundstücks und eines Anteils am Familienvermögen.« Ich starrte ihn an. »Das muss ein Irrtum sein.« »Nein.« »Ich kenne diese Frau nicht.« »Vielleicht nicht bewusst.« Ich runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?« Bevor der Notar antworten konnte, meldete sich Lucien. »Es bedeutet, dass manche Wahrheiten sehr lange verborgen bleiben.« Ich sah ihn an. »Sie sprechen ständig in Rätseln.« »Weil Sie die Antworten noch nicht hören wollen.« Seine Ruhe machte mich wahnsinnig. Ich wandte mich wieder dem Notar zu. »Was ist die Bedingung? Es gibt doch bestimmt eine.« Dr. Keller nickte. »Sie müssen Blackwood Manor für zwölf aufeinanderfolgende Monate zu Ihrem Hauptwohnsitz machen. Sollten Sie das Anwesen dauerhaft verlassen, verlieren Sie Ihren gesamten Erbanspruch.« »Und dann?« »Dann fällt Ihr Anteil vollständig an Herrn Moreau.« Langsam verstand ich, warum Lucien mich am Tor hatte wegschicken wollen. Er profitierte davon, wenn ich ging. »Sie müssen jetzt nichts unterschreiben«, sagte Dr. Keller. »Doch.« Ich griff nach dem Füller. Lucien trat einen Schritt näher. »Überlegen Sie es sich.« »Warum?« »Weil dieses Haus Menschen verändert.« »Oder weil Sie Angst haben, Ihr Erbe zu verlieren?« Zum ersten Mal blitzte Wut in seinen Augen auf. Doch sie verschwand genauso schnell wieder. Ich setzte meine Unterschrift unter das Testament. Der Notar schloss die Mappe. »Damit ist die Erbschaft offiziell angenommen.« Er schob mir den roten Umschlag zu. »Diesen Brief hat Vivienne Moreau ausschließlich für Sie hinterlassen.« Meine Hände wurden plötzlich feucht. Langsam brach ich das Wachssiegel. Das Papier war vergilbt. Darauf stand nur ein kurzer Text. "Elena, wenn du diesen Brief liest, habe ich nicht mehr viel Zeit gehabt. Du wirst glauben, dass ich dir Unrecht getan habe. Vielleicht stimmt das sogar. Aber glaube niemals, dass alles Zufall war. Traue niemandem. Nicht einmal Lucien. Und ganz besonders nicht dem Haus. V. " Mein Herz schlug schneller. Ich las den letzten Satz noch einmal. Nicht dem Haus. Ich hob den Kopf. Lucien beobachtete mich aufmerksam. »Was hat sie geschrieben?«, fragte er. Ich faltete den Brief sorgfältig zusammen. »Nichts.« Er lächelte schwach. »Dann warne ich Sie stattdessen.« »Wovor?« »Vor Blackwood Manor.« Noch bevor ich antworten konnte, erschütterte ein lauter Knall das gesamte Haus. Irgendwo über uns splitterte Glas. Ich zuckte zusammen. Dr. Keller sprang erschrocken auf. Lucien hingegen blieb völlig ruhig. Er sah nur zur Decke. »Bleiben Sie hier«, sagte er und verließ schnellen Schrittes die Bibliothek. Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, flackerte das Licht. Der Kamin knisterte lauter. Und für den Bruchteil einer Sekunde hätte ich schwören können, dass sich eines der Gemälde an der Wand bewegt hatte. Ich blinzelte. Das Bild war wieder reglos. Doch auf dem Rahmen entdeckte ich etwas, das vorher nicht dort gewesen war. Mit zittrigen Fingern trat ich näher. Jemand hatte mit frischer Tinte zwei Worte darauf geschrieben. Sie ist zurück.Die Rose lag noch immer auf der Galerie. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne Person in der Eingangshalle hielt den Atem an. „Wo ist sie?“ Meine Stimme durchbrach die Stille. Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte unverändert auf der Rose. Erst nach einigen Sekunden setzte er einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe. Langsam. Vorsichtig. Als würde jeder Schritt eine unsichtbare Grenze überschreiten. „Herr Moreau!“ Marthas Stimme klang ungewohnt streng. „Gehen Sie nicht hin.“ Er blieb stehen. „Sie wissen, was das bedeutet.“ „Ich weiß.“ „Dann lassen Sie sie liegen.“ Lucien schloss für einen Moment die Augen. „Das kann ich nicht.“ Er stieg weiter die Treppe hinauf. Ich sah zwischen ihm und Martha hin und her. „Kann mir endlich jemand erklären, was hier vor sich geht?“ Martha senkte den Blick. „Nicht heute.“ Ich lachte trocken. „Natürlich nicht heute.“ Langsam folgte ich Lucien. „Elena!“
Mein Atem ging flach. Ich wagte nicht einmal zu blinzeln. Lucien stand regungslos vor mir. Die Pistole war erhoben. Sein Finger lag auf dem Abzug. Doch seine Augen ruhten nicht auf mir. Sie blickten an mir vorbei. Etwas hinter mir. „Lucien...“ „Nicht.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Beweg dich nicht.“ Ich schluckte. Der warme Atem in meinem Nacken wurde stärker. Langsam. Regelmäßig. Als würde direkt hinter mir jemand stehen. Oder etwas. Ich wollte mich umdrehen. „Nicht!“ Sein Ruf ließ mich erstarren. Zum ersten Mal sah ich echte Angst in seinen Augen. Nicht Sorge. Nicht Anspannung. Angst. „Bitte, Elena.“ Das Wort traf mich unerwartet. Er bat mich. Er befahl mir nicht. Ich hörte ein leises Rascheln zwischen den Rosen. Dann... ein langsames Kratzen. Als würden lange Fingernägel über Stein gleiten. Ganz nah. Direkt hinter meinem Rücken. Mir lief ein Schauer über den ganzen Körper. „Lucien...“ „Ich we
Der Schlaf hatte mich irgendwann doch überwältigt. Nicht tief. Nicht ruhig. Ich trieb die ganze Nacht zwischen Traum und Wirklichkeit, als würde Blackwood Manor selbst entscheiden, wann ich die Augen schließen durfte. Als ich erwachte, fiel fahles Morgenlicht durch die schweren Vorhänge. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich das Himmelbett. Den Kamin. Die Rosen auf der Kommode. Und alles kam zurück. Der Brief. Vivienne. Lucien. Die drei Klopfzeichen. Langsam richtete ich mich auf. Mein Herz schlug sofort schneller. Die Tür. Ich starrte sie mehrere Sekunden an. Geschlossen. Der Riegel steckte noch immer an seinem Platz. Ich hatte sie also tatsächlich nicht geöffnet. Oder? Ich schlug die Bettdecke zurück und ging langsam zur Tür. Meine Finger zitterten leicht, als ich den Riegel zurückschob. Nichts. Keine Stimme. Kein Flüstern. Nur mein eigener Atem. Ich drückte die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich kna
Die Worte verschwanden, noch bevor ich blinzeln konnte. „Sie ist zurück.“ Gerade eben hatten sie noch auf dem goldenen Rahmen des Gemäldes gestanden. Schwarze Tinte. Frisch. Unübersehbar. Jetzt war dort nichts mehr. Ich trat einen Schritt näher. Meine Finger glitten vorsichtig über das kalte Holz. Keine Farbe. Keine eingeritzten Buchstaben. Nicht einmal eine raue Stelle. „Frau Hartmann?“ Ich fuhr herum. Dr. Samuel Keller stand noch immer hinter seinem Schreibtisch und musterte mich aufmerksam. „Ist Ihnen nicht gut?“ Ich öffnete den Mund. Was hätte ich sagen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, Ihr Gemälde schreibt Nachrichten. Stattdessen schüttelte ich den Kopf. „Mir ist nur etwas schwindelig.“ „Nach allem, was heute passiert ist, überrascht mich das nicht.“ Er wirkte ehrlich besorgt. Lucien dagegen beobachtete mich schweigend. Seine dunklen Augen ruhten auf meinem Gesicht, als suche er nach einer Antwort, die ich selbst noch nicht kannte.
Die schwere Holztür fiel hinter mir mit einem dumpfen Schlag ins Schloss.Das Geräusch hallte durch die Eingangshalle und verschluckte jedesandere Geräusch. Für einen Augenblick blieb ich regungslos stehen. DieLuft roch nach altem Holz, Kaminfeuer und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Rosen. Irgendwo mussten frische Rosen stehen.Ich drehte mich langsam um.Die Tür wirkte plötzlich viel größer als noch vor wenigen Sekunden. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, doch hier drinnen war alles unnatürlich still.»Bitte folgen Sie mir«, sagte Dr. Samuel Keller.Ich nickte und ging hinter ihm her. Unsere Schritte hallten über dendunklen Marmorboden. Rechts und links hingen Gemälde von Menschen, deren ernste Blicke mir folgten.»Sind das alles Moreaus?«, fragte ich.»Ja.«»Sie sehen nicht besonders glücklich aus.«Dr. Keller lächelte höflich.»Die Familie war nie dafür bekannt, ihre Gefühle offen zu zeigen.«Lucien sagte kein Wort. Er lief einige Meter hinter un
Der Regen begann genau in dem Moment, in dem mein Navigationsgerät den Geist aufgab. Natürlich. Ich klopfte zweimal gegen das Display, als würde sich die Technik durch pure Verzweiflung einschüchtern lassen. „Bitte wenden“, krächzte die Stimme ein letztes Mal. Dann wurde der Bildschirm schwarz. „Sehr hilfreich.“ Vor mir lag nur noch eine schmale Straße, die sich zwischen hohen, dicht stehenden Bäumen hindurchwand. Der Himmel war beinahe genauso dunkel wie der Wald, obwohl es erst kurz nach vier Uhr nachmittags war. Seit über einer Stunde war mir kein anderes Auto begegnet. Kein Haus. Keine Tankstelle. Nicht einmal ein vernünftiges Straßenschild. Nur Bäume, Regen und der Brief auf dem Beifahrersitz. Ich hatte ihn inzwischen so oft gelesen, dass ich jedes Wort auswendig kannte. Gemäß dem letzten Willen von Frau Vivienne Moreau sind Sie als Erbin eines hälftigen Anteils am Anwesen Blackwood Manor eingesetzt worden. Ein halbes Herrenhaus. Von einer fremden Frau. Das klang







