LOGINDer Schlaf hatte mich irgendwann doch überwältigt.
Nicht tief. Nicht ruhig. Ich trieb die ganze Nacht zwischen Traum und Wirklichkeit, als würde Blackwood Manor selbst entscheiden, wann ich die Augen schließen durfte. Als ich erwachte, fiel fahles Morgenlicht durch die schweren Vorhänge. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich das Himmelbett. Den Kamin. Die Rosen auf der Kommode. Und alles kam zurück. Der Brief. Vivienne. Lucien. Die drei Klopfzeichen. Langsam richtete ich mich auf. Mein Herz schlug sofort schneller. Die Tür. Ich starrte sie mehrere Sekunden an. Geschlossen. Der Riegel steckte noch immer an seinem Platz. Ich hatte sie also tatsächlich nicht geöffnet. Oder? Ich schlug die Bettdecke zurück und ging langsam zur Tür. Meine Finger zitterten leicht, als ich den Riegel zurückschob. Nichts. Keine Stimme. Kein Flüstern. Nur mein eigener Atem. Ich drückte die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich knarrend. Der Flur war leer. Ein kalter Luftzug zog an mir vorbei. Ich wollte die Tür gerade wieder schließen, als mir etwas auffiel. Direkt neben der Klinke. Drei lange Kratzspuren. Sie verliefen senkrecht über das dunkle Holz. Nicht tief. Aber deutlich. Ich beugte mich näher. Das Holz war frisch aufgerissen. Feine Splitter lagen noch auf dem Boden. Mein Magen zog sich zusammen. Diese Kratzer waren gestern Abend nicht dort gewesen. Langsam legte ich zwei Finger darauf. Die Oberfläche fühlte sich rau an. Fast... als wären sie mit Fingernägeln entstanden. Ich zog meine Hand sofort zurück. „Unmöglich.“ Vielleicht hatte das Holz gearbeitet. Vielleicht... Nein. Holz hinterließ keine drei gleichmäßigen Spuren direkt neben einer Türklinke. „Sie haben also auch schlecht geschlafen.“ Ich fuhr herum. Lucien stand am anderen Ende des Flures. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Wie immer trug er Schwarz. Heute allerdings ohne Mantel. Das weiße Hemd unter seinem Sakko ließ seine dunklen Augen noch kälter wirken. Sein Blick glitt sofort an mir vorbei. Zur Tür. Zu den Kratzspuren. Für den Bruchteil einer Sekunde... veränderte sich sein Gesicht. Nicht Angst. Nicht Wut. Erleichterung. „Sie haben sie nicht geöffnet.“ Es war keine Frage. Ich verschränkte die Arme. „Woher wissen Sie das?“ Er antwortete nicht. Stattdessen ging er langsam auf mich zu. Seine Schritte waren ruhig. Kontrolliert. Als würde ihn nichts auf dieser Welt aus der Fassung bringen. Vor der Tür blieb er stehen. Er strich mit den Fingerspitzen über die Kratzspuren. Sein Kiefer spannte sich an. „Interessant.“ „Interessant?“ „Ja.“ „Ich finde eher beunruhigend.“ „Das sollten Sie auch.“ Er drehte sich zu mir um. „Hat gestern Nacht jemand mit Ihnen gesprochen?“ Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich dachte an die weinende Stimme. An das Flüstern. An das Wort... Mama. Doch irgendetwas hielt mich davon ab, es ihm zu erzählen. „Nein.“ Es war meine erste Lüge ihm gegenüber. Lucien sah mich lange an. Zu lange. Als könnte er hören, wie mein Herz raste. „Sie lügen schlecht.“ „Sie stellen merkwürdige Fragen.“ „Weil ich die Antworten brauche.“ „Warum?“ Er antwortete nicht sofort. Stattdessen sah er wieder auf die Kratzspuren. „Weil ich wissen muss, wie viel das Haus bereits von Ihnen weiß.“ ... Ich verschränkte die Arme fester vor der Brust. „Wie bitte?“ Lucien ließ den Blick noch einen Moment auf den Kratzspuren ruhen. „Sie haben mich verstanden.“ „Nein. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt nichts verstanden, seit ich dieses Haus betreten habe.“ Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. „Dann sind Sie den anderen voraus.“ „Das soll ein Witz sein?“ „Nein.“ Er ging an mir vorbei und trat in mein Zimmer. „Moment mal!“ Ich folgte ihm sofort. „Sie können doch nicht einfach—“ „Doch.“ Er blieb vor dem Kamin stehen. Sein Blick wanderte langsam durch den Raum. Zum Bett. Zur Kommode. Zum Fenster. Dann blieb er an der Vase mit den Rosen hängen. „Wer hat die hier hingestellt?“ Ich runzelte die Stirn. „Keine Ahnung. Sie standen schon hier.“ Er trat näher. Nahm eine der Rosen vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. Sein Gesicht wurde ungewöhnlich ernst. „Die waren gestern noch nicht geöffnet.“ „Was?“ „Die Knospen.“ Er deutete auf die Blüten. „Sie waren geschlossen.“ Ich trat neben ihn. „Vielleicht sind sie einfach über Nacht aufgeblüht.“ „Nein.“ Seine Antwort kam sofort. „Nicht diese Sorte.“ Langsam ließ er die Rose wieder los. „Berühren Sie sie nicht mehr.“ „Es sind Blumen.“ „Tun Sie es einfach nicht.“ Ich seufzte. „Sie geben wirklich gern Befehle.“ Zum ersten Mal hob sich einer seiner Mundwinkel kaum merklich. „Nur, wenn sie notwendig sind.“ „Und wer entscheidet das?“ „Ich.“ „Natürlich.“ Ich verdrehte die Augen. „Wie konnte ich etwas anderes erwarten?“ Für einen winzigen Moment wirkte es beinahe so, als müsste Lucien sich ein Lächeln verkneifen. Doch genauso schnell war es verschwunden. Er ging zum Fenster. Schob den schweren Vorhang ein Stück zur Seite. Sein Blick fiel hinaus auf den Rosengarten. „Sie werden heute nicht allein hinausgehen.“ „Ach nein?“ „Nein.“ „Sie glauben wirklich, Sie könnten mir Vorschriften machen.“ „Ich glaube gar nichts.“ Er drehte sich langsam zu mir um. „Ich weiß, was dort draußen ist.“ Ich verschränkte erneut die Arme. „Dann erzählen Sie es mir.“ „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie mir nicht glauben würden.“ „Versuchen Sie es.“ Er schwieg. Seine Augen ruhten auf meinem Gesicht. Zum ersten Mal bemerkte ich die dunklen Schatten unter ihnen. Als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Vielleicht sogar länger. „Sie sehen müde aus“, sagte ich leise. Er blinzelte überrascht. Offenbar hatte niemand so etwas zu ihm gesagt. „Das geht Sie nichts an.“ „Stimmt.“ Ich nickte. „Aber Sie sehen trotzdem so aus.“ Für einen Moment herrschte völlige Stille. Dann klopfte es an der Tür. Diesmal nur einmal. „Frühstück ist serviert“, erklang Marthas Stimme. Lucien trat sofort einen Schritt zurück. Als hätte er gerade erst bemerkt, wie nah wir beieinander standen. „Kommen Sie.“ Er verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Ich blieb kurz allein zurück. Warum hatte ich plötzlich das Gefühl, dass er sich mehr Sorgen machte, als er zugeben wollte? Nicht um das Haus. Nicht um das Erbe. Sondern... um mich. Ich schüttelte den Gedanken sofort ab. Das war Unsinn. Dieser Mann hatte mich gestern am liebsten wieder nach Hause geschickt. Beim Frühstück herrschte eine unangenehme Ruhe. Der Esstisch war viel zu groß für zwei Menschen. Silberbesteck. Porzellan. Frische Brötchen. Kaffee. Rosen in einer Kristallvase. Ich setzte mich vorsichtig. Lucien nahm am anderen Ende des Tisches Platz. „Ist das hier jeden Morgen so?“, fragte ich. „Wie?“ „Als würde man bei einem Staatsbankett frühstücken.“ „Frau Vivienne legte Wert auf Tradition.“ „Und Sie?“ Er strich langsam seine Serviette glatt. „Ich lege Wert darauf, Gewohnheiten beizubehalten.“ „Auch wenn niemand mehr da ist, der sie sehen kann?“ Seine Hand blieb mitten in der Bewegung stehen. Einen Augenblick lang glaubte ich, etwas Schmerz in seinen Augen zu erkennen. Dann war er verschwunden. „Gerade dann.“ Ich wusste nicht warum... Aber plötzlich tat er mir leid. Nicht viel. Nur gerade genug, um mich zu fragen, wie einsam ein Mensch sein musste, um jeden Morgen allein an einem Tisch für zwanzig Personen zu sitzen. In diesem Moment öffnete Martha die Terrassentür. Ein warmer Wind trug den Duft tausender Rosen in den Speisesaal. „Der Garten steht heute in voller Blüte“, sagte sie lächelnd. Lucien hob sofort den Kopf. „Schließen Sie die Tür.“ „Aber—“ „Sofort.“ Martha gehorchte. Der Duft verschwand. Ich sah Lucien fragend an. Er starrte hinaus in den Garten. Sein Gesicht war plötzlich kreidebleich. „Zu spät...“, murmelte er kaum hörbar. „Was?“ Er antwortete nicht. Sein Blick blieb auf etwas gerichtet, das ich von meinem Platz aus nicht erkennen konnte. Langsam drehte ich mich zum Fenster. Mitten zwischen den Rosen... stand eine Frau in einem weißen Kleid. Und sie sah direkt zu mir. Ich blinzelte. Die Frau bewegte sich nicht. Sie stand einfach zwischen den Rosen, die Hände vor dem Körper verschränkt, das lange weiße Kleid wehte leicht im Wind. Ihr Gesicht lag im Schatten eines breitkrempigen Hutes. „Wer ist das?“, fragte ich leise. Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte unverwandt auf der Gestalt. „Herr Moreau?“ Martha trat einen Schritt näher. „Soll ich...“ „Nein.“ Seine Stimme war ungewöhnlich scharf. „Niemand geht hinaus.“ „Aber dort steht jemand.“ „Ich weiß.“ Mir wurde unbehaglich. „Vielleicht braucht sie Hilfe.“ Lucien wandte den Blick endlich von der Frau ab und sah mich an. Seine Augen waren dunkler als sonst. „Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, verlassen Sie dieses Haus heute nicht.“ Ich spürte, wie sich Widerspruch in mir regte. „Sie können doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich einfach hier sitzen bleibe.“ „Doch.“ „Warum?“ Er antwortete nicht. Stattdessen ging er zur Terrassentür und zog die schweren Vorhänge zu. Mit einem Mal war die Frau verschwunden. Ich sprang auf. „Moment!“ Ich zog den Vorhang wieder zur Seite. Der Garten war leer. Zwischen den Rosen bewegte sich nichts. „Das gibt's doch nicht...“ „Setzen Sie sich.“ „Nein.“ „Elena.“ Zum ersten Mal sprach Lucien meinen Vornamen aus. Nicht kühl. Nicht spöttisch. Fast... flehend. Ich sah ihn überrascht an. Er bemerkte selbst, was ihm herausgerutscht war, und sein Gesicht wurde sofort wieder ausdruckslos. „Bitte.“ Dieses eine Wort reichte. Ich setzte mich langsam wieder. Keiner sagte etwas. Das Ticken der alten Standuhr erfüllte den Raum. Nach einigen Minuten stand Lucien auf. „Martha.“ „Ja, Herr Moreau?“ „Sorgen Sie dafür, dass Frau Hartmann heute im Haus bleibt.“ Ich verschränkte die Arme. „Ich bin keine Gefangene.“ „Noch nicht.“ Die Worte kamen so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich sie wirklich gehört hatte. Bevor ich nachfragen konnte, verließ Lucien den Speisesaal. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich wartete einige Sekunden. Dann stand ich ebenfalls auf. „Er hat doch nicht ernsthaft geglaubt, ich höre auf ihn.“ Martha seufzte. „Bitte tun Sie nichts Unüberlegtes.“ „Ich möchte mir nur den Garten ansehen.“ „Gerade heute sollten Sie das nicht.“ „Warum?“ Sie antwortete nicht. „Martha.“ „Ich darf es Ihnen nicht sagen.“ „Oder Sie wollen es nicht.“ Ihre Schultern sanken ein wenig. „Es gibt einen Unterschied.“ Ich sah sie einen Moment lang schweigend an. Dann lächelte ich. „Ich bin gleich wieder da.“ „Frau Hartmann...“ Doch ich war bereits auf dem Weg zur Terrassentür. Die kühle Morgenluft empfing mich sofort. Der Duft der Rosen war draußen noch intensiver. Fast betäubend. Langsam ging ich die steinernen Stufen hinunter. Der Kies knirschte unter meinen Schuhen. Alles wirkte friedlich. Zu friedlich. Kein Vogel sang. Keine Biene summte. Nicht einmal der Wind bewegte die Blüten. Erst jetzt bemerkte ich, wie groß der Garten tatsächlich war. Von den oberen Fenstern hatte er ordentlich ausgesehen. Von hier unten erkannte ich, dass die Rosenhecken verschlungene Wege bildeten. Ein Labyrinth. Ohne bewusst darüber nachzudenken, folgte ich dem schmalen Pfad zwischen den Hecken. Mit jedem Schritt verschwand das Herrenhaus ein Stück mehr hinter den hohen Rosen. Nach wenigen Minuten konnte ich Blackwood Manor überhaupt nicht mehr sehen. Ich blieb stehen. „Super gemacht, Elena.“ Ein leises Knacken ließ mich herumfahren. Niemand. „Hallo?“ Keine Antwort. Ich wollte gerade umkehren, als etwas im Sonnenlicht aufblitzte. Zwischen den Wurzeln eines Rosenstrauchs lag ein silberner Gegenstand. Vorsichtig kniete ich mich hin. Es war eine alte Taschenuhr. Das Glas war gesprungen. Der Deckel mit Erde verschmiert. Ich wischte den Schmutz mit dem Ärmel weg. Auf der Rückseite waren zwei Buchstaben eingraviert. E. H. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Dieselben Initialen. Wie auf dem Kleid. Wie auf dem Schlüssel. „Das... kann kein Zufall sein.“ Langsam öffnete ich den Deckel der Uhr. Die Zeiger standen still. Genau auf... 03:13 Uhr. Im selben Moment hörte ich hinter mir eine ruhige Stimme. „Ich habe Ihnen ausdrücklich gesagt, dass Sie den Garten nicht betreten sollen.“ Ich drehte mich langsam um. Lucien stand nur wenige Meter entfernt. Doch diesmal war es nicht sein Blick, der mir Angst machte. Sondern die Pistole in seiner Hand. Mein Blick blieb an der Waffe hängen. Eine schwarze Pistole. Schlicht. Nicht besonders groß. Trotzdem schien sie plötzlich den gesamten Rosengarten auszufüllen. Mein Herz schlug bis zum Hals. „Was...“ Meine Stimme versagte. „Was soll das?“ Lucien antwortete nicht sofort. Seine Augen lagen nicht auf mir. Sie ruhten auf der Taschenuhr in meiner Hand. „Ich habe Ihnen eine Frage gestellt.“ Langsam hob ich die Uhr ein Stück an. „Sie meinen diese?“ Sein Gesicht verlor jede Farbe. „Wo.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Haben Sie sie gefunden?“ Ich zeigte auf den Rosenstrauch. „Dort.“ Er folgte meiner Bewegung. Für einen winzigen Augenblick schloss er die Augen. Als würde genau diese Antwort etwas bestätigen, das er seit Jahren befürchtet hatte. „Verdammt.“ Das war das erste Mal, dass ich ihn fluchen hörte. „Lucien?“ Keine Antwort. Er machte einen langsamen Schritt auf mich zu. Die Pistole hielt er noch immer in der rechten Hand. Nicht auf mich gerichtet. Einfach locker nach unten. Trotzdem wich ich instinktiv zurück. „Bleiben Sie stehen.“ „Mit einer Waffe in der Hand?“ „Ich werde Ihnen nichts tun.“ „Das behaupten wahrscheinlich alle Menschen mit Pistolen.“ Zum ersten Mal blitzte so etwas wie Frustration in seinem Gesicht auf. „Elena.“ Er sprach meinen Namen ungewöhnlich ruhig aus. „Bitte.“ Ich blieb stehen. Nicht, weil ich ihm vertraute. Sondern weil etwas in seiner Stimme anders klang. Fast... verzweifelt. „Geben Sie mir die Uhr.“ Ich umklammerte sie fester. „Nein.“ „Sie wissen nicht, was Sie da gefunden haben.“ „Dann erklären Sie es mir.“ „Jetzt nicht.“ „Immer heißt es 'jetzt nicht'." Meine Stimme wurde lauter. „Seit ich hier angekommen bin, erzählt mir niemand irgendetwas! Jeder spricht in Rätseln! Martha! Dr. Keller! Sie!" Ich machte einen Schritt auf ihn zu. „Ich habe ein Recht darauf zu erfahren, warum ich hier bin!“ Lucien antwortete nicht. Sein Blick glitt langsam über meine Schulter. Plötzlich veränderte sich sein Gesicht. Jede Anspannung verschwand. Nicht, weil er ruhiger wurde. Sondern weil etwas anderes sie ersetzte. Purer Schrecken. „Elena...“ Seine Stimme war kaum hörbar. „Nicht bewegen.“ Ich runzelte die Stirn. „Was?“ „Drehen Sie sich nicht um.“ Ein kalter Wind strich durch den Rosengarten. Zum ersten Mal bewegten sich die Rosen. Nicht im Wind. Sie bewegten sich... auf mich zu. Ganz langsam. Ein Rascheln ging durch die Hecken. Als würde sich etwas zwischen den Dornen seinen Weg bahnen. Ich hörte es deutlich. Knacken. Noch einmal. Knacken. Direkt hinter mir. „Lucien...“ „Nicht.“ Sein Griff um die Pistole wurde fester. „Bitte.“ Zum ersten Mal klang er nicht wie ein Mann, der Befehle gab. Sondern wie jemand... der Angst hatte. Mein Herz raste. „Was ist hinter mir?“ Er antwortete nicht. Seine Augen wurden immer größer. „Lucien!“ Ganz langsam hob er die Pistole. Nicht auf mich. An mir vorbei. Sein Finger legte sich auf den Abzug. Ich wagte kaum zu atmen. „Wenn ich jetzt schieße...“ Er schluckte. „...laufen Sie.“ Ich spürte plötzlich... einen warmen Atem. Direkt in meinem Nacken. Und obwohl ich mich nicht umgedreht hatte... wusste ich... dass ich nicht mehr allein zwischen den Rosen stand.Die Rose lag noch immer auf der Galerie. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne Person in der Eingangshalle hielt den Atem an. „Wo ist sie?“ Meine Stimme durchbrach die Stille. Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte unverändert auf der Rose. Erst nach einigen Sekunden setzte er einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe. Langsam. Vorsichtig. Als würde jeder Schritt eine unsichtbare Grenze überschreiten. „Herr Moreau!“ Marthas Stimme klang ungewohnt streng. „Gehen Sie nicht hin.“ Er blieb stehen. „Sie wissen, was das bedeutet.“ „Ich weiß.“ „Dann lassen Sie sie liegen.“ Lucien schloss für einen Moment die Augen. „Das kann ich nicht.“ Er stieg weiter die Treppe hinauf. Ich sah zwischen ihm und Martha hin und her. „Kann mir endlich jemand erklären, was hier vor sich geht?“ Martha senkte den Blick. „Nicht heute.“ Ich lachte trocken. „Natürlich nicht heute.“ Langsam folgte ich Lucien. „Elena!“
Mein Atem ging flach. Ich wagte nicht einmal zu blinzeln. Lucien stand regungslos vor mir. Die Pistole war erhoben. Sein Finger lag auf dem Abzug. Doch seine Augen ruhten nicht auf mir. Sie blickten an mir vorbei. Etwas hinter mir. „Lucien...“ „Nicht.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Beweg dich nicht.“ Ich schluckte. Der warme Atem in meinem Nacken wurde stärker. Langsam. Regelmäßig. Als würde direkt hinter mir jemand stehen. Oder etwas. Ich wollte mich umdrehen. „Nicht!“ Sein Ruf ließ mich erstarren. Zum ersten Mal sah ich echte Angst in seinen Augen. Nicht Sorge. Nicht Anspannung. Angst. „Bitte, Elena.“ Das Wort traf mich unerwartet. Er bat mich. Er befahl mir nicht. Ich hörte ein leises Rascheln zwischen den Rosen. Dann... ein langsames Kratzen. Als würden lange Fingernägel über Stein gleiten. Ganz nah. Direkt hinter meinem Rücken. Mir lief ein Schauer über den ganzen Körper. „Lucien...“ „Ich we
Der Schlaf hatte mich irgendwann doch überwältigt. Nicht tief. Nicht ruhig. Ich trieb die ganze Nacht zwischen Traum und Wirklichkeit, als würde Blackwood Manor selbst entscheiden, wann ich die Augen schließen durfte. Als ich erwachte, fiel fahles Morgenlicht durch die schweren Vorhänge. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich das Himmelbett. Den Kamin. Die Rosen auf der Kommode. Und alles kam zurück. Der Brief. Vivienne. Lucien. Die drei Klopfzeichen. Langsam richtete ich mich auf. Mein Herz schlug sofort schneller. Die Tür. Ich starrte sie mehrere Sekunden an. Geschlossen. Der Riegel steckte noch immer an seinem Platz. Ich hatte sie also tatsächlich nicht geöffnet. Oder? Ich schlug die Bettdecke zurück und ging langsam zur Tür. Meine Finger zitterten leicht, als ich den Riegel zurückschob. Nichts. Keine Stimme. Kein Flüstern. Nur mein eigener Atem. Ich drückte die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich kna
Die Worte verschwanden, noch bevor ich blinzeln konnte. „Sie ist zurück.“ Gerade eben hatten sie noch auf dem goldenen Rahmen des Gemäldes gestanden. Schwarze Tinte. Frisch. Unübersehbar. Jetzt war dort nichts mehr. Ich trat einen Schritt näher. Meine Finger glitten vorsichtig über das kalte Holz. Keine Farbe. Keine eingeritzten Buchstaben. Nicht einmal eine raue Stelle. „Frau Hartmann?“ Ich fuhr herum. Dr. Samuel Keller stand noch immer hinter seinem Schreibtisch und musterte mich aufmerksam. „Ist Ihnen nicht gut?“ Ich öffnete den Mund. Was hätte ich sagen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, Ihr Gemälde schreibt Nachrichten. Stattdessen schüttelte ich den Kopf. „Mir ist nur etwas schwindelig.“ „Nach allem, was heute passiert ist, überrascht mich das nicht.“ Er wirkte ehrlich besorgt. Lucien dagegen beobachtete mich schweigend. Seine dunklen Augen ruhten auf meinem Gesicht, als suche er nach einer Antwort, die ich selbst noch nicht kannte.
Die schwere Holztür fiel hinter mir mit einem dumpfen Schlag ins Schloss.Das Geräusch hallte durch die Eingangshalle und verschluckte jedesandere Geräusch. Für einen Augenblick blieb ich regungslos stehen. DieLuft roch nach altem Holz, Kaminfeuer und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Rosen. Irgendwo mussten frische Rosen stehen.Ich drehte mich langsam um.Die Tür wirkte plötzlich viel größer als noch vor wenigen Sekunden. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, doch hier drinnen war alles unnatürlich still.»Bitte folgen Sie mir«, sagte Dr. Samuel Keller.Ich nickte und ging hinter ihm her. Unsere Schritte hallten über dendunklen Marmorboden. Rechts und links hingen Gemälde von Menschen, deren ernste Blicke mir folgten.»Sind das alles Moreaus?«, fragte ich.»Ja.«»Sie sehen nicht besonders glücklich aus.«Dr. Keller lächelte höflich.»Die Familie war nie dafür bekannt, ihre Gefühle offen zu zeigen.«Lucien sagte kein Wort. Er lief einige Meter hinter un
Der Regen begann genau in dem Moment, in dem mein Navigationsgerät den Geist aufgab. Natürlich. Ich klopfte zweimal gegen das Display, als würde sich die Technik durch pure Verzweiflung einschüchtern lassen. „Bitte wenden“, krächzte die Stimme ein letztes Mal. Dann wurde der Bildschirm schwarz. „Sehr hilfreich.“ Vor mir lag nur noch eine schmale Straße, die sich zwischen hohen, dicht stehenden Bäumen hindurchwand. Der Himmel war beinahe genauso dunkel wie der Wald, obwohl es erst kurz nach vier Uhr nachmittags war. Seit über einer Stunde war mir kein anderes Auto begegnet. Kein Haus. Keine Tankstelle. Nicht einmal ein vernünftiges Straßenschild. Nur Bäume, Regen und der Brief auf dem Beifahrersitz. Ich hatte ihn inzwischen so oft gelesen, dass ich jedes Wort auswendig kannte. Gemäß dem letzten Willen von Frau Vivienne Moreau sind Sie als Erbin eines hälftigen Anteils am Anwesen Blackwood Manor eingesetzt worden. Ein halbes Herrenhaus. Von einer fremden Frau. Das klang







