MasukROWANS SICHT
„Zweimal an einem Tag. Ich schätze, heute ist unser Glückstag“, sagte Derek in dem Moment, in dem er uns in dem kleinen Laden entdeckte, in den wir gekommen waren, um etwas zu kaufen.
Marcus packte mich am Handgelenk und zog mich zum Ausgang.
„Komm. Wir gehen.“
Ich stolperte hinter ihm her. Mein Herz raste, während mein Blick immer wieder zu Derek und seinen Freunden wanderte. Sie standen einfach nur da und beobachteten uns mit diesen widerlichen Grinsen.
Ich konnte die Anspannung in meiner Brust von dem, was draußen passiert war, immer noch spüren. Meine Hände zitterten, und ich hasste den Gedanken, dass Derek es wahrscheinlich sehen konnte.
„Schon wieder weg?“, rief Derek uns hinterher. „Aber ihr seid doch gerade erst gekommen.“
Marcus blieb nicht stehen. Er zog mich weiter zur Tür.
Ich warf einen Blick über meine Schulter.
Derek stieß sich von der Wand ab.
Mein Magen zog sich zusammen.
„Marcus“, flüsterte ich.
„Ich weiß.“
Derek stellte sich uns in den Weg, noch bevor wir die Tür erreichen konnten.
„Und ich habe gesagt, dass er nirgendwohin geht.“
Marcus blieb endlich stehen.
Er ließ mein Handgelenk los und stellte sich vor mich, sodass er zwischen Derek und mir stand.
Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen.
„Marcus, nicht.“
Er sah nicht zurück. „Bleib hinter mir.“
Derek grinste. „Na, sieh mal einer an. Spielst du immer noch den Helden?“
Marcus richtete die Schultern auf. „Du solltest besser aus dem Weg gehen, wenn du nicht willst, dass ich den Sicherheitsdienst rufe.“
Tyler lachte.
„Den Sicherheitsdienst?“, wiederholte er. „Und was sollen die machen? Uns sagen, dass wir gehen sollen?“
Cole schnaubte. „Vielleicht hält Marcus sich für irgendeinen Actionhelden.“
Ich wollte etwas sagen. Wollte mich verteidigen. Aber ich brachte kein Wort heraus.
Ich hatte jahrelang solche Beleidigungen gehört. Man sollte meinen, ich wäre inzwischen daran gewöhnt.
War ich aber nicht.
Jedes Wort traf noch immer dieselben alten Wunden.
Derek legte den Kopf schief. „Was ist los? Hat die Katze dir die Zunge verschluckt?“
Ich schluckte.
„Lass ihn in Ruhe“, sagte Marcus.
Derek ignorierte ihn.
„Und du, Marcus.“ Sein Blick wanderte zu ihm. „Hast du es nicht satt, mit so einem Abschaum herumzuhängen? Er ist so schwach.“
Marcus' Kiefer spannte sich an.
„Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, Arschloch. Und jetzt geh uns aus dem Weg.“
Die Luft schien stillzustehen.
Derek starrte Marcus an. Sein Grinsen verschwand.
Tyler und Cole wechselten einen Blick.
Niemand bewegte sich.
Für einen Moment dachte ich, Derek würde Marcus schlagen.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
„Marcus …“
Er hob leicht eine Hand und bedeutete mir wortlos, zurückzubleiben.
Derek machte langsam einen Schritt auf ihn zu.
Marcus bewegte sich nicht.
Ich mich auch nicht.
Dann trat Derek zur Seite.
„Na schön“, sagte er. „Geht.“
Marcus verschwendete keine weitere Sekunde.
Er packte meinen Arm und zog mich durch die Tür. Die Glocke über dem Eingang klingelte laut in der plötzlichen Stille.
Kalte Luft schlug mir ins Gesicht.
Für einen kurzen Moment dachte ich, wir wären tatsächlich davongekommen.
Dann folgte Dereks Stimme.
„Lauf nur, kleiner Nerd! Wir wissen jetzt, wo du wohnst.“
Mein Blut gefror.
Ich blieb stehen.
Marcus zog mich sofort weiter.
„Nicht.“
„Aber—“
„Dreh dich nicht um.“
Hinter uns hörte ich Gelächter.
Marcus verstärkte seinen Griff um meinen Arm und ging weiter. Jetzt schneller. Fast rannte er.
„Lauf einfach weiter“, murmelte er.
Meine Beine setzten sich wieder in Bewegung.
Wir rannten praktisch die Straße hinunter.
Ich erwartete jeden Moment, Schritte hinter uns zu hören.
Jedes Auto, das langsamer wurde, machte mich nervös. Jeder Mensch, der uns entgegenkam, ließ sich mein Magen zusammenziehen.
„Was, wenn sie uns folgen?“, fragte ich zwischen zwei Atemzügen.
„Tun sie nicht.“
„Das weißt du nicht.“
Marcus warf für eine halbe Sekunde einen Blick über die Schulter.
„Niemand ist hinter uns.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Ich versuchte, ihm zu vertrauen.
Aber Dereks Worte spielten sich immer wieder in meinem Kopf ab.
Wir wissen jetzt, wo du wohnst.
Ich blieb erst stehen, als der Laden vollständig außer Sicht war.
Dann beugte ich mich nach vorn und rang nach Luft.
„Scheiße“, keuchte ich. „Scheiße, scheiße, scheiße.“
Marcus blieb sofort neben mir stehen.
„Hey.“
Ich hob eine Hand.
„Gib mir eine Sekunde.“
Er wartete.
Ich sog zitternd Luft ein, aber meine Lunge fühlte sich eng an. Meine Brust brannte vom Rennen, und die Panik machte es nicht besser.
Marcus strich mir über den Rücken.
„Atme. Du bist okay.“
„Ich bin nicht okay.“ Ich richtete mich wieder auf und atmete immer noch schwer. „Du hast gehört, was er gesagt hat. Sie wissen, wo ich wohne.“
„Sie versuchen nur, dir Angst zu machen.“
„Na ja, es funktioniert.“
„Ich weiß.“
Ich sah ihn an.
Jetzt sah er wütend aus. Nicht auf mich. Auf sie.
„Diese Typen sind immer noch Arschlöcher.“
Ich lachte bitter.
„Das ist noch nett ausgedrückt.“
Marcus schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, wie Leute wie die sich nach all den Jahren noch an etwas aus der Highschool erinnern und immer noch so tun können, als wäre es lustig.“
„Weil es für sie lustig war.“
Er runzelte die Stirn.
„Es war nicht lustig.“
„Ich weiß.“
Ich sah auf den Gehweg.
„Sie haben das ständig gemacht. Sind mir nach der Schule gefolgt. Haben meine Tasche genommen. Mich herumgeschubst. Dinge über mich gesagt.“
Marcus schwieg.
„Ich dachte, es wäre vorbei.“
„Das dachte ich auch.“
Ich rieb mir über die Arme.
„Sie werden nicht aufhören. Das tun sie nie.“
„Dann werden wir damit umgehen.“
„Wie?“
Ich sah ihn an.
„Du kannst nicht die ganze Zeit bei mir sein.“
„Ich weiß.“
Er hielt inne und dachte nach.
„Dann finden wir eine Lösung.“
„Was soll das überhaupt heißen?“
„Es bedeutet, dass du damit nicht allein klarkommen musst.“
Ich sah weg.
Marcus seufzte.
„Rowan, ich meine das ernst. Wenn sie noch einmal in deine Nähe kommen, erzählen wir es jemandem. Dem Sicherheitsdienst. Der Polizei. Wem auch immer wir es sagen müssen.“
„Ich will die Sache nicht größer machen, als sie ohnehin schon ist.“
„Sie ist bereits groß.“
„Ich will einfach nur, dass sie mich in Ruhe lassen.“
„Und ich will, dass du sicher bist.“
Seine Stimme wurde sanfter.
„Diese beiden Dinge sind nicht immer dasselbe.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
Wir gingen wieder weiter, diesmal langsamer.
Nach einigen Augenblicken sprach Marcus.
„Vielleicht solltest du es Jace erzählen.“
Ich blinzelte.
„Was?“
„Jace.“
Ich schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
„Du hast gesagt, dass er mit ihnen befreundet ist. Er könnte—“
„Nein.“ Ich unterbrach ihn. „Auf keinen Fall.“
„Warum nicht?“
„Weil es Jace egal ist, was mit mir passiert.“
Die Worte hingen zwischen uns in der Luft. Bitter und wahr.
„Das hat er heute Morgen ziemlich deutlich gemacht.“
„Du hast mir gerade gesagt, dass du Angst hast, weil drei Typen aus der Highschool vielleicht wissen, wo du wohnst.“
„Ich brauche seine Hilfe nicht.“
„Offensichtlich schon.“
Ich blieb stehen.
„Was soll ich ihm denn erzählen?“
Marcus blieb ebenfalls stehen.
„Ich weiß es nicht. Die Wahrheit?“
Ich sah weg.
„Die Wahrheit ist, dass ich Jace da nicht mit hineinziehen will.“
„Warum?“
„Weil es nichts ändern wird.“
„Das weißt du nicht.“
„Doch.“
„Woher?“
„Weil Jace sich nicht dafür interessiert.“
ROWANS SICHT„Zweimal an einem Tag. Ich schätze, heute ist unser Glückstag“, sagte Derek in dem Moment, in dem er uns in dem kleinen Laden entdeckte, in den wir gekommen waren, um etwas zu kaufen.Marcus packte mich am Handgelenk und zog mich zum Ausgang.„Komm. Wir gehen.“Ich stolperte hinter ihm her. Mein Herz raste, während mein Blick immer wieder zu Derek und seinen Freunden wanderte. Sie standen einfach nur da und beobachteten uns mit diesen widerlichen Grinsen.Ich konnte die Anspannung in meiner Brust von dem, was draußen passiert war, immer noch spüren. Meine Hände zitterten, und ich hasste den Gedanken, dass Derek es wahrscheinlich sehen konnte.„Schon wieder weg?“, rief Derek uns hinterher. „Aber ihr seid doch gerade erst gekommen.“Marcus blieb nicht stehen. Er zog mich weiter zur Tür.Ich warf einen Blick über meine Schulter.Derek stieß sich von der Wand ab.Mein Magen zog sich zusammen.„Marcus“, flüsterte ich.„Ich weiß.“Derek stellte sich uns in den Weg, noch bevor w
ROWANS SICHT„…und dann stand er einfach da, die Hose um die Knöchel, während die ganze Klasse zugesehen hat.“Marcus lachte so heftig, dass er kaum noch Luft bekam. Er beugte sich nach vorn und hielt sich den Bauch, während ich mich bemühte, ernst zu bleiben.„Auf keinen Fall. Das hast du dir ausgedacht.“„Ich schwöre bei Gott.“ Ich grinste. „Ms. Patterson musste ihn sogar bis zum Büro des Direktors begleiten. Eine ganze Woche lang hat er sich nicht mehr blicken lassen.“„Was ist danach mit ihm passiert?“„Anscheinend hat er die Schule gewechselt.“Marcus richtete sich auf. „Deswegen?“„Würdest du das nicht tun?“„Ehrlich? Ich würde in ein anderes Land ziehen.“Ich lachte und schüttelte den Kopf. „Du hättest sein Gesicht sehen sollen. Er hat versucht, den Harten zu spielen, aber seine Hände haben gezittert.“Wir standen vor einem kleinen Laden ein paar Blocks vom Park entfernt, jeweils ein kaltes Getränk in der Hand. Die Sonne begann unterzugehen und tauchte den Himmel in Orange und
ROWANS SICHTMarcus war bereits da, als ich ankam. Er saß auf unserer üblichen Bank am Ententeich und hielt zwei Eistees in den Händen.Er entdeckte mich, noch bevor ich die Bank erreichte, und runzelte sofort die Stirn.„Du siehst beschissen aus“, sagte er.„Danke.“ Ich ließ mich neben ihn auf die Bank fallen und nahm einen der Eistees. „Ich spüre die Liebe wirklich.“„Ich meine es ernst. Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen?“„Definiere Schlaf.“Er sah mich an. „Rowan.“„Mir geht's gut.“ Ich stach den Strohhalm in den Becher und nahm einen langen Schluck. Die kalte Flüssigkeit tat gut in meinem Hals. „Nur ein beschissener Morgen.“Marcus musterte mich einige Sekunden lang. Sein Blick wanderte über mein Gesicht und bemerkte wahrscheinlich die Müdigkeit, die ich nicht einmal versucht hatte zu verbergen.„Ist etwas passiert?“„Es passiert doch immer irgendwas.“„Das beantwortet meine Frage nicht.“Ich lehnte mich gegen die Bank und starrte auf den Teich. „Ich bin nach unten gegang
ROWANS SICHTIch betrat die Küche und blieb wie angewurzelt stehen.Lily saß am Tisch, trug eines von Jaces Shirts und sonst nichts. Ihre Haare waren zerzaust, ihre Lippen geschwollen, und sie scrollte durch ihr Handy, als würde ihr das Haus gehören. Ihr gegenüber saß das andere Mädchen von gestern Abend – Cassie oder wie auch immer sie hieß – und stocherte in einer Schüssel Müsli herum.Und Jace stand am Herd.Oben ohne.Er machte Eier.Natürlich tat er das.Die Szene sah schmerzhaft normal aus, als wären sie eine kleine glückliche Familie, die gemeinsam frühstückte. Lily fühlte sich in seinen Klamotten sichtlich wohl, Cassie wirkte vollkommen entspannt, und Jace stand am Herd, als wäre überhaupt nichts Ungewöhnliches passiert.Als wäre er nicht einfach weggegangen, nachdem er mich im peinlichsten Moment meines Lebens erwischt hatte.Ich blieb einen Moment im Türrahmen stehen und überlegte, ob ich mich einfach umdrehen und wieder nach oben gehen konnte. Doch mein Magen knurrte laut,
JACES SICHT„Du bist den ganzen Morgen schon komisch.“Ich starrte an die Decke. Ein Arm lag hinter meinem Kopf, der andere auf meinem Bauch. Lily hatte sich an meine Seite gekuschelt und zog mit ihren Fingern träge Kreise auf meiner Brust. Die Bettlaken waren um uns herum völlig zerwühlt.„Ich bin nicht komisch“, sagte ich.„Doch, bist du.“ Sie stützte sich auf einen Ellbogen und sah auf mich hinunter. „Du bist distanziert. Abwesend. Du hast mich gestern Nacht kaum angesehen.“„Ich war müde.“„Müde.“ Sie wiederholte das Wort, als würde sie mir nicht glauben. „Du bist nie müde. Du bist Jace Anderson. Du kannst die ganze Nacht durchmachen und trotzdem perfekt aussehend zum Unterricht erscheinen.“Ich antwortete nicht. Ich starrte einfach weiter an die Decke.Lily hob ihre Hand und wedelte damit vor meinem Gesicht herum. „Hallo? Hörst du mir überhaupt zu?“„Ja, ich höre dir zu.“„Dann antworte mir.“Ich drehte den Kopf zu ihr. „Was soll ich denn sagen?“„Die Wahrheit wäre ein guter Anfa
ROWANS SICHT„Er hat mich erwischt.“„Wobei?“Ich schloss die Augen. Die Worte lagen wie Gift auf meiner Zunge, schwer und bitter. Ich hatte sie noch nie laut ausgesprochen. Noch nie hatte ich irgendjemandem erzählt, was in dieser Nacht passiert war.Aber Marcus wartete geduldig, so wie immer, wenn ich ihn am dringendsten brauchte.„Mich selbst zu berühren“, flüsterte ich. „Seinen Namen zu sagen.“Stille.Lang, schwer und erdrückend.Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Ich konnte Marcus am anderen Ende der Leitung atmen hören, aber er sagte nichts. Die Stille zog sich weiter hin, und mit jeder Sekunde wurde der Druck in meiner Brust stärker.„Marcus?“ Meine Stimme brach. „Sag etwas.“Er atmete langsam aus. „Wow. Okay. Das ist … das ist eine Menge.“Ich kniff die Augen fest zusammen. „Ich weiß. Ich bin widerlich. Du musst nicht—“„Hey.“ Seine Stimme wurde schärfer. „Hör auf. Das habe ich nicht gesagt.“„Das musstest du auch nicht.“„Rowan.“ Er sagte meinen Namen wie eine Warnung. „I







