ログインROWANS SICHT
Ich ging durch die Haustür und blieb stehen.
Jace lag ausgestreckt auf dem Sofa und scrollte auf seinem Handy, als hätte er nicht die geringste Sorge auf der Welt. Der Fernseher lief, war aber stummgeschaltet. Eine halb leere Wasserflasche stand auf dem Couchtisch, und eines der Kissen war auf den Boden gefallen.
Er sah nicht auf.
„Am Freitag ist eine Party“, sagte er.
Ich erstarrte. „Was?“
„Bei Derek. Alle aus der Schule werden da sein.“
Mein Magen sackte ab.
Dereks Party.
Sofort kehrte ich gedanklich zu dem kleinen Laden zurück. Derek, der mir den Weg versperrte. Tyler, der lachte. Cole, der mich mit diesem vertrauten, grausamen Gesichtsausdruck beobachtete.
Dann hallten Dereks letzte Worte in meinem Kopf wider.
Wir wissen jetzt, wo du wohnst.
Ich schloss meine Finger fester um meine Schlüssel.
„Ich gehe nicht hin“, sagte ich.
Endlich sah Jace auf. Seine kalten blauen Augen trafen meine für einen halben Moment, bevor sein Blick wieder zur Seite glitt.
„Ich habe nicht gefragt. Ich gebe dir nur die Information.“
Die Worte trafen mich wie eine Ohrfeige.
Keine Einladung. Nicht einmal ein Vorschlag. Nur eine Information. Als wäre ich irgendein Fremder, den er kaum ertrug.
Ich schluckte schwer.
„Ach so“, sagte ich. „Danke für die Neuigkeiten.“
Jace zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Handy zu.
Ich blieb einen Moment stehen und wartete auf irgendetwas. Irgendeine Reaktion. Eine Frage. Ein einziges Wort, das bewies, dass ich in seiner Welt überhaupt existierte.
Nichts.
Der Raum fühlte sich zu still an, obwohl der Fernseher im Hintergrund lautlos weiterlief.
Ich sah ihn noch einmal an.
Er wirkte vollkommen entspannt, einen Knöchel über das andere Knie gelegt. Sein Haar war leicht zerzaust, und die Ärmel seines Shirts hatte er bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Er sah aus wie derselbe Jace, den alle in der Schule bewunderten.
Selbstbewusst. Unerreichbar. Völlig ahnungslos, welchen Schaden er anrichtete.
Oder vielleicht wusste er es und es war ihm einfach egal.
„Hat Derek dich eingeladen?“, fragte ich, bevor ich mich zurückhalten konnte.
Jaces Daumen hielt auf dem Bildschirm inne.
„Offensichtlich.“
„Richtig.“
„Warum?“
Ich schüttelte den Kopf. „Kein Grund.“
Er musterte mich einen Moment. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber etwas in seinen Augen wurde schärfer.
„Hast du vor hinzugehen?“
Ich hätte beinahe gelacht.
Warum fragte er das jetzt?
„Hast du nicht gerade gesagt, dass du nicht fragst?“
Sein Kiefer spannte sich leicht an.
„Ich war nur neugierig.“
„Na, jetzt weißt du es. Ich gehe nicht hin.“
„Gut.“
Dieses eine Wort ließ meine Brust schmerzen.
Ich zwang mich zu einem Nicken.
„Super. Dann sind wir uns ja einig.“
Ich drehte mich um und ging auf die Treppe zu. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der vorherige. Meine Brust war eng, meine Kehle brannte, und ich konnte nicht verstehen, warum ich überhaupt überrascht war.
So war es immer. So war es schon immer gewesen.
Jace war es egal. Ich war ihm egal. Alles war ihm egal.
Zumindest redete ich mir das ständig ein.
Ich erreichte mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Dann lehnte ich mich dagegen und schloss die Augen.
Ein paar Sekunden lang blieb ich einfach stehen. Ich konnte mir beinahe vorstellen, wie Jace noch immer auf dem Sofa saß, auf seinem Handy scrollte und das Gespräch längst vergessen hatte.
Dereks Party. Alle aus der Schule.
Das bedeutete Derek, Tyler und Cole. Dieselben Typen, die mich im Laden in die Enge getrieben hatten. Dieselben Typen, die angekündigt hatten, mich bald wiederzusehen.
Wir wissen jetzt, wo du wohnst.
Ich presste eine Hand auf meine Brust und versuchte zu atmen.
Der Gedanke daran, dass sie in der Nähe unseres Hauses auftauchen könnten, ließ sich mein Magen verkrampfen. Ich zog meine Jacke aus und warf sie aufs Bett.
„Das ist doch lächerlich“, murmelte ich.
Ich war zu Hause. Hier sollte ich eigentlich sicher sein.
Aber irgendwie fühlte sich selbst mein eigenes Zimmer nicht mehr vollkommen sicher an.
Mein Handy vibrierte.
Ich zog es heraus.
Marcus.
Marcus: Dereks Party am Freitag. Wir sollten hingehen.
Ich starrte auf die Nachricht.
Wir sollten hingehen.
Meinte er das ernst?
Nach dem, was im Laden passiert war? Nachdem Derek mich buchstäblich bedroht hatte?
Ich tippte schnell eine Antwort.
Ich: Bist du verrückt? Diese Typen werden dort sein. Und woher weißt du überhaupt von der Party?
Fast sofort erschienen die drei Punkte.
Marcus: Ich weiß. Genau deshalb sollten wir hingehen. Lass nicht zu, dass sie dich so sehr einschüchtern, dass du dich versteckst. Ich habe durch den Tratsch in der Nachbarschaft davon erfahren.
Ich runzelte die Stirn und starrte auf den Bildschirm.
Ich: Ich verstecke mich nicht.
Seine Antwort kam ein paar Sekunden später.
Marcus: Doch, das tust du. Und ich verstehe es. Aber wenn du nicht auftauchst, gewinnen sie.
Ich setzte mich auf die Bettkante.
Er hatte nicht Unrecht. Genau das war das Problem.
Derek und seine Freunde hatten mein Leben jahrelang zur Hölle gemacht. Sie hatten mich herumgeschubst, über mich gelacht, jede Schwäche ausgenutzt, die sie finden konnten, und mich jedes Mal klein fühlen lassen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekamen.
Und jetzt bedrohten sie mich wieder.
Aber zu einer Party in Dereks Haus zu gehen?
Das fühlte sich an, als würde ich direkt in eine Falle laufen und hoffen, dass sie nicht zuschnappte.
Ich: Du stellst es so dar, als wäre es einfach.
Marcus: Ich habe nicht gesagt, dass es einfach wird.
Ich: Warum tust du dann so, als sollte ich einfach dort hineingehen?
Marcus: Weil du dein Leben nicht wegen ihnen verändern müssen solltest.
Ich starrte lange auf seine Nachricht.
Etwas an der Art, wie Marcus sprach, beruhigte mich. Er tat nie so, als wäre alles in Ordnung, aber er weigerte sich auch, mich glauben zu lassen, dass ich hilflos war.
Trotzdem klang Mut anders, wenn man nicht selbst bedroht wurde.
Ich rieb mir über die Stirn.
Ich: Was, wenn sie etwas versuchen?
Die Schreibblase erschien, verschwand und tauchte wieder auf.
Marcus: Dann gehen wir. Oder wir holen Hilfe. Wir bleiben nicht dort und spielen die Harten.
Ich atmete leise aus.
Das klang vernünftiger.
Dann kam eine weitere Nachricht.
Marcus: Ich werde da sein. Du wirst nicht allein sein.
Ich starrte auf die Worte.
Du wirst nicht allein sein.
Ich wollte ihm glauben. Wollte glauben, dass es einen Unterschied machen würde, wenn Marcus bei mir war.
Doch meine Gedanken wanderten zu Jace.
Seine kalte Stimme.
Ich habe nicht gefragt. Ich gebe dir nur die Information.
Er würde von der Party wissen. Wahrscheinlich würde er auch dort sein. Mit Lily. Mit Cassie. Mit wem auch immer er sonst mitbringen wollte.
Zu dieser Party zu gehen bedeutete, mich meinen Peinigern zu stellen. Jace gegenüberzutreten. Mich der Realität zu stellen, dass ich ihm nichts bedeutete – nur ein Stiefbruder, den er duldete, ignorierte und so tat, als würde er nicht existieren.
Aber zu Hause zu bleiben bedeutete Sicherheit. Keine Sorgen. Keine Angst vor dem, was passieren könnte.
Mein Handy vibrierte erneut.
Ich nahm es in die Hand.
Marcus: Du musst dich jetzt noch nicht entscheiden. Denk einfach darüber nach. Egal, wofür du dich entscheidest, ruf mich an.
Genau. Ich hatte meine Entscheidung bereits getroffen.
ROWANS SICHTDereks Arm schloss sich wie ein Schraubstock um meine Schultern.Seine Finger gruben sich in meine Haut, und ich kämpfte darum, mein Gesicht ruhig zu halten. Die Musik dröhnte noch immer um uns herum, aber die Leute in unserer Nähe hatten angefangen, aufmerksam zu werden. Gespräche verstummten, während sich immer mehr Köpfe in unsere Richtung drehten.„Alle herhören!“, rief er laut. Seine Stimme schnitt durch die Musik. „Das hier ist Rowan. Wir waren zusammen auf der Schule.“Ein paar Köpfe drehten sich um. Dann noch mehr. Die Menge begann sich zu sammeln, angelockt von dem Tumult.Mein Magen verkrampfte sich.Ich erkannte einige der Gesichter, die mich beobachteten. Ein paar kannte ich aus der Schule, während die anderen Fremde waren, die offenbar Spaß an der plötzlichen Szene hatten. Jemand in der Nähe der Treppe hob sein Handy.Derek bemerkte die Aufmerksamkeit und grinste noch breiter.„Er war unser Lieblings-Boxsack“, fuhr er grinsend fort. „Aber ich bin mir sicher,
JACES SICHT„—und dann fing sie einfach an zu schreien. Mitten im Restaurant. Alle haben sie angestarrt.“Ich lachte und lehnte den Kopf gegen die Couch. Lily lag auf meinem Schoß, ihre Finger spielten mit dem Kragen meines Shirts, während ihre Lippen dieses zufriedene Lächeln umspielten, das sie immer trug, wenn sie meine Aufmerksamkeit hatte.„Hat sie nicht“, sagte ich.„Hat sie doch.“ Lily grinste. „Ich war noch nie in meinem Leben so peinlich berührt.“„Was hast du überhaupt gemacht?“„Ich habe ihr gesagt, sie soll sich beruhigen.“Ich hob eine Augenbraue. „Du hast einer schreienden Frau gesagt, sie soll sich beruhigen?“„Ich wollte ihr doch nur helfen.“„Wahrscheinlich hat sie deshalb noch lauter geschrien.“Lily schlug mir lachend auf die Brust. „Du bist so nervig.“„Aber du magst mich.“„Leider.“Sie lehnte sich wieder an mich und legte den Kopf in die Nähe meiner Schulter. Um uns herum pulsierte die Party. Auf den Sofas in der Nähe lagen Pärchen eng aneinander, küssten sich un
ROWANS SICHTDas Haus war ein Monster.Drei Stockwerke aus Glas und Stein, beleuchtet wie ein Club. Die Musik war so laut, dass ich sie in meiner Brust spüren konnte, noch bevor wir die Haustür erreichten. Menschen strömten auf den Rasen hinaus, rote Becher in den Händen, während sie lachten und sich über den Bass hinweg anschrieen. Einige standen in kleinen Gruppen neben der Einfahrt, während andere unter Lichterketten in verschiedenen Farben tanzten.Ein Paar stolperte lachend an uns vorbei. Jemand rief von einem Balkon im Obergeschoss herunter, und eine Gruppe antwortete mit Jubel.Ich blieb am Rand der Einfahrt stehen.„Ich kann das nicht.“Marcus, der neben mir gegangen war, drehte sich sofort zu mir um.„Doch, kannst du.“Ich schüttelte den Kopf und starrte das Haus an. Mein Magen fühlte sich an, als würde er sich zu einem Knoten zusammenziehen.„Marcus—“„Du kannst es.“ Er sah mich ruhig und ernst an. „Ich bin hier. Ich gehe nirgendwohin.“Ich sah zu den Leuten, die sich drauße
ROWANS SICHTIch rief Marcus an.„Bist du verrückt?“, zischte ich und lief in meinem Zimmer auf und ab. „Dereks Party? Diese Typen werden mich bei lebendigem Leib auffressen. Du hast doch gesehen, was im Laden passiert ist, oder?“Marcus' Stimme klang am anderen Ende ruhig. „Genau deshalb solltest du hingehen. Zeig ihnen, dass du keine Angst hast.“Ich blieb stehen. „Ich habe Angst. Genau das ist das Problem.“„Ich weiß.“ Er seufzte. „Aber dich zu verstecken, wird es nicht besser machen. Es wird sie nur noch dreister machen.“Ich rieb mir über die Stirn und warf einen Blick auf meine Zimmertür. Ich hatte sie geschlossen, senkte aber trotzdem meine Stimme.„Marcus, sie wissen jetzt, wo ich wohne. Derek hat es praktisch direkt vor dem Laden angekündigt. Was, wenn sie beschließen, mir nach der Party nach Hause zu folgen? Was, wenn sie draußen auf mich warten?“„Dann sorgen wir dafür, dass du nicht allein nach Hause gehst.“„Darum geht es nicht.“„Worum geht es dann?“Ich öffnete den Mund
ROWANS SICHTIch ging durch die Haustür und blieb stehen.Jace lag ausgestreckt auf dem Sofa und scrollte auf seinem Handy, als hätte er nicht die geringste Sorge auf der Welt. Der Fernseher lief, war aber stummgeschaltet. Eine halb leere Wasserflasche stand auf dem Couchtisch, und eines der Kissen war auf den Boden gefallen.Er sah nicht auf.„Am Freitag ist eine Party“, sagte er.Ich erstarrte. „Was?“„Bei Derek. Alle aus der Schule werden da sein.“Mein Magen sackte ab.Dereks Party.Sofort kehrte ich gedanklich zu dem kleinen Laden zurück. Derek, der mir den Weg versperrte. Tyler, der lachte. Cole, der mich mit diesem vertrauten, grausamen Gesichtsausdruck beobachtete.Dann hallten Dereks letzte Worte in meinem Kopf wider.Wir wissen jetzt, wo du wohnst.Ich schloss meine Finger fester um meine Schlüssel.„Ich gehe nicht hin“, sagte ich.Endlich sah Jace auf. Seine kalten blauen Augen trafen meine für einen halben Moment, bevor sein Blick wieder zur Seite glitt.„Ich habe nicht ge
ROWANS SICHT„Zweimal an einem Tag. Ich schätze, heute ist unser Glückstag“, sagte Derek in dem Moment, in dem er uns in dem kleinen Laden entdeckte, in den wir gekommen waren, um etwas zu kaufen.Marcus packte mich am Handgelenk und zog mich zum Ausgang.„Komm. Wir gehen.“Ich stolperte hinter ihm her. Mein Herz raste, während mein Blick immer wieder zu Derek und seinen Freunden wanderte. Sie standen einfach nur da und beobachteten uns mit diesen widerlichen Grinsen.Ich konnte die Anspannung in meiner Brust von dem, was draußen passiert war, immer noch spüren. Meine Hände zitterten, und ich hasste den Gedanken, dass Derek es wahrscheinlich sehen konnte.„Schon wieder weg?“, rief Derek uns hinterher. „Aber ihr seid doch gerade erst gekommen.“Marcus blieb nicht stehen. Er zog mich weiter zur Tür.Ich warf einen Blick über meine Schulter.Derek stieß sich von der Wand ab.Mein Magen zog sich zusammen.„Marcus“, flüsterte ich.„Ich weiß.“Derek stellte sich uns in den Weg, noch bevor w







