LOGINROWANS SICHT
Im Auto herrschte Schweigen.
Jace fuhr mit den Augen fest auf die Straße gerichtet. Beide Hände lagen am Lenkrad. Seit wir eingestiegen waren, hatte er kein Wort gesagt.
Ich saß auf dem Beifahrersitz, mein Kiefer pochte mit jedem Herzschlag. Ich konnte förmlich spüren, wie sich der Bluterguss bildete – eine schöne violette Erinnerung daran, wie mein Gesicht Dereks Faust begegnet war. Jede Unebenheit auf der Straße ließ den Schmerz in meinem Kopf erneut aufflammen, und ich hielt eine Hand an meine Wange, wobei ich darauf achtete, die schmerzhafteste Stelle nicht zu berühren.
Marcus saß hinten. Alle paar Sekunden spürte ich seinen Blick auf mir, als würde er überprüfen, ob ich noch atmete.
Niemand sprach.
Die Straßenlaternen zogen eine nach der anderen an uns vorbei und tauchten das Auto für kurze Momente in orangefarbenes Licht, bevor wir wieder in die Dunkelheit eintauchten. Das Radio war ausgeschaltet. Die Klimaanlage summte leise.
Es war erdrückend.
Ich versuchte, mich auf die Straße vor uns zu konzentrieren, aber meine Gedanken kehrten immer wieder zur Party zurück. Dereks Arm um meine Schultern. Das Gelächter der Menge. Marcus, der ihn anschrie, mich loszulassen. Dann der Schlag, der Boden und dieses schreckliche Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Und Jace.
Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie er sich zwischen mich und Derek gestellt hatte. Er hatte nicht gezögert. Seine Stimme war so kalt gewesen, dass selbst Derek einen Schritt zurückgewichen war.
Für ein paar Sekunden hatte ich mich sicher gefühlt.
Jetzt saß ich neben ihm, und er tat so, als wäre nichts passiert.
Ich hielt es nicht mehr aus.
„Warum hast du das getan?“, fragte ich.
Jace antwortete nicht. Er starrte einfach weiter auf die Straße.
Ich wartete und hoffte, dass er von sich aus etwas sagen würde. Als nichts kam, drehte ich mich zu ihm.
„Jace. Ich stelle dir eine Frage.“
Sein Kiefer spannte sich an. Für einen Moment dachte ich, er würde mich wieder ignorieren.
Dann sprach er.
„Du sahst erbärmlich aus. Das ist alles.“
Die Worte trafen mich wie ein zweiter Schlag.
Ich zuckte zusammen und drehte mich zum Fenster, damit er mein Gesicht nicht sehen konnte.
„Klar“, murmelte ich. „Natürlich.“
„Mann, das ist nicht fair.“ Marcus beugte sich vom Rücksitz nach vorne. „Er hat gerade—“
„Halt dich da raus.“ Jaces Stimme war eiskalt.
Marcus starrte auf seinen Hinterkopf. „Meinst du das ernst?“
„Marcus“, sagte ich leise.
„Nein, Rowan. Ich sitze nicht hier und lasse zu, dass er so mit dir redet.“ Seine Stimme wurde lauter. „Du wurdest ins Gesicht geschlagen, weil Derek dich demütigen wollte. Jace war derjenige, der eingeschritten ist, und jetzt tut er so, als solltest du dankbar sein, dass er sich überhaupt eingemischt hat.“
„Ich habe gesagt, halt dich da raus“, wiederholte Jace.
„Er wurde deinetwegen ins Gesicht geschlagen—“
„Ich habe gesagt, halt dich da raus.“
Wieder fiel Schweigen über das Auto.
Ich presste meine Stirn gegen die kalte Scheibe und schloss die Augen. Mein Kiefer schmerzte. Meine Brust schmerzte. Alles tat weh.
Warum hast du das getan?
Ich hatte gefragt, weil ich es wissen musste. Weil ich für einen kurzen Moment, als Jace sich zwischen mich und Derek gestellt hatte, gedacht hatte – gehofft hatte—
Vielleicht kümmerte er sich um mich.
Vielleicht hatte es ihm endlich die Augen geöffnet, mich verletzt zu sehen. Vielleicht hatte er sich darüber aufgeregt, dass Derek mich angefasst hatte, dass jemand mich vor seinen Augen verletzt hatte.
Aber das war lächerlich.
Jace hatte deutlich gemacht, was er von mir hielt. Oft genug. Auf unterschiedliche Weise. Ich war nervig. Ich war erbärmlich. Ich war jemand, von dem er Abstand halten wollte.
Und jetzt hatte er mir einen weiteren Grund gegeben, ihm zu glauben.
Ich öffnete die Augen und sah zu, wie die Straßenlaternen vorbeizogen. Ich erinnerte mich daran, wie er auf mich hinuntergesehen hatte. Wie sich sein Gesichtsausdruck für einen Moment verändert hatte, als sich unsere Blicke getroffen hatten.
Ich wünschte, ich könnte aufhören, mich daran zu erinnern.
„Tut dein Kopf noch weh?“, fragte Marcus hinter mir.
Ich drehte mich leicht um. „Ein bisschen.“
„Ist dir schwindelig?“
„Nicht wirklich.“
„Lüg nicht.“
„Tue ich nicht.“
Er beugte sich nach vorne, um mein Gesicht besser sehen zu können. „Du solltest deinen Kopf untersuchen lassen, wenn wir zu Hause sind. Du bist ziemlich hart auf dem Boden aufgeschlagen.“
„Ich weiß.“
„Und wir müssen Eis auf deinen Kiefer legen.“
„Ich weiß, Marcus.“
Er wurde still, aber ich merkte, dass er nicht zufrieden war. Er machte sich Sorgen, und ich hasste es, dass er sich nach allem, was passiert war, auch noch um mich sorgen musste.
Jace sagte nichts.
Nicht ein einziges Mal.
Ein paar Minuten später bogen wir in die Einfahrt ein. Das Anwesen ragte dunkel vor uns auf, nur die Verandalampe brannte. Jace stellte den Motor ab, bewegte sich aber nicht.
Für einen Moment dachte ich, er würde endlich etwas sagen. Vielleicht würde er fragen, ob es mir besser ging. Vielleicht würde er Marcus bitten, mir ins Haus zu helfen. Vielleicht würde er erklären, warum er die Party verlassen hatte, um uns nach Hause zu bringen.
Stattdessen sagte er:
„Steigt aus.“
Ich blinzelte. „Was?“
„Ihr beide. Steigt aus.“
Ich drehte mich zu ihm. „Du kommst nicht mit rein?“
„Ich gehe zurück zur Party.“
„Was?“ Ich starrte ihn an. „Aber du bist gegangen. Du hast doch gesagt—“
„Ich habe gar nichts gesagt.“
„Du hast die Party verlassen, um uns nach Hause zu bringen. Ich dachte—“
„Tja, dann hast du dich eben geirrt.“
Endlich sah er mich an. Seine Augen waren kalt. Leer.
„Ich gehe zurück, um Lily zu holen.“
Mein Magen sackte ab.
Lily. Natürlich.
Er hatte sie dort zurückgelassen. Er hatte seinen Abend, seinen Spaß, seine Freundin – oder was auch immer sie war – aufgegeben, um uns nach Hause zu schleppen. Und jetzt ging er zurück.
Als wäre nichts passiert.
Als wäre ich nur ein Hindernis gewesen, das er aus dem Weg räumen musste, bevor er zu seinem richtigen Leben zurückkehren konnte.
Ich sah auf meine Hände hinunter. Ich wusste nicht, was ich von ihm erwartet hatte. Ein Dankeschön wäre lächerlich gewesen. Eine Entschuldigung dafür, wie er mit mir gesprochen hatte, wäre noch unwahrscheinlicher gewesen.
Aber ein kleiner Teil von mir hatte gehofft, dass er lange genug bleiben würde, um sicherzugehen, dass es mir gut ging.
Anscheinend war selbst das zu viel verlangt.
„Raus“, sagte er. „Jetzt.“
Marcus öffnete seine Tür und stieg aus. Ich blieb wie erstarrt auf meinem Sitz.
„Rowan.“ Jaces Stimme war scharf. „Ich sagte, steig aus.“
Ich sah ihn noch einmal an. Versuchte, etwas in seinem Gesicht zu finden. Etwas, das erklärte, was gerade passiert war. Etwas, das Sinn ergab.
Da war nichts.
Seine Hand lag bereits wieder auf dem Lenkrad. Seine Aufmerksamkeit hatte sich auf die Einfahrt gerichtet, als würde er nur darauf warten, dass ich aufhörte, seine Zeit zu verschwenden.
Ich öffnete die Tür und stieg aus.
Meine Füße berührten den Boden, und ich musste mich am Auto abstützen. Mein Kopf drehte sich kurz unangenehm, aber ich schaffte es, stehen zu bleiben.
Marcus kam näher. „Alles okay?“
„Ja.“
Er warf Jace durch die offene Tür einen wütenden Blick. Ich schüttelte leicht den Kopf und bat ihn damit, keinen weiteren Streit anzufangen.
Es gab nichts mehr zu sagen.
In dem Moment, in dem ich die Tür schloss, heulte der Motor auf. Jace setzte aus der Einfahrt zurück und verschwand die Straße hinunter.
Ich blieb stehen und sah seinen Rücklichtern nach, bis sie in der Ferne verschwanden.
Ein paar Sekunden lang konnte ich mich nicht bewegen. Das Motorengeräusch wurde immer leiser, bis es verschwunden war und nur noch die Nacht um uns herum blieb.
Marcus stellte sich neben mich.
„Er ist ein Arschloch“, sagte er.
Ich antwortete nicht.
„Im Ernst, Rowan. Was zum Teufel stimmt mit ihm nicht?“
„Ich weiß es nicht.“ Meine Stimme brach.
Marcus legte mir eine Hand auf die Schulter. „Komm. Lass uns reingehen. Du musst deinen Kiefer kühlen.“
Ich ließ mich von ihm zum Haus führen.
JACES SICHTIch fing mein Spiegelbild im Rückspiegel auf und erkannte mich selbst fast nicht wieder.Mein Kiefer war angespannt. Mein Blick war hart. Meine Fingerknöchel waren weiß, so fest umklammerte ich das Lenkrad. Ich sah aus, als wäre ich kurz davor, jemanden zu schlagen.Ich zwang mich zu atmen.Was auf der Party passiert war, lag jetzt hinter mir und wurde mit jedem Kilometer kleiner. Aber das Bild von Rowan auf dem Boden – keuchend, nach Luft ringend, hilflos – hatte sich in mein Gehirn eingebrannt.Was zum Teufel war das gewesen?Ich war dazwischengegangen. Ich hatte Derek bedroht, als würde mir Rowan tatsächlich etwas bedeuten.Warum?Es war Instinkt gewesen. Jeder hätte das getan. Jeder mit einem Funken Anstand hätte eingegriffen, wenn er gesehen hätte, wie jemand verletzt wurde.Aber diese Erklärung fühlte sich hohl an.Ich wechselte die Spur und sah sofort wieder in den Rückspiegel. Meine Hände umklammerten das Lenkrad immer noch viel zu fest. Ich lockerte den Griff, doc
ROWANS SICHTIm Auto herrschte Schweigen.Jace fuhr mit den Augen fest auf die Straße gerichtet. Beide Hände lagen am Lenkrad. Seit wir eingestiegen waren, hatte er kein Wort gesagt.Ich saß auf dem Beifahrersitz, mein Kiefer pochte mit jedem Herzschlag. Ich konnte förmlich spüren, wie sich der Bluterguss bildete – eine schöne violette Erinnerung daran, wie mein Gesicht Dereks Faust begegnet war. Jede Unebenheit auf der Straße ließ den Schmerz in meinem Kopf erneut aufflammen, und ich hielt eine Hand an meine Wange, wobei ich darauf achtete, die schmerzhafteste Stelle nicht zu berühren.Marcus saß hinten. Alle paar Sekunden spürte ich seinen Blick auf mir, als würde er überprüfen, ob ich noch atmete.Niemand sprach.Die Straßenlaternen zogen eine nach der anderen an uns vorbei und tauchten das Auto für kurze Momente in orangefarbenes Licht, bevor wir wieder in die Dunkelheit eintauchten. Das Radio war ausgeschaltet. Die Klimaanlage summte leise.Es war erdrückend.Ich versuchte, mich
ROWANS SICHTJaces Worte hingen wie eine Drohung in der Luft.„Wie auch immer“, murmelte er. „Der Freak ist es sowieso nicht wert.“Er drehte sich um und verschwand in der Menge. Tyler und Cole folgten ihm wortlos.Ich sah ihnen nach, obwohl ich sie kaum deutlich erkennen konnte. Mein Kopf drehte sich immer noch, und jede Bewegung ließ den Schmerz in meinem Kiefer schlimmer werden. Ich wollte mich aufsetzen, aber mein Körper fühlte sich schwach an, als hätte der Schlag mir jede Kraft geraubt.Marcus blieb neben mir, eine Hand noch immer auf meiner Schulter.„Beweg dich nicht zu schnell“, sagte er. „Ganz ruhig.“Ich nickte und bereute es sofort. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Kopf, und ich schloss die Augen.„Scheiße. Tut dein Kopf auch weh?“„Ein bisschen.“„Ein bisschen?“ Marcus starrte mich an. „Rowan, du wurdest gerade ins Gesicht geschlagen und bist so hart auf dem Boden aufgeschlagen, dass man es gehört hat. Natürlich tut dein Kopf weh.“Ich wollte ihm sagen, dass ich
ROWANS SICHTDer Aufprall schleuderte mich zu Boden.Mein Kopf schlug hart auf dem Boden auf, und die Welt kippte zur Seite. Schmerz explodierte in meinem Schädel, scharf und blendend. Für einen Moment wusste ich nicht, wo oben und unten war.Ich hörte wieder jemanden schreien, gefolgt vom Klirren zerbrechenden Glases in meiner Nähe. Die Musik dröhnte weiter, völlig unbeeindruckt von dem Chaos um sie herum.Ich versuchte, den Kopf zu heben, aber die Bewegung jagte eine weitere Schmerzwelle durch meinen Schädel. Mein Kiefer pochte dort, wo Derek mich getroffen hatte, und etwas Warmes breitete sich über meine Unterlippe aus.Stimmen verschwammen um mich herum. Laut. Verzerrt. Als wäre ich unter Wasser.„Rowan!“Marcus. Seine Stimme schnitt panisch durch den Lärm.Ich versuchte zu antworten, aber meine Brust war viel zu eng. Ich konnte nicht atmen. Nicht sprechen. Nichts tun, außer dort zu liegen und wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft zu schnappen.Die Luft wollte einfach nicht ri
ROWANS SICHTDereks Arm schloss sich wie ein Schraubstock um meine Schultern.Seine Finger gruben sich in meine Haut, und ich kämpfte darum, mein Gesicht ruhig zu halten. Die Musik dröhnte noch immer um uns herum, aber die Leute in unserer Nähe hatten angefangen, aufmerksam zu werden. Gespräche verstummten, während sich immer mehr Köpfe in unsere Richtung drehten.„Alle herhören!“, rief er laut. Seine Stimme schnitt durch die Musik. „Das hier ist Rowan. Wir waren zusammen auf der Schule.“Ein paar Köpfe drehten sich um. Dann noch mehr. Die Menge begann sich zu sammeln, angelockt von dem Tumult.Mein Magen verkrampfte sich.Ich erkannte einige der Gesichter, die mich beobachteten. Ein paar kannte ich aus der Schule, während die anderen Fremde waren, die offenbar Spaß an der plötzlichen Szene hatten. Jemand in der Nähe der Treppe hob sein Handy.Derek bemerkte die Aufmerksamkeit und grinste noch breiter.„Er war unser Lieblings-Boxsack“, fuhr er grinsend fort. „Aber ich bin mir sicher,
JACES SICHT„—und dann fing sie einfach an zu schreien. Mitten im Restaurant. Alle haben sie angestarrt.“Ich lachte und lehnte den Kopf gegen die Couch. Lily lag auf meinem Schoß, ihre Finger spielten mit dem Kragen meines Shirts, während ihre Lippen dieses zufriedene Lächeln umspielten, das sie immer trug, wenn sie meine Aufmerksamkeit hatte.„Hat sie nicht“, sagte ich.„Hat sie doch.“ Lily grinste. „Ich war noch nie in meinem Leben so peinlich berührt.“„Was hast du überhaupt gemacht?“„Ich habe ihr gesagt, sie soll sich beruhigen.“Ich hob eine Augenbraue. „Du hast einer schreienden Frau gesagt, sie soll sich beruhigen?“„Ich wollte ihr doch nur helfen.“„Wahrscheinlich hat sie deshalb noch lauter geschrien.“Lily schlug mir lachend auf die Brust. „Du bist so nervig.“„Aber du magst mich.“„Leider.“Sie lehnte sich wieder an mich und legte den Kopf in die Nähe meiner Schulter. Um uns herum pulsierte die Party. Auf den Sofas in der Nähe lagen Pärchen eng aneinander, küssten sich un







