LOGINJACES SICHT
Ich fing mein Spiegelbild im Rückspiegel auf und erkannte mich selbst fast nicht wieder.
Mein Kiefer war angespannt. Mein Blick war hart. Meine Fingerknöchel waren weiß, so fest umklammerte ich das Lenkrad. Ich sah aus, als wäre ich kurz davor, jemanden zu schlagen.
Ich zwang mich zu atmen.
Was auf der Party passiert war, lag jetzt hinter mir und wurde mit jedem Kilometer kleiner. Aber das Bild von Rowan auf dem Boden – keuchend, nach Luft ringend, hilflos – hatte sich in mein Gehirn eingebrannt.
Was zum Teufel war das gewesen?
Ich war dazwischengegangen. Ich hatte Derek bedroht, als würde mir Rowan tatsächlich etwas bedeuten.
Warum?
Es war Instinkt gewesen. Jeder hätte das getan. Jeder mit einem Funken Anstand hätte eingegriffen, wenn er gesehen hätte, wie jemand verletzt wurde.
Aber diese Erklärung fühlte sich hohl an.
Ich wechselte die Spur und sah sofort wieder in den Rückspiegel. Meine Hände umklammerten das Lenkrad immer noch viel zu fest. Ich lockerte den Griff, doch ein paar Sekunden später ertappte ich mich wieder dabei.
Das Bild wollte mich einfach nicht loslassen.
Ich dachte an den Moment zurück, in dem Dereks Faust Rowans Kiefer getroffen hatte. Wie sein Kopf nach hinten geschnellt war. Wie er zu Boden gesunken war wie eine leblose Puppe.
Meine Brust zog sich zusammen.
Ich packte das Lenkrad noch fester.
Warum interessiert mich das?
Er war mein Stiefbruder. Das war alles. Das war der einzige Grund. Wenn ihm etwas passierte, würde mein Vater durchdrehen. Seine Mom wäre am Boden zerstört. Es würde einfach eine riesige Sache werden.
Deshalb hatte ich eingegriffen.
Nicht wegen des Blicks, den Rowan mir zugeworfen hatte, als ich ihn auf die Beine gezogen hatte. Nicht wegen der Art, wie seine Augen mich immer fanden, egal, in welchem Raum wir waren.
Nicht wegen des Gefühls, das meinen Magen zusammengezogen hatte, als ich ihn fallen sah.
Einfach Instinkt. Einfach Verantwortung.
Mehr nicht.
Ich bog zu schnell ab und spürte, wie die Reifen über eine holprige Stelle in der Straße rollten. Die plötzliche Bewegung brachte die Erinnerung daran zurück, wie Rowan gestrauchelt war, als ich ihm auf die Beine geholfen hatte.
Marcus hatte mich angefahren, weil ich ihn so grob hochgezogen hatte.
Ich hatte ihn nicht verletzen wollen. Das wusste ich. Aber ich war so darauf konzentriert gewesen, ihn da rauszubringen, dass ich gar nicht darüber nachgedacht hatte, wie schwach er war.
Ich atmete scharf aus.
Warum dachte ich überhaupt noch darüber nach?
Rowan war jetzt zu Hause. Marcus war bei ihm. Sie konnten aufeinander aufpassen. Es gab keinen Grund für mich, die Nacht immer wieder in meinem Kopf abzuspielen, als hätte ich etwas falsch gemacht.
Ich hatte sie aus einer schlimmen Situation herausgeholt. Das war alles.
Mein Handy vibrierte im Getränkehalter. Lily.
Ich nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Wo bist du?“, fragte sie.
„Ich bin unterwegs.“
„Woher?“
Ich zögerte. „Von zu Hause. Ich habe Rowan nach Hause gebracht.“
Stille.
Dann: „Was?“
„Du hast mich verstanden.“
„Du hast mich hier gelassen, um dich um diesen Freak zu kümmern?“
Ich biss die Zähne zusammen. „Nenn ihn nicht so.“
„Was?“
„Nichts. Vergiss es.“
„Nein. Was hast du gesagt?“
Ich warf einen Blick auf die Straße und umklammerte das Lenkrad wieder fester. „Ich sagte, du sollst kein großes Ding daraus machen. Ich habe ihn nur nach Hause gebracht. Ich komme zurück und hole dich ab.“
„Aber du hast dich doch nie für ihn interessiert.“ Ihre Stimme klang jetzt scharf. Misstrauisch. „Warum plötzlich diese Veränderung?“
„Er ist mein Stiefbruder, Lily.“ Ich sagte es langsam, als würde ich einem Kind etwas ganz Einfaches erklären. „Wenn ich ihn nicht nach Hause gebracht hätte und ihm etwas passiert wäre, würde mein Vater mich umbringen.“
„Aber—“
„Das reicht.“ Meine Stimme klang härter, als ich beabsichtigt hatte. „Ich fahre gerade, und es ist schwer genug, mich auf die Straße zu konzentrieren, wenn ich mir dein Gemecker anhören muss. Ich komme.“
Wieder eine Pause.
Dann: „Na gut. Wie auch immer. Komm einfach endlich her. Dieser Ort ist ohne dich langweilig.“
„Klar. Gib mir ein paar Minuten.“
Das Gespräch endete.
Ich legte das Handy zurück in den Getränkehalter und starrte auf die Straße vor mir.
Mein Vater würde mich umbringen.
Das war der Grund. Das war immer der Grund.
Es hatte nichts damit zu tun, wie sich Rowans Augen geweitet hatten, als er mich über sich stehen sah. Nichts damit, wie sich seine Hand um meinen Arm geschlossen hatte, als ich ihm auf die Beine geholfen hatte. Nichts mit diesem seltsamen, unbekannten Schmerz in meiner Brust, als ich ihn verletzt gesehen hatte.
Nichts.
Ich versuchte, mich wieder an die vertraute Erklärung zu klammern. Rowan lebte unter demselben Dach wie ich. Unsere Eltern waren verheiratet. Ob es mir gefiel oder nicht, wir waren Familie.
Wenn Derek jemand anderen vor meinen Augen angegriffen hätte, hätte ich genauso reagiert.
Wahrscheinlich.
Ich runzelte bei dem Gedanken die Stirn.
Hätte ich das wirklich?
Ich stellte mir vor, dass jemand anderes auf diesem Boden lag und nach Luft rang. Jemand, den ich kaum kannte. Ich konnte mir vorstellen, Derek aufzufordern, zurückzuweichen, und der Person vielleicht aufzuhelfen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dieselbe scharfe Panik zu verspüren, die mich erfasst hatte, als Rowan nicht mehr auf Marcus reagiert hatte.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dabei zuzusehen, wie die Menge lachte, und das Gefühl zu haben, ich wollte den ganzen Raum auseinandernehmen.
Mein Magen verkrampfte sich.
Ich bog auf die Hauptstraße ab und trat aufs Gas.
Doch selbst während ich fuhr, konnte ich das Bild von Rowans Gesicht nicht abschütteln. Den blauen Fleck, der sich auf seinem Kiefer gebildet hatte. Die Art, wie er mich angesehen hatte, als wäre ich mehr als das, was ich war.
Ich erinnerte mich an den Moment, als er draußen vor dem Haus meinen Namen gerufen hatte. Ich hatte mich nicht umgedreht. Ich hatte ihm gesagt, er solle nach Hause gehen, als hätte die Möglichkeit bestanden, dass sie mit einem eigenen Wagen gekommen wären.
Dann hatte Marcus erklärt, dass sie keine Mitfahrgelegenheit hatten.
Ich wäre beinahe trotzdem gefahren und hätte sie dort stehen lassen.
Der Gedanke ließ meinen Griff um das Lenkrad wieder fester werden.
Ich hatte Rowan nicht zurücklassen wollen. Ich hatte Abstand von den Fragen in seinen Augen gebraucht. Von der Art, wie er mich angesehen hatte, nachdem ich ihm geholfen hatte. Von diesem unangenehmen Gefühl, dass er darauf wartete, dass ich etwas sagte, von dem ich selbst nicht wusste, wie ich es sagen sollte.
Also war ich zu Lily zurückgefahren.
Das war einfach genug.
Lily wusste, was sie von mir wollte. Sie sah mich nicht an, als müsste ich jemand anderes sein. Bei ihr musste ich nicht darüber nachdenken, was meine Handlungen bedeuteten.
Ich konnte einfach ich selbst sein.
Warum dachte ich dann an Rowan statt an sie?
Mein Handy vibrierte erneut. Eine Nachricht von Lily, in der sie fragte, wie lange ich noch brauchen würde.
Ich antwortete nicht sofort.
Ich verspürte diesen seltsamen Drang, umzudrehen. Zurückzufahren. Etwas zu erklären.
Aber was sollte ich erklären?
Dass ich nicht vorgehabt hatte, einzugreifen, aber dass es mich wütend gemacht hatte, Derek dabei zu sehen, wie er ihn verletzte?
Dass ich Angst bekommen hatte, als Rowan keine Luft bekam?
Dass ich es gehasst hatte, wie er mich angesehen hatte, nachdem ich ihm auf die Beine geholfen hatte, weil ich für einen kurzen Moment gewollt hatte, dass er mich weiterhin so ansah?
Ich schüttelte den Kopf.
Nein.
Es gab nichts zu erklären. Ich hatte nichts Besonderes getan. Ich hatte jemandem geholfen, der Hilfe gebraucht hatte. Das bedeutete nicht mehr.
Ich wiederholte die Worte in meinem Kopf, aber sie fühlten sich nicht so beruhigend an, wie sie es eigentlich sollten.
Ich weiß es nicht.
Ich verstehe mich selbst nicht mehr.
Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?
ROWANS SICHTIch starrte mein Spiegelbild an und erkannte mich selbst kaum wieder.Der blaue Fleck an meinem Kiefer war schlimmer, als ich erwartet hatte. Violett und geschwollen, zog er sich von meinem Kinn bis hinauf zu meinem Wangenknochen. Vorsichtig berührte ich ihn und zischte vor Schmerz.„Scheiße“, murmelte ich.Ich drehte den Kopf leicht und betrachtete die andere Seite meines Gesichts. Die Schwellung war aus jedem Winkel deutlich zu sehen. Meine Unterlippe war aufgeplatzt, und neben meinem Kinn war eine kleine Schürfwunde. Ich sah aus, als hätte ich einen Kampf verloren.Was technisch gesehen auch stimmte.Ich beugte mich näher zum Spiegel und hoffte, dass das Badezimmerlicht alles schlimmer aussehen ließ, als es tatsächlich war.Tat es nicht.Der blaue Fleck war unmöglich zu übersehen. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu verstecken.Marcus war vor einer Stunde gegangen, nachdem er mich hatte versprechen lassen, die Stelle noch einmal zu kühlen und ihm zu schreiben, falls es sc
JACES SICHTIch fing mein Spiegelbild im Rückspiegel auf und erkannte mich selbst fast nicht wieder.Mein Kiefer war angespannt. Mein Blick war hart. Meine Fingerknöchel waren weiß, so fest umklammerte ich das Lenkrad. Ich sah aus, als wäre ich kurz davor, jemanden zu schlagen.Ich zwang mich zu atmen.Was auf der Party passiert war, lag jetzt hinter mir und wurde mit jedem Kilometer kleiner. Aber das Bild von Rowan auf dem Boden – keuchend, nach Luft ringend, hilflos – hatte sich in mein Gehirn eingebrannt.Was zum Teufel war das gewesen?Ich war dazwischengegangen. Ich hatte Derek bedroht, als würde mir Rowan tatsächlich etwas bedeuten.Warum?Es war Instinkt gewesen. Jeder hätte das getan. Jeder mit einem Funken Anstand hätte eingegriffen, wenn er gesehen hätte, wie jemand verletzt wurde.Aber diese Erklärung fühlte sich hohl an.Ich wechselte die Spur und sah sofort wieder in den Rückspiegel. Meine Hände umklammerten das Lenkrad immer noch viel zu fest. Ich lockerte den Griff, doc
ROWANS SICHTIm Auto herrschte Schweigen.Jace fuhr mit den Augen fest auf die Straße gerichtet. Beide Hände lagen am Lenkrad. Seit wir eingestiegen waren, hatte er kein Wort gesagt.Ich saß auf dem Beifahrersitz, mein Kiefer pochte mit jedem Herzschlag. Ich konnte förmlich spüren, wie sich der Bluterguss bildete – eine schöne violette Erinnerung daran, wie mein Gesicht Dereks Faust begegnet war. Jede Unebenheit auf der Straße ließ den Schmerz in meinem Kopf erneut aufflammen, und ich hielt eine Hand an meine Wange, wobei ich darauf achtete, die schmerzhafteste Stelle nicht zu berühren.Marcus saß hinten. Alle paar Sekunden spürte ich seinen Blick auf mir, als würde er überprüfen, ob ich noch atmete.Niemand sprach.Die Straßenlaternen zogen eine nach der anderen an uns vorbei und tauchten das Auto für kurze Momente in orangefarbenes Licht, bevor wir wieder in die Dunkelheit eintauchten. Das Radio war ausgeschaltet. Die Klimaanlage summte leise.Es war erdrückend.Ich versuchte, mich
ROWANS SICHTJaces Worte hingen wie eine Drohung in der Luft.„Wie auch immer“, murmelte er. „Der Freak ist es sowieso nicht wert.“Er drehte sich um und verschwand in der Menge. Tyler und Cole folgten ihm wortlos.Ich sah ihnen nach, obwohl ich sie kaum deutlich erkennen konnte. Mein Kopf drehte sich immer noch, und jede Bewegung ließ den Schmerz in meinem Kiefer schlimmer werden. Ich wollte mich aufsetzen, aber mein Körper fühlte sich schwach an, als hätte der Schlag mir jede Kraft geraubt.Marcus blieb neben mir, eine Hand noch immer auf meiner Schulter.„Beweg dich nicht zu schnell“, sagte er. „Ganz ruhig.“Ich nickte und bereute es sofort. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Kopf, und ich schloss die Augen.„Scheiße. Tut dein Kopf auch weh?“„Ein bisschen.“„Ein bisschen?“ Marcus starrte mich an. „Rowan, du wurdest gerade ins Gesicht geschlagen und bist so hart auf dem Boden aufgeschlagen, dass man es gehört hat. Natürlich tut dein Kopf weh.“Ich wollte ihm sagen, dass ich
ROWANS SICHTDer Aufprall schleuderte mich zu Boden.Mein Kopf schlug hart auf dem Boden auf, und die Welt kippte zur Seite. Schmerz explodierte in meinem Schädel, scharf und blendend. Für einen Moment wusste ich nicht, wo oben und unten war.Ich hörte wieder jemanden schreien, gefolgt vom Klirren zerbrechenden Glases in meiner Nähe. Die Musik dröhnte weiter, völlig unbeeindruckt von dem Chaos um sie herum.Ich versuchte, den Kopf zu heben, aber die Bewegung jagte eine weitere Schmerzwelle durch meinen Schädel. Mein Kiefer pochte dort, wo Derek mich getroffen hatte, und etwas Warmes breitete sich über meine Unterlippe aus.Stimmen verschwammen um mich herum. Laut. Verzerrt. Als wäre ich unter Wasser.„Rowan!“Marcus. Seine Stimme schnitt panisch durch den Lärm.Ich versuchte zu antworten, aber meine Brust war viel zu eng. Ich konnte nicht atmen. Nicht sprechen. Nichts tun, außer dort zu liegen und wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft zu schnappen.Die Luft wollte einfach nicht ri
ROWANS SICHTDereks Arm schloss sich wie ein Schraubstock um meine Schultern.Seine Finger gruben sich in meine Haut, und ich kämpfte darum, mein Gesicht ruhig zu halten. Die Musik dröhnte noch immer um uns herum, aber die Leute in unserer Nähe hatten angefangen, aufmerksam zu werden. Gespräche verstummten, während sich immer mehr Köpfe in unsere Richtung drehten.„Alle herhören!“, rief er laut. Seine Stimme schnitt durch die Musik. „Das hier ist Rowan. Wir waren zusammen auf der Schule.“Ein paar Köpfe drehten sich um. Dann noch mehr. Die Menge begann sich zu sammeln, angelockt von dem Tumult.Mein Magen verkrampfte sich.Ich erkannte einige der Gesichter, die mich beobachteten. Ein paar kannte ich aus der Schule, während die anderen Fremde waren, die offenbar Spaß an der plötzlichen Szene hatten. Jemand in der Nähe der Treppe hob sein Handy.Derek bemerkte die Aufmerksamkeit und grinste noch breiter.„Er war unser Lieblings-Boxsack“, fuhr er grinsend fort. „Aber ich bin mir sicher,







