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Die Betreffzeile lautete: Vertrauliches Vertragsangebot – Loriss Corporation.
Jennifer wollte die E-Mail beinahe löschen. Spam-Nachrichten schrieben ihren Namen normalerweise nicht einmal richtig.
Es war 23 Uhr, und sie war bis zu den Ellbogen mit Hundeshampoo eingeschäumt. Zum dritten Mal in dieser Woche schrubbte sie Mr. Whiskers, weil Mrs. Henshaw steif und fest behauptete, der Hund habe sich „wieder in etwas Verdächtigem gewälzt“.
Ihr Handy lehnte am Rand der Badewanne. Das Display war gesprungen, der Akku zeigte nur noch vier Prozent.
Sie trocknete ihre Hände an ihrer Jeans ab und öffnete die Nachricht.
«Sehr geehrte Frau Benz,
wir bieten Ihnen einen zweijährigen Arbeitsvertrag an.
Position: Öffentliche Ehefrau
Vergütung: 500.000 £
Die Vertragsbedingungen finden Sie im Anhang.
Bitte antworten Sie innerhalb von 24 Stunden, wenn Sie interessiert sind.
— D. Loriss, CEO der Loriss Corporation»
Jennifer starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen.
500.000 Pfund.
Das war mehr Geld, als sie in vier Jahren mit Nachhilfeunterricht, Hundesitten, Einkaufshilfen und dem geduldigen Ertragen von Beleidigungen verdient hatte – von Menschen, die ihr am Ende zwei Pfund Trinkgeld gaben und sie gönnerhaft „Liebes“ nannten.
Mit diesem Geld könnte sie einen Anwalt bezahlen.
Sie könnte Ravenna vor Gericht verklagen und das Unternehmen ihrer Eltern zurückfordern.
Sie müsste nicht länger auf einer durchgelegenen Matratze im Dachzimmer über der Garage schlafen, wo Carmilla im Winter „versehentlich“ jedes Mal die Heizung ausgeschaltet ließ.
Ihre Finger schwebten über dem Anhang.
„Bestimmt ein Betrug“, murmelte sie.
Doch ihr Herz schlug viel zu schnell, als dass sie selbst daran glauben konnte.
Sie öffnete die P*F-Datei.
Klausel 1: Die Arbeitnehmerin verpflichtet sich, für einen Zeitraum von 24 Monaten als rechtmäßige Ehefrau von David Loriss aufzutreten.
Klausel 2: Die Vereinbarung darf unter keinen Umständen öffentlich bekannt gegeben werden.
Klausel 3: Die Arbeitnehmerin nimmt an sämtlichen erforderlichen gesellschaftlichen und geschäftlichen Veranstaltungen teil.
Klausel 7: Entwickelt die Arbeitnehmerin romantische Gefühle für den Arbeitgeber, verliert der Vertrag seine Gültigkeit und sämtliche Vergütungsansprüche verfallen.
Jennifer las Klausel 7 zweimal.
Romantische Gefühle?
Bitte.
Seit dem Tod ihrer Eltern, als sie zwanzig Jahre alt gewesen war, hatte sie weder Zeit noch Kraft für Liebe oder Gefühle gehabt.
Sie tippte eine kurze Antwort.
Ich nehme das Angebot an.
Ihr Daumen schwebte einen Moment über der Schaltfläche „Senden“.
Wenn das echt war, bedeutete es ihre Freiheit.
Und wenn nicht, hatte sie ohnehin nichts zu verlieren.
Mit einem tiefen Atemzug drückte sie auf Senden.
Nur zwei Minuten später traf bereits die Antwort ein.
«Seien Sie morgen um 9:00 Uhr in der Grosvenor Square 17.
Kleiden Sie sich angemessen.
Verspäten Sie sich nicht.
— D. Loriss»
Jennifer legte das Handy langsam beiseite.
Zum ersten Mal seit vier Jahren schien jemand sie für etwas anderes zu brauchen als für billige Arbeitskraft.
Was sie nicht bemerkte:
Nur dreißig Sekunden später ging eine zweite E-Mail ein.
Betreff: Nachtrag zum Vertrag – Erläuterung zu Klausel 7
Anhang: 1 Datei.
Ungelesen
Am nächsten Morgen stand Jennifer vor der Grosvenor Square 17. Sie trug das einzige Kleid, das sie besaß und an dem keine Hundehaare klebten.
Das Gebäude bestand aus Glas und Stahl – die Art von Gebäude, bei dessen Anblick man sich allein schon arm fühlte.
Die Empfangsdame hob kaum den Blick.
„Name?“
„Jennifer Benz. Ich habe um neun Uhr einen Termin bei Mr. Loriss.“
Der Blick der Empfangsdame wanderte über Jennifers Kleid und blieb schließlich an ihren abgetragenen Stiefeln hängen.
„Mr. Loriss empfängt normalerweise keine Leute wie Sie.“
Bevor Jennifer etwas erwidern konnte, glitten die Aufzugtüren lautlos auf.
Ein Mann trat heraus.
Groß.
Schwarzer Maßanzug.
Graue Augen, als hätte er seit Wochen nicht mehr geschlafen.
Er sah sie nicht wirklich an.
Er sah durch sie hindurch, als wäre sie eine Rechnung, die er längst unterschrieben hatte.
„Ms. Benz“, sagte er mit ruhiger, kühler Stimme. „Ich bin David Loriss.“
Sein Tonfall verriet, dass er daran gewöhnt war, Befehle zu erteilen.
„Sie sind zu spät.“
Jennifer runzelte die Stirn.
„Es ist 8:59 Uhr.“
David hob sein Handgelenk und prüfte trotzdem seine Armbanduhr.
„Folgen Sie mir.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er los.
Jennifer folgte ihm. Die Absätze ihrer Schuhe klackerten über den glänzenden Marmorboden, der vermutlich mehr gekostet hatte als das Auto ihrer Tante.
Sein Büro befand sich im zweiundvierzigsten Stock.
Vom Boden bis zur Decke reichten die Fenster und boten einen atemberaubenden Blick über London.
Der Schreibtisch war größer als Jennifers gesamtes Schlafzimmer.
Keine Familienfotos.
Keine Pflanzen.
Keine persönlichen Gegenstände.
Alles wirkte makellos, ordentlich und kühl – genau wie der Mann, der hinter dem Schreibtisch Platz nahm.
David faltete die Hände vor sich und schob ihr einen Füller über den Tisch.
„Unterschreiben Sie.“
Seine Stimme blieb vollkommen emotionslos.
„Nächste Woche geben wir unsere Verlobung bekannt. Sie spielen Ihre Rolle. Ich bezahle Sie. Nach zwei Jahren lassen wir uns scheiden. Danach gibt es keinen weiteren Kontakt.“
Jennifer nahm den Stift in die Hand.
Langsam ließ sie den Blick über den Vertrag schweifen.
Dann blieb ihre Hand mitten über der Unterschriftenzeile stehen.
Am Rand des Schreibtisches, halb unter einem Stapel von Verträgen verborgen, stand ein gerahmtes Foto.
Ihr stockte der Atem.
Es zeigte ihre Eltern.
Sie lachten.
Das Bild war an ihrem zehnten Geburtstag aufgenommen worden.
Genau dieses Foto.
Dasselbe Foto, das in der Nacht verschwunden war, in der ihre Eltern ums Leben kamen.
Jennifer hob langsam den Blick.
„Mr. Loriss …“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Warum haben Sie ein Bild meiner verstorbenen Eltern?“
Zum ersten Mal herrschte Stille im Raum.
Davids Gesichtsausdruck blieb unverändert.
Keine Überraschung.
Keine Verwirrung.
Keine Angst.
Doch seine rechte Hand bewegte sich fast unmerklich.
Langsam schob er sie über den Bilderrahmen, als wolle er das Foto vor ihren Blicken verbergen.
Kapitel 35: Das MedaillonPOV: JenniferDie Explosion hallte weiter in meinem Kopf wider.Selbst nachdem die Flammen das Archiv verschlungen hatten.Selbst nachdem die Fenster zerborsten waren.Selbst nachdem der Rauch die halbe Straße bedeckt hatte.Ich konnte Gabriels Stimme noch immer hören.Deine Familie.Meine Familie.Davids Familie.Die vier Familien.Nichts davon ergab Sinn.„Jennifer!“Davids Hände lagen auf meinen Schultern.„Sieh mich an.“Ich zwang mich, aufzusehen.„Bist du verletzt?“Ich schüttelte den Kopf.„Elena?“„Sie ist okay.“Er drehte sich um.Elena saß im SUV, zitterte, war aber bei Bewusstsein.David ließ mich los und stieg in das Fahrzeug.Ich folgte ihm.Victor setzte sich hinter das Steuer.„Fahr.“Der SUV entfernte sich von dem brennenden Archiv.Niemand sprach.Elena saß zwischen uns.David hielt sie fest an seine Brust gedrückt.Sein Gesicht war blass.Sein Ärmel war noch immer von der Schusswunde zuvor mit Blut befleckt.Ich starrte ihn an.„Du hast gesa
Kapitel 34: Der Mann hinter der TürPOV: JenniferDer Stahlgriff der Tür drehte sich.Langsam.David trat vor mich.Eine Hand hielt er hinter seinem Rücken.In der anderen hielt er die Waffe.Ich konnte seinen Atem hören.Kontrolliert.Gleichmäßig.Aber ich kannte ihn inzwischen gut genug, um die Anspannung in seinen Schultern zu erkennen.Er hatte Angst.Nicht um sich selbst.Um mich.Um Elena.Um die Wahrheit, die auf der anderen Seite dieser Tür wartete.Der Griff blieb stehen.Eine Stimme drang durch den Stahl.„Jennifer Kline.“Ich hielt den Atem an.„Dein Ehemann hat elf Jahre damit verbracht, dich vor der Wahrheit zu beschützen.“Die Stimme war ruhig.Fast amüsiert.„Und heute Nacht werde ich dir zeigen, warum.“David hob die Waffe.„Öffne die Tür.“Stille.Dann ein leises Lachen.„Du glaubst immer noch, dass dir eine Waffe Kontrolle gibt.“Davids Augen verengten sich.„Wer bist du?“„Jemand, der deinen Vater besser kannte, als du es jemals getan hast.“Mein Magen verkrampfte s
Kapitel 33: Box 77POV: JenniferDie Stadt sah nach Mitternacht anders aus.Zürich lag still unter den Sternen, und die Straßen glänzten noch von dem Regen, der endlich aufgehört hatte.Doch im Wagen sprach niemand.Elena schlief an Davids Brust.Ihre kleinen Finger waren noch immer in seinen Jackenstoff gekrallt.David starrte aus dem Fenster.Ich starrte auf den Messingschlüssel in meiner Hand.Box 77.Elise hatte ihn mir vor weniger als einer Stunde gegeben.Meine Schwiegermutter.Die Frau, um die David elf Jahre lang getrauert hatte.Die Frau, von der alle glaubten, sie sei tot.Lebendig.Beobachtend.Wartend.Und irgendwie hatte sie von mir gewusst.Nicht von Clara.Nicht von der Frau, die David der Welt gegenüber öffentlich dargestellt hatte.Von mir.Jennifer Kline.Ich sah David an.„Glaubst du ihr?“Sein Kiefer spannte sich an.„Ich will es.“„Das habe ich nicht gefragt.“Endlich sah er mich an.Seine Augen waren erschöpft.Nicht körperlich.Emotional.„Ja“, sagte er leise. „
POV: JenniferDie Einladung kam um 18:00 Uhr. Schweres Papier. Goldene Prägung. Kein Name. Nur eine Adresse.Zürich Grand Ballroom. 20:00 Uhr. Black Tie. Jährliche Gala von Benz Holdings.Ravenna hielt sie zwischen zwei Fingern, als wäre sie verseucht. „Harry sitzt in Haft. Der Vorstand hat ihn abgesetzt. Das Unternehmen gehört durch Elena dir. Warum sollten sie das schicken?“David nahm sie ihr ab. Er fuhr mit dem Daumen über die Prägung. Sein Blick wurde kalt. „Weil Benz nicht stirbt, wenn der CEO fällt. Es stirbt, wenn die Welt vergisst, dass es jemals existiert hat. Jemand will eine letzte Nacht. Eine letzte Lüge.“Elena blickte vom Boden auf, wo sie gerade zeichnete. Das Medaillon hing um ihren Hals und fing das Licht ein.„Ist das eine Party, Papa? Kann Mama mitkommen? Ich möchte, dass alle sie sehen.“David kniete sich vor sie. „Du möchtest, dass sie sie sehen, Schatz?“Elena nickte. „Oma Elise hat gesagt: ‚Eines Tages werden sie alle Mama sehen und wissen, dass sie nie gestorb
POV: JenniferDas Auto raste über die Autobahn nach Zürich.Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, genau wie in jener Nacht, als die Brücke explodiert war. In jener Nacht, in der alle glaubten, ich sei gestorben. David fuhr mit einer Hand. Mit der anderen hielt er meine so fest, dass mir die Knochen schmerzten.Die Babydecke aus Zimmer 4B lag zwischen uns auf dem Sitz. Der versengte Buchstabe J zeigte nach oben.Der Beweis, dass ich überlebt hatte.Der Beweis, dass er mich niemals aufgegeben hatte.Ravenna saß hinten und hielt ihr Handy ans Ohr.„Die Schweizer Polizei ist in zwanzig Minuten hier. Harrys Scharfschütze hat freie Sicht auf den östlichen Spielplatz. Elenas Klasse ist gerade draußen.“„Dann werden wir keine zwanzig Minuten brauchen“, sagte David.Er trat aufs Gas.Der Motor heulte auf.Zum ersten Mal seit Kapitel 1 hatte ich keine Angst vor Davids Fahrweise.Ich hatte Angst vor dem, worauf wir zufuhren.Mein Handy vibrierte.Wieder Harry.Diesmal keine Nachricht.
POV: JenniferDavids Rücken verschwand um 21:47 Uhr am Ende von Harrys Flur.Um 21:48 Uhr rannte ich.Um 21:49 Uhr schrie ich seinen Namen in den Marmor, der den Klang wie eine Anklage zurückwarf.„David! Warte!“Die Schusswunde in meiner Schulter aus Kapitel 20 brannte bei jedem Schritt. Elf Jahre lang war ich davongerannt, und trotzdem jagte ich ihn noch immer durch Korridore.Der Aufzug klingelte. Er stieg ein, ohne sich umzudrehen.„David, ich habe nicht unterschrieben“, sagte ich. Mein Atem ging stoßweise, meine Hände zitterten. „Ich habe Harry Nein gesagt. Ich habe Nein zur Firma gesagt. Nein zu meinem Vater. Nein zu allem, was nichts mit dir zu tun hat.“Die Türen begannen sich zu schließen.Für einen Moment trafen sich unsere Blicke.Nicht wütend.Schlimmer.Leer.Dieselbe Leere wie in Kapitel 27, als er zugesehen hatte, wie ich Clause Sieben paraphiert hatte.„Ich habe den Stift in deiner Hand gesehen“, sagte er leise. Endgültig. „Ich habe gesehen, wie du ihn genommen hast.“







