LOGINMein Bräutigam wurde nur wenige Stunden vor unserer Hochzeit angegriffen, und ich war gezwungen, stattdessen seinen älteren Bruder zu heiraten. Man sagte, es sei zum Wohle aller – doch was war mit mir? Wir sprachen unser Eheversprechen wie Roboter, die eine Erklärung herunterleierten: keine Emotionen, kein Ausdruck, nur widerwillige Worte, die über unsere Lippen kamen. So einfach wurde ich in den Abgrund einer Ehe ohne Hoffnung auf die Zukunft gestoßen. Mehr noch: Ich wurde zur Stiefmutter eines dreijährigen Kindes, das vor Freude außer sich war, als man ihm sagte, es habe nun eine Mutter. Ich brachte nicht einmal den Mut auf, dieses Kind nicht in meine Welt zu lassen. Was soll ich jetzt tun? Meine Ehe hatte für mich eine große Bedeutung. Auch wenn es sich um eine arrangierte Vernunftehe handelte, hatte ich versucht, sie mit meinem ursprünglichen Bräutigam zum Funktionieren zu bringen – doch wie sieht es jetzt aus? Mein Mann – kalt, gleichgültig, noch immer um seine erste Frau trauernd und für mich in jeder Hinsicht unnahbar. Das hatte ich mir gewünscht, und das hatte ich bekommen. Was soll ich jetzt tun? Was hält das Schicksal für mich bereit?
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„Jack wird heute Abend die Finger nicht von dir lassen können, Pearl. Du siehst umwerfend aus“, schwärmte meine jüngere Schwester Sapphire, während sie mich im Spiegel betrachtete. Ich errötete, als ich die Braut im Spiegel sah. Das Lächeln auf meinen Lippen wurde etwas breiter. Das hellgrüne Kleid schimmerte leicht weißlich und war über den gesamten Rock hinweg mit einem Blumenmuster versehen; kleine hellgrüne Steinchen waren in den blumigen Gürtel an der Taille eingearbeitet. Der tiefe V-Ausschnitt war mit einem hellgrünen Netzstoff mit Blumenmuster hinterlegt, und die Ärmel verliehen mir einen zugleich zurückhaltenden und verführerischen Look, während der von Blumenstickereien und kleinen Steinchen umrahmte Ausschnitt mein Dekolleté betonte. Ich habe eine Figur wie ein Model mit üppiger Oberweite, und mit meiner Körpergröße von etwa 1,70 Metern sah ich wirklich umwerfend aus. Das dezente Make-up in Kombination mit Diamantschmuck ließ mich ganz anders wirken als sonst. Ich sah wunderschön aus, und irgendwie konnte ich es kaum erwarten, Jacks Reaktion zu sehen, wenn er meinen Schleier lüften würde. Mein Herz klopfte nun ein wenig schneller vor Aufregung. Es handelte sich um eine arrangierte Ehe, die zugleich geschäftlichen Zwecken diente und zwischen meiner Familie und der von Jack geschlossen wurde. Jack Froste ist der jüngere Sohn der Familie Froste. Ich bin Pearl Nickelson, die älteste Tochter meiner Familie. Unsere Familien hatten diese Ehe zu beiderseitigem Vorteil arrangiert, und als älteste Tochter hatte ich zugestimmt. Jack und ich hatten uns in den vergangenen zwei Monaten einige Male getroffen, um uns vor der Hochzeit besser kennenzulernen. Jack hatte sich mir gegenüber stets ganz natürlich verhalten. Das machte die Ehe weniger erdrückend und akzeptabler, da wir beide wir selbst sein konnten. Genau darum hatte Jack mich schon bei unserem ersten Treffen gebeten. „Sie sind fast da, Pearl. Du musst jetzt deinen Schleier anlegen“, drängte Sapphire und griff nach dem Schleier, der auf dem Schminktisch vor uns lag. Ich faltete meine behandschuhten Hände, während sich mein Herz mit Nervosität füllte. „Beruhig dich, Pearl. Das ist dein großer Tag. Auch wenn es keine Liebesheirat ist, ist Jack ein guter Mann; bei der Art, wie er dich behandelt, machst du sicher keinen schlechten Schnitt.“ Ich lächelte und versuchte, mich zu beruhigen. Sapphire hob den Schleier auf; gleichzeitig öffnete sich die Tür meines Zimmers, und alle übrigen Brautjungfern stürmten herein. „Pearl, du musst rauskommen. Es ist etwas passiert. Eine Frau streitet sich unten im Erdgeschoss mit Jack.“ Rose, meine Freundin, lief hastig auf mich zu; ihre Stimme klang besorgt, und die Angst war ihr deutlich anzuhören. Mein Herz setzte einen Schlag aus, und ich blinzelte nur, während ich ihre Worte zu begreifen versuchte. „Was?“, rief Sapphire schockiert. Ehe ich auch nur einen Gedanken daran verschwenden konnte, was als Nächstes zu tun war, hob ich mein Kleid an und rannte zur Tür. „Pearl, warte! Lass mich mit Mama reden“, rief Sapphire mir hinterher, doch mein Herz hämmerte bereits heftig gegen meine Rippen. Eine Frau streitet sich mit Jack. Könnte es seine Ex-Freundin sein? Jack hatte mir bei unserem ersten Date von seiner Vergangenheit erzählt, und ich hatte seine Offenheit geschätzt. Aber er hatte gesagt, dass sie sich schon vor langer Zeit getrennt hätten. Warum war sie dann hier? Das Letzte, was ich in meinem Leben – oder an diesem Tag – wollte, war ein Drama mit einer Ex-Freundin. Ich beschleunigte meine Schritte, als ich eine Frau aus voller Kehle schreien hörte. „Pearl, renn nicht so schnell! Du trägst High Heels“, rief Sapphire hinter mir her, doch meine Gedanken waren ganz bei dem, was sich im Erdgeschoss abspielte. Unsere Eltern hatten den gesamten Festsaal gemietet. Ich befand mich mit meiner Familie, meinen Verwandten und allen Brautjungfern im ersten Stock, während die Familie des Bräutigams – samt Verwandten und Freunden – im Erdgeschoss war. Auf der letzten Treppenstufe blieb ich abrupt stehen: Jack wurde von seinen Freunden abgeschirmt, während zwei seiner weiblichen Verwandten eine junge Frau auf Abstand hielten und sie im Flur von ihm fernhielten. „Was ist hier los?“, schrie ich aus voller Kehle, sodass sich alle zu mir umdrehten. Jack, der besorgt ausgesehen hatte, ruckte mit dem Kopf in meine Richtung; sein Gesicht wurde totenblass. „Ich schwöre es dir, Pearl: Wir haben uns vor einem Jahr getrennt. Ich habe keine Ahnung, warum sie hier ist.“ Er schrie panisch, verzweifelt darum bemüht, mich von seiner Ehrlichkeit zu überzeugen. Mit ernster Miene schritt ich zielstrebig auf sie zu; Sapphire und meine Freunde begleiteten mich. „Jack sagt die Wahrheit, Pearl. Vor einem Jahr haben wir Sylvie dabei erwischt, wie sie Jack betrogen hat, und er hat sich noch am selben Tag von ihr getrennt. Sie … sie war es, die ihm ständig nachstellte, aber er hat sich nach diesem Tag absolut nicht mehr für sie interessiert.“ Auch sein bester Freund Peter versuchte, mich zu überzeugen. Ich glaubte ihnen, denn genau das hatte ich auch bei meinen Nachforschungen über Jack und seine Vergangenheit herausgefunden. „Ich habe dir doch gesagt, dass man mir etwas ins Getränk gemischt hat. Ich habe dich nicht betrogen. Warum kannst du mir nicht vertrauen?“, schrie Sylvie, seine Ex, aus voller Kehle, während sie sich im Griff der beiden Frauen wand. „Wo ist der Sicherheitsdienst? Wie ist sie in den Saal gelangt? Wie hat sie es geschafft, bis hierher zu kommen?“, herrschte ich den Kellner an, der ein Funkgerät in der Hand hielt. Das Klackern meiner High Heels hallte laut auf den Fliesen wider. Obwohl ich vor Wut kochte, bewahrte ich eine aufrechte und gefasste Haltung – ganz so, wie man es mir als Erbin und Co-Geschäftsführerin unseres Unternehmens beigebracht hatte.„S… sie kommen, Ms. Nickelson“, antwortete er mir, während er vor Angst heftig stotterte.
Ich blieb abrupt stehen, als Sylvie plötzlich beide Frauen mit aller Kraft von sich stieß. Auch sie schrien auf, als sie rückwärts zu Boden fielen. Sapphire und Rose traten sofort vor und schirmten mich ab, doch unsere Augen weiteten sich vor Entsetzen, als Sylvie plötzlich wie aus dem Nichts einen langen, scharfen Dolch hervorholte. „Fahr zur Hölle!“, brüllte sie, das Gesicht vor Wut verzerrt. „Jack! Pass auf!“, schrie ich voller Angst aus Leibeskräften und stürzte auf Jack zu, als mir klar wurde, was sie vorhatte. Alles, was danach geschah, lief wie in Zeitlupe vor meinen Augen ab. Ich sah, wie Jack den Blick zu Sylvie wandte. Ich sah, wie Jacks Freunde vortraten und ihn beiseite stießen, um ihn vor Sylvie zu retten. Ich sah, wie zwei von Jacks Freunden auf Sylvie zustürmten, doch sie schwang den Dolch rasch vor sich hin und zwang sie so zum abrupten Stopp. Ich sah, wie Jack panisch seine Freunde anschrie und nach vorne stürmte. Alles geschah innerhalb weniger Sekunden, doch mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Mein Herz hämmerte nun bis in meine Ohren, und dann blieb alles stehen. Mein Herz hörte auf zu schlagen. Niemand schrie mehr oder bewegte sich. Sylvie hielt in ihrer Bewegung mit dem Dolch inne, und auch Jack bewegte sich nicht mehr. Seine Freunde hielten ihn noch immer an den Schultern fest. Jack hielt nun den Dolch, den Sylvie ihm in den Bauch gerammt hatte. „Jack!“, schrien fast alle – mich eingeschlossen – aus voller Kehle, und ich rannte auf ihn zu. Jack war wie erstarrt; er stieß einen Schmerzensschrei aus, als Sylvie den Dolch gnadenlos aus seinem Bauch riss. Sein Gesicht lief vor Schmerz rot an. Das Blut spritzte auf sie, doch sie hob den Dolch erneut, um wieder auf Jack einzustechen. Wie von Sinnen rannte ich auf ihn zu. „Holt das Auto nach vorne!“, brüllte ich, während ich auf ihn zulief und völlig die Fassung verlor. Tränen strömten unaufhörlich über mein Gesicht, doch das war mir völlig egal. Alles, was ich in diesem Moment wollte, war, Jack zu halten und ihn um jeden Preis von Sylvie wegzuziehen. Jacks Freunde stürzten sich auf Sylvie; einer von ihnen packte ihr Handgelenk, verdrehte es gnadenlos und schleuderte sie zu Boden. „Jack!“, schrie ich erneut, als sein Körper schwankte und zu Boden zu sinken begann.Aus Pearls Sicht (Fortsetzung)Ich versteifte mich, als mir klar wurde, dass er nicht mit mir zurückkommen konnte. Ich wollte nicht allein im selben Raum mit seinen Eltern sein. In seinem Blick lag ein Hauch von Zögern – doch das konnte nur ich bemerken, da ich direkt neben ihm stand. Die Art, wie er sein Handy umklammerte, ließ darauf schließen, dass es dringend sein musste – so dringend, dass er sich entscheiden musste, ob er zu Evan oder in die Firma fahren sollte. „Wenn es dir unangenehm ist, allein dorthin zu gehen, bringe ich dich zu deiner Wohnung“, schlug er vor, doch ich schüttelte den Kopf. Evan befand sich in einem sehr zerbrechlichen Zustand. Der Junge machte gerade so viel durch und brauchte seinen Vater an seiner Seite. Natürlich konnte ich Arthur nicht ersetzen, aber in Evans Augen war ich immer noch seine Tante. „Ich kann nicht mehr lange so weitermachen“, murmelte ich. Ich sah ihn ruhig an, während in meinem Inneren ein Sturm der Gefühle tobte. Ich wollte in de
Aus Pearls SichtIch holte tief Luft, bevor ich das Dokument unterschrieb, das für die Heiratsurkunde nötig war. Es fühlte sich immer noch unwirklich an. Ich war ruhig gewesen – genau wie Arthur –, bis wir hier ankamen und die Beamtin mich bat, das letzte Dokument zu unterzeichnen. Ich zögerte nicht, doch meine Finger erstarrten für einen Moment. Nun war ich offiziell Pearl Froste. Ich hatte gewusst, dass ich nach der Hochzeit Pearl Froste heißen und den Nachnamen meiner Familie ablegen würde; ursprünglich hatte ich jedoch erwartet, als Pearl Jack Froste bekannt zu sein. Doch jetzt bin ich Pearl Arthur Froste. Die Beamtin lächelte mich strahlend an, während sie mir die Unterlagen abnahm. „Herzlichen Glückwunsch, Mr. und Mrs. Froste. Möge Gott Ihnen beiden ein glückliches und erfülltes Leben schenken!“, gratulierte sie und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. Ihr Lächeln steckte mich an; auch ich lächelte, und ohne rechten Grund war ich mir sicher, dass ich dabei auch errö
Aus Arthurs Sicht„Was genau läuft bei Evan schief, Victor?“, fragte ich Victor mit steifer Stimme, während ich die Bluttransfusion beobachtete. „Es ist Krebs, Mr. Froste. Die Krebszellen können jederzeit aggressiv werden oder ein Leben lang ruhen“, antwortete mir Dr. Smith an Victors Stelle. Seine Stimme klang steif, als hätte er gerade etwas sehr Bitteres geschluckt. Ich stellte keine weiteren Fragen. Es hatte keinen Sinn, immer wieder dasselbe zu fragen. Pearl schlief inzwischen auf der Couch. Man hatte ihr nur eine Einheit Blut abgenommen, aber Victor sagte, sie sei seelisch völlig erschöpft. Deshalb war ihr schwindelig geworden und sie war eingeschlafen. „Wir werden seine Vitalwerte überwachen und alle vierundzwanzig Stunden einige Tests durchführen, um zu sehen, ob sich sein Zustand verändert“, fuhr Dr. Smith mit ernstem Gesichtsausdruck fort. „Wenn … wenn alles beim Alten bleibt, kann Evan dann eine Knochenmarktransplantation bekommen?“, fragte ich ihn in der Hoffnung au
„Du denkst nicht klar, Arthur. Das bist nicht du. Sei vernünftig und …“ „Vernünftig? Nicht klar denken?“, fragte ich meinen Vater kühl und unterbrach ihn mitten im Satz. Er blinzelte verdutzt. „Was hast du dir dabei gedacht, als du dich auf diesen Plan mit ihnen eingelassen und das Leben deines eigenen Enkels aufs Spiel gesetzt hast?“, fragte ich kühl und ließ meinen Blick zwischen ihm und meiner Mutter hin- und herwandern. Sie hatte Tränen in den Augen, sah mich aber nicht an. Auch Dad sagte kein Wort mehr. „Sechs Monate, Dad. Du hattest sechs kostbare Monate, um seine Behandlung zu beginnen und sein Leben zu retten. Stattdessen hast du es mir verheimlicht. Was hast du dir dabei gedacht?“, fragte ich ihn kühl; ich warf ihm seine eigene Frage zurück und betonte dabei jedes einzelne Wort. Ich teilte ihnen mit, dass ich in ein paar Tagen mit Evan und Pearl umziehen würde. Daraufhin gingen sie in einem Wutanfall auf mich los. Die Stille im Wohnzimmer war so dicht wie unsichtbare











