Mag-log inMadeleines Sicht
„Nein.“ Meine Stimme brach, kaum lauter als der Wind in den Bäumen. Ich versuchte, mich von dem Mann, der mich stützte, loszureißen, doch meine Beine gaben nach, bevor ich einen Schritt tun konnte. Ein stechender Schmerz durchfuhr meine Seite, und ich biss mir fest auf die Lippe, um nicht aufzuschreien. „Ich will weg.“ Die Worte klangen selbst in meinen Ohren jämmerlich. Der Mann verstärkte seinen Griff nicht. Er zwang mich auch nicht vorwärts. Er hielt mich einfach fest, bis ich wieder das Gleichgewicht fand. „Du brauchst einen Heiler“, sagte er leise. „Brauche ich nicht.“ „Doch.“ „Ich schaffe das schon.“ Er blickte auf den Stoff, der an meiner Seite bereits voller Blut war, bevor er mir wieder in die Augen sah. „Nein“, sagte er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Das wirst du nicht.“ Meine Brust schnürte sich zusammen. „Ich will nicht hierbleiben.“ „Das musst du nicht.“ Ich starrte ihn an. Einen Moment lang fragte ich mich, ob ich ihn richtig verstanden hatte. „Was?“ „Du musst nicht bleiben.“ Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. „Wenn du nach der Behandlung deiner Wunden immer noch gehen willst, wird dich niemand aufhalten.“ Ich suchte in seinem Gesicht nach Spott. Da war keiner. Kein grausames Lächeln. Keine Belustigung. Keine versteckte Drohung. Nur stille Gewissheit. „Du erwartest, dass ich dir das glaube?“ „Du musst mir nicht glauben.“ Seine Antwort verwirrte mich nur noch mehr. „Ich habe noch nie einen Streuner getroffen, der jemanden angefleht hat zu bleiben.“ „Ich habe nie gesagt, dass ich bettle.“ Bevor ich antworten konnte, trat die Frau mit der Narbe näher. „Sie verliert noch mehr Blut.“ Der Mann nickte kurz, bevor er mich wieder ansah. „Kannst du noch lange genug stehen, um zu gehen?“ Ich versuchte es. In dem Moment, als ich mein Gewicht verlagerte, kippte die Welt unter mir heftig. Meine Knie gaben nach. Starke Arme fingen mich auf, bevor ich auf den Boden aufschlug. Ein frustrierter Laut entfuhr mir. „Ich sagte, ich wollte gehen.“ „Und das wirst du auch.“ Er sprach so sachlich, dass es mich fast ärgerte. „Aber nicht so.“ Ohne eine weitere Diskussion abzuwarten, hob er mich hoch, als würde ich nichts wiegen, und trug mich zurück zum Motorrad. „Ich kann laufen.“ „Nein.“ „Ich brauche nicht …“ „Du kannst ja nicht mal stehen.“ Ich hasste es, dass er recht hatte. Er setzte mich wieder auf das Motorrad, bevor er vor mir aufstieg. Einen Moment lang überlegte ich, auf die andere Seite zu rutschen. Mein Körper gehorchte mir nicht. Er warf einen Blick über die Schulter. „Du musst dich festhalten.“ „Lieber nicht.“ „Wenn du runterfällst, reißt die Wunde wieder auf.“ Zögernd legte ich meine Arme um seine Taille. Der Motor brummte unter uns, bevor das Motorrad wieder anfuhr. Niemand sagte etwas. Die Stille breitete sich zwischen uns aus, während wir der kurvenreichen Straße tiefer in den Wald folgten. Ich beobachtete die Bäume und prägte mir jede Kurve ein. Wenn ich die Chance bekäme, würde ich rennen. Ich wusste nicht wohin. Hauptsache weg von hier. Das Motorrad wurde langsamer. Vor uns erhoben sich hohe Eisentore, eingefasst in dicke Steinmauern. Mehrere Wölfe standen in der Nähe, in Leder gekleidet statt in ihren Rudeluniformen. Als das Motorrad näher kam, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Es war kein guter. Aber es war mein einziger. Wir waren nicht mehr schnell unterwegs. Wenn ich jetzt sprang … Der Boden würde wehtun. Die Wunde würde wahrscheinlich wieder aufreißen. Aber ich könnte immer noch rennen. Langsam löste ich eine Hand von seiner Taille. Nur ein kleines Stück. Noch einen Zentimeter. Bevor ich mich weiter bewegen konnte, durchbrach seine Stimme die Stille. „Wenn du ans Springen denkst“, sagte er ruhig, „tu es nicht.“ Meine Hand erstarrte. „Habe ich nicht.“ „Doch.“ Mir stieg die Röte ins Gesicht. „Ich muss gehen.“ „Du kannst.“ Ich blinzelte. „…Was?“ „Du kannst gehen.“ Sein Tonfall blieb so ruhig wie zuvor. „Sobald deine Wunden verheilt sind.“ Ich runzelte die Stirn. „Du würdest mich gehen lassen?“ „Wenn du das so willst.“ Die Antwort ergab keinen Sinn. Kein Alpha würde zulassen, dass jemand einfach so geht. Kein Streuner sollte es tun. „Warum?“ Er antwortete nicht. Stattdessen begannen sich die schweren Tore langsam zu öffnen. Das Motorrad rollte hindurch. Als Erstes fiel mir auf, wie viele Leute sich dort befanden. Motorräder standen in ordentlichen Reihen vor alten Steingebäuden. Einige Wölfe reparierten Motoren. Andere trugen Kisten zwischen den Lagerhallen hin und her. Mehrere trainierten in einem offenen Hof. Es sah überhaupt nicht so aus wie die Geschichten, die man mir über Streunerlager erzählt hatte. Dann blickte jemand auf. Ein anderer folgte. Innerhalb von Sekunden verstummten alle Gespräche. Werkzeuge wurden beiseitegelegt. Die Leute drehten sich um. Blicke folgten uns aus allen Richtungen. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Instinktiv senkte ich den Kopf. Ich kannte dieses Gefühl. Ich wusste, was als Nächstes kommen würde. Jemand würde lachen. Jemand würde mich wertlos nennen. Jemand würde fragen, warum ein jämmerlicher Omega hierhergebracht worden war. Ich spannte mich an. Nichts geschah. Stille breitete sich über das Gelände aus. Niemand lachte. Niemand spottete. Niemand flüsterte laut genug, dass ich es hätte hören können. Sie starrten mich einfach an. Nicht angewidert. Nicht hasserfüllt. Fast … fast so, als hätten sie auf mich gewartet. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Unbewusst umklammerte ich die Lederjacke des Mannes fester. Ich hatte keine Ahnung, warum alle Augenpaare im Lager auf mich gerichtet waren. Und irgendwie … ängstigte mich das viel mehr, als wenn sie gelacht hätten.Rooks Sicht„Erklär das, Rook“, krächzte Jax, die Stimme eine gezackte Kante ihres früheren Selbst. Er biss die Zähne zusammen, das Gesicht bleich, während er sich abmühte, die Position zu wechseln. Ich sah zu, wie er das schwere Eichengestell des Bettes packte, die Knöchel weiß, während er versuchte, seinen massiven Körper hochzuziehen. „Wenn es nicht die Saints waren, wer zum Teufel war es dann?“Ich trat näher, aber ich half ihm nicht. Jax musste den Boden unter den Füßen spüren, wenn er verarbeiten sollte, was ich ihm zu sagen hatte. „Setz dich wieder hin, bevor du die Nähte aufreißt, Jax. Du gehst nirgendwohin.“„Antworte mir“, knurrte er, der Atem schwer und rhythmisch, ein Zeichen, dass der Wolf in ihm sich abmühte, den Schaden zu heilen.Ich holte Luft, das Gewicht der Beweise lag wie Blei im Bauch. „Wir haben die Hülse gefunden. Und den Auslösemechanismus. Das war keine Schrottarbeit eines Saints, Jax. Es war einer von uns.“Jax erstarrte, die Hand noch am Bettpfosten geklamm
Jax’ SichtIch konnte nicht atmen. Ich hatte sie tausendmal gesehen, in taktischer Ausrüstung, in Jogginghosen, in gar nichts, aber heute Nacht war es anders. Die mitternachtsblaue Seide war wie eine zweite Haut, schmiegte sich an die Kurven ihrer Hüften und die Wölbung ihrer Brüste und brachte mein Blut zum Sieden. Sie sah aus wie eine Göttin, die aus einem Traum in diese Höhle voller Wölfe getreten war. Selbst im Chaos der Party, selbst mit dem Bourbon in der Hand, war ich von ihr gelähmt. Sie war das Schönste, das ich je gesehen hatte.Dann sah ich es. Ein Aufblitzen von Silber, ein hohes Summen, das die Musik durchschnitt.„Maddie, weg!“, brüllte ich.Ein gezackter Metallsplitter, summend vor tödlicher Geschwindigkeit, schnitt durch die Luft auf ihre Schläfe zu. Er war nur wenige Zentimeter entfernt. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel. Ich dachte nicht nach. Ich sprang los, meine Stiefel rutschten über den polierten Boden, während ich mein ganzes Gewicht
Maddies SichtDas Brüllen der Motoren wurde übertönt, in der Sekunde, in der wir den Perimeter des Rudelhaus-Territoriums der Crimson Saints überquerten. Es war nicht nur ein Empfang; es war ein Aufruhr des Sieges. Hunderte Rudelmitglieder säumten die Auffahrt, wechselten zwischen menschlicher und Wolfsform und heulten, bis die Luft selbst gegen die Scheiben des Vans zu vibrieren schien.„Hör dir das an“, sagte Silas und grinste, während er aus dem Fenster sah. „Ich glaube, die mögen uns, Mads.“„Die mögen, dass wir nicht in Leichensäcken zurückgekommen sind“, antwortete ich, obwohl ich das kleine Lächeln nicht stoppen konnte, das an meinen Lippen zupfte. Ich sah Dare an, der gegen den Sitz gesackt war, bleich, aber bei Bewusstsein. „Und die mögen, dass die Saints endlich ein Zuhause haben, das niemand anfechten kann.“Jax lehnte sich vor, die Augen hell. „Wir haben es nicht nur verteidigt. Wir haben es markiert. Jeder einzelne dieser Bastarde, der versucht hat, bei uns einzuziehen, w
Dares SichtIch konnte mich nicht bewegen. Meine Lungen fühlten sich an, als wären sie mit nassem Beton gefüllt, und jedes Mal, wenn ich versuchte, Luft zu holen, schoss ein gezackter Funke Qual durch meinen Brustkorb. Der Schotter der Strecke schmeckte nach Kupfer und Benzin. Ich blieb an die Erde genagelt, unbeweglich, und sah die Welt durch einen verschwommenen, karmesinroten Schleier.Ein Schatten fiel über mich. Es war nicht der Schatten eines Freundes.Ich hob die Augen, die Sicht schwamm, bis sie sich auf die gezackte Kante eines Kampfmessers schärfte. Die Klinge fing den orangefarbenen Schein des brennenden Annexes. Mein Gegner—ein Saint-Loyalist, dessen Gesicht von Öl und Gehässigkeit verschmiert war—stand über mir, die Brust hob und senkte sich.„Sieh sie dir an“, spuckte er und deutete wild zum Jumbotron, wo die Geheimnisse der Ältesten immer noch für die Welt ausbluteten. „Sieh, was du getan hast. Du denkst, du hast etwas gewonnen? Du hast uns alle beendet. Alle haben es g
Jax’ SichtIch presste das Funkgerät fester ans Ohr, das Brüllen der Arenamenge vom elektronischen Abschluss gedämpft. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel. Das war der Moment. Alles, was wir riskiert hatten—die Infiltration, der Bruch der Rudelgesetze, Dares Leben auf dieser Strecke—lief auf diesen synchronisierten Schlag hinaus.„Melden“, fuhr ich ins Mikro, die Stimme angespannt. „Ist jeder in Position? Wir sind bei T minus sechzig Sekunden.“„In Position an der Süd-Unterstation“, knisterte Silas’ Stimme, ruhig und tief. „Ladungen sind scharf. Warte nur auf dein Signal, Jax.“„Rook?“, fragte ich und verschob den Blick auf die Strukturpläne, die auf meinem Tablet glühten.„Ich bin an der zweiten Verteilerstelle“, antwortete Rook, der Atem stockte leicht. „Bereit, die Zuleitung zu den Stadionlichtern zu kappen, sobald das Gebäude hochgeht. Wir sind startklar.“„Maddie?“ Ich wartete. Nichts außer dem statischen Zischen des offenen Kanals. „Maddie, Meldung. Bist
Maddies SichtDas Rauschen in meinem Ohrhörer glättete sich zum scharfen, befehlenden Kratzen von Jaxs Stimme. „Maddie, geh in Position. Jetzt. Das Fenster schließt sich.“„Ich bin unterwegs“, flüsterte ich in den Kragen meiner Jacke, das Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel. „Ich gehe mitten rein.“Ich schob mich durch die Wand aus Körpern, die Schultern streiften schweißnasses Leder und den rauen Stoff von Renntrikots. Die Luft an der Strecke war dick vom Geruch von Hochoktankraftstoff und dem metallischen Beigeschmack von Adrenalin. Ich fand meinen Platz, eingekeilt zwischen einer Gruppe randalierender Biker und einem Paar Scouts, und verschmolz mit der hektischen Energie der Menge.Unter uns war die Schotterbahn ein verschwommener Kreis aus Chaos. Ich heftete den Blick auf den Fahrer in Schwarz und Chrom—Dare. Er lehnte sich gefährlich tief, sein Bike schrie, während er durch die erste Kurve riss. Aber er war nicht allein. Ein Fahrer im gezackten Rot der Saint







