LOGINIn der Nacht der großen Paarungszeremonie hört Madeleine endlich die Wahrheit, die sie nie hätte aussprechen sollen: Die Seelenbindung antwortet ihr … und zwar direkt Alpha Damon Voss. Ein einziger Schritt genügt, um vierundzwanzig Jahre Knechtschaft in offene Ablehnung zu verwandeln. Damon verleugnet sie nicht nur. Er vernichtet sie vor dem gesamten Rudel. Was folgt, ist kein Exil. Es ist eine Jagd. Barfuß, blutend und von dem Alpha, den das Schicksal für sie bestimmt hatte, als Lügnerin gebrandmarkt, rennt Madeleine durch einen mondbeschienenen Wald, während sich das Rudel hinter ihr schließt wie ein System, das ein Urteil vollstreckt. Ein Pfeil trifft sie, bevor Gnade sie findet. Die Straße sollte das Ende ihrer Geschichte sein. Stattdessen taucht aus der Dunkelheit ein Motorrad auf. Jax stellt keine Fragen. Er liest sie wie eine Geheiminformation, wie ein geheimer Datenleck, das die Welt niemals hätte sehen sollen. Ein Anruf wird getätigt. Drei Worte gesprochen. Und ihr Leben ist nicht länger in ihrer Hand.
View MoreMadeleines Sicht
Die Kälte kroch mir in die Knochen, ein vertrautes Gefühl. Die große Paarungszeremonie. Heute war es soweit. Ich schob die dünne Decke beiseite und schwang die Beine auf den festgetretenen Lehmboden meines kleinen Zimmers. Die Kälte biss sofort in meine nackten Füße. Keine Zeit für Selbstmitleid. Die gab es nie. Die Bedienstetenquartiere waren still, alle schliefen noch. Ich bewegte mich durch die Schatten, ein Geist im Dämmerlicht, und entzündete das Feuer in der Küche. Kohlen glühten, Holz knisterte, und bald vertrieb der Duft von brennender Eiche die Feuchtigkeit. Schon bald kamen die ersten Forderungen. „Madeleine! Die Wassereimer sind leer!“, rief Pat, ständig genervt, und steckte den Kopf in die Küche. Ihre Stimme war selbst in der Stille des Morgens scharf. „Schon dabei, Pat“, murmelte ich, ohne sie anzusehen. Ich stapelte Anzündholz am Kamin auf, meine Bewegungen präzise. „Sag nicht ‚schon dabei‘, Mädchen. Beeil dich. Der Alpha wird bald aufstehen, und er mag seinen Tee heiß, sobald er sich rührt.“ Sie schniefte, ihr Blick verweilte auf meiner abgetragenen Tunika. „Vielleicht würdest du mehr Eile erwecken, wenn du nicht so sehr wie eine Streunerin aussehen würdest.“ Ich behielt eine neutrale Miene, eine Fähigkeit, die ich mir mein Leben lang angeeignet hatte. Worte waren Waffen, die ich mir nicht leisten konnte. „Ja, Pat.“ Ich schnappte mir die großen Holzeimer und ging hinaus. Der Brunnen war ein gutes Stück entfernt, und als ich zurückkam, schmerzten meine Arme und meine Schultern brannten. „Und die Gemächer des Alphas müssen gefegt werden, Madeleine!“ Diesmal war es der rundgesichtige Beta. Er stand mit verschränkten Armen am Eingang und beobachtete mich, wie ich mich mit dem Wasser abmühte. „Trödel nicht. Es muss für die Zeremonie blitzblank sein.“ „Sofort“, erwiderte ich keuchend. Ich leerte die Eimer und griff sofort zum Besen, um die große Halle zu fegen. Staubkörner tanzten im spärlichen Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster fiel. Jede Oberfläche musste glänzen, jede Ecke frei von Schmutz. Während ich arbeitete, erwachten andere Omegas und kamen herunter, ihre Augen voller Verachtung. Geflüster folgte mir wie Schatten. „Immer noch da, Madeleine?“, spottete Lyra, deren Bett direkt gegenüber meinem stand, im Vorbeigehen. „Ich dachte schon, du wärst letzte Nacht in den Wald geflüchtet. Bei deinem Pech mit Zeremonien.“ Ich unterdrückte die Erwiderung, die mir auf die Lippen kam. Es war sinnlos. Sie wollte eine Reaktion, und ich würde ihr diese Genugtuung nicht geben. Ich fegte einfach fester. Später, auf dem Rückweg vom Kräutergarten, fiel mir ein plötzlicher Farbtupfer ins Auge. Kade, einer der neueren Krieger, lehnte mit bleichem Gesicht an einem Baum. Sein Arm hing in einem unnatürlichen Winkel herab, Blut färbte den Ärmel seiner grauen Tunika dunkelrot. „Kade? Was ist passiert?“, flüsterte ich kaum hörbar, doch er zuckte erschrocken zusammen. Schnell versuchte er, die Wunde zu verbergen, und zog den Ärmel hoch. „Nichts, Madeleine. Nur ein Trainingsunfall.“ Seine Stimme klang rau vor Schmerz. Aber ich hatte es schon gesehen. Ein tiefer, gezackter Schnitt, aus dem bereits träge Blut sickerte. „Das ist nicht ‚nichts‘. Es ist tief. Du musst es reinigen.“ „Ich hole später die Heiler“, murmelte er und versuchte, mich abzuwimmeln. Das Gesicht meiner Mutter blitzte vor meinem inneren Auge auf. Ihre Hände, rau, aber sanft, wie sie Blätter zerdrückten. „Versorge jede Wunde, Madeleine, egal wem sie gehört. Vernachlässigung führt zu Infektionen, und Infektionen führen zum Tod.“ „Später könnte es zu spät sein“, sagte ich und kam näher, obwohl er sichtlich unbehaglich war. Ich zog einen kleinen Beutel aus meiner Tasche, gefüllt mit getrocknetem Beinwell und Schafgarbe. „Lass mich.“ Er zögerte, sein Blick misstrauisch. „Du … du kennst dich mit Heilen aus?“ Ich antwortete nicht, sondern tauchte nur eine Ecke meiner Tunika in den Wasserschlauch, den ich bei mir trug, und wischte vorsichtig das Blut um die Wunde herum ab. Die Haut war entzündet. Dann nahm ich den Beinwell, kaute ihn leicht, um einen Umschlag zu formen, und drückte ihn fest auf die Wunde. Kade zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Es wird brennen“, warnte ich ihn. „Aber es wird helfen, die Wunde zu schließen und die Blutung zu stoppen.“ Ich verband sie fest mit einem Leinenstreifen aus meinem Beutel. Er starrte auf seinen bandagierten Arm, dann zu mir, ein Anflug von Überraschung in seinen Augen. „Ich … danke, Madeleine.“ Bevor er etwas sagen konnte, durchschnitt Pats Stimme, scharf wie eine Peitsche, die Luft. „Kade! Was machst du mit ihr? Lass diese schändliche Omega nicht in deine Nähe! Sie wird dich bestimmt nur verfluchen.“ Sie marschierte auf ihn zu, ihr Gesichtsausdruck verriet Missbilligung. „Komm, der Alpha braucht dich für Patrouillen.“ Kades Gesicht rötete sich. Er murmelte eine Entschuldigung und entfernte sich schnell, ohne mir in die Augen zu sehen. Der kurze Moment der Verbundenheit verflüchtigte sich in der vertrauten Scham. Ich beendete meine Pflichten, mein Herz pochte dumpf in meiner Brust. Die Sonne stieg höher, wärmte die Luft, und bald herrschte reges Treiben im Rudelhaus. Alle bereiteten sich vor, kleideten sich in ihre schönsten Kleider, voller Vorfreude auf die Zeremonie. Ich ging zurück in mein kleines Zimmer, wohl wissend, dass meine Anwesenheit bis nach dem Festmahl nicht unbedingt nötig war. Die alte Mara, deren Gesicht von Falten gezeichnet war, humpelte an meiner Tür vorbei. Sie blieb stehen und stützte sich auf ihren knorrigen Stock. „Du wirst doch da sein, Kind?“, fragte sie mit rauer, aber freundlicher Stimme. Sie war eine der wenigen, die noch ohne Verachtung mit mir sprachen. Ich lehnte mich an den Türrahmen, ein leises, humorloses Lachen entfuhr mir. „Mara, du kennst die Mondgöttin besser als jeder andere. Sie hat mich noch nie beachtet. Warum sollte es heute anders sein?“ Ihre Augen, obwohl trüb, hatten eine überraschende Tiefe. „Jeder unverpaarte Wolf muss anwesend sein, Madeleine. Es ist Gesetz. Und die Wege der Göttin sind unergründlich.“ Sie seufzte tief und rasselnd. „Sei einfach da.“ Sie tätschelte mir den Arm und schlurfte davon. Sei da. Natürlich würde ich da sein. Wie jedes Jahr würde ich im Hintergrund stehen, unsichtbar, und zusehen, wie die Glücklichen ihre Gefährten fanden. Ich wandte mich meinem winzigen Zimmer zu, dem einzigen Ort, an dem ich wirklich atmen konnte. Mein Blick fiel auf die schmale Lederschnur um meinen Hals. Ich zog sie unter meiner Tunika hervor. Ein einzelner, kunstvoll geschnitzter Holzvogel, dunkel und glatt von jahrelanger Berührung. Der meiner Mutter. Das Einzige, was mir von ihr geblieben war. Ich fuhr mit dem Daumen über die kleinen Flügel und erinnerte mich an ihre Stimme, sanft und doch bestimmt, in der letzten Nacht, die wir zusammen verbracht hatten. Ihre Augen, weit aufgerissen und ängstlich, als sie mich fest umarmte. „Wenn dir die Mondgöttin jemals einen Gefährten schenkt, Madeleine …“ Ihre Stimme war zu einem Flüstern gesunken, dringlich, fast verzweifelt. „… vertraue niemandem. Nicht einmal ihm. Versprich es mir.“ Ich hatte es damals nicht verstanden. Ich verstand es erst recht nicht jetzt. Wie konnte man seinem Gefährten nicht vertrauen? Die eine Person, die die Göttin selbst für dich auserwählt hatte, die andere Hälfte deiner Seele? Doch die Worte hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt, ein seltsames, dunkles Flüstern im Hinterkopf. Ich holte tief Luft, schob den Vogel zurück unter mein Hemd und strich meine Tunika glatt. Sie war sauber, zumindest. Schlicht, aber sauber. Ich flocht mein langes, dunkles Haar und band es fest zusammen. Es war soweit. Der Zeremonienplatz war bereits voll. Jeder Rang stand an seinem Platz. Die Alpha-, Beta- und Gamma-Reihe vorne, gefolgt von den Kriegern, dann den Jägern, den Heilern und schließlich ganz hinten die Omegas. Ich schlüpfte in die letzte Reihe und versuchte, mich noch kleiner zu machen, wünschte mir, die Erde würde mich verschlingen. Ich hielt den Kopf gesenkt, die Augen auf den Dreck unter meinen abgelaufenen Stiefeln gerichtet, und betete, dass niemand meine Anwesenheit bemerkte. Die Luft vibrierte vor Erwartung. Der Duft von Kiefern und frischer Erde vermischte sich mit der nervösen Energie hunderter Wölfe. Der Mondpriester, eine uralte Gestalt mit einer Stimme wie raschelndes Laub, trat vor. Stille senkte sich herab, schwer und absolut. Er hob die Arme, schloss die Augen und begann die uralten Gesänge, rief die Mondgöttin an und bat um ihren Segen für die bevorstehenden Vereinigungen. Der Gesang hallte durch die Lichtung, ein tiefes, urtümliches Summen, das mir bis in die Knochen zu vibrieren schien. Und dann geschah es. Eine blendende, glühende Hitze durchfuhr meine Brust, ein plötzlicher, stechender Schmerz, der mir den Atem raubte. Es war kein menschlicher Schmerz, sondern etwas Tieferes, Bedeutsameres, eine uralte Kraft, die in mir erwachte. Sie breitete sich wie ein Lauffeuer aus, ein brennender Strom des Bewusstseins, der an etwas tief in meiner Seele rüttelte. Meine Knie gaben nach. Ich umklammerte meine Brust, keuchte, Verwirrung und Entsetzen überfluteten mich. Das war nicht … das war nicht richtig. Das war nicht bloße Nervosität vor der Zeremonie. Langsam, quälend, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, hob ich den Kopf. Meine vor Schreck geweiteten Augen suchten die Menge der Wölfe ab, vorbei an den Kriegern, den Betas, an allen. Und da war er. Alpha Damon Voss. Er stand ganz vorne, eine imposante Erscheinung selbst aus dieser Entfernung, seine dunklen Augen wie Obsidiansplitter. Er sah mich bereits an, sein Blick fest auf meinen gerichtet, eine wilde, besitzergreifende Intensität lag in seinen Augen. Die Welt geriet ins Wanken. Die Gesänge verstummten. Die Seelenbindung war erwacht.Rooks Sicht„Erklär das, Rook“, krächzte Jax, die Stimme eine gezackte Kante ihres früheren Selbst. Er biss die Zähne zusammen, das Gesicht bleich, während er sich abmühte, die Position zu wechseln. Ich sah zu, wie er das schwere Eichengestell des Bettes packte, die Knöchel weiß, während er versuchte, seinen massiven Körper hochzuziehen. „Wenn es nicht die Saints waren, wer zum Teufel war es dann?“Ich trat näher, aber ich half ihm nicht. Jax musste den Boden unter den Füßen spüren, wenn er verarbeiten sollte, was ich ihm zu sagen hatte. „Setz dich wieder hin, bevor du die Nähte aufreißt, Jax. Du gehst nirgendwohin.“„Antworte mir“, knurrte er, der Atem schwer und rhythmisch, ein Zeichen, dass der Wolf in ihm sich abmühte, den Schaden zu heilen.Ich holte Luft, das Gewicht der Beweise lag wie Blei im Bauch. „Wir haben die Hülse gefunden. Und den Auslösemechanismus. Das war keine Schrottarbeit eines Saints, Jax. Es war einer von uns.“Jax erstarrte, die Hand noch am Bettpfosten geklamm
Jax’ SichtIch konnte nicht atmen. Ich hatte sie tausendmal gesehen, in taktischer Ausrüstung, in Jogginghosen, in gar nichts, aber heute Nacht war es anders. Die mitternachtsblaue Seide war wie eine zweite Haut, schmiegte sich an die Kurven ihrer Hüften und die Wölbung ihrer Brüste und brachte mein Blut zum Sieden. Sie sah aus wie eine Göttin, die aus einem Traum in diese Höhle voller Wölfe getreten war. Selbst im Chaos der Party, selbst mit dem Bourbon in der Hand, war ich von ihr gelähmt. Sie war das Schönste, das ich je gesehen hatte.Dann sah ich es. Ein Aufblitzen von Silber, ein hohes Summen, das die Musik durchschnitt.„Maddie, weg!“, brüllte ich.Ein gezackter Metallsplitter, summend vor tödlicher Geschwindigkeit, schnitt durch die Luft auf ihre Schläfe zu. Er war nur wenige Zentimeter entfernt. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel. Ich dachte nicht nach. Ich sprang los, meine Stiefel rutschten über den polierten Boden, während ich mein ganzes Gewicht
Maddies SichtDas Brüllen der Motoren wurde übertönt, in der Sekunde, in der wir den Perimeter des Rudelhaus-Territoriums der Crimson Saints überquerten. Es war nicht nur ein Empfang; es war ein Aufruhr des Sieges. Hunderte Rudelmitglieder säumten die Auffahrt, wechselten zwischen menschlicher und Wolfsform und heulten, bis die Luft selbst gegen die Scheiben des Vans zu vibrieren schien.„Hör dir das an“, sagte Silas und grinste, während er aus dem Fenster sah. „Ich glaube, die mögen uns, Mads.“„Die mögen, dass wir nicht in Leichensäcken zurückgekommen sind“, antwortete ich, obwohl ich das kleine Lächeln nicht stoppen konnte, das an meinen Lippen zupfte. Ich sah Dare an, der gegen den Sitz gesackt war, bleich, aber bei Bewusstsein. „Und die mögen, dass die Saints endlich ein Zuhause haben, das niemand anfechten kann.“Jax lehnte sich vor, die Augen hell. „Wir haben es nicht nur verteidigt. Wir haben es markiert. Jeder einzelne dieser Bastarde, der versucht hat, bei uns einzuziehen, w
Dares SichtIch konnte mich nicht bewegen. Meine Lungen fühlten sich an, als wären sie mit nassem Beton gefüllt, und jedes Mal, wenn ich versuchte, Luft zu holen, schoss ein gezackter Funke Qual durch meinen Brustkorb. Der Schotter der Strecke schmeckte nach Kupfer und Benzin. Ich blieb an die Erde genagelt, unbeweglich, und sah die Welt durch einen verschwommenen, karmesinroten Schleier.Ein Schatten fiel über mich. Es war nicht der Schatten eines Freundes.Ich hob die Augen, die Sicht schwamm, bis sie sich auf die gezackte Kante eines Kampfmessers schärfte. Die Klinge fing den orangefarbenen Schein des brennenden Annexes. Mein Gegner—ein Saint-Loyalist, dessen Gesicht von Öl und Gehässigkeit verschmiert war—stand über mir, die Brust hob und senkte sich.„Sieh sie dir an“, spuckte er und deutete wild zum Jumbotron, wo die Geheimnisse der Ältesten immer noch für die Welt ausbluteten. „Sieh, was du getan hast. Du denkst, du hast etwas gewonnen? Du hast uns alle beendet. Alle haben es g











