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Kapitel 4

Auteur: Diva Noir
last update Date de publication: 2026-08-04 14:53:43

Madeleines Sicht

Die kalte Nachtluft schnitt mir in die Haut, doch ein anderes Kribbeln durchfuhr mich. „Gefunden?”, krächzte ich, meine Stimme ein raues Flüstern, kaum hörbar über dem Rauschen in meinen Ohren. Die Worte ergaben keinen Sinn.

Wen hatte ich gefunden? Mein Kopf pochte, jeder Schlag ein Hammerschlag gegen meinen Schädel.

Der Mann kniete neben mir nieder. Sein Duft war eine Mischung aus Leder, etwas Scharfem wie der wilde Wald und einem Hauch von Verzweiflung. Er zog seine schwere Lederweste aus.

„Alles gut jetzt, Kleine”, murmelte er mit tiefer, überraschend sanfter Stimme. Vorsichtig legte er mir die Weste um die Schultern. Die Wärme durchströmte mich, eine willkommene Linderung der beißenden Kälte, doch es fühlte sich falsch an.

Es fühlte sich unverdient an. Was geschah hier? Und wen nannte er „Kleine”?

Er hob mich hoch, seine Arme stark und fest, und wiegte mich so leicht, als ob ich nichts wiegen würde. Mein Kopf sank gegen seine Schulter, meine Sicht verschwamm. Ich sah das Glänzen von Metall, die dunkle Silhouette eines Motorrads.

Er setzte mich auf den Sitz, mein Rücken an seiner Brust. Selbst durch den Dunst zuckte ich leicht zusammen. Das war zu nah, zu persönlich, mit einem Fremden.

„Wer … wer sind Sie?”, brachte ich mühsam hervor, meine Stimme schwächer als ich wollte. Ich musste es wissen. Ich musste verstehen, was für ein neuer Albtraum das war.

Er antwortete nicht. Nicht mit Worten jedenfalls. Stattdessen drückte seine Hand fest, aber sanft gegen meinen Bauch und zog mich an sich.

Sein Atem streifte mein Ohr. „Halt dich fest”, befahl er, die Worte ein tiefes Brummen auf meiner Haut.

Dann heulte der Motor unter uns auf, ein heftiges Husten, das die Stille der Nacht zerriss. Das Motorrad ruckte vorwärts, die Geschwindigkeit nahm schnell zu.

Der Wind peitschte mir um die Ohren, brannte in meinen Augen und trieb mir Tränen in die Augen, von denen ich gar nichts gewusst hatte. Ich presste die Augen zusammen, klammerte mich instinktiv an ihn, meine Hände krallten sich in seine Jacke.

Durch die Schlitze meiner Lider zuckte ein Lichtblitz aus der Schwärze hinter uns. Ein weiteres Motorrad. Dann noch eins.

Sie rasten vorbei, ein dunkler Bewegungsschleier. Eines von ihnen, größer, imposanter als die anderen, scherte scharf aus und querte die Straße. Es versperrte den Weg und bildete eine undurchdringliche Wand aus Metall und flirrenden Schatten.

Wütende Rufe, fern und gedämpft, trugen der Wind herüber. Damons Patrouille. Sie würden nicht durchkommen.

Meine Lider wurden schwer, immer schwerer. Die Welt drehte sich. Die Dunkelheit umfing mich erneut.

Ich schreckte hoch, mein Körper schmerzte. Meine Arme lagen noch immer um den Mann geschlungen, mein Gesicht an seinen Rücken gepresst. Die Weste lag noch immer um mich, ein beruhigendes Gewicht.

Wo waren wir? Meine Augenlider flatterten auf, ich mühte mich, scharf zu sehen. Der Wald raste vorbei, eine verschwommene grüne Wand, doch irgendetwas war anders.

Der Pfad war nicht der ordentliche, ausgefahrene Feldweg unserer Gegend. Dieser war rauer, schlechter gepflegt. Meine halb geschlossenen Augen erfassten Umrisse, die vorher nicht da gewesen waren, verstreut zwischen den Bäumen.

Dunkle, imposante Gebilde. Alt. Vergessen.

Wir verlangsamten und blieben dann stehen. Mein Kopf fühlte sich schwer an, als wäre er von meinen Schultern losgelöst. Der Mann rückte näher und half mir, vom Motorrad zu rutschen.

Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding, als würden sie jeden Moment nachgeben. Meine Augen weiteten sich, und endlich nahm ich meine Umgebung jenseits der verschwommenen Bewegung wahr.

Geparkte Motorräder. So viele. Nicht nur ein oder zwei, sondern Dutzende, aufgereiht wie Soldaten vor den alten, verfallenen Gebäuden.

Die Gebäude waren aus Stein, dunkel und moosbedeckt, die Art, die man nur in den tiefsten Teilen des Waldes sah, fernab jeglicher Rudelgebiete.

Dann sah ich sie. Wölfe. Aber nicht wie unsere Wölfe.

Nicht wie Damons Rudel. Diese Wölfe waren größer, rauer, ihre Augen blitzten im Dämmerlicht. Und sie trugen keine Uniformen, keine Clanabzeichen oder Symbole.

Sie trugen Leder, genau wie der Mann, der mich getragen hatte. Jacken, Westen, manche mit Aufnähern, die ich in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Sie bewegten sich mit einer Raubtier-Anmut, aber ihre Blicke waren anders.

Nicht misstrauisch, nicht herausfordernd, sondern … wachsam. Still.

„Alles in Ordnung, Omega?”, fragte eine tiefe Stimme und ließ mich zusammenzucken. Einer von ihnen trat vor, sein Gesicht im Schatten einer Kapuze, doch seine Augen leuchteten durchdringend.

Er trug einen schweren Ledermantel, eine dunkle, einschüchternde Gestalt.

Mir stockte der Atem. Omega. Er wusste es.

Woher? Grauen breitete sich in meinem Magen aus. Das war nicht sicher.

Das war keine Rettung.

Eine andere, eine Frau mit einer Narbe über der Augenbraue, kam näher. „Sie sieht aus, als würde sie gleich wieder zusammenbrechen.”

Der Mann, der mich hierhergebracht hatte, an den ich mich geklammert hatte, sprach endlich zu ihnen. „Sie steht unter Schock und hat viel Blut verloren. Bringt sie rein.

Schnell.” Seine Worte waren direkt, seine Stimme strahlte eine unausgesprochene Autorität aus.

Rein? Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Das war kein gewöhnlicher Waldweg.

Das waren keine gewöhnlichen Wölfe. Das waren …

Streuner.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Streuner. Die Ausgestoßenen.

Diejenigen ohne Rudel, ohne Loyalität. Die Gefährlichen. Mein Körper erstarrte, eine kalte Furcht kroch mir in die Knochen.

Angst, roh und urtümlich, ergriff meine Brust. Meine Beine zitterten.

„Nein”, flüsterte ich und versuchte, mich aus dem Griff des Mannes zu befreien, doch ich hatte nicht die Kraft dazu. „Nein, ich kann nicht …”

Der Mann mit der Kapuze sah mich an, ein flüchtiger Ausdruck in seinen Augen, den ich nicht deuten konnte. Mitleid? Mitleid?

„Du hast keinen anderen Ausweg, Kleine.”

Ich war gefangen. Ich war vor Damon geflohen, aus einem Gefängnis der Knechtschaft und öffentlichen Demütigung, nur um in ein anderes zu geraten.

War das mein Schicksal? Von einem Herrn zum nächsten geworfen zu werden? War dieser neue Käfig besser oder einfach nur anders?

„Bitte”, brachte ich mit erstickter Stimme hervor, ein flehentliches Flehen, das aus meiner Kehle riss. „Ich … ich will einfach nur allein gelassen werden.”

Meine Stimme versagte und verriet die pure Angst, die in mir aufstieg.

Ich schloss die Augen. Die Flucht vor Damon hatte mir keine Freiheit gebracht. Sie hatte mich hierher geführt.

Mein Herz sank schwer und kalt. Von einem Rudel, das ich hasste, in eine einsame Höhle, einen Ort des Unbekannten und der geflüsterten Gefahr. War ich wirklich frei oder hatte ich nur ein Gefängnis gegen ein anderes, ein viel schrecklicheres eingetauscht?

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