LOGINDie Tür des Arbeitszimmers blieb über eine Stunde lang verschlossen.
Lila ging unruhig auf und ab. Sie prüfte die Fenster (zu hoch, um hinauszuklettern). Sie versuchte die Tür (massives Eichenholz und verstärkt). Sie überlegte sogar zu schreien, entschied dann aber, dass es eine schlechte Idee wäre, noch mehr Aufmerksamkeit in einem Haus voller Werwölfe auf sich zu ziehen. Schließlich öffnete sich die Tür. Kane trat ein, gefolgt von drei weiteren: Marcus, einer scharfäugigen Frau mit silberdurchwirktem Haar namens Elena (die Mate des Betas, wie sie später erfahren würde) und einem jüngeren Mann, der Lila mit offenem Misstrauen ansah. Kanes Gesichtsausdruck war undeutbar. „Der Rat hat gesprochen“, sagte er. Lilas Magen sank. „Und?“ „Sie haben mir drei Tage gegeben.“ „Drei Tage wofür?“ Kanes Kiefer spannte sich an. „Um das Band zurückzuweisen und dein Gedächtnis zu löschen … oder um dich vollständig zu beanspruchen und die Konsequenzen zu tragen.“ Die silberhaarige Frau sprach, ihre Stimme ruhig, aber bestimmt. „Das Rudelgesetz ist klar, Alpha. Eine menschliche Mate schwächt die Blutlinie. Sie lädt Krieg von rivalisierenden Rudeln ein, die es als Schwäche ansehen werden. Und wenn die Jäger jemals erfahren, dass die Mate eines Alphas ein Mensch ist …“ Sie beendete den Satz nicht. Sie musste es nicht. Kanes goldene Augen ließen Lila nicht los. „Ich werde sie nicht zurückweisen.“ Marcus trat vor. „Dann zwingst du das Rudel in einen Bürgerbruch. Die Hälfte wird dir folgen. Die Hälfte wird deine Absetzung fordern. Ist ein Mensch das wert?“ Kane bewegte sich so schnell, dass Lila es kaum sah. Einen Moment stand er noch neben ihr; im nächsten hatte er Marcus an der Kehle gegen das Bücherregal gepinnt. „Sie ist nicht ‚ein Mensch‘“, knurrte Kane, die Stimme mehr Tier als Mann. „Sie ist meine Mate. Auserwählt von der Mondgöttin selbst. Stelle ihren Platz noch einmal in Frage, und ich werde dich daran erinnern, warum ich Alpha bin.“ Marcus’ Gesicht wurde rot. Schließlich nickte er. Kane ließ ihn los. Der jüngere Mann sprach zum ersten Mal. „Es gibt einen anderen Weg.“ Alle sahen ihn an. „Eine Prüfung“, sagte er. „Altes Gesetz. Wenn der Mensch drei Nächte in der Wildnis unter dem Vollmond überleben kann – ohne den Schutz des Alphas … wenn das eigene Territorium des Rudels sie nicht zurückweist … dann darf das Band akzeptiert werden.“ Kanes Gesichtsausdruck verdüsterte sich. „Diese Prüfung ist ein Todesurteil für einen Menschen.“ „Es ist der einzige Weg, den die Ältesten ohne offenen Aufstand akzeptieren werden“, antwortete der junge Mann. Lila trat vor, bevor Kane antworten konnte. „Ich werde es tun.“ Kane wirbelte zu ihr herum. „Nein.“ „Ich habe dieses Band nicht erbeten“, sagte sie, die Stimme fester, als sie sich fühlte. „Aber ich werde nicht hier sitzen, während dein Rudel entscheidet, ob ich lebe oder sterbe. Wenn es einen Weg gibt, zu beweisen, dass ich dazugehöre – oder zumindest, dass ich keine Bedrohung bin –, dann werde ich ihn gehen.“ Kane starrte sie lange an. Etwas Wildes und fast Stolzes flackerte in seinen Augen. „Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt.“ „Dann erklär es mir“, sagte Lila. „Denn von hier aus gesehen sind meine Optionen Gedächtnislöschung, Tod oder diese Prüfung. Ich nehme die Prüfung.“ Der Raum wurde still. Kane sah schließlich die anderen an. „Lasst uns allein.“ Als die Tür schloss, wandte er sich ihr vollständig zu. Das Mate-Band pulsierte heftig zwischen ihnen, nicht mehr nur ein Zug – jetzt ein lebendiges, schmerzendes Ding. „Die Prüfung beginnt morgen bei Mondaufgang“, sagte er leise. „Du wirst im tiefsten Teil des Territoriums zurückgelassen – mit nichts außer der Kleidung an deinem Körper. Keine Waffen. Kein Kontakt zu mir. Das Rudel wird aus den Schatten beobachten. Wenn du bis zum dritten Morgengrauen überlebst … wird das Band anerkannt.“ Lila schluckte. „Und wenn nicht?“ Kanes Stimme sank zu einem fast Flüstern ab. „Dann wird das Rudel vollenden, was der Wald begonnen hat.“ Er schloss die Distanz zwischen ihnen, bis nur noch Zentimeter blieben. Seine Hand hob sich, berührte fast ihre Wange, und hielt dann inne. „Ich werde dich nicht sterben lassen, Lila. Selbst wenn das bedeutet, jedes verbleibende Gesetz zu brechen.“ Das verbotene Gewicht dieser Worte legte sich über sie beide. Draußen hatte der Regen endlich aufgehört. Der Vollmond war nur noch eine Nacht entfernt. Und Lila Hart – Mensch, Außenseiterin und nun die Mate des Alphas – war dabei, ins Herz einer Welt zu gehen, die sie tot sehen wollte.Das Zelt roch nach Kräutern und Blut und dem scharfen, klaren Duft des hohen Waldes. Kaeliths Heiler arbeiteten mit stiller Effizienz an Jacob. Sie reinigten die tiefsten Wunden und packten sie mit Umschlägen, die brannten und dann kühlten. Ich blieb die ganze Zeit an seinem Kopf mit beiden Händen auf seinen Schultern und dem Band zwischen uns verriegelt wie eine lebendige Linie. Jedes Mal, wenn sein Atem stockte, schickte ich einen weiteren Schub an Willen über die Verbindung. Jedes Mal, wenn er mit einem schwachen Puls antwortete, atmete ich wieder.Anita saß an der gegenüberliegenden Wand des Zeltes mit ihren eigenen verbundenen Wunden. Andrew stand nahe dem Eingang, obwohl er kaum noch aufrecht bleiben konnte. Die Höhlenkämpfer, die die lange Nacht überlebt hatten, hielten draußen lose Wache. Niemand vertraute dem neuen Lager vollständig. Die Felle waren falsch. Die Gerüche waren unbekannt. Die Politik war älter und kälter, als es uns allen lieb war.Kaelith trat gegen Mitternacht
Die vernarbte Frau stand im Nebel, ihre Wölfe in einem sauberen, disziplinierten Bogen ausgebreitet. Ihre Felle waren nicht das blasse Weiß von Moonfall und nicht die dunkleren Schattierungen von Shadow Ridge. Gestromt. Tiefrot. Eisengrau. Sie beobachteten alles mit der Ruhe von Kämpfern, die bereits entschieden hatten, wie viel Blut sie zu vergießen bereit waren.Seris erholte sich zuerst. Ihre weiße Wolfsform verwandelte sich in einer einzigen fließenden Bewegung zurück in die menschliche. Blut lief noch aus den Silberwunden und aus dem Schaden, den Anita ihr zugefügt hatte, aber ihre Stimme kam kalt und stetig heraus.„Kaelith. Du hättest in den östlichen Gebieten bleiben sollen. Das ist Angelegenheit des Eisernen Gelübdes.“Die vernarbte Frau Kaelith lächelte ohne Wärme. „Das Eiserne Gelübde hörte auf, deine private Waffe zu sein, in dem Moment, als du die Hälfte der nördlichen Rudel in einen Krieg um eine menschliche Mate gezogen hast. Einige von uns erinnern sich noch an den Pre
Der Hang unterhalb des Pfads war ein zerbrochenes Durcheinander aus Stein und lockerer Erde und zerrissenen Kiefern. Wir kletterten im Dunkeln hinunter mit mehr Vorsicht als Geschwindigkeit. Ein falscher Schritt würde beenden, was die lange Nacht bereits begonnen hatte. Anita ging in Wolfsform voraus und prüfte jeden Halt. Die zwei Höhlenkämpfer blieben nah bei mir. Ich folgte dem Zug des Bands und sonst nichts.Jacobs Gegenwart war eine dünne, helle Linie, die mich westwärts und abwärts zog. Sie trug Schmerz so tief, dass er mir in Wellen den Atem raubte. Sie trug auch den hartnäckigen Kern von ihm, der sich weigerte dunkel zu werden. Seris lebte ebenfalls noch. Ich konnte das kalte Echo ihres Hasses spüren, das sich in dieselbe Richtung bewegte. Der Absturz hatte keinen von beiden beendet.Der Nebel verdickte sich, während wir abstiegen. Er klebte an Haut und Fell und verwandelte die Bäume in blasse Gestalten, die sich zu verschieben schienen, wenn ich zu lange hinsah. Blutspuren ze
Die blassen Wölfe kamen von beiden Enden des Pfads gleichzeitig. Es gab keinen Raum mehr für kluge Bewegungen oder vorsichtige Verteidigung. Die Findlinge, die uns teilweisen Schutz gegeben hatten, wurden zum Zentrum eines brutalen und endgültigen Gedränges.Andrew stellte sich der unteren Gruppe mit den letzten der Höhlenkämpfer entgegen. Anita warf sich in die obere Linie. Ich blieb über Jacob mit der versilberten Klinge und dem alten Messer und dem dünnen, hellen Faden des Bands als meiner einzigen verbliebenen Stärke. Seine Gegenwart war kaum noch da. Jeder schwache Puls sagte mir, dass er noch kämpfte zu bleiben.Der erste blasse Wolf, der mich erreichte, starb an der versilberten Klinge. Der zweite zog eine tiefe Linie über meine Schulter, bevor ich ihm das alte Messer in die Kehle stieß. Blut lief warm meinen Arm hinunter und vermischte sich mit allem anderen, das ich bereits verloren hatte. Das Band flackerte heftig. Jacob spürte die neue Verletzung und versuchte aufzustehen.
Andrew gab das Signal mit einer einzigen scharfen Handbewegung. Die stärksten unserer verbliebenen Kämpfer stießen zuerst durch den Tunnelmund und trafen auf die blassen Wölfe auf dem Vorsprung in einer plötzlichen Explosion von Gewalt. Das Geräusch von Körpern und Zähnen und Knurren erfüllte die hohe Luft. Anita und ich blieben bei Jacob, bis der erste Zusammenstoß einen schmalen Raum öffnete.Der Vorsprung war schmal und uneben. Ein steiler Abgrund fiel auf einer Seite in Nebel und gebrochene Kiefern ab. Die blassen Wölfe hatten ihr Gelände gut gewählt. Sie hielten den einzigen Weg vom Vorsprung hinunter und das höhere Gelände über dem Tunnelausgang. Sie zurückzudrängen würde uns Blut kosten, das wir nicht entbehren konnten.Jacobs Gewicht hing schwer zwischen uns vier, die ihn trugen. Das Band war ein dünner, heller Draht aus geteilter Ausdauer. Ich spürte jeden Ruck von Schmerz, der durch seinen Körper ging, während wir uns bewegten. Er blieb durch reinen Willen und den ständigen
Der Geruch von Rauch verdickte sich mit jedem Atemzug. Er trieb in blassen, erstickenden Wellen durch die engen Höhleneingänge herein, die die Augen tränen und den Hals brennen ließen. Anita arbeitete mit schnellen Händen an Jacob, während ich beide auf die schlimmsten seiner Wunden gepresst hielt. Das Band zwischen uns war zu einem dünnen und zerbrechlichen Faden verblasst. Er lebte noch. Das war die einzige Gewissheit, die mir blieb.Andrew erschien am Eingang der Haupthöhle. Sein Gesicht war von Ruß und Blut gestreift.„Sie hat das äußere Gestrüpp und die alten Holzstützen angezündet. Der Wind drückt den Rauch direkt in die Höhlen. Wenn wir bleiben, werden wir ersticken, bevor die Flammen uns erreichen. Wenn wir rennen, treffen wir auf ihre volle Streitmacht im Freien.“Anita blickte nicht von Jacob auf. „Er kann nicht rennen. Ihn jetzt zu bewegen wird ihn töten.“Andrews Kiefer spannte sich an. „Dann sind uns die sauberen Optionen ausgegangen.“Ich spürte den dünnen Puls des Bands







