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Kapitel 6 – Emmi

last update publish date: 2026-07-21 04:35:44

Der spontanste Mann der Welt

Am Dienstag nach unserem Geburtstag stand Benedikt vor meiner Tür und trug eine Lederjacke.

Ich möchte, dass Sie sich das bildlich vorstellen. Benedikt. Der Junge, der Sonnencreme nach Kalenderplan aufträgt. Der Mann, der beim Minigolf einen Sicherheitsabstand einhält. Dieser Benedikt stand auf unserer Fußmatte – der Fußmatte mit der Aufschrift Herzlich Willkommen, die seine Mutter uns zum Einzugsjubiläum von Papas Haus geschenkt hatte, was auch immer ein Einzugsjubiläum ist – in einer nagelneuen, aggressiv knirschenden Lederjacke, und sagte:

„Steig auf, Baby."

Hinter ihm, in unserer Einfahrt, stand ein Motorroller. Gemietet, das verriet der Aufkleber. Fünfzig Kubik, das verriet alles andere.

„Benedikt", sagte ich vorsichtig, „was ist das?"

„Spontaneität!" Er strahlte. „Ich habe gemerkt, dass ich zu vorhersehbar geworden bin. Also habe ich beschlossen, ab jetzt jeden Dienstag etwas Verrücktes zu machen."

„Du hast Spontaneität... auf den Dienstag gelegt?"

„Siebzehn bis neunzehn Uhr." Er nickte ernst. „Ich habe es im Kalender eingetragen. Mit Wiederholung."

Und das war der Moment, in dem ich zwei Dinge gleichzeitig fühlte, die ich seitdem nicht mehr auseinanderbekomme. Erstens: eine Zärtlichkeit, warm und alt und echt, für diesen Jungen, der sich für mich eine Lederjacke gekauft hatte, obwohl Leder ihn nervös macht, weil man es nicht bei sechzig Grad waschen kann. Zweitens: das Bedürfnis, sehr schnell sehr weit wegzulaufen.

Ich stieg auf den Roller.

Wir fuhren mit sensationellen dreißig Stundenkilometern durch die Vorstadt – Benedikt hielt an jeder gelben Ampel, an einer sogar vorsorglich, weil sie „gleich hätte umspringen können" –, und ich saß hinter ihm, die Arme um seine knirschende Jacke, und dachte an Samstagnacht. An Livs WG, den Pizzakartongeruch, den grässlichen Punsch. An Jonas, der gesagt hatte: Du lachst anders, als ich dachte.

Niemand hatte mir je gesagt, dass ich anders lache als gedacht. In meinem Leben lachte ich immer exakt wie gedacht. Das war ja das Problem.

„Wohin fahren wir?", rief ich gegen den Fahrtwind, der bei unserem Tempo eher eine Fahrtbrise war.

„Überraschung!", rief Benedikt zurück und blinkte drei Sekunden zu früh.

Die Überraschung war das italienische Restaurant, in dem wir seit drei Jahren jeden Monatstag unserer Beziehung feierten. Er hatte reserviert. Denselben Tisch. Aber – und das betonte er, als wir saßen, mit leuchtenden Augen – er hatte diesmal nicht vorab online die Karte studiert.

„Ich werde einfach bestellen, was mir der Moment sagt", verkündete er.

Der Moment sagte ihm Pizza Margherita. Der Moment sagte ihm seit drei Jahren Pizza Margherita.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich erzähle das nicht, um mich über Benedikt lustig zu machen. Benedikt ist der netteste Mensch, den ich kenne, und das schließt mich selbst ein, und ich bin praktisch beruflich nett. Er hat mich nach Mamas Beerdigung sechs Wochen lang jeden Tag zur Schule begleitet, ohne je zu fragen, ob ich reden will, er war einfach da, verlässlich wie ein Sonnenaufgang. Man verlässt keinen Sonnenaufgang. Man ist dankbar für einen Sonnenaufgang.

Man wünscht sich nur manchmal, heimlich, nachts, ein Gewitter.

„Emmi?" Benedikt sah mich über die Kerze hinweg an – das Restaurant stellte immer eine Kerze auf, sie kämpfte tapfer gegen die Deckenbeleuchtung –, und sein Blick war neu. Seit Samstag war sein Blick neu. „Ich muss dir was sagen."

Ich legte die Gabel weg. „Okay?"

„Samstag. Auf deiner Party." Er drehte sein Wasserglas. „Da war etwas an dir. Du warst... ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Wach. Gefährlich. Als könntest du jeden Moment etwas tun, das in keinem Plan steht." Er lachte verlegen. „Ich habe die halbe Nacht wachgelegen deswegen. Ich, wach nach zehn! Und ich habe verstanden: So eine Frau bist du. Darunter. Die ganze Zeit schon. Meine..." – er sagte es wirklich, er sagte es mit vollem Ernst und Liebe im Blick – „...meine Wildkatze."

Das Stück Pizza blieb mir im Hals stecken.

Da saß mein Freund, dieser gute, treue Mensch, und war zum ersten Mal seit Langem richtig verliebt – strahlend, aufgeregt, Lederjacke-kaufend verliebt. In seine Freundin. Die an dem Abend, der ihn so verzaubert hatte, dreißig Kilometer entfernt auf einer Studentenparty gestanden und in eine Zimmerpflanze geweint hatte.

Er war verliebt in Scarlett.

Nein. Schlimmer. Er war verliebt in die Idee, dass ich heimlich Scarlett sei. Und ich saß da mit meinem goldenen E um den Hals – E wie Eigentum, hörte ich Scarletts Stimme – und brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass unter meiner Oberfläche keine Wildkatze wohnte. Unter meiner Oberfläche wohnte eine Frau, die Streuselkuchen mochte, Comics zeichnete, die niemand sehen durfte, und neuerdings einen rosa Ordner namens Später mit sich herumtrug, der aus allen Nähten platzte.

„Benedikt—", begann ich.

„Du musst nichts sagen." Er griff nach meiner Hand. „Ich wollte nur, dass du weißt: Ich sehe dich jetzt. Wirklich. Und Mama sieht es auch! Sie hat gesagt, du warst am Samstag wie ausgewechselt."

Wie ausgewechselt. Ich hätte gelacht, wenn mir nicht zum Heulen gewesen wäre.

„Deshalb", fuhr er fort und strahlte noch eine Stufe heller, „lädt sie uns Donnerstag zum Essen ein. Ganz offiziell. Sie sagt, sie will ihre neue Emmi richtig kennenlernen."


Donnerstagabend. Haus Familie Brandt. Der Esstisch war gedeckt, als würde ein Staatsgast erwartet oder mindestens ein Notar. Gundula hatte Braten gemacht, Tante Hilde war „zufällig" da, und ich saß auf meinem angestammten Platz und wusste bereits nach der Vorspeise, dass dies kein Abendessen war.

Es war ein Verhör mit Soßenschüssel.

„Emmi, Kind", eröffnete Gundula, während sie Kartoffeln auf meinen Teller lud, die ich nicht bestellt hatte, „erzähl doch mal. Benedikt sagt, du interessierst dich neuerdings für Barock?"

Ich erstarrte, die Gabel auf halbem Weg.

Barock. Scarlett. Die Kaffeetafel. Was hatte sie noch gesagt? Ich durchsuchte panisch das Protokoll unserer Mitternachtssitzung. Üppig. Dramatisch. Mit mehr Gold. Warum hatte ich beim Muttermal-Beschluss mitgeschrieben und beim Barock-Desaster nur gelacht?

„Der Mensch entwickelt sich", sagte ich und hoffte, dass es sich anhörte wie ein Zitat, weil es eins war.

„Das sagtest du bereits." Gundula lächelte. Es war das Lächeln einer Frau, die Puzzles nicht aufgibt. „Ich habe extra für dich nachgelesen. Sag doch mal – wen magst du lieber, Rubens oder Caravaggio?"

An dieser Stelle eine kurze Anmerkung zum Thema Gerechtigkeit im Universum: Ich bin die einzige der drei, die tatsächlich Kunstgeschichte studiert. Ich hätte diese Frage im Schlaf beantworten können, in drei Sprachen, mit Fußnoten. Das Problem war: Ich wusste nicht, was Scarlett geantwortet hätte, und Gundula verglich nicht meine Antwort mit der Wahrheit. Sie verglich Emmi von Donnerstag mit Emmi von Samstag.

„Caravaggio", sagte ich. „Mehr Drama. Bessere Schatten."

„Interessant." Gundula tupfte sich den Mund ab. „Am Samstag klangst du, als hättest du von beiden noch nie gehört."

„Am Samstag", sagte ich, „hatte ich Geburtstag und Sekt."

„Du trinkst doch gar keinen Sekt."

„Der Mensch", sagte Tante Hilde versonnen in ihren Eierlikör, „entwickelt sich."

Ich hätte Tante Hilde küssen können.

Zwischen Braten und Nachtisch verschwand Gundula in der Küche, und Benedikts Vater – ein freundlicher, grauer Mann, der aussah wie Benedikt in dreißig Jahren und ungefähr alle dreißig Minuten einen Satz sagte – nutzte die Gelegenheit für seinen: „Schönes Wetter war das heute." Wir stimmten alle zu. Es war den ganzen Tag bewölkt gewesen, aber Herrn Brandt widerspricht man nicht, dafür sagt er zu wenig, als dass man es ihm kaputt machen möchte.

Dann servierte Gundula den Nachtisch, und ich wusste in der Sekunde, in der die Schale vor mir landete, dass es die nächste Prüfung war. Rote Grütze.

Ich hasse rote Grütze. Ich hasse sie mit einer Leidenschaft, die in meinem sonst friedlichen Gefühlshaushalt einen eigenen Flügel bewohnt. Aber Emmi-von-Gundulas-Gnaden isst seit drei Jahren höflich rote Grütze und sagt „köstlich", weil Emmi-von-Gundulas-Gnaden nun mal alles isst und alles köstlich findet, und jetzt saß ich in der Falle meiner eigenen Nettigkeit. Die neue Emmi, die Wildkatze, hätte gesagt: Danke, ich mag keine rote Grütze, gibt es Schokolade? Ich hörte Scarletts Stimme in meinem Kopf, wie sie genau das sagte, mit einem Lächeln, das jeden Widerspruch pulverisierte.

„Köstlich", sagte ich und aß die Grütze.

Manche Revolutionen brauchen offenbar noch etwas Anlauf.

„Übrigens", sagte Gundula beiläufig, während sie Sahne nachreichte, „ich habe am Samstag deine Freundin kennengelernt. Diese... Marie? Sie hat auf dem Fest angerufen, während du kurz im Garten warst, dein Handy lag auf dem Tisch. Ich bin natürlich nicht rangegangen." Pause. Löffelklirren. „Ich wusste gar nicht, dass du Freundinnen hast, die nachts in Clubs arbeiten."

Der Bissen Grütze wurde in meinem Mund zu Beton. Maries Anruf. Auf meinem Handy. Das Scarlett getragen hatte, während Marie mit Liv im Moxy stand – warum rief Marie MICH an? Falsche Nummer im Verteiler? Ich lächelte, sagte „man kennt sich vom Sport" und legte in meinem Kopf einen neuen Ordner an. Er hieß nicht mehr Später. Er hieß Problem.

So ging es zwei Stunden. Gundula servierte Braten und Fangfragen, Benedikt hielt unter dem Tisch meine Hand und strahlte in einem fort, weil er den Abend allen Ernstes für gelungen hielt, und ich balancierte auf einem Hochseil zwischen zwei Versionen meiner selbst, von denen eine ich war und die andere meine Schwester in meinem Rock, und irgendwann, zwischen Nachtisch und Kaffee, geschah es.

Gundula hob ihr Glas, sah in die Runde und sagte:

„Nun, wo Emmi achtzehn ist und ihr beide wisst, was ihr aneinander habt – Benedikts Vater und ich haben beschlossen, euch etwas mitzuteilen. Wir überschreiben Benedikt zum Abschluss seines Studiums die Eigentumswohnung in der Fasanenstraße." Kunstpause. Blick zu mir, präzise wie ein Zirkelschlag. „Drei Zimmer. Genug für eine junge Familie."

Stille. Benedikts Hand um meine wurde warm und fest. Tante Hilde schniefte gerührt. Irgendwo in meinem Kopf klappte der rosa Ordner Später auf und begann, sich selbst zu sortieren.

Drei Zimmer. Fasanenstraße. Junge Familie. Achtzehn Jahre und drei Tage alt, und mein Leben lag fertig möbliert vor mir, man musste nur noch einziehen. Und das Verrückteste war: Es war ein schönes Leben. Es war warm und sicher und voller Menschen, die es gut meinten. Millionen Frauen würden dafür alles geben. Ich sah es vor mir wie durch ein Schaufenster – und ich stand draußen auf der Straße, im Regen, und wollte um nichts in der Welt hinein.

„Wow", sagte ich. „Das ist... Das sind viele Zimmer."

„Auf die Zukunft", sagte Gundula und hob ihr Glas höher.

„Auf die Zukunft", sagten alle.

Ich trank. Es war Sekt. Ich trinke keinen Sekt, aber das wusste an diesem Tisch ja offenbar jeder besser als ich.


Benedikt brachte mich um halb elf nach Hause, mit dem Roller, durch die dunkle Vorstadt, vorsorglich haltend an Ampeln, die grün waren, aber „man weiß ja nie". An der Haustür küsste er mich, und es war wie immer: lieb, weich, wie ein Punkt am Satzende.

„Gute Nacht, Wildkatze", flüsterte er glücklich.

Papa war nicht da – Rostock diesmal, oder Riga, der Kalender an unserem Kühlschrank wusste es genauer als ich. Das Haus war still, wie es seit zwei Jahren still war: ordentlich, geheizt, leer. Ich ging in mein Zimmer, das lavendelfarben gestrichen war, weil ich mit vierzehn Lavendel mochte, und setzte mich aufs Bett, und aus dem Spiegel gegenüber sah mich ein Mädchen mit einem goldenen E um den Hals an.

Ich holte mein Skizzenbuch unter der Matratze hervor – ja, unter der Matratze, wir sind eine Familie von Unter-Möbel-Versteckerinnen, Liv hat ihre Schachtel, ich habe mein Buch, nur Scarlett versteckt nichts, Scarlett IST das Versteck – und zeichnete. Ich zeichnete eine Frau in einem Schaufenster, umgeben von schönen Möbeln, die Hand gegen die Scheibe gelegt. Von innen.

Dann nahm ich mein Handy. Ich öffnete den Browser. Meine Finger wussten schon, was sie tippten, bevor mein Kopf die Erlaubnis erteilte, Buchstabe für Buchstabe, in das nachtblaue Leuchten hinein:

Woran merkt man, dass man Schluss machen will

Mein Daumen schwebte über der Suchtaste.

Und in genau diesem Moment leuchtete oben am Bildschirmrand eine Nachricht auf. Unbekannte Nummer.

Hey Liv. Jonas hier – hab deine Nummer von Zoe. Sag deiner Schwester, sie soll Freitag pünktlich abgeben. 😉

Ich starrte auf das Display.

Deiner Schwester.

Er wusste es. Woher wusste er es?

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