LOGINDer Elektriker kam am Mittwoch und reparierte die drei Defekte im Ostflügel. Er war ein ruhiger Mann Ende vierzig, der seine Arbeit gründlich tat und nicht nach dem fragte, was ihn nichts anging. Mara bezahlte ihn mit Bargeld, weil das Haus noch kein funktionierendes Bankkonto hatte, und er nickte und ging, und das Solis-Haus hatte zum ersten Mal seit Jahren alle Räume beleuchtet.Mara stand im Ostflügel und ließ die Lampen brennen, obwohl es früher Nachmittag war. Das Licht tat dem Raum gut. Nahm ihm das Geisterhafte, das alte, vernachlässigte Häuser immer bekamen, wenn das Licht ausblieb. In dem hellen Ostflügel stand das größte Arbeitszimmer des Hauses, mit Bücherregalen, die bis zur Decke reichten, einem alten Schreibtisch aus Mahagoni und einem Fenster, das auf den hinteren Garten hinausging. Hier hatte ihr Vater gearbeitet, in den Jahren, als er noch da war. Hier hatte ihre Mutter später ihre privaten Briefe geschrieben.Hier stand die zweite Kiste.Mara hatte sie erst jetzt ent
Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ravenmoor schien nicht zu wissen, wie man aufhörte zu trauern.Lena saß bereits am Küchentisch, als Mara herunterkam. Der Laptop stand offen, daneben ein leeres Kaffeebecher und drei Seiten handgeschriebene Notizen, die in der chaotischen Handschrift verfasst waren, die Lena seit dem Journalistikstudium kultivierte. Unleserlich für andere. Ein System für sie allein.„Du schläfst nicht", sagte Mara.„Journalisten schlafen, wenn die Geschichte es erlaubt." Lena sah auf. Ihre Augen waren wach auf die Art, die Erschöpfung hinter Adrenalin verbarg. „Ich habe Viktor Crane bis vor siebzehn Jahre zurückverfolgt. Er war damals Bezirksrat. Kleiner Fisch, aber schon mit denselben Methoden. Schau her."\n\nMara schenkte sich Kaffee ein und setzte sich. Lena schob ihr eine Seite über den Tisch, auf der zwei Spalten standen: links Namen, rechts Daten und knappe Beschreibungen.„Gerhard Möller, Grundstückseigentümer am Hafenkai, 2009. Sein Unternehmen geriet in e
Am neunten Tag zog Lena Brauer mit einem Koffer voller Unterlagen, einem Laptop, der aussah, als hätte er an drei Feldzügen teilgenommen, und zwei Schachteln Schokolade ins Solis-Haus ein.„Ich bin deine Hausgästin", erklärte sie beim Eintreten, ohne gefragt worden zu sein, und umarmte Mara mit der Entschlossenheit von jemandem, der genau wusste, wann eine Umarmung notwendig war. „Und ich habe Dinge herausgefunden."Mara nahm ihr den schweren Rucksack ab. „Guten Tag, Lena. Schön, dass du da bist."„Ja, ja, Höflichkeiten später." Lena ließ sich auf den Wohnzimmersofa fallen und schlug den Laptop auf. „Viktor Crane hat in den letzten fünf Jahren vier Immobilienprojekte durch den Stadtrat gebracht, die alle gemeinsam haben, dass sie Grundstücke betreffen, auf denen vorher Widerstand geleistet wurde. Drei dieser Grundstücke gehörten Eigentümern, die kurz darauf entweder verkauft haben oder deren Widerstand... aufgehört hat."„Wie hat er das gemacht?"„Das ist das interessante Detail." Len
Ravenmoor schlief nicht gut im Oktober. Das war Maras erste Erkenntnis nach einer Woche, in der sie versucht hatte, die Stadt neu zu lernen wie eine Sprache, die man einmal gesprochen und dann vergessen hatte. Die Wörter kamen zurück, aber die Grammatik stimmte nicht mehr.Am Donnerstag frühmorgens, bevor die Sonne die Nebel über dem Hafenviertel lichtete, fand Mara den ersten Hinweis darauf, dass irgendjemand ihr nicht wohlgesonnen war.Es war ein Zettel. Befestigt am Tor des Solis-Hauses, mit einem Streifen Klebeband, das roter als der Herbst und so auffällig wie eine Warnung sein wollte. Darauf stand in gedruckten Buchstaben, mit Kugelschreiber geschrieben: Verkauf das Haus. Geh weg. Es gibt Dinge, die du nicht wissen solltest.Mara stand lange vor dem Tor und hielt den Zettel. Der Morgennebel war dicht um sie herum, und die Stille des frühen Morgens hatte eine Qualität angenommen, die sich seltsam hohl anfühlte. Sie fotografierte den Zettel, steckte ihn in die Tasche und ging zurü
Zwei Tage nach dem Notartermin kam der Strom zurück ins Solis-Haus, und mit ihm eine Stille, die lauter war als das Dunkel. Mara begann damit, Räume zu inventarisieren. Das war sachlich, praktisch, und ließ keinen Raum für Gefühle, was genau die Intention war.Sie arbeitete von oben nach unten. Das Dachgeschoss zuerst, drei verstaubte Räume voller Möbel aus verschiedenen Jahrzehnten, die ihre Mutter nicht weggeworfen hatte, weil Elisa Solis an dem Glaubenssatz festgehalten hatte, dass alles irgendwann seinen Zweck finden würde. Dann das erste Obergeschoss, die Schlafzimmer, das Badezimmer mit den mintgrünen Fliesen aus den Siebzigern, die nie ersetzt worden waren, weil sie der Mutter gefielen. Dann, am Nachmittag des zweiten Tages, das Erdgeschoss.Das Wohnzimmer war das Herzstück des Hauses. Hohe Decken mit Stuckverzierungen, eine Bücherwand, die alle vier Seiten füllte, und in der Mitte, wie ein Thron, der Sessel ihrer Mutter. Weinrot, leicht abgewetzt an den Armlehnen, mit einem Fu
Das Notariat Schreiber und Partner befand sich in einem dieser alten Ravenmoor-Gebäude, die aussahen, als hätten sie beschlossen, für immer zu existieren, egal was die Stadt um sie herum tat. Mara saß in einem Ledersessel, der zu groß für den Raum war, hielt eine Tasse Kaffee, den sie nicht bestellt hatte, und wartete.Neun Uhr dreißig. Er war zu spät. Das überraschte sie nicht, aber es ärgerte sie dennoch, denn es zeigte, dass er die Regeln noch immer nach eigenem Gutdünken auslegen konnte und niemand ihn daran hinderte. Damian Voss war kein Mensch, dem man sagte, wann er zu erscheinen hatte.Um neun Uhr achtunddreißig öffnete sich die Tür.Mara hatte sich vorbereitet. Sie hatte sich heute Morgen eingeredet, dass sieben Jahre ausreichten, um über einen Menschen hinwegzukommen. Dass sie ihn ansehen könnte wie einen Fremden, neutral und ohne Resonanz. Dass das Herz, wenn es einmal gebrochen worden war, an dieser Stelle nicht mehr empfindlich sein konnte, weil Narbengewebe härter war al







