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KAPITEL VIER

Author: Elena Presh
last update publish date: 2026-07-07 06:05:26

Ich atmete tief durch und klopfte an, nicht zu laut, ganz wie Clara es mir geraten hatte.

„Herein“, kam seine Stimme, flach und ausdruckslos.

Ich öffnete die Tür und trat ein, die Akte fest umklammert, als könnte sie mir irgendwie Halt geben. Sein Büro war makellos aufgeräumt, so anders als der Rest der Etage, aber ebenso kühl wie sein Wesen. Ich schob den Gedanken beiseite und trat näher an seinen Schreibtisch heran.

„Die Collins Akte, Sir.“ Ich legte sie behutsam vor ihm ab.

Er reagierte nicht sofort. Er schlug sie einfach auf und blätterte weiter, sein Gesicht dabei völlig unbewegt.

Gehen oder bleiben? Nun, ich blieb.

„Das ist unvollständig.“ Na wunderbar. Zu bleiben war offenbar keine gute Idee gewesen.

„Wie meinen Sie das?“, fragte ich verwirrt.

„Sie sind doch sicher nicht schwerhörig, Amelia. Der letzte Abschnitt fehlt.“ Sagte er, nun unverkennbar gereizt.

Das ergab keinen Sinn. Welcher letzte Abschnitt?

„Darf ich es mir kurz ansehen, Sir?“

„Sollen Sie mich etwa vorher überprüfen?“

Ich schwieg, es war ohnehin unnötig, und beugte mich stattdessen vor, um das Dokument selbst zu begutachten. Er hatte Informationen über die Firma Collins verlangt, und genau die hatte ich zusammengetragen. Wovon redete er also?

„Es tut mir leid, Sir. Ich kümmere mich sofort darum“, sagte ich, wohl wissend, dass Nachfragen jetzt der falsche Weg wäre.

„Sie kümmern sich darum?“

„Ja, Sir.“

„Sie sind sich da nicht sicher.“ Keine Frage, eine Feststellung, und es ärgerte mich maßlos, dass er damit recht hatte.

Ich schluckte. „Ich bin mir sicher“, entgegnete ich trotzdem.

Er klappte die Akte zu. „Bringen Sie mir künftig nichts, wobei Sie sich nicht sicher sind.“

Das saß.

„Ja, Sir.“

„Wenn Sie etwas nicht verstehen, fragen Sie Clara. Wiederholt sich so ein Fehler, können Sie sich von Ihrer Stelle verabschieden. Sie können gehen.“

„In Ordnung, Sir.“ Ich nahm die Akte und verließ das Büro.

Kaum hatte sich die Tür hinter mir geschlossen, ließ ich hörbar den Atem entweichen. Drohte er mir gerade allen Ernstes, an meinem allerersten richtigen Arbeitstag?

Ich schnaubte und setzte mich wieder an meinen Platz. Erster Tag, erste Stelle als Sekretärin, und das Einzige, was ihm über die Lippen gekommen war, war ein Vorwurf. Kein Dank, nichts. Wieso war ausgerechnet dieser eine Abschnitt wichtiger als das ganze übrige Dokument?

„Gibt's ein Problem?“, fragte Clara, als sie meine finstere Miene bemerkte.

„Ja.“ Ich hielt ihr die Akte hin. „Er wollte die Collins Akte, hat sie durchgesehen und gesagt, der letzte Abschnitt fehle. Was meint er damit? Hätte ich etwas ergänzen sollen?“

„Ach, tut mir wirklich leid, Schatz. Ich wusste nicht, dass er das gleich als Erstes verlangen würde. Ich hätte es dir früher erklären sollen, aber weil das Meeting mit Collins erst nach dem Mittagessen ist, dachte ich, es bliebe noch Zeit dafür. Es tut mir leid.“

„Das ist doch nicht deine Schuld. Er hätte nicht so früh danach fragen sollen.“ Ich verdrehte die Augen, Clara lächelte nur. „Also, was gehört da rein?“

„Die Verfehlungen der Collins Gruppe. Bei jedem Unternehmen, mit dem wir ins Geschäft kommen wollen, recherchieren wir so etwas und fassen es im letzten Abschnitt zusammen.“

Ich kam nicht ganz mit, oder wollte vielleicht auch gar nicht mitkommen. „Also, ganz simpel gesagt: Ihr grabt bei jeder Firma, mit der ihr einen Deal macht, den Dreck aus? Genau wie jetzt bei Collins?“

„Ja.“

„Wozu? Um es später gegen sie zu verwenden?“

„Nein, Amelia.“ Sie lächelte. „Damit wir wissen, mit wem wir es überhaupt zu tun haben. Manche Firmen gehen extreme Wege, nur um sich einen Namen zu machen, selbst wenn dabei geschummelt wird. Und mit so etwas können wir uns unmöglich einlassen, sonst fällt es später auf uns zurück.“

Ich nickte. „Ah, jetzt verstehe ich.“

„Ich gebe dir gleich mehr Material, dann recherchierst du und bringst es so schnell wie möglich in Ordnung.“

„Alles klar, Clara. Danke.“ Und schon stürzten wir uns gemeinsam ins Dreckausgraben.

Nach gefühlten drei Stunden stand ich erneut vor seiner Tür, um „seinen letzten Abschnitt“ abzuliefern.

„Herein.“ Ich trat ein.

„Gibt es einen Grund, warum Sie schon wieder hier sind?“, fragte er, ohne aufzuschauen.

Dieser Mann war so unverschämt, dass ich ihm am liebsten eine Lektion erteilt hätte. „Ja, Sir. Das Dokument ist jetzt vollständig.“

„Aber sicher doch. Zeigen Sie her.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war unüberhörbar.

Ich legte es vor ihm ab und schwieg, während er es durchging.

„Sie hätten das also von Anfang an richtig machen können, haben sich aber für etwas anderes entschieden? Nun gut, damit ist alles geklärt. Das Meeting beginnt um dreizehn Uhr.“

„Dreizehn Uhr?“ Wann sollte ich denn dann noch etwas essen? Bis dahin blieben keine dreißig Minuten mehr.

„Ja. Ist das ein Problem?“

„Nein, Sir. Alles bestens.“

„Das dachte ich mir. Sie können gehen.“

„In Ordnung, Sir.“ Ich verließ sein Büro.

An meinem Schreibtisch warteten vier verpasste Anrufe auf mich, zwei von Jay, zwei von Joyce. Ich rief zuerst Jay an, um ihm mitzuteilen, dass seine Gebete offenbar nicht viel gebracht hatten. Er wollte alles sofort am Telefon wissen, aber daraus wurde nichts. Ich vertröstete ihn auf den Abend, ich wollte schließlich nicht, dass jemand hier auftaucht, um meinen Chef zu verprügeln, schon gar nicht Jay.

Ich rief Joyce an, sie nahm beim zweiten Klingeln ab.

„Ist dein heißer Chef nicht im Büro? Wieso gehst du dann so schnell ran?“, neckte ich sie.

„Doch, er ist da, aber gerade beschäftigt. Wie geht's dir? Wie ist der Laden? Wie ist dein Chef? War er nett zu dir?“ Sie überhäufte mich sofort mit Fragen.

„Immer langsam, Mädchen. Ich lebe noch.“ Ich lachte trotz der Müdigkeit, die sich in mir breitmachte.

„Ich wollte nur sichergehen. Ich hab mir echt Sorgen gemacht, als du nicht rangegangen bist, Mel.“

„Ich weiß. Ich war gerade bei ihm im Büro, als du angerufen hast.“ Und um deine Fragen zu beantworten: Mir geht's gut. Der Laden ist okay, auch wenn hier alle furchtbar ernst sind. Mein Chef ist heiß, falls das überhaupt zählt, groß gewachsen und wirklich ein Anblick, gutaussehend wie ein griechischer Gott, aber seine Art ist die reinste Bosheit. Und nett? Er war eher gemein, es fühlte sich an, als würde er irgendeinen Familienzoff an mir auslassen. Damit dürften wohl alle deine Fragen beantwortet sein.“

Lautes Lachen war die Antwort. „Du beschreibst seine Attraktivität ganz schön ausführlich für jemanden, den du gerade als gemein bezeichnet hast, oder? Aber mal ehrlich, Mel, du kannst da immer noch raus, wenn du willst. Der Mann soll wirklich brutal sein.“

„Ich kündige nicht wegen ihm, Joyce. Ich hab bisher nur eine Kostprobe gesehen, wozu er fähig ist, aber die Genugtuung gönn ich ihm nicht. Mach dir keine Sorgen, du weißt, ich bin zäh.“

„Bist du fertig mit dem Meckern über meine gemeine Art?“

Diese Stimme gehörte definitiv nicht Joyce.

Verdammt. „Ich ruf dich zurück, Joyce. Ich bin geliefert“, flüsterte ich.

„Scheiße, er hat's gehört. Ich warte auf deinen Anruf, Mel.“ Ich legte auf und drehte mich zu ihm um.

„Das werte ich mal als Ja. Wir treffen uns am Auto.“ Und weg war er.

Verdammt, schon wieder. Ich schnappte mir die Unterlagen und rannte ihm hinterher.

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